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Editorial
erschienen in Ausgabe 161
Liebe Leserin, lieber Leser,

stell dir vor, es ist Paradies – und keiner geht hin … In Gesprächen über die nahe Zukunft weise ich oft auf die Notwendigkeit hin, bereits heute vorwegzunehmen, wie wir nach der Krise leben wollen. Meist kommt schnell eine ganze Pinwand voller Utopien zusammen, die eines gemeinsam haben: Sie bedeuten für die Beitragenden das Paradies auf Erden.
Nun ist es eine leichte Übung, sich die Zukunft schön zu denken: Alle Menschen auf der Welt haben erkannt, dass man friedlich miteinander umzugehen hat, dass man sich beschenken kann, dass man die Schätze der Erde sparsam verwenden muss etc. – die ganze Litanei des Guten rauf und ­runter. Kaum jemand wagt es jedoch, ohne zu blinzeln in drei, vier Abgründe zu blicken, aus denen kein Ausweg ins Paradies hinauszuführen scheint. Nehmen wir die Waffenhändler, die reichlich Kriege brauchen, die Agrardiktatoren, die auf fremdversorgte Massen angewiesen sind, aber nehmen wir auch die ­sogenannten bildungsfernen Schichten in den sogenannten entwickelten Teilen der Welt oder den Fundamentalisten, in dessen Holzfeuer­gesellschaft die Vergewaltigung zwölfjähriger Zwangsehemädchen oberste „religiöse“ Weihen hat, die Abermillionen junger Chinesinnen und Chinesen, die mit Handys und Designerklamotten bepackt von ihren bank­rotten Wirtschaftswunderfabriken zurück in die Hütten ihrer bettelarmen Familien ziehen: Wie sieht deren Paradies jeweils aus? Es dürfte kaum dem unseren gleichen.
Unser Paradies wird eine Reduzierung unseres materiellen Standards um mehr als 70 Prozent vorsehen müssen, wenn wir wollen, dass die 5 Milliarden Menschen, für die Wohlstand ein Fremdwort ist, wenigstens auf ein Drittelniveau des Komforts von uns reichen 1,7 Milliarden aufsteigen – und dabei steht zugleich zu hoffen, dass es uns allen gelingt, die heute bereits 30-prozentige Übernutzung unseres Planeten irgendwie (ja, wie eigentlich?) auf noch nicht wirklich nachhaltige 100 Prozent zurückführen …
Setzen wir uns doch mal für eine ­halbe Stunde ins engste Getriebe der Fußgängerzone der nächstgelegenen Großstadt und schauen uns aufmerksam all die Menschen an, die an uns vorbeigehen. Und setzen dann jede und jeden ganz bewusst in unser persönliches Paradies. Wie macht sie sich, wie macht er sich darin? Wieviel ­Zutrauen bleibt nach dieser halben Stunde, dass wir uns mit all diesen konkreten Menschen glücklich und voller Einverständnis in unserem Paradies wiederfinden? Erkennen wir ernsthaft einen Weg, wie sich jede und jeder Einzelne derjenigen, die uns begegnen, so ändern kann, dass sie oder er in unser Paradies passt? Oder wären wir etwa ernsthaft bereit, uns selbst so zu ändern, dass wir in die Paradiese der anderen – siehe oben – passen?
Besser vielleicht eine ständige Baustelle, an der alle werkeln, als ein Paradies, in das keiner hinweinwill? Schwierige Sache …
Ihr Johannes Heimrath

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Heimrath, Johannes

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