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Bereit für die Zukunft
erschienen in Ausgabe 162  PDF-Version (201.47 KB)
Andrea Liebers porträtiert die neunjährige Johanna Bleiweis.

Johanna zu übersehen, ist schier unmöglich, auch wenn sie erst neun Jahren alt ist. Sie strahlt eine Vitalität und Vorwitzigkeit aus, dass man an ihr nicht vorbeikommen kann. Dabei ist sie kein „vorlautes, freches, ungezogenes“ Kind. Sie weiß schon, dass man sich ab und zu auch benehmen, höflich und zurückhaltend sein muss, aber auch dabei fällt sie auf. Sie sprüht vor Wachheit und guter Laune. Das nervt manchmal ihre ältere Schwester Eva, vor allem frühmorgens beim Aufstehen, denn schon da ist Johanna frisch, munter und startet ohne Bremse in den Tag.
Ich kenne Johanna von einem Theaterworkshop für Kinder, den ich in Heidelberg in Zusammenarbeit mit dem dortigen Kinder- und Jugendtheater „zwinger3“ zusammen mit der Theaterpädagogin Alexandra Gesch leite. Wir erkunden dabei gemeinsam mit Kindern magische Orte in der Region und versuchen, innerlich und äußerlich Kontakt aufzunehmen mit den dort anwesenden „Naturkräften und -mächten“. Die Kinder schreiben ihre Erfahrungen auf, erfinden passende Geschichten für die Besonderheit und Ausstrahlung des jeweiligen Orts und überlegen sich, wie sie den Genius Loci dann auf die Bühne bringen könnten. Beim letzten Workshop waren die Riesensteine über der Heidelberger Altstadt unser Thema gewesen. Johanna war Feuer und Flamme für die gigantisch großen, unsichtbaren Wesen, die dort – so erzählt die Sage – vor urdenklichen Zeiten ein Wettwerfen veranstaltet und die als Wurfgeschosse verwendeten Felsen einfach dort liegen gelassen hatten. Dass die Riesen trotz ihrer Größe sehr sensible Wesen sind, war für Johanna klar, sie spürte ihre Anwesenheit und machte sich Gedanken darüber, wie es wohl für die Riesen ist, dass ihr Lebensraum von den Menschen unangenehm stark beschnitten wurde. Wenn Riesen wollten, könnten sie allerdings ohne Probleme alle Städte einfach platttreten, mutmaßte Johanna, aber sie tun es nicht – aus Respekt, lieber ziehen sie sich zurück, zum Teil auch in großangelegte Höhlensysteme unter der Erde. Dass Riesen einen Riesenhunger haben, war ebenfalls ein wichtiges Thema bei den Kindern, und diese Szene wollten sie auch unbedingt auf die Theater-Bühne bringen. Es war klar, dass Johanna den König der Riesen spielen sollte, der seine Diener auch ganz schön herumkommandieren kann, wenn sie nicht schnell genug den Nachschub an Tannenbäumen, Laubbäumen, Tiefkühlsteinen und Feuertrank zum Hinunterspülen herbeibringen.

Alles darf wachsen, wie es will
Nach einem unserer vierstündigen Workshops frage ich Johanna, was sie später einmal von Beruf werden will, meiner Meinung nach eine rhetorische Frage. Ich erwarte eigentlich nur eine einzige Antwort, nämlich Schauspielerin – so begabt wie Johanna dafür ist und mit der Verve, mit der sie beim Theaterspielen dabei ist. „Wenn ich groß bin, werde ich Naturschützerin“, sagt sie mit einer Selbstverständlichkeit, die mich überrascht.
Jetzt ist meine Neugier erwacht, ich will mehr wissen. „Mit meiner Freundin Svea, die will nämlich auch Naturschützerin werden“, erklärt mir Johanna seelenruhig, „werde ich dann in den Alpen, aber auf der österreichischen Seite, nicht auf der deutschen, ein großes Stück Land kaufen. Da darf dann alles wachsen, so wie es will. Außerdem werden wir da bedrohte Tier- und Pflanzenarten hinbringen, Tiere vor allem, wenn es Insekten und so andere kleine Tiere sind. Seltene Pflanzen werden wir auch sammeln und sie dort hinpflanzen, damit sie sich vermehren und nicht aussterben.“
„Wie seid ihr denn auf die Idee gekommen, Naturschützerinnen zu werden?“, will ich wissen.
Selbstbewusst reckt Johanna ihr Kinn und wirft ihre langen, blonden Haare zurück, überlegt kurz und erklärt schließlich: „Das kam durch die Schule!“
„Durch die Schule?“, staune ich und bin ehrlich verblüfft, dass man heutzutage durch eine deutsche Bildungseinrichtung auf so weitreichende und mutige Gedanken und Ideen kommen kann.
„Wir haben vor kurzem den Mais ­durchgenommen, und da haben wir gelernt, dass auf ihn ein Mittel gesprüht wird, das verhindert, dass Schnecken und andere Tiere an ihn rangehen und ihn anknabbern. Dieses Mittel fliegt aber durch den Wind auf andere Pflanzen. Wenn Tiere es von ihnen abknabbern, dann sterben sie. Ich finde es nicht richtig, dass so etwas erlaubt ist!“, empört sich Johanna. „Und das ist es nicht alleine, worüber ich mich aufrege“, sie hat sich sichtlich in Fahrt geredet. „Dass es überhaupt passiert, dass Tiere- und Pflanzenarten aussterben, nur weil Menschen nicht auf sie aufpassen. Oder dass Tiere abgeschossen und getötet werden, nur weil sie ein schönes Fell haben, oder dass Elefanten getötet werden, nur weil man ihre großen Stoßzähne besitzen will. Das will ich alles verhindern! Svea, meine Freundin, ist deshalb auch Vegetarierin geworden, weil sie nicht dafür verantwortlich sein will, dass wegen ihr Tiere sterben müssen.“
„Und wie ist es bei dir? Bist du auch Vegetarierin?“, frage ich nach. „Ich wäre es gerne, aber das geht noch nicht, weil Papa gerne Fleisch isst. Aber wir essen sowieso nicht so oft Fleisch, zum Glück!“, setzt sie nach.
Inzwischen sind auch Eva und Johannas Mutter dazugekommen, Eva, weil sie ebenfalls bei der Thea­tergruppe dabei ist, und Frau Bleiweis, weil sie die beiden abholen kommt. Interessiert verfolgen sie unser Gespräch.
„Ich finde nicht, dass man sagen kann, Johanna ist eine Naturschützerin“, mosert Eva, die große Schwester. „Sie tut ja nicht wirklich was für die Natur!“
„Mit den Händen noch nicht so viel, das stimmt“, verteidigt sich die Jüngere, „aber mit dem Kopf dafür schon ganz viel!“ Eva schaut skeptisch, deshalb ereifert sich Johanna: „Mit Svea habe ich schon ganz viel für die Zukunft geplant. Auf unserem großen Stück Land wird es auch Draußenlabors geben, in denen Schulklassen über die Natur forschen können. Zum Beispiel sollen sie bei uns die Möglichkeit haben, Wassertests durchführen zu können. Um selber erkennen zu können, ob das Wasser sauber ist oder wie verschmutzt es ist und durch was die Verschmutzung kommt. Überhaupt sollen Kinder verstehen lernen, wie wichtig es ist, dass die Umwelt nicht vergiftet wird, und auch wie alles miteinander zusammenhängt. Wie mit der Milch zum Beispiel. Sie sollen auch Geschmackstests machen können. Dann werden sie selber merken, dass Milch, die von einer Kuh stammt, die auf einer Wiese draußen gefressen hat, ganz anders schmeckt als Milch von einer Kuh, die immer nur im Stall steht, nie die Sonne sieht und sich nur vom Trockenfutter ernähren muss. Trockenfuttermilch! Igitt!“, Johanna verzieht angewidert das Gesicht.
„Finde ich nicht so wichtig“, kontert Eva. Das scheint ein Dauerbrenner-Streit zwischen den Schwestern zu sein. „Die beiden sind von Anfang an grundverschieden gewesen“, erklärt die Mutter. „Eva ist die Besonnene von beiden, dabei aber sehr wissbegierig und voller Forscherdrang, sie hat immer viele Ideen, liest sehr viel und lernt viel und gern für die Schule. Außerdem ist sie ordentlich, im Gegensatz zu Johanna. Johanna verbreitet gerne Chaos, wenn ich das mal so sagen darf“, Frau Bleiweis wirft einen Blick auf ihre Töchter, die beide lauschen, weil über sie gesprochen wird: „Johanna war schon immer voller Fantasie und Mitgefühl. Als kleines Kind ist sie auch immer gerne mit dem Papa in die Natur gegangen, da haben sie mit einem Bestimmungsbuch seltene Blumen und Pflanzen gesucht. Eva war dafür mehr fürs Wandern zu begeistern und fürs Draußensein, aber weniger fürs Nachschauen in Bestimmungsbüchern. Sie liest lieber in spannenden Abenteuerbüchern, wenn es sein muss, auch heimlich bis nachts um zwei Uhr.“
„Erzähl vom Schmetterlingsstrauch, das war auch toll!“, wirft Johanna ein. „Letztes Jahr haben wir in unserem Garten einen Duftstrauch gepflanzt“, erläutert die Mutter dieses Thema. „Der sollte extra für die Schmetterlinge sein, damit sie etwas Gutes zu fressen haben. Johanna saß dann stundenlang in der Nähe mit einem Bestimmbuch für Schmetterlinge und hat nachgeschaut, wer den Strauch besuchen kommt.“
„Da kam sogar einer, der stand nicht in meinem Buch!“, berichtet Johanna nicht ohne Stolz.

Sich mit der Natur unterhalten
„Außerdem finde ich Barfußlaufen total wichtig“, Johanna ist mit ihren Erläuterungen noch nicht am Ende. „Ich finde, alle Kinder sollten die Möglichkeit bekommen, draußen in der Natur ohne Schuhe zu laufen. Dann erst wird ihnen nämlich bewusst, wie schön das ist, und wie toll man mit den Füßen alles spüren kann. Dann merkt man auch, wie blöd es ist, wenn alles mit Beton und Asphalt zugebaut ist. Und etwas anderes, was ich auch noch verändern würde, ist die Müllverschmutzung. Wenn überall Müll herumliegt, geht Barfußlaufen nämlich nicht wirklich gut. Man muss doch auch lernen, in der Natur zurechtzukommen und sich in ihr zu Hause zu fühlen. Deshalb fand ich den Waldkindergarten auch so toll!“ Johannas Augen blitzen. „Da haben wir ein Haus für uns gebaut, nur aus Ästen und Blättern. Wir waren den ganzen Tag draußen, es gab nur einen Bauwagen für uns alle, aber da sind wir nur rein, wenn es stark geregnet hat. Das war für mich das Paradies! Da habe ich auch gelernt, dass man sich mit der Natur unterhalten kann. In der Natur gibt es eine eigene Sprache, Riesen verstehen die übrigens auch“, erklärt sie und zieht einen Zettel aus ihrer Tasche, den sie mir reicht. „Und was heißt das?“, frage ich verblüfft und starre auf merkwürdig hingekrakelte Zeichen. „Das ist Riesenschrift“, erklärt Johanna und liest vor:

„Schijn Ntr
Snd m Strnd sttt gr m B
Kschlfll sttt Mdnsch
Krtrdft sttt spfflft
Wijsnwg sttt -Bhngrft
Blmnmr sttt Krijsvrkhr
Kijn Ntz nd kijn Gltz mhr
Kijn Zg, kijn Bs nd kijne uts
Ijn Vgl sngt snst st s ltls
Mn stht nd hrcht nd stnt nd scht blß“

„Das verstehe ich aber nicht!“, antworte ich, „ich kann kein Riesisch.“
„Ok, ich übersetze“, erklärt sich Johanna zum Glück bereit, und liest, ohne zu stocken, die Übersetzung vor:

„Schöne Natur
Sand am Strand statt grau am Bau
Kuschelfell statt Modenschau
Kräuterduft statt Auspuffluft
Wiesenweg statt U-Bahngruft
Blumenmeer statt Kreisverkehr
Kein Netz und keine Glotze mehr
Kein Zug, kein Bus und keine Autos
Ein Vogel singt, sonst ist es lautlos
Man steht und horcht und staunt und schaut bloß!“

Die Neunjährige erklärt weiter, weil sie sieht, dass ich immer noch nicht so ganz verstehe, was es mit Riesisch auf sich hat: „Früher konnten alle Menschen diese Sprache, aber jetzt kaum noch.“
„Warum ist das so?“, will ich wissen. „Weil wir inzwischen nur noch so wenig Natur sind. Früher waren Menschen und Riesen sogar miteinander befreundet. Aber auch diese Zeiten sind längst vorbei, es gibt für Riesen keinen Platz mehr. Obwohl sie viel stärker als Menschen sind, zerstören sie unsere Städte nicht. Was sie ja leicht könnten. Sie sind eben klüger als wir, warum sollten sie die Wohnungen der Menschen auch zerstören? Sie glauben, dass wir das so brauchen, deshalb haben sie sich zurückgezogen, tief in die Wälder und Berge, und manche sogar unter die Erde. Dort leben sie in Höhlensiedlungen“, Johanna macht ein wichtiges Gesicht, die Mutter lacht. „Johannas Fantasie geht mal wieder mit ihr durch!“

Blütenmus und Überraschungskuchen
„Johanna steht ansonsten schon mit beiden Beinen auf dem Boden“, erklärt die Mutter, wahrscheinlich weil sie vermutet, dass ich jetzt zu der Überzeugung gekommen sei, ihre kleine Tochter sei eventuell etwas zu sehr in der Märchenwelt zu Hause. „Zum Beispiel kocht sie gerne, am liebsten Pfannkuchen, das kann sie ganz alleine.“
„Aber wir müssen manchmal auch ganz unmögliches Zeug probieren, das sie für uns kocht!“, meldet sich Eva zu Wort.
Frau Bleiweis nickt. „Das stimmt. Manchmal kocht sie auch einen Fantasieteig aus allem, was ihr gerade in den Sinn kommt, füllt ihn in eine Tortenform und bäckt ihn fertig. Was dabei herauskommt, ist immer eine große Überraschung. Manchmal ist es ungenießbar, aber manchmal auch sehr lecker. Und kein Kuchen ist wie der andere."
„Oder denkt an die Blütenmenüs!“, erinnert Eva. Jetzt fallen den Dreien alle möglichen Gerichte ein, die Johanna der Familie schon in mehrgängigen Menüs serviert hat: Meistens bestanden sie aus frisch geernteten Beeren, Erde, Blättern und Blüten, einige der Zutaten stammten auch aus Johannas eigenem Gartenbeet, in dem sie letztes Jahr zum Beispiel Mais und Erbsen angebaut hat. Als Nachtisch gab es auch schon einmal Kaffee-Eis aus Kaffeesud und Seifenschaum, den Johanna eingefroren hat, damit es auch wirklich wie Eis aussah – allerdings schmeckte es ganz und nicht gar nicht nach Eis, sondern war ungenießbar. Witzig muss es wohl auch sein, Johanna bei Kochen zuzuschauen beziehungsweise zuzuhören. Sie besitzt nämlich eine Koch-CD, erzählt die Mutter, die sie so oft angehört hat, dass sie sie schließlich von vorne bis hinten auswendig konnte. Das allerdings war erst der Anfang. Ihre eigenen Kochkreationen kommentiert sie seitdem äußerst gekonnt mit eben diesen Sprachbausteinen, was für die Familie jedes Mal eine lustige Kochshow ist. Neben Kochen ist Häkeln eine von Johannas Spezialitäten, erfahre ich von den Damen. Mit Begeisterung und Ausdauer häkelt sie Topflappen und einen Pullover für ihren Teddybären, den er seither auch ständig trägt, und der Papa hat sogar einen Schal bekommen (ob er den trägt, erfahre ich leider nicht). Zu Johannas Lieblingsbeschäftigungen gehört noch Singen, von morgens früh beim Frühstück – wo es eigentlich verboten ist, meint Eva – bis abends beim Duschen. „Sie singt mit dem Papa auf der Straße laut die Hits von Abba, springt dazu im Hopserlauf, und schert sich nicht um andere Leute, die das hören und schmunzeln. Wir beide“, erklärt die Mutter und deutet auf sich und Eva, „halten in solchen Situationen einen gemessenen Abstand und tun so, als hätten wir mit ihnen absolut nichts zu tun.“
„Mama, wir müssen jetzt aber gehen!“, drängelt Eva, „ich will unbedingt mein Buch fertig lesen!“
„Und ich will ein Rezept aufschreiben“, Johanna kichert, „eins in Riesensprache!“ ♠

Andrea Liebers ist Journalistin und Buchautorin; sie lebt in Heidelberg. www.andrea-liebers.de

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