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Impressum
Editorial
erschienen in Ausgabe 162
Liebe Leserin,
lieber Leser,
die Zeit, in der man noch für teuer Geld beim Quacksalber auf dem Markt einen Theriak aus Krötenlaich, Kreuzesholz und Jungfrauenblut gegen den eitrigen Zahn bekam, ist gerade mal zweihundert Jahre her. Da war die Aufklärung schon zweihundert Jahre zugange!
Kürzlich meinte unser Bundespräsident zur sogenannten Krise: „Jetzt erleben wir, dass es der Markt allein nicht richtet. Es braucht einen starken Staat, der dem Markt Regeln setzt und für ihre Durchsetzung sorgt.“ Demokratie sei nicht nur „­Sicherung materieller Zuwächse“, es müssten „Wissen und Intelligenz“ wachsen, mit deren Hilfe das Leben besser gemacht werden könne.
Hahaha! Mag ein starker Staat den Verkehr zeitgenössischer Wettpapiere ­regulieren – solange der Aberglaube an den ­Theriak „Geld“ als Allheilmittel einer kranken Welt nicht einer aufgeklärten Sicht der wirklichen Not-Wendigkeiten auf dem Planeten weicht, werden die mit Millionen bonierten Quacksalber weiter auf dem Markt reüssieren.
Ein gebildeter Mensch sollte über ­unsere Abhängigkeit von Steuersignalen aus dem Kleinhirn aufgeklärt sein und wissen, dass allein die Unberechenbarkeit des Menschen sicher voraussagbar ist. Er sollte aufgeklärt sein über die Verheerungen, die eine von Gier und Maßlosigkeit getriebene Ökonomisierung allen Lebens über die Erde bringt. Er sollte aufgeklärt sein über den Schein aller Materie und über die prinzipiell nicht-materielle Qualität des Orts, aus dem wir in die stoffliche Existenz kondensiert sind und in den hinein unser letzter Hauch entschwebt.
Wie kann ein gebildeter Mensch in einer derart unernsthaften Branche wie Wetten auf Geld sein Leben verdaddeln? Wie können die gut eine Milliarde Menschen, die sich für aufgeklärt halten, diesen unsäglichen Aberglauben nicht nur dulden, sondern das Spiel sogar mitmachen – oder gibt es unter uns jemanden, die oder der gänzlich ohne Leib­eigenschaftsausweis (= Geld) der Welt-Lehensherrschaft (= Geldschöpfer) auskäme?
Von unseren Regierenden dürfen wir kaum verlangen, dass sie den ­Kriterien für Bildung und Aufklärung entsprechen, folgt doch ihr Tun demselben ­Aberglauben an die Gottgegebenheit des vom Menschen Gesetzten wie das der Quacksalber. Wo aber bleiben die Kulturkrea­tiven? Warum tritt das berühmte Drittel der Bevölkerung, das den Tanz auf der Titanic nicht mehr mitmachen will, nicht hervor und erhebt seine ­Stimme?
Die Medien sollten platzen vor Berichten über die vielen Projekte des ­Wandels, die mit lebensfördernden Ideen und mit einer aufgeklärten Praxis des Miteinanders mitten im scheinbaren Niedergang den Aufbruch in eine neue Kultur wagen, die geprägt ist von dem, was Herr Köhler womöglich wirklich gemeint haben könnte: nämlich von Weisheit und der Intelligenz des Herzens, die „das Leben besser machen“.
Um österlichen Optimismus ringend, Ihr
Johannes Heimrath

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Heimrath, Johannes

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