Wege in die Kulturgesellschaft
Die Freien Gesundheitsberufe sind Wegbereiter für eine neue Gesundheitskultur. Dabei werden sie von ihren Beiratsmitgliedern unterstützt. Zu ihnen zählt auch die Publizistin Adrienne Goehler, die vor Kurzem auf der Tagung eines Mitgliedsverbands zum Thema „Lebenskunst als politischer Faktor“ über „Verflüssigungen als Weg in die Kulturgesellschaft“ sprach.
Genau genommen wissen es alle: Die Psychoanalyse, die Quantenphysik, die Philosophie und die Neurobiologie, die System- und Spieltheorien und die Geschlechterforschung haben es zu einem Leitgedanken erhoben: Uniforme und geschlossene Systeme sind kontraproduktiv, das lineare Denken ist kontrafaktisch. Das Grundprinzip der biologischen Vielfalt zeigt sich vielmehr in einem Zusammenspiel von Beziehungen, die sich immer neu bilden können.
Mit dem Begriff „Verflüssigungen“ meine ich die Gegenbewegung zur Abkapselung gesellschaftlicher Blöcke und Verhärtung in starren Oppositionen, meine ich wechselseitige Durchdringungen, Durchlässigkeiten unter Wahrung des Eigenen. „Verflüssigungen“ bedeutet nicht, Widersprüche aufzulösen, sondern im Bewusstsein von Differenz und Ambivalenz neue Erfahrungen zuzulassen, Energien freizusetzen, ohne die damit einhergehende Angst vor Verlust der Gewissheiten abzuspalten. Der andere Aggregatszustand, Verfestigung, suggeriert immer auch Schutz, Verlässlichkeit, Ordnung und Berechenbarkeit. Allerdings, wie wir heute wissen, mit einer eminent hohen Bruchgefahr. Verflüssigung meint also gesellschaftlich „Verklumptes“, wie der Physiker Hans-Peter Dürr es ausdrückt, aufzulösen, einen Stau wieder ins Fließen zu bringen. Das kann nur aus Dialogen und Erprobung von Neuem, Abweichendem, neuen Allianzen erwachsen. Voraussetzung für einen inneren wie gesellschaftlichen Raum, in dem diese Dialoge geführt werden können, ist die Fähigkeit, sich als unabhängig zu erleben und damit auch etwas von sich weitergeben zu können. Die Auffassung der Psychoanalyse, dass Beziehung das ist, was heilt und dadurch Struktur gibt, setzt an diesem Gedanken an.
Der Feind jeglicher kreativen Entwicklung von Gesellschaft, von Verflüssigungen also, ist das Denken in Standard-, Flächen- und Ewigkeitslösungen, das Empfinden, Denken und Handeln entlang der politischen Machtlinien von getrennten, erstarrten Ressorts. Die produktivsten Entwicklungen ereignen sich aber gerade in den Zwischenräumen, also zwischen den politischen Ressorts, zwischen den Standards, und verschwinden deshalb oft genug in Zuständigkeitslöchern.
Der Hannah-Arendt-Schüler Zygmunt Bauman verwendet die Metapher des Flüssigen zur Kennzeichnung des gegenwärtigen Stands der Moderne, er spricht von „flüchtiger“ oder „flüssiger Moderne“: Flüssigkeiten (flüssige Körper) sind in ihrer Gestalt variabel, sie werden verschüttet, laufen aus und fließen über, rinnen und versickern. Sie sind mobil, zeitunabhängig, sind kaum aufzuhalten, werden aufgesogen.
Die „flüssige, die globalisierte Moderne“, unterscheidet sich von der klassischen Moderne dadurch, dass alles Stabile und Verlässliche sich auflöst, zerfließt, verdampft, was auch heißt: Entmachtung der Vergangenheit, der Tradition. Damit verlieren Sesshaftigkeit und Bodenhaftung an Bedeutung, da man zu jeder Zeit an jedem Ort sein und von dort auch wieder verschwinden kann. Festhalten und Eingebundensein in gegenseitige Verpflichtungen können neue Möglichkeiten an anderen Orten behindern. Bauman sieht diese Entwicklung deshalb auch mit Sorge, ihr wohnt auch Auflösung, Entdifferenzierung, Desintegration inne, sie befördert Unverbindlichkeit, Bindungsverluste und Überforderungen der Menschen, etwa durch erzwungene nomadische Lebensweisen. Genau mit dieser Ambivalenz muss sich eine Kulturgesellschaft auseinandersetzen, denn sie kennzeichnet schon heute das Leben vieler, mit wachsender Tendenz, ohne dass die Politik dem entspricht.
Das Unbehagen an der Gegenwart
Der Zustand der Republik? Flach atmend und erschöpft, physisch und psychisch. Verhärtungen und Verkrustungen überall. Überall spürbar die angehaltene Energie, Angststarre durch die bange Frage: Wie geht es weiter mit mir angesichts schwindender Erwerbsarbeit, weltweiter Bankenkrise und Ressourcenknappheit? Wo komme ich mit meinen Fähigkeiten, meinem Wunsch, zu gestalten und nützlich zu sein, vor, wo werde ich gefragt? Wo bin ich nicht nur Problem, sondern werde als Teil von Lösungen begriffen? Noch finden sich nur vereinzelt Antworten auf diese Fragen. Das Gefühl „nicht gefragt, nicht gebraucht, nicht gemeint zu sein“, erniedrigt nicht nur den einzelnen Menschen, sondern wirkt sich in teuren Langzeitkrankheiten aus, zeigt sich in neuen Krankheitsbildern und Megagewinnen der Psychopharmaka-Industrie. Seit einiger Zeit spricht man vom „chronischen Verbitterungssyndrom“, Richard Sennett nennt es „das Gespenst der Nutzlosigkeit“.
Die Antworten der Parteienpolitik auf diese tiefen Verunsicherungen sind lächerlich, gebunden in der künstlichen Ernährung einer Daseinsform, die zusammen mit dem Sozialstaat in einer Art Wachkoma liegt. Die Siegesstrasse des Kapitalismus ist zur Geröllhalde geworden, und der Arbeitsgesellschaft geht die Arbeit aus, das einzige, um mit Hannah Arendt zu sprechen, auf das sie sich versteht. Mit ihr verliert der Sozialstaat sein konstitutives Gegenüber: den lebenslang beschäftigten männlichen Verdiener. Der Sozialstaat, wie wir ihn seit Bismarck kennen, ist an eine verschwundene historische und nationalstaatliche Konstellation gebunden.
Wir leben in einer Zeit des umfassenden gesellschaftlichen Übergangs, in einer Zeit des Nicht-mehr und Noch-nicht. Die Hoffnung auf „mehr, besser, schneller“ ist nicht mehr. Eine Rückkehr zu Zeiten der Vollbeschäftigung wird es in Deutschland wie in den meisten Hochpreisländern nicht mehr geben. Was an ihre Stelle treten soll, ist noch nicht Gegenstand öffentlichen Nachdenkens. Die Menschen haben fühl- und messbar Angst, Hartz IV ist das Synonym für gelebte und befürchtete Entwertung geworden, und sie sind tief in ihrem Glauben erschüttert, dass es schon jemand im traditionellen Machtdreieck von Industrie, Parteienpolitik und Gewerkschaften für sie richten werde. Unaufhaltsamer Schwund von Gewerkschaftsmitgliedern und geringe Wahlbeteiligung zeugen davon. Die Parteienpolitk hat an Bindungskraft verloren, setzt aber unverändert auf Groß-, Flächen- und Ewigkeitslösungen, die für immer weniger Menschen noch Gültigkeit haben.
Denn obwohl die Entwürfe der Industrie-, Dienstleistungs- und Arbeitsgesellschaft nicht mehr tragen, lässt der politische Diskurs noch nicht erkennen, dass Arbeit umfassender definiert würde, im Sinn einer schöpferischen Tätigkeit, also kreativer Arbeit im Sinne von Selbstverwirklichung oder der „Schaffung eines Werks“, um mit André Gorz zu sprechen: Die Arbeit im Sinn von poiesis ist die relevante zukünftige Form der Arbeit, obwohl auch sie zu keiner Vollerwerbstätigkeit mehr führen kann.
Der deutsche Sozialstaat war auch in seiner Blütezeit eine Passivität erzeugende, patriarchale Konstruktion. Richard Sennett nennt diese so verwaltete Gesellschaft einen „Ammenstaat“. Der Formel, „alle werden irgendwie versorgt, müssen dafür aber hinnehmen, verwaltet und bespitzelt zu werden“, fehlt aber inzwischen die Voraussetzung: Eine Gesellschaft aber, deren Leitidee das Kulturelle ist, wird sich eher den Worten Foucaults anschließen, wenn er von der „autoritären Zumutung“ des Staats spricht, seiner Unbeweglichkeit und Überstrukturiertheit, die den Menschen an ein totes Ende gebracht und den Raum für Eigeninitiative und das jeweils eigene Vermögen versperrt hat, durch zentralisierte Regulierung, die strukturell nicht auf individuelle Bedürfnisse eingehen kann und will. Auch hier leben wir in einem Zwischenraum: Wir werden nicht mehr genügend vom Vater, vom Staat, versorgt und können noch nicht andere – eigene – Wege beschreiten, denn wenn der Staat weniger Fürsorge zu verteilen hat, muss er Macht abgeben, seinen Anspruch, alles bis ins kleinste Detail regeln zu wollen. Er muss die Fähigkeit entwickeln, Initiativen zu erkennen. Er muss zulassen können.
Ich träume davon, dass in jeder öffentlichen Verwaltung wenigstens ein Mensch sitzt, an dessen Türschild steht: Hilfe zu neuen Modellen, Modelle der Selbstorganisation, die in die Lücke springen für staatlicherseits fehlende Ideen, Finanzen und Räume. Das Abwürgen von Eigeninitiative ist nicht nur teuer, sondern unklug, wenn nicht gar fatal. Es hindert Menschen daran, eigene Wege zu gehen und genau dafür Verantwortung zu übernehmen. Denn Verantwortung hat etwas mit antworten zu tun, und antworten kann nur, wer gefragt wird.
Künstlerische Strategien für offene Kontexte
Aber noch fehlen die Voraussetzungen für soziale Konstruktionen, die Hybride zwischen Fürsorge und Selbstorganisation erzeugen könnten. An dieser Diagnose setzt der Gedanke der Kulturgesellschaft an. Er basiert auf der Behauptung, dass künstlerische Strategien für die radikal offenen Kontexte der „flüssigen Moderne“ besser gewappnet sind. Es erfordert individuellen, gesellschaftlichen und politischen Mut, sich diesen Zwischenraum zu vergegenwärtigen und die damit einhergehenden Ambivalenzen aushalten zu müssen. Es werden Zeiten des Improvisierens, der Provisorien und der Zwischenlösungen sein müssen. Darin sind Künstlerinnen und Künstler geübter als andere, denn sie sind von Hause aus spezialisiert auf Übergänge, Zwischengewissheiten und Laboratorien. Sie leben vom Ent- und Verwerfen, vom neu Zusammensetzen, das verträgt sich nicht mit dem Verharren, dem Versteinern.
Neu ist, dass sie in dieser Art zu arbeiten zu einer Art „Rollenmodell“ werden. Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) geht davon aus, dass sich Arbeitsplätze der Zukunft an denen der Künstler und Publizistinnen orientieren werden. (Nicht betriebsförmig, wechselnd in Art und Umfang, mal alleine, mal im Team …) Damit bilden die „Freien“, sarkastisch gesprochen, die Avantgarde der prekären Verhältnisse, also KünstlerInnen und DozentInnen, freiberufliche JournalistInnen, TherapeutInnen. Das unsichere Leben, sich von Praktikum zu Praktikum, Projekt zu Projekt, Lehrauftrag zu Lehrauftrag hangeln zu müssen, reicht weit in das Feld der Kreativwirtschaft, die sich bis zu 50 Prozent auf prekäre Arbeitsverhältnisse stützt. Die kreativen Berufe, laut Richard Florida die kreative Klasse, tragen ein Verarmungsrisiko und haben darin einen unfreiwilligen Erfahrungs- und Leidensvorsprung.
Die Kreativwirtschaft ist, wiewohl kräftig ansteigend, kein Heilmittel des Arbeitsmarkts; sie kann nicht ausgleichen, die durch Jobless recovery verlorengehen, wie das in der Fachsprache heißt: Wirtschaftlicher Aufschwung schafft keine neuen Arbeitsplätze, im Gegenteil, er beruht auf der Vernichtung der noch existierenden. Aber die kreative Klasse hat das Potenzial, Maßstäbe für eine andere Ökonomie zu setzen und Motor einer Kulturgesellschaft zu sein, einer Gesellschaft, die auf vielfältigen Arbeits- und Lebenswirklichkeiten basiert und dadurch neue Existenzformen schafft. Arbeit ist für die Kreativen ein zentraler Bestandteil dessen, was sie sind und was sie sein wollen. So motiviert, verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit zunehmend, die getaktete Wirklichkeit des Bürgerlichen verwischt. Arbeit wird in Selbsttätigkeit umgewandelt, das ist der Kern von Kreativität.
Im Entwurf einer Kulturgesellschaft muss auch die Kehrseite eines solchermaßen entgrenzten kreativen Arbeitslebens mitgedacht werden: der Verlust von Struktur und Bindung sowie der Verlust des befreienden Gefühls des „Freitag ab eins macht jeder Seins“. Der Entwurf der Kulturgesellschaft lässt sich von der Frage leiten, welche soziale und ökonomische Entwicklung wir brauchen, die identitätsstiftend in die Gesellschaft hinein und über sie hinaus wirken kann; von der Frage, welche ökonomischen Strukturen lebendige Beziehungen zwischen den Menschen freigeben, den Beziehungen der Menschen zu ihren eigenen Bedürfnissen wie zu ihrer Phantasie, zwischen geschichtlichen Lebensformen und denen der Natur. Es geht darum, Lebenstätigkeiten zu ermöglichen, die eine Lebensqualität erzeugen, mit neuen Modellen gesellschaftlich und ökonomisch relevanter Tätigkeiten und der Schaffung neuer Arbeitsplätze im kreativen Bereich, die zugleich auch eine Erweiterung des Kulturellen sein kann.
Kultur versetzt die Menschen einer Gesellschaft erst in die Lage, ihre ökonomische, soziale und lebensweltliche Situation zu verstehen. Kultur ist Werkzeug und Werkraum der verändernden und ästhetischen, bewussten Gestaltung des Lebens, ist aktive Beschäftigung des Menschen mit seiner und mit der umgebenden Natur. Die Kulturgesellschaft zielt auf dieses Wechselspiel ab. Es geht um die Möglichkeiten der Kultur, hier genauer der Künste und der Wissenschaften, auch der Bildung, und darum, ihr Arbeitsfeld der Wahrnehmung, der experimentellen Selbstverhältnisse (das Erfinden, Verwerfen, Umwegegehen, Neuzusammensetzen, Vorwegnehmen …) für den erweiterten, gesellschaftlichen Gebrauch zu öffnen.
Das Nachdenken über die Kulturgesellschaft greift auf, was unübersehbar ist: Das Denken der Politik in den Kategorien von Normalarbeitsverträgen und Normalarbeitszeiten behindert auch persönliche, gesellschaftliche und ökonomische Entwicklungen, weil es nicht mehr den Lebens-, Arbeits- und Entfaltungswünschen vieler Menschen entspricht. Wir brauchen die Verflüssigung der Strukturen, wenn wir uns nicht blind machen wollen für das eklatante Missverhältnis zwischen denjenigen, die Lebenszeitstellen besitzen, oft genug in einer Haltung der inneren Kündigung, und einer wachsenden Anzahl derer, die sich von Praktikum zum Trainee, von Honorartätigkeit zu Werkvertrag hangeln.
Wir brauchen Verflüssigungen der Mittel, wenn zugrunde gelegt werden muss, dass es für immer mehr Menschen aus allen Schichten, Altersgruppen und Nationalitäten keine Perspektive einer herkömmlichen sozialen Verortung gibt. Wenn zugrunde gelegt werden muss, dass Deutschland sich – vor allen anderen Ländern – über Arbeit definiert und der Wegfall von Erwerbsarbeit tiefste Verunsicherung auslöst, denn das Cogito der Lohnarbeitsgesellschaft ist: „Ich werde bezahlt, also bin ich!“ (Wolfgang Engler).
Hartz IV hat die im deutschen Kultursektor übliche Mischung aus Projektbeschäftigung und temporärer Arbeitslosigkeit zu Lasten derjenigen radikal beschränkt, deren Beschäftigungsphasen relativ kurz sind. Einem Gedanken des Sozialpolitologen und -ökologen Michael Opielka folgend, einem der Langstreckendenker auf dem Gebiet des Grundeinkommens, ist damit eine Grenze erreicht, „unterhalb derer der Glücksgewinn in Existenzangst umschlägt“ und damit kulturelle Produktion behindert.
Diese Diagnose reicht weit über das künstlerische Milieu hinaus. Nicht nur die Kunstproduktion wird durch anhaltende Existenzangst behindert, viel allgemeiner behindert diese einen kreativen Umgang mit dem eigenen Leben, so dass es für die Politik darum gehen müsste, Wege für gestückelte Existenzsicherungen zu ebnen und sich hin zu Mischformen von Erwerbsarbeit und neuen Tätigkeitsformen zu öffnen. Die Frage nach einem bedingungslosen Grundeinkommen rückt ins Blickfeld.
Wir leben in Zwischenzeiten: einerseits politische und wirtschaftliche Großlösungen, die monoton, monothematisch und leugnend auf den unaufhaltsamen Verlust klassischer Erwerbsarbeit reagieren wie auf die damit einhergehenden sozialen und kulturellen Umbrüche, andererseits eine erhebliche Zunahme von Arbeitsplätzen im kreativen Bereich, im dritten Sektor, in NGOs, so dass wir gleichzeitig von einer ökonomischen und sozialen Basis einer Gesellschaft sprechen können, die mehr sucht als die Verwaltung ihres Mangels. Die Kunst ist mit ihren Fragen und „Handlungskonzepten“ (Paolo Bianchi) in der Mitte der Gesellschaft angekommen und übernimmt zunehmend Aufgaben, die die Politik und Medien brachliegen lassen: Die Langzeitbeobachtung der Folgen von Krieg, Hunger, Ausgrenzung, Vertreibung, Gewalt. Wer außer der Kunst interessiert sich heute noch für die Folgen des Balkankriegs? Es sind klassischerweise Frauen- und Therapiegruppen und andere NGOs. Daraus folgen neue gesellschaftliche Allianzen.
Die Kulturgesellschaft, die sich als gestaltend versteht, kommt also einfach nicht ohne die Künste und Wissenschaften aus, von ihnen ist das Denken in Übergängen, Provisorien, Modellen und Projekten zu lernen. Damit sie aber ihre Möglichkeiten gesellschaftlich verbreitern können, brauchen sie ein Gegenüber in der Politik.
Wir brauchen eine Politik die aufnimmt, dass PISA als Symbol für ein erstarrtes System einen unverdrängbaren kollektiven Leidensdruck zum Vorschein gebracht hat und es darauf ankommt, in dieser Not sich den Ideen von außen zu öffnen. (Verflüssigung!) Statt sich in der Kultusministerkonferenz auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, auf die absolut falsche Strategie des „vom gleichen Schlechten mehr: mehr und früher Matheunterricht, mehr und früher Deutschunterricht“ zu einigen, braucht die Schule das Ende der 45-Minuten-Nürnberger-Trichter-Methode hin zu Projekten, braucht sie den Wiedereinzug des Körpers, den Tanz, das Theater, die Musik, um sich zu verausgaben und jene Mitte zu finden, die sie braucht, um in der flüssigen Moderne zu bestehen. Wenn die Politik begreifen würde, dass das Gebot der PISA-Stunde Leidenschaft statt Didaktisierung ist, könnte die PISA-Schmach zu einem öffentlichen, gesellschaftlich relevanten Lernprojekt gewendet werden; eine wichtige Voraussetzung für die Kulturgesellschaft, die sich nicht denken lässt ohne Übernahme von Verantwortung für die kommenden Generationen.
Zu den FormerInnen und GestalterInnen einer Kulturgesellschaft zählen all jene, zu deren praktischer und theoretischer Lebens- wie Berufserfahrung das Wandern zwischen den Gewissheiten gehört, und all diejenigen, die die Erfahrung gemacht haben, dass der Sozialstaat in seiner Überdeterminiertheit und Unterversorgungsrealität die Fähigkeiten der Einzelnen, sich selbst zu befreien, nicht nur nicht abfragt, sondern meist aktiv behindert (siehe Arbeitsagentur). Eine Gesellschaft, deren Leitidee das Kulturelle und deren Ressource die Kreativität ist, würde sich auch unter ökonomischen Vorzeichen auf das unterschiedliche Vermögen der Einzelnen und auf deren Vorstellungen von Leben und Arbeiten stützen.
Die Kulturgesellschaft ist eine Haltung, die darauf rekurriert, dass der vernunft- und phantasiebegabte Mensch auf Resonanzen angelegt ist, dass er gestalten will, wenn er die Mittel dazu in der Hand hat. Sie setzt auf das „Vermögen“ der Einzelnen, auf ihren Willen und ihr Bedürfnis, zu gestalten und gebraucht zu werden. Sie reduziert damit die Menschen nicht auf ihr Dasein als Beitragszahler und Empfangsberechtigte eines Sozialstaats, nicht auf Informationsempfänger und -lieferantInnen einer Wissensgesellschaft, schon gar nicht auf Konsumbürger des Wirtschaftsstaats.Wirklich sozial wird eine veränderte und sich verändernde Gesellschaft erst, wenn die Menschen nicht bedarfsbemessen werden, sondern sie selbst die Bedingungen herstellen können, ihren je möglichen, eigenen, aktiven Beitrag darin leisten zu können. ♠
Literatur: Adrienne Goehler: Verflüssigungen. Wege und Umwege vom Sozialstaat zur Kulturgesellschaft, Campus Verlag 2006
Adrienne Goehler, Psychologin, freie Publizistin und Kuratorin in Berlin, war unter anderem von 1986 bis 1989 Abgeordnete der Hamburgischen Bürgerschaft, Präsidentin der Hochschule für bildende Künste, Hamburg (1989–2001), Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur im Übergangssenat Berlin (2001–2002), Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds (2002–2006) Aufsichträtin der taz seit 2005, Vorstandsmitglied von Berlin 21 seit 2005.
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