Subsistenz und Widerstand
Wir haben Alternativen! Spätestens seit der Finanzmarktkrise ist die Debatte um begrenztes Wachstum, die Zukunftsfähigkeit unserer globalisierten Marktwirtschaft und besonders die Bedeutung des Mediums „Geld“ auch in den konventionellen Medien in vollem Gange. Der Kreis der „Eingeweihten“, die über Alternativen zur Globalisierung diskutieren, scheint sich zumindest vergrößert zu haben. Für alle diejenigen, die spätestens jetzt ins Grübeln geraten, ist das bereits 2003 in Deutschland erschienene Buch „Subsistenz und Widerstand“ absolut empfehlenswert.
Der Herausgeberkreis konnte 16 engagierte AutorInnen für dieses Buchprojekt gewinnen, die der Globalisierung eine vielfältige Auswahl öko-feministischer Ansätze in Theorie und Praxis entgegenstellen.
Der erste Themenkomplex in „Subsistenz und Widerstand“ ist die wissenschaftliche Diskussion unterschiedlicher Theorien zum kapitalistischen Patriarchat. Besonders lesenwert ist hier der allein für die deutsche Ausgabe verfasste Beitrag von Maria Mies. Unter dem Titel „Über die Notwendigkeit, Europa zu entkolonialisieren“ wirft sie ein neues, unverbrauchtes Licht auf die soziologische Entwicklung des Kontinetns. Sie verknüpft die Tatsache, dass Europa nicht nur Kolonialmacht, sondern Jahrhunderte vorher selbst kolonialisiert war, mit der Entwicklung einer Krieger- und Eroberer-Logik. Daraus, so Mies, ließen sich die stereotypen Bilder vom Mann als Krieger, sowie der Frau als zu erobernde Natur ableiten. Die Autorin, emiritierte Professorin für Soziologe, verfasste bereits 1988 das Buch „Patriarchat und Kapital“. Sie gilt als Mitbegründerin der Subsistenzperspektive, und ihre Arbeit wird dem Leser noch an vielen Stellen des Buchs in Zitaten und Anerkennungen begegnen. Zwei weitere theoretische Beiträge wirken zwar schwächer im direkten Vergleich zu Mies, die eigenwillige Themensetzung macht sie trotzdem zu einem spannenden Gedankenexperiment. So vergleicht Mitherausgeberin Claudia Werlhof das kapitalistische Patriarchat mit einem „Alchimistischen System“, während sich der indische Globalisierungsaktivist Saral Sarkar mit der Unvereinbarkeit von Nachhaltigkeit und Kapitalismus auseinandersetzt.
Im Kontrast zum ersten, an einigen Stellen trockenen und wissenschaftstheoretischen Komplex, stehen die Berichte über laufende Projekte in der Praxis. Die Autoren beschreiben auf zum Teil sehr engagierte und eindrucksvolle Weise sowohl unausgefochtene Kämpfe gegen die globalisierte Konzernherrschaft als auch bereits erfolgreich praktizierte Formen der Subsistenzidee auf der ganzen Welt. Aus einer Reihe lesenswerter Beiträge sticht in diesem Teil der Bericht von Vandana Shiva hervor. Die Trägerin des Alternativen Nobelpreises erzählt in schonungslosen Worten von der Armut indischer Kleinbauern und Frauen, deren auf Vielfalt beruhende Landwirtschaft durch die Patentpiraterie transnationaler Konzerne zerstört wurde. So eignen sich Monsanto & Co das traditionelle Wissen der Armen der Dritten Welt an. Dass die Bauern dann für Nahrung, die sie bisher selbst kultivieren konnten, horrende Preise zahlen müssen, führt zu Verschuldungen und in deren Folge sogar zu extrem hohen Selbstmordraten.
Terisa E. Turner und Leigh S. Brownhill erzählen eine ebenso fesselnde, aber auch ermutigende Geschichte über die starke Widerstandsbewegung kenianischer Frauen. Nach der Unabhängigkeit ihres Landes stellten sie sich unerwartet stark gegen die Durchsetzung einer Kapitalwirschaft. Um sich nicht „hausfrauisieren“ zu lassen, fanden sie effektive und durchschlagende Protestformen. Der Name „Kampf um die Fruchtbarkeit“ wurde ihrer Bewegung im Nachhinein verliehen. Er führte mir persönlich die Schlüsselfrage des gesamten Buches glasklar vor Augen: Wem gebührt die Herrschaft über die Früchte, also über die Fähigkeit zur Erhaltung und Reproduktion des Lebens?
Wer nun als Hartgesottener noch immer die TINA (There Is No Alternative)-Auffassung zum Schicksal Globalisierung vertritt, wird spätestens nach dem dritten Teil des Buchs einen Funken Hoffnung und Aktionismus nicht verbergen können. Beispielsweise dann, wenn Farida Akhter vom Erfolg der Nayakrishi Andolon in Bangladesh berichtet. Die Initatiative, an der über 60 000 Haushalte teilnehmen, betreibt ökologische Landwirtschaft basierend auf der Verwendung und Bewahrung lokalen Saatguts. Und auch Berichte über Projekte in Deutschland, wie die Vielzahl an Biohöfen in Brandenburg, finden sich auf den letzten Seiten von „Subsistenz und Widerstand“. Dass sie entgegen den beeindruckenden Projekten in früheren Kapiteln etwas verblassen, ist vielleicht ein Anreiz für Europa, sich etwas mehr Subsistenz und Widerstand zuzutrauen? Das Buch verdeutlich aber auch immer wieder, dass Subsistenz bereits ganz unspektakulär in unserem täglichen Alltag stattfindet, wie Veronika Bennholdt-Thomsen in ihrem Beitrag „Wovon leben unsere Städte wirklich?“ zeigt.
Selbst diejenigen, die überzeugt sind, dass die Konzernherrschaft unser unvermeidbares Schicksal sein wird, werden zumindest von der Stärke und Konsistenz der Gegenargumente dieses Buchs beeindruckt sein. „Subsistenz und Widerstand“ leidet ein wenig unter dem manchmal unnötig wissenschaftlichen Schreibstil. Damit packt uns vielleicht kein so starker Aktionismus, wie gewollt – inspirierend bleiben die Beiträge trotzdem. Nicht nur im Lichte der Finanzmarktkrise ist „Subsistenz und Widerstand“ ein Buch, wie wir noch viel mehr brauchen werden.
„Subsistenz und Widerstand: Alternativen zur Globalisierung“, Claudia von Werlhof, Veronika Bennholdt-Thomsen, Nicolas Faraclas (Hrsg.), Promedia, Wien 2003, 256 Seiten, ISBN 978-3853712054, 19,90 Euro
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