Ein Erfahrungsbericht der Beringhof-Gemeinschaft.
Nach vierzehn Jahren endete das Zusammenleben der Behringhof-Gemeinschaft. In der von Gerhard Breidenstein vorgestellten Broschüre reflektiert die Gemeinschaft noch einmal ihre Erfahrungen.
Die Beringhof-Gemeinschaft bei Wickede an der Ruhr bestand von 1990 bis 2004. In diesen Jahren ihres Bestehens füllte unsere Lebensgemeinschaft das jahrhundertealte Gut Beringhof mit buntem Leben, wie die alten Gemäuer es vermutlich nie zuvor sahen. Als wir im Sommer 2004 Abschied feiern mussten – mit einem weinenden Auge der Trauer und einem lachenden Auge der Dankbarkeit –, entstand die Idee zu einem Heft der Erinnerungen. All die schönen und auch die schwierigen Erfahrungen, die die vielen Bewohnerinnen, Bewohner und Gäste an diesem außerordentlichen Ort und in diesen ungewöhnlichen Jahren machen konnten, sollten nicht die Ruhr hinunter ins Vergessen treiben, oder nur als private Erinnerungen weiterleben. Wir haben deshalb alle früheren Mitglieder der Gemeinschaft und einige ihrer Freundinnen und Freunde gebeten, ihre Erfahrungen aufzuschreiben als ganz persönliche Bilanz oder in verallgemeinernder Reflexion von Gemeinschaftsleben. Daraus entstand ein reich bebildertes Heft von 75 Seiten. Ein Kenner der Gemeinschaftsliteratur sagt, dass es das nach dem Ende einer Gemeinschaft so noch nicht gab.
Erfahrungen aufschreiben? Kann man das? Und wozu? Heißt es nicht oft: Jeder Mensch muss seine eigenen Erfahrungen machen. Natürlich, aber nicht jede und jeder muss alle selbst und neu machen. Es gibt Erfahrungen, vor denen man warnen, und andere, die man empfehlen möchte, weil sie sich als erleichternd und bereichernd für das Leben erwiesen haben. Können wir dabei von eindeutig „guten“ und „schlechten“ Erfahrungen sprechen? Wer bewertet sie und wonach? Kann es überhaupt „allgemeine Erfahrungen“ geben? Sind es nicht immer und nur meine je eigenen?
Immerhin gab es in der Gemeinschaft Entscheidungen und Gestaltungsformen, die sich als so förderlich für das Zusammenleben erwiesen, dass sie über viele Jahre Bestand hatten oder nach einer probeweisen Aufhebung wieder aufgegriffen wurden, einfach weil sie gut waren. Natürlich gab es auch andere, bei denen wir uns einig wurden, dass wir sie nicht fortsetzen wollten, weil sie nicht für alle richtig waren, nicht ihren Sinn erfüllten oder sogar gemeinschaftsschädlich waren. Interessant für Gemeinschaft-Suchende sind hoffentlich die einen wie die anderen.
Und es geht uns in diesem Heft auch um eine Form des Dankens. Sehr viele Menschen haben uns über all die Jahre unseres Bestehens tatkräftig beim Bauen und Ackern geholfen, Geld gespendet oder geliehen, mit Rat begleitet. Dass wir unsere Erinnerungen aufgeschrieben haben, soll unseren großen Dank noch einmal und geballt und bunt zum Ausdruck bringen für all diese Unterstützung, ohne die wir nicht hätten anfangen und nicht hätten immerhin 14 Jahre Bestand haben können. Für jede und jeden von uns und für alle unsere Helfer und Helferinnen soll deutlich werden: Es war nicht umsonst, das heißt: es war nicht kostenlos, aber auch nicht vergebens!
Im ersten Teil der Publikation habe ich in einem systematischen Überblick die eher allgemeinen Erfahrungen zusammengestellt. Gegliedert nach den vier Eckpfosten der Beringhof-Gemeinschaft „gemeinschaftlich leben – ökologisch leben – einfacher leben – spirituell leben“ werden Themen behandelt wie: Kinder in der Gemeinschaft, Paare und Familien innerhalb der Gemeinschaft; Pflege des Gruppenlebens, Supervision, Konsens-Entscheidungen; Hierarchien und Konflikte und Umgang damit; Geld, Einkommensgemeinschaft und gemeinsame Ökonomie; Teilung und Verteilung der Alltagsarbeit, produktive Arbeit; Trägerverein und Pachtvertrag; ökologische Ernährung, Baubiologie, Energieverbrauch, Mobilität; einfacher leben – was hieß das; Spiritualität im Alltag und in besonderen Ritualen; Schwierigkeiten spirituellen Gemeinschaftslebens.
Im zweiten Teil des Hefts finden sich zwanzig persönliche Rückblicke von ehemaligen „Beris“ (wie sich die Mitglieder der Gemeinschaft nannten) sowie von Freunden der Gemeinschaft: lustige, wehmütige, auch ein bitterer, allemal nachdenkliche Beiträge, die meisten in einer schillernden Balance von „beglückend“ und „anstrengend“, alle mit der Bilanz „eine wertvolle Zeit“. Ein bunter Blumenstrauß des Abschieds voneinander und von dem zauberhaften Ort Beringhof!
Wie kam das Ende?
Wie war das Ende gekommen? Es vollzog sich natürlich in Etappen. 1998 und 1999 verabschiedeten sich Gerhard und Renate Breidenstein sowie Inge Jöhrens, drei der Gründungsmitglieder, aus persönlichen Gründen, ohne Konflikt und in Freundschaft. Anfang 2000 musste der eine Biobauer wegen einer schweren Krankheit aufgeben; das zog weitere Auszüge nach sich. Zwar kamen neue Mitglieder mitten in der entstandenen Krise dazu, aber das Gemeinschaftsleben geriet ins Strudeln. Und es wurde bald klar, dass die harten Forderungen des Verpächters nicht mehr erfüllt werden konnten. Die Gemeinschaft kündigte den Pachtvertrag und erhielt einen Mietvertrag von immer nur einjähriger Dauer, weil der Verpächter einen neuen Pächter finden wollte. Damit begann das schleichende Ende. Denn ohne eine Zukunftsperspektive zogen Gemeinschaftsmitglieder weg, und andere kamen nicht mehr auf Dauer dazu. Im Sommer 2004 erfolgte kurzfristig die Nichtverlängerung des Mietvertrags; die letzten vier, die gerne noch geblieben wären, mussten binnen Wochen den Hof aus- und aufräumen, um ihn ordentlich zu übergeben. Sie meisterten diesen undankbaren Job bravourös! Zwei von ihnen, Annegret Schwöbel und Umna Schüll, übernahmen – nach einer Zeit der Trauer – sogar noch die Aufgabe, das Beringhof-Heft zusammenzustellen. Beides ermöglichte einen „würdigen Abgang“ der Beringhof-Gemeinschaft, und es sei ihnen auch an dieser Stelle dafür von Herzen gedankt.
Das Heft ist für 3 Euro zu beziehen von: BücherWinkel,
info@buecherwinkel.de
|