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Insel oder Mainstream?
erschienen in Ausgabe 161  PDF-Version (171.13 KB)
Das Global Ecovillage Network in Zeiten des Wandels.

Als der grüne Dichter-Aktivist Gary Snyder vor vierzig Jahren gefragt wurde, warum er sich gegen den Strom der modernen Entwicklung stemme, war seine Antwort: „Ich schwimme mit dem großen Strom. Wogegen ich mich wende, sind nur einige ­kleine Hindernisse im Fluss der Evolution.“ Die Zeit scheint näherzukommen, wo diese Erkenntnis in unsere Gesellschaft Einzug findet. Werden wir mit unseren Impulsen ein Teil des Mainstreams? Kosha Joubert, die Vorsitzende von GEN-Europe, identifiziert erste Anzeichen dieser Entwicklung.

Die Welt verändert sich gerade so rasant, dass es Not tut, immer wieder innezuhalten, um unsere Vorstellungen mit der Realität abzugleichen. Ansonsten leben wir in veralteten Bildern, erschaffen sie sogar wieder und merken es gar nicht.
Als GEN, das Global Ecovillage Network, vor bald 15 Jahren aus der Wiege gehoben wurde, war klar, dass wir die Alternative zum Mainstream aufbauen: grüne Inseln, Rettungsboote, Orte der Hoffnung in einer Welt des destruktiven Kapitalismus. Damals war das Ziel, möglichst schnell möglichst viele solcher Orte zu schaffen, ein Netzwerk von Lichtpunkten in einer relativ dunklen Welt … Ein Großteil der Identität der Bewegung bezog sich auf unsere Andersartigkeit: in unseren Familien, in unseren Heimatorten, in der Gesellschaft.
Diese Identität der Andersartigkeit löst sich gerade auf: Das öko-soziale Bewusstsein, mitsamt der Lust zu handeln, wird gerade zum Teil des Mainstreams, nicht nur in Deutschland. Die Finanzkrise, der ­Klimawandel sind so evident geworden, dass die Bereitschaft zu einem tiefgreifenden Wandel in allen Lagen der Gesellschaft wächst. Inzwischen ist es normal, wenn etwa auf der Titelseite des Kundenmagazins der Bahn ein ­Michael Otto (Chef des Otto-Versands, Platz 5 der reichsten Deutschen) verkündet, dass wir neben der Wirtschaftskrise das größte Problem nicht aus den Augen verlieren dürfen: die Begrenzung des Klimawandels.
Die grüne Bewegung hat filigrane Fühler ausgestreckt, die über die Jahre gewachsen sind und langsam aber sicher das Bewusstsein der Deutschen verändert haben. Heute sind die Kinder der 68er-Generation erwachsen, LOHAS – Lifestyles of Health and Sustain­ability – ist in, regionales Bio-Essen und Lehmputz sind im Trend, und Gemeinschaftswohnprojekte schießen wie Pilze aus dem Boden.
Welche Rolle hat das globale Netzwerk der Ökodörfer in diesem aktuellen Gesamtbild? Wie können wir unser Engagement für das Ganze stärken, statt uns auf den weiteren Ausbau unserer Inseln zu beschränken? Im Februar 2008 hat der Vorstand von GEN International ein Manifest geschrieben, um diese Frage einzukreisen. Das Folgende lehnt sich daran an:
Peak Oil und Klimawandel werden voraussichtlich zu einem starken Wandel führen in der Art, wie wir Menschen wohnen und leben. Die Entwicklung von mehr Autarkie in der Nahrungsmittel- und Energieversorgung steht auf allen Ebenen an: in ländlichen Gemeinden, in Stadtquartieren, in Regionen. Sie kann nur umgesetzt werden, wenn Bürger und Behörden zusammenarbeiten, Hand in Hand die Kooperationsbereitschaft und Verantwortungsübernahme stärken.
Unsere gesellschaftlichen Institutionen sind bürokratisch überfrachtet und träge. Sie wurden historisch von Menschen entwickelt und brauchen uns, um sich zu verändern. Institutionen sind dort am fruchtbarsten, wo sie auf der Grenze zwischen Chaos und Ordnung gebaut werden: nah genug an der Ordnung, um eine Stabilität zu gewährleisten, und nah genug am Chaos, um Kreativität zu ermöglichen. In unserer Gesellschaft sind wir, als engagierte Bürger, ein wichtiger Bestandteil des kreativen Chaosmoments.
Auf der Webseite von GEN findet sich folgende kurze, aber prägnante Definition: Ein Ökodorf ist eine Gemeinschaft von Menschen, die danach strebt, gemeinsam nachhaltig zu leben. Das Bild einer planetaren Landschaft, in dem jedes Dorf ein Ökodorf, jede Region eine Ökoregion ist, ist umsetzbar und notwendig.
In der Ökodorf-Bewegung wurden Methoden und Technologien erhalten, entwickelt und angewandt, die hierfür nützlich sind: in sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Bereichen. Es gibt einen gewachsenen Erfahrungsraum zu Kommunikationsprozessen, die Vertrauen aufbauen, zu partizipativen Planungsprozessen und basisdemokratischen Entscheidungsmodellen, zu Komplementärwährungen, zu alternativen Technologien, nachhaltigen Bauweisen, vor allem aber zur holis­tischen Zusammenführung aller dieser Einzelaspekte zu einer gemeinsamen Lebensweise. Eine Studie des ökologischen Fußabdrucks von Findhorn ergab, dass er weniger als die Hälfte des britischen Durchschnitts beträgt. Der Fußabdruck von Sieben Linden liegt wohl ungefähr bei 35 % des deutschen Durchschnitts.
Die wichtigste Funktion der bestehenden Ökodörfer besteht darin, als Orte der Inspiration und ganzheitlichen Ausbildung für viele zu dienen. Es geht nicht um die Wiederholung des hier Entstandenen, sondern um das Anwenden der entwickelten Prinzipien auf gesellschaftliche Kontexte. Ecovillages sind Labore einer neuen Kultur, die in Kooperation mit vielen anderen Spielern das Auftauchen einer neuen Kultur des Miteinanders voranbringen.

Neue Entwicklungen in GEN-Europe
Ein Öffentlichkeitserfolg des Ökodorfs Sieben Linden war es, auf der Demografie-Konferenz des Landes Sachsen-Anhalt als wichtiges Projekt wahrgenommen zu werden, das neue Antworten auf die Fragen bietet, die der demografische Wandel stellt, nämlich:
! Wie können wir Menschen dafür begeistern, nach Sachsen-Anhalt zu ziehen?
! Wie können wir ein Umfeld schaffen, in dem Menschen sich dafür entscheiden, Kinder zu bekommen?
! Wie können wir ein Umfeld schaffen, in dem die Versorgung Älterer und Behinderter mit wenig Aufwand und Kosten funktioniert?
Auf einmal gibt es ein Riesen-Interesse derjenigen, die sich in Sachsen-Anhalt offiziell mit diesem ­Thema beschäftigen, weil das Ökodorf offensichtlich etwas erreicht hat, wofür das Land ohne große Wirkung schon viele Fördermittel ausgegeben hat.
In der Bundeshauptstadt soll mit dem Gemeinschaftsnetzwerk Berlin in Kooperation mit dem „SelfHub“ ein sozia­les Labor entstehen, um gemeinsam krea­tiv zu werden für neue Formen zukunftsgerichteten Gemeinschaftslebens. Statt dabei sofort an Wohnprojekte zu denken, soll die Frage erforscht werden, wie in offenen, kooperativen Systemen die Realisierung von Qualitäten eines „Neuen Wir“ möglich sind. Wie kann, ohne in erster Linie die Wohnstrukturen zu verändern, das Engagement für ein intelligentes, nachhaltiges Miteinander in der Hauptstadt vertieft werden? (Infos: b.degenhart@self-germany.de)
Findhorn wird in diesem Jahr in Zusammenarbeit mit dem Transition Town Movement (siehe weiter unten), Kurse für die lokalen Behörden in Schottland anbieten.
In Damanhur wurde im Jahr 2000 die Erd-­Charta geschrieben, um die Prinzipien eines nachhaltigen, gerechten Lebens für alle Wesen – inklusive der Umwelt – darzustellen (www.earthcharter.org). Die Erd-­Charta-Kommission arbeitet gegenwärtig mit den Vereinten Nationen daran, der Erd-Charta den Status eines „weichen Gesetzes“ zukommen zu lassen, so wie ihn die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ inzwischen besitzt. Zwei der Repräsentanten der EC-Kommission, Ruud Lubbers (früherer Ministerpräsident der Niederlanden) und Ashok Kosla (Präsident der International ­Union for the Conservation of Nature) besuchten Damanhur im Frühjahr 2008 und kamen zum Schluss, dass dies ein gelebtes Beispiel der Prinzipien der Erd-Charta ist. Damanhur wurde zur EC-Konferenz in Amsterdam eingeladen, und es wird gerade ein Text verfasst, der nicht nur Damanhur, sondern das GEN insgesamt als Modellprojekt der Erd-Charta darstellt.
Für seine Kursprogramme entwickelt GEN-Europe eine neue Förderungsstrategie: Im Rahmen der Programme für lebenslanges Lernen der EU werden Kurse und Lernnetzwerke gefördert, die einerseits die Vielfalt und Identität Europas, andererseits das Bürgerengagement für Nachhaltigkeit und Frieden stärken. Das passt so gut zu den Zielsetzungen von GEN-Europe, dass es im GEN-Büro Sieben Linden vor Ideen nur so sprudelt. Als erster Schritt wurden das GEN-Assembly 2009 in Finnland und der internationale Ecovillage-Design-Education-Kurs (EDE) in Sieben Linden als „Grundtvig-­Kurse“ anerkannt. Teilnehmer aus allen Ländern Europas, außer dem Land, in dem der Kurs stattfindet, können damit ihre Kosten erstattet bekommen, sofern sie in der Erwachsenenbildung tätig sind. Als nächster Schritt sind europaweite Lernpartnerschaften geplant, die zur Entwicklung neuer Kurse führen. Im Moment wird an die Verbreitung des EDE-Kurses und an die Entwicklung eines Kurses gedacht, der das Beste von EDE, Permakultur, Transition Town Movement und Dragon Dreaming (siehe folgende Seite) zusammenführt.

Entwicklungen im Rahmen von GEN-International
Die Vereinten Nationen fördern ein Netzwerk von 30 Ökodörfern im Senegal (GEN-Senegal) über ihr UNDP Global Environment Facility. Gerade für Drittweltländer, in denen es noch eine traditionelle Dorfstruktur gibt, ist das Ökodorfkonzept erfolgversprechend. Gegenwärtig zerfallen viele dieser Dörfer und mit ihnen die Reste einer nachhaltigen Lebensweise, während die Jugend in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in die Slumgürtel der Städte zieht. Senegal beweist: Statt sich als letzte Reste einer sterbenden Kultur einzustufen, können die Dörfer ein neues Selbstverständnis als Zellkerne einer weltweiten Bewegung für Nachhaltigkeit erlangen. Durch eine fruchtbare Kombination von Tradition, modernen Techniken und internationaler Vernetzung kann eine Umkehrung des aktuellen Trends eingeleitet werden. Auch in z. B. Thailand, Orissa, Ghana sind solche Netzwerke im Aufbau bzw. geplant.
Der State of the World Report des World Watch Institutes enthält ein gesamtes Kapitel, in dem es zentral um die Gemeinschafts- und Ökodorfbewegung geht (herunterzuladen von www.gen-europe.org). Außerdem gibt es eine Explosion an Netzwerken, die in einem ganz ähnlichen Bereich wie GEN unterwegs sind und mit denen das GEN Kooperationen hat oder aufbaut.
Das Transtion Town Movement: Die Bewegung startete in Kinsale, Irland, wo ein junger Lehrer, Rob Hopkins, einen zweijährigen Permakulturkurs am lokalen College entwickelt hatte. Irgendwann erschien ihm die Anwendung der Permakultur auf das Design von Hintergärten und Gebäuden als eine nicht ausreichende Antwort auf die Fragen von Klimawandel und Peak Oil. Er entwarf stattdessen mit einer Klasse den Kinsale Energy Descent Action Plan – ein zeitlich und strategisch verankerter Plan, der besagt, wie die Stadt von fossilen Brennstoffen unabhängig werden kann. Die örtlichen Behörden waren beeindruckt, aber dabei blieb es nicht: Sie entschlossen sich, den Plan umzusetzen. Ihnen folgten bald weitere Städte, so dass es inzwischen wohl schon an die 21 Transition Towns in England gibt (www.transitiontowns.org, www.transitionculture.org). Auch in Deutschland entwickelt sich die Initiative inzwischen (übersetzt als „Energiewende Initiative“).
Ermutigend wirken auch folgende Beispiele:
! www.urban.ecovillage.org: US-amerikanische Bewegung von Ökodörfern in urbanen Kontexten.
! www.guerrillagardening.org: Bewegung zur Eroberung von brachliegendem Land und Stadtparks für den Anbau von Gemüse und Blumen in Gemeinschaftsgärten
! www.greencafenetwork.org: Dieses Netzwerk setzt auf die zentrale Rolle, die Cafés bei der Erschaffung ­neuer Wertesysteme in der Gesellschaft und bei der Mobilisierung der Bevölkerung schon immer gespielt haben. Es unterstützt Café- und Restaurantbesitzer darin, ihre Lokale für die Verbreitung von ökologischem Denkansätzen zu nutzen.
! www.csacenter.org: Inzwischen gibt es in den USA 4300 Bauernmärkte und 1100 „community-supported-agriculture projects“ – Projekte, die eine direkte Beziehung zwischen Konsumenten und Nahrungsmittelproduzenten aufbauen, so dass Bauern eine lokale garantierte Abnahme für ihre Bioprodukte finden.
! www.rootedincommunity.org: Ausbildungen für junge Menschen, die sich örtlich für Gemeinschaft und Nachhaltigkeit einsetzen
GEN sieht seine neu herausgebildete Rolle vor allem in der Vernetzung und Moderation dieses vielfältigen Prozesses, dem Dialog mit der breiten Gesellschaft. Eine gut geführte Webseite, die klare Informationen über die Einzelprojekte und modellhafte Neuentwicklungen zur Verfügung stellt; lokal angepasste, global ausgerichtete Ausbildungsprogramme und Beratungen und die weitere Präsenz bei den Vereinten Nationen und anderen internationalen Foren stehen dafür zentral. Von großer Bedeutung ist dabei auch ein neuer Fokus auf die Entwicklung gemeinschaftlicher Zusammenhänge im urbanen Raum und die Entstehung von Ökodorfnetzwerken in Drittweltländern. ♠

Kontakt zum GEN-Netzwerk: info@gen-europe.org
www.gen-europe.org, www.ecovillage.org


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Joubert, Kosha

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