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Wenn die Muttergottes politisch wird
erschienen in Ausgabe 160  PDF-Version (200.16 KB)
Roland Rottenfußer berichtet von der ersten kulturkreativen „Wahl-Fahrt“ durch das wahlkämpfende Bayern

Vom 5. bis zum 15. August veranstaltete der Verein „Die Feder“ seine erste „Wahl-Fahrt“ durch Bayern von Hohenpeißenberg nach Altötting. Der Verein, der seinen Namen aufgrund einiger eindrucksvoller Kontakte mit Indianern zu Beginn seiner Geschichte erhielt, setzt sich seit 13 Jahren für die Verständigung zwischen den verschiedenen Religionen ein. Ausgangs- und Zielort waren so gewählt, dass jeweils eine berühmte Madonnenfigur – die Weiße Madonna von Hohenpeißenberg und die Schwarze Madonna von Altötting – die Eckpunkte markierten, unterwegs gab es Treffen mit religiösen Vertretern sowie eine Reihe kulturkreativer Veranstaltungen.


Hauptanliegen unserer Aktion war die symbolische Feier der Wiederkehr des Archetyps der Großen Mutter, der vielen Kulturen auf der ganzen Welt heilig ist. Durch die Verdrängung der Muttergottheit ist es zu einer einseitigen Dominanz männlicher Werte, wie Logik, Konkurrenz, Härte, Hier­archie, Wachstum, Willenskraft und Kontrolle gekommen. Die dem entgegengesetzten Werte, die wir fördern wollen, betreffen beispielsweise Herz, Intuition, Kooperation, Milde, Gleichheit, Hingabe oder das Mitschwingen mit den Zyklen der Natur.
Unser Ziel, die „Gnadenkapelle“ in Altötting, ist Programm, denn in unserem Wirtschaftsleben wie im Umgang der Menschen miteinander macht sich zunehmend ein Geist der Unbarmherzigkeit breit. „Selbstverantwortung“ wird groß geschrieben, womit sich die Gemeinschaft gern ihrer Verantwortung für den Einzelnen entzieht und die Stärkeren den ­sozial Schwächeren ihre Solidarität verweigern. Die Mutter Jesu, die von Katholiken traditionell als „voll der Gnade“ angeredet wird, verkörpert ein notwendiges Gegengewicht zum herrschenden „gnadenlos effizienten“ Wirtschaftssystem. Die Vergebung von Schuld erinnert auch daran, dass Millionen Menschen (ebenso wie der Staatshaushalt) unter Schulden stöhnen, die durch Zins- und Zinseszinsforderungen in unbezahlbare Höhen getrieben werden, während die großen Vermögen gleichzeitig in den Himmel wachsen.
Wir nannten unsere Pilgerreise von Peißenberg nach Altötting „Wahl-Fahrt“, weil es sich auch um eine politische Reise handelte, die nicht zufällig nahe dem Termin der bayerischen Landtagswahl stattfand. (Angesichts der Ergebnisse der bayerischen Landtagswahlen mögen die Gebete sogar ein bisschen geholfen haben.) Mit dem Slogan bekundeten wir auch unsere Verbundenheit mit dem Verein „Mehr Demokratie e. V.“, der fordert, dass die mündigen Bürger endlich das Recht haben sollten, auch auf Bundesebene in Volksabstimmungen über konkrete Sachthemen mitzuentscheiden. Bisher haben wir ja nur das Recht, die Politiker zu wählen, von denen wir uns dann vier Jahre lang gängeln lassen dürfen und die unsere Anliegen zwischen den Wahlterminen meist ignorieren.
Roter Faden der politisch-spirituellen Veranstaltungsreihe war der anstrengende Fußweg vom Gipfel des Hohenpeißenbergs über Wessobrunn, Andechs, Starnberg, München, Grafing, Haag, Ampfing und Niedertaufkirchen bis zum Kapellplatz von ­Altötting, insgesamt rund 200 Kilometer. Unsere Gruppe bestand aus vier ständigen Mitgliedern sowie fünf Teilzeitpilgern sowie einigen Helfern. Die Pilger, angeführt von Wahl-Fahrt-Initiatorin Monika Herz, bewältigten die Strecke in Etappen von täglich etwa 20 bis 25 Kilometern.

Pfeifenzeremonie und christlicher Segen
Eröffnungsritual der Wahl-Fahrt war am 5. August die Aussendung der Pilger durch Hohenpeißenbergs bewährten und allseits beliebten Benediktinerpater Johannes. Er drückte in einer privaten kleinen Andacht vor dem Bild der Weißen Madonna seinen Wunsch aus, dass Jesus auch für Gläubige anderer Religionen eine Inspiration sein möge, und segnete unseren Weg. Noch am selben Abend feierten wir in Wessobrunn auf dem Kraftplatz unter der jahrhundertealten Tassilolinde eine indianische Pfeifenzeremonie unter Leitung von Stefan, dem deutscher Gesandten der indigenen Organisation „Kanto de la Tierra“.
Im Tibet-Haus Püntsok Rabten am Münchener Rotkreuz-Platz zelebrierten wir mit dem ehrwürdigen Jirka, Mönch der tibetischen Gelug-Schule, die Darbringung eines Mandalas, einer symbolischen, bildhaften Abbildung des Universums. Jirka sprach in anrührender Weise davon, dass wir alle Menschen so behandeln sollten, als seien sie unsere Mütter oder Brüder, was sie in einem vergangenen Leben ja tatsächlich gewesen sein könnten. Nach buddhistischer Auffassung beruht jede Unterteilung der Menschen in Freund und Feind auf Illusion, da alle Wesen unauflöslich miteinander verbunden sind.
Am Samstagvormittag hatten wir die seltene Gelegenheit, quasi als Zaungäste an einer dreistündigen Sabbat-Feier in der jüdischen Synagoge am Münche­ner Jakobsplatz teilzunehmen. Das Ritual, das aus zahlreichen Rezitationen in hebräischer Sprache, wunderschönen Chorgesängen sowie – als Höhepunkt – der feierlichen Enthüllung der Tora, der heiligen Schriftrolle, bestand, beeindruckte uns alle tief.
Gleich am Nachmittag besuchten wir den aus Ägypten stammenden Sufi-Meister André Ahmed al Habib. Er unterwies uns in rituellen Anrufungen der Namen Allahs, die wegen der dabei verwendeten Atemtechnik den gesamten Organismus mit Energie aufladen. Außerdem führte er mit uns ein islamisches Gebet einschließlich der vorgeschriebenen Niederwerfungen durch und beantwortete bereitwillig unsere Fragen, die uns halfen, gängige Vorurteile über den Islam beiseite zu räumen.
Am Sonntagvormittag wohnten wir einem Gottesdienst der hinduistisch geprägten Self Realization Fellowhip bei. Diese Gruppe beruft sich auf das Werk des großen indischen Heiligen Paramahansa Yogananda, der im Westen vor allem durch seinen Klassiker „Autobiografie eines Yogi“ bekannt wurde. Die Mitglieder vermischten in ihrem Ritual vorurteilsfrei Bibellesungen mit Rezitationen aus der Bhagavad Gita sowie aus dem Werk Yoganandas. Auch Gesang und Meditation gehörten zum Programm der Feier.
Der Kreis schloss sich dann beim feierlichen Einzug in Altötting, wo wir von zwei Priestern unter im Chor gesprochenen Gebeten zur Gnadenkapelle geleitet wurden. Wir lauschten in der berühmten Wallfahrtskapelle für einige Zeit den Ave-Maria-Gebeten der anwesenden Gläubigen und erwiesen der Schwarzen Madonna unsere Ehrerbietung. Abschluss der ereignisreichen Wahl-Fahrt war eine private Andacht in der Josefs-Kapelle von St. Magdalena. Ein liebenswerter Kapuzinermönch, Pater Felix, erzählte uns dabei unter anderem die Geschichte, wie der Heilige Franz einen Wolf zähmte – Symbol für den Frieden, den man auch mit sogenannten Feinden schließen kann, wenn man nur bemüht ist, ihre Motive zu verstehen. Ein ­kleiner Umtrunk im Kloster rundete die Begegnung ab, bevor sich die Pilger mit Auto und Zug wieder auf den Heimweg machten.
Immer dabei war das bildliche Symbol unserer Wahl-Fahrt, ein Quilt (ein aus unterschiedlichen Stoffen zusammengenähter Teppich), der die Madonna mit Kind zeigt. Die an die Schwarze ­Madonna in Altötting angelehnte Darstellung wurde von den Künstlerinnen Dana, Daria und Vero Wendland besonders liebevoll und innig gestaltet und erregte allseitige Bewunderung. Gern erinnern wir uns auch an die Begegnung mit Mitgliedern der spirituellen Partei Die Violetten. Erfreulicherweise hat diese Partei nicht nur unsere politischen Grundforderungen – zinsfreie Regionalwährungen, Grundeinkommen und Direkte Demokratie – im Programm; sie teilt auch unsere Überzeugung, dass Politik wieder nach ethischen und spirituellen Grundsätzen gestaltet werden muss.

Den spirituellen Reichtum gespürt
In der Tat könnte unser Veranstaltungsprogramm wie ein Schnelldurchlauf durch die Religionen wirken. Da wir uns auf jede der Religionen jedoch so tief einließen, dass wir etwas von ihrem Geist spüren konnten, erweiterten die Begegnungen unseren Horizont nachhaltig. Wir bekamen einen Einblick in die verschiedenen Spielarten menschlicher Religiosität, von denen jede auf ihre Weise tief empfunden wird. Wir lernten Menschen ganz unterschiedlicher Prägung kennen – und jeder von ihnen war auf seine Weise liebenswert. Diese Vielfalt ist Teil eines ungeheuren Reichtums spiritueller Vorstellungen auf der Erde. Warum sollten wir uns wünschen, dass eine Religion alle anderen verdrängt, obwohl es Gott doch beliebt hat, sich auf so viele verschieden Weisen anbeten zu lassen?
Spirituelle und politische Aspekte ergänzten und befruchteten sich auf unserer Reise stets gegenseitig. Der Vogel einer menschlicheren, neuen Welt erhebt sich eben nur dann, wenn er seine beiden Flügel – das Geistige und das Weltliche – ausbreiten kann. Religiosität ohne gesellschaftliche Verantwortung führt oft zu egozentrischer Weltflucht; politische Agitation ohne spirituelle Selbstbesinnung kann bewirken, dass die geistige Innenseite des Menschen verkümmert.
Was haben Direkte Demokratie, zinsfreies Regio­nalgeld und bedingungsloses Grundeinkommen aber mit der Muttergottes zu tun? Zunächst gibt es da natürlich den fulminanten Ausspruch Marias aus dem Lukas-Evangelium: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“ In diesem Satz sind zwei für die Gegenwart wesentliche Veränderungen angestoßen: die Machtreform und die Geldreform. Der Konzentration von Macht und Geld in den Händen Weniger muss entgegengewirkt werden; beides muss gerechter auf die Masse der Menschen verteilt werden. Im Bereich der Macht wird dies durch mehr Einfluss des Stimmbürgers in immer mehr Sachfragen gewährleistet: durch Volksabstimmungen auch auf Bundesebene und den Ausbau von direkter Demokratie auf kommunaler und Landes­ebene. Im Bereich des Geldes soll unter anderen eine Komplementärwährung ohne Zins die Schere zwischen Arm und Reich nach und nach schließen. Dies liegt durchaus im Wesen des Mütterlichen, das durch die Figur der Maria mit Kind so trefflich symbolisiert wird: Eine Mutter würde nicht (wie es das neoliberale Wirtschaftssystem tut) einem ihrer Kinder im Überfluss zu essen geben und das andere verhungern lassen. Machtkonzentration widerspricht dem mütterlichen Prinzip; in matriarchalen Gesellschaften waren und sind zentralisierte Herrschaftsformen und Hierarchien unbekannt.
Zur Macht- und Geldreform käme dann nach unseren Vorstellungen noch eine Sozialreform hinzu, die verhindert, dass Menschen auch in reichen Ländern noch immer ihre Kräfte im Kampf ums nackte Dasein verschleißen oder den Staat unter entwürdigenden Umständen um ihr Recht auf Leben anbetteln müssen. Diesem Missstand wäre unserer Einschätzung nach durch ein bedingungsloses Grundeinkommen oberhalb der Armutsgrenze abzuhelfen. Auch hier stehen wir im Einklang mit dem mütterlichen Prinzip: Die Mutter (und im übertragenen Sinn auch „Mutter Erde“) steht für die Versorgung mit allem Lebensnotwendigen und für die Fülle. Knappheit (und damit verbunden: Habgier und Konkurrenzdruck) wird in unserer Gesellschaft künstlich erzeugt, indem andauernd Geld und Güter dorthin fließen, wo sie ohnehin im Überfluss vorhanden sind.
Unsere politischen Ziele waren durch die Referenten, die wir zu den Veranstaltungen der Wahl-Fahrt einluden, bestens repräsentiert. Der Verein Mehr Demokratie spielte dabei eine herausragende Rolle. Während der gesamten Wahl-Fahrt begleitete uns das Demokratiemobil. Praktikant Thomas Dörfler stand tagsüber auf den Marktplätzen von sieben Städten und warb für unser gemeinsames Anliegen. Zahlreiche Unterschriften wurden für eine Aktion gesammelt, in der Politiker ultimativ dazu aufgefordert werden, sich für mehr direkte Demokratie einzusetzen.
Als Referenten zum Thema Direkte Demokratie konnten wir „Mehr Demokratie“-Mitbegründer ­Gerald Häfner gewinnen. Kurt Heymann von attac sprach in Wessobrunn und München über die Vorzüge des Bedingungslosen Grundeinkommens. Über Regionalwährungen referierte Monika Herz in Andechs, in Berg am Starnberger See sowie im connection-Haus, Niedertaufkirchen. Am 9. August fand im Eine-Welt-Haus, München ein einzigartiges Vernetzungstreffen zum Thema Geld statt. Eingeladen waren Walter Neubert (Der Regio in München), Stefanus Rißler (Initiative Natürliche Wirtschaftsordnung, INWO), Georg Zoche (Vereinigte Transnationale Republiken, internationale Währung) sowie Martin Schmidt-Bredow (Zeitbank). Ein „Best Of“ innovativer Ideen, die dazu beitragen könnten, dass Geld den Menschen künftig wieder dient, anstatt sie zu beherrschen. Zusammengerechnet erreichten diese Veranstaltungen etwa 130 Menschen, die überall lebhaft mitdiskutierten.

Der Weg formt seine Pilger
Wir blicken trotz einiger Anlaufschwierigkeiten, körperlicher Strapazen und kleiner Pannen mit Dankbarkeit und Zufriedenheit auf unsere Wahl-Fahrt zurück. Pilgerfahrten werden traditionell als Symbole des Lebens selbst gedeutet, das auf ein Ziel – Gnade, Absolution oder die Vereinigung mit Gott – ausgerichtet ist. Dabei sind Mühen, diverse Irr- und Umwege sowie Zweifel am Sinn des Weges eher die Regel als die Ausnahme. Auch sind wir auf der Pilgerfahrt unseres Lebens nicht allein; wir gehen zusammen mit Weggefährten, und manchmal gibt es Konflikte über den richtigen Weg, aber auch viel gegenseitige Unterstützung, Kameradschaft und Gemeinschaft. Noch wichtiger als das Ziel ist möglicherweise tatsächlich der Weg selbst. Der Weg formt seine Pilger. Er sorgt dafür, dass sie in vieler Hinsicht nicht mehr als dieselben ankommen, als die sie losgelaufen sind. ♠

Roland Rottenfußer, langjähriger Redakteur der Zeitschrift Connection, betreut nun Konstantin Weckers ganzheitlich-politisches Internetmagazin www.hinter-den-schlagzeilen.info.

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