Wie könnte eine Post-Kollaps-Gesellschaft aussehen? Jochen Schilk stellt zwei Romane vor, die das Leben nach dem Untergang der heutigen Zivilisation vorwegnehmen.
Sie hatten schon Recht, meine Freunde Jane und Jakob, die mir im vergangenen Herbst unabhängig voneinander je einen Roman in die Hand drückten: „Lies das, gefällt dir bestimmt …“
Erstaunt stellte ich dann fest, dass die Handlungen beider Bücher vor dem Hintergrund einer Welt spielen, die keine Industrie- und Informationsgesellschaft mehr kennt, nachdem diese Art Zivilisation (auf je unterschiedliche Weise) kollabiert ist.
Konnten die beiden Buchspender wissen, dass ich schon als Siebzehnjähriger über eine Welt nachgedacht hatte, in der nur mehr wenige Menschen leben, nachdem irgendein Vorfall – damals dachte ich noch an eine Pandemie – die wuchernde Menschheit radikal dezimiert hat?
Der Gedanke an ein plötzliches Ende unserer gewohnten Lebenswelt hat freilich etwas Schreckliches, Erschreckendes. Zugleich üben derartige Szenarien als einfache „Lösungen“ für sehr viele der unübersichtlich gewordenen Probleme der heutigen Globalgesellschaft eine seltsame Faszination auf diejenigen aus, die an der Welt, wie sie ist, verzweifeln. Ist das naiv? Oder ist das zynisch? Oder liegt in solchen Vorstellungen auch etwas Rettendes? – Auf jeden Fall bin ich mit meiner Schwäche für Post-Crash-Vorstellungen nicht allein …
Als Sechzehnjähriger lief ich noch mit Weltuntergangsschmerz durch die Straßen meiner Stadt, nachdem ich während des ersten Golfkriegs 1991 im „Stern“ von der anhaltenden Verdunkelung gelesen hatte, die sich in Form einer großen Aschewolke über große Teile der Welt legen würde, wenn Saddam Hussein seine Drohung wahr machen und die kuwaitischen Ölfelder anzünden würde. Wenig später bekam der Gedanke an das Leben der Menschen nach dem Crash etwas seltsam Romantisches, Verklärtes – möglicherweise angefacht durch einige Geschichten aus dem literarischen Post-Crash-Genre, auf die ich immer wieder stieß.
Besessen vom eigenen Ende?
So erinnere ich mich eher dunkel an die Lektüre von „Der Untergang der Stadt Passau“ des katholischen Öko-Philosophen Carl Amery (1975), an Herbert Rosendorfers „Großes Solo für Anton“ (1982) und auch an T. C. Boyles „Nach der Pest“ (Eine Kurzgeschichte von 2001). Als Anfang 2008 der Hollywood-Film „I am Legend“ mit Will Smith in die Kinos kam, war ich versucht, mir diesen Endzeit-Seuchen-Streifen anzusehen, nachdem ich Film-Bilder von pflanzenüberwucherten New Yorker Straßen gesehen hatte. Aber die Story, in der der letzte überlebende Mensch mit seinem Hund gegen ein Heer von Untoten ankämpft, schien mir dann doch zu doof. Und seit dem Kinostart des aktuellen Disney/Pixar-Zeichentrickfilms, in dem ein putziger Reinigungsroboter namens WALL•E auch fünf Jahrhunderte nach dem Ende der Menschheit immer noch mit Aufräumen beschäftigt ist, habe ich das starke Gefühl, dass die westliche Welt insgeheim (oder ganz offen?) fasziniert vom drohenden Untergang ist – nach dem Motto: Wenn schon das eigene System zum Untergang verdonnert ist, sollen auch alle anderen Kulturen gleich mit aussterben …
In den Post-Crash-Szenarien von Arto Paasilinnas „Nördlich des Weltuntergangs“ sowie in „Erntemond“ von Rudolf Marko ist die Menschheit jedoch nicht ganz verschwunden, sondern lediglich stark dezimiert. Beide Romane stammen aus den Neunzigern, wirken jedoch heute vor dem Hintergrund der realen Entwicklungen vermutlich aktueller als zur Zeit ihrer Veröffentlichung.
Der finnische Autor Arto Paasilinna hat bereits 35 Romane geschrieben, von denen viele verfilmt wurden. Seine Bücher wurden in 45 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen nationalen und internationalen Literaturpreisen ausgezeichnet. Paasilinna wird häufig als „Meister des skurrilen Humors“ bezeichnet, womit gleich ersichtlich wird, in welche Literaturgattung auch sein „Weltuntergang“ fällt. Der lakonische, untergründig-trockene Humor des Autors zieht sich durch den gesamten Roman und geht doch (fast) nie auf die Nerven. Das Buch möchte wohl in erster Linie eine unterhaltsam-beißende Kulturkritik sein; im Gegensatz zu „Erntemond“ steht es kaum in seiner Absicht, eine detaillierte Utopie zu zeichnen. Und doch ist der Weg, den eine junge, autonome „Kirch“-Gemeinde in der finnischen Wildnis unter der Leitung des Direktors der selbsternannten Kirchenstiftung geht, derart engagiert und sympathisch beschrieben, dass unschwer zu erkennen ist, dass der Autor sich ein Leben in einer technologisch zurückgeregelten Selbstversorgungsgemeinschaft durchaus vorstellen kann. Aber ich greife voraus.
Die Handlung beginnt im Jahr 1992, dem Erscheinungsjahr des Buchs. Ein alter Kommunist und „Kirchenbrandstifter“ vermacht sein Vermögen auf dem Sterbebett einer noch zu gründenden Stiftung, deren einziges Ziel darin besteht, irgendwo eine Kirche nach landestypischer Tradition zu errichten und zu betreiben. Als Stiftungsdirektor setzt er seinen Neffen Eemeli Toropainen ein, der gerade eine Holzbaufirma in den Sand gefahren hat. Nach dem Tod des Alten setzt Eemeli dessen Willen Stück für Stück um, kauft Land in der nordischen Wildnis, heuert Handwerker an und beginnt den Kirchbau, ohne sich indes um irgendwelche Bauvorschriften zu scheren. Als schließlich die Behörden auf den Plan treten, eilt dem verrückten Projekt eine erste kleine Solidaritätsbewegung zu Hilfe, bestehend aus einigen Handvoll nicht minder verrückten Berufsdemonstranten, deren härtester Kern sich nach dem einstweilig errungenen Sieg in der Nähe der Baustelle niederlässt. Angelockt durch Medienberichte und später auch angeschwemmt durch globalwirtschaftlich zunehmend prekäre Verhältnisse, laufen dem atheistischen Kirchenstiftungsdirektor immer weitere Schützlinge zu, die mit der Zeit zu Hunderten ihren Platz in der neugegründeten Siedlung in der malerischen – aber auch harten – finnischen Natur finden. Eemeli beweist dabei nicht nur eine gewisse natürliche Führungsqualität als eine Art Bürgermeister-Häuptling, sondern auch Weitsicht, indem er die Mittel der Stiftung klug in diverses Selbstversorgungskapital anlegt: Land, (Zug-)Tiere, Saatgut, Waffen, einfache Maschinen und Werkzeuge …
Eine Utopie, die (leider) keine ist
New York versinkt derweil im Müll, und ohne Heizöl bersten die Rohrsysteme finnischer Städte im Frost der nordischen Winter. Tatsächlich macht das herkömmliche Währungssystem bald zusehends einer allgemeinen Naturalienwirtschaft Platz, spätestens jedenfalls als selbst der Staat seine Angestellten nicht mehr effektiv entlohnen kann. Die im Abwärtsstrudel des alten Systems schwächer werdenden staatlichen und klerikalen Autoritäten ignoriert Eemeli nun erst recht, oder er lässt sie einfach ins Leere laufen, wenn sie, von einem absurden Amtseifer getrieben, auf dem Fahrrad oder auf Skiern (Benzin gibt es nicht mehr) bis in seine Enklave vordringen. Irgendwann um das Jahr 2009 bricht dann der dritte Weltkrieg aus – von ihm ist im abgelegenen Norden, abgesehen von einem bruchlandenden arabischen Wasserstoffbomben-Flieger, jedoch nicht allzu viel Übles zu spüren. Bei allgemein schlechter Nachrichtenversorgung dringt zumindest durch, dass die alte Weltordnung gerade vollends im Chaos eines wahren Endzeit-Szenarios versinkt – doch die Siedlung nahe der russischen Grenze hat sich zu diesem Zeitpunkt schon lange zu einem gesunden Selbstversorgungsorganismus nach dem Vorbild ländlich-europäischer Dörfer des 19. Jahrhunderts entwickelt, der allerdings auf den Wissensstand des späten 20. Jahrhunderts bauen kann. Hier lässt es sich, verglichen mit den apokalyptischen Zuständen in den ehemals fremdversorgten Städten, recht angenehm leben.
Und das soll nun eine Utopie sein? Naja, vielleicht ist es eine, aber sie geht mir persönlich nicht weit genug. Die Siedlung am Ukonjärvi-See spiegelt doch zu sehr die herkömmlich-patriarchalen gesellschaftlichen Verhältnisse: Die Gemeinde hat einen Mann an der Spitze (auch wenn Eemeli mit milder Autorität, liberalem Geist und einiger Weisheit zu herrschen versteht), es gibt eine Blockhütte, die als Gefängnis dient, und einer der ersten errichteten Betriebe im Buch widmet sich der Produktion von Spirituosen – was vermutlich einen Seitenhieb auf die finnischen Trinkgewohnheiten darstellt. Eine weitere ironische Anspielung auf reale Verhältnisse dürfte die Beschreibung des von der Neusiedlung abseits gelegenen Alternativen-Ghettos „Grünberg“ der Kräuter- und Körnerfresser sein. Ja, es ist witzig, dass die Alternativen in diesem alternativen Bild keinen integrierten Platz haben, weil sie so eigenbrötlerisch, versponnen und sektiererisch sind. Aber der Witz spiegelt eben auch ein Stück trauriger Realität: Ist das eine Botschaft an die Ökodorf- und Gemeinschafts-Szene?
Ein einziges Mal wird die alternativ-patriarchale Idylle wirklich „bedroht“, und zwar als sich ein gigantischer Flüchtlingstreck bestehend aus über 40 000 Frauen, ihren Kindern und einigen wenigen Alten, aus Asien kommend, durch die finnisch-russischen Wälder vorwärtsarbeitet. Was, wenn all diese Menschen beschließen, sich auf dem Gelände der Kirchenstiftung niederzulassen? Doch Bürgermeister Eemeli versteht es, den landsuchenden Tross mit List in eine benachbarte, bevölkerungsarme Region des Landes umzuleiten.
An dieser Stelle verpasst es der Autor leider, seine Satire zu einer echten Utopie zu machen. Die Frauen waren in einer „lautlosen Friedensdemonstration“ mehr als fünf Jahre zuvor ihren kriegführenden Gatten in Indien und Pakistan entlaufen und hatten in dieser Zeit nicht nur einen Kontinent durchwandert, sondern offenbar auch eine funktionierende interne Ordnung kultiviert. Ebenso wie beim Dorfprojekt ist auch bei der Beschreibung der Frauenkarawane so etwas wie eine menschliche Alternative zum sonst allgegenwärtigen Wahnsinn spürbar. Man bedenke nun das utopische Potenzial, das die Synthese zwischen dem autarken Dorfprojekt am Ukonjärvi und der einwandernden Müttergesellschaft bedeutet hätte!
Leider jedoch reichte offenbar die ansonsten sprühende Phantasie von Arto Paasilinna für diesen paradigmalen Quantensprung nicht aus, und der vieltausendköpfige Frauentreck bleibt im „Weltuntergang“ nur eine nicht weiter verfolgte Nebenepisode.
Zwei „John-Seymour-Romane“
Für einen anderen Aspekt des Romans gebührt Paasilinna hingegen ein ordentliches Lob – und das gilt in verstärktem Maß sogar noch für den „Erntemond“ von Rudolf Marko: Beide Autoren lassen ständig ihre helle Freude an den traditionellen Handwerks-, Haushalts-, Landwirtschafts-, Jagd- und Fischereitechniken erkennen, so dass ich geneigt bin, beider Werke als „John-Seymour-Bücher in Romanform“ zu klassifizieren (nach Seymours berühmten, bilderreichen Büchern über die Techniken unserer Groß- und Urgroßeltern). Doch selbst seine eigene Lust an tiefen Einblicken in die Handwerkskünste ist bei Arto Paasilinna nicht gefeit vor ironischer Übertreibung, wenn er schließlich bis ins Detail die Übungsoperation am offenen (kranken) Herzen eines altersschwachen Braunbären beschreibt, die der medizinisch interessierte Dorfpolizist mit viel Improvisation sowie der Hilfe eines alten Fachbuchs und eines rasch einberufenen dörflichen OP-Teams durchführt.
Am Ende, das sei an dieser Stelle verraten, setzt der Finne noch eins drauf auf das bis dahin gar nicht so unrealistische Untergangsszenario: Nach der menschengemachten Apokalypse besiegelt der Kosmos in einem Polsprung-artigen Vorgang das Ende der alten Zivilisation. Doch auch als die Sonne beginnt, aus einer anderen Richtung zu scheinen, wissen die Siedler am Ukonjärvi, dass sie sich irgendwie an die neuen Gegegebenheiten anpassen werden.
Eine wahrhaft andere Welt
In der Handlung von „Erntemond“ sind wir gewissermaßen schon einige Zeit weiter, das Ende der modernen Zivilisation liegt in dieser Story bereits 80 Jahre zurück. Eine dubiose Pandemie hatte damals, um das Jahr 2010 herum, sämtliche Menschen im mittleren Lebensabschnitt hinweggerafft und nur die Kinder und Greise übriggelassen –womit wir bereits beim einzigen Punkt wären, den ich an der großartigen Utopie „Erntemond“ zu kritisieren habe: Denn während ich die gesamte Handlung gut nachvollziehbar und die meisten Details sogar sehr stimmig fand, weiß ich (heute) mit einem Seuchenszenario nichts mehr anzufangen. Das hat schlicht mit der Lektüre von Claus Köhnleins und Thorsten Engelbrechts überzeugender Medizin-Kritik „Virus-Wahn“ zu tun. Dieser Einwand jedoch nur am Rande; weiter in der Story:
Rund 80 Jahre nach dem Zusammenbruch des alten Systems, der sich schon vor Ausbruch der Seuche angekündigt hatte, müssen die Überlebenden und deren Kinder nun überall auf der Erde auf bedeutend einfachere Weise zurechtkommen; immerhin hat man hier und dort wieder eine wacklige Post- und Reiseinfrastruktur aufgebaut. Der Ich-Erzähler Charles „Chas“ Meary aus dem auferstandenen Königreich Bayern (mit 30 000 Einwohnern das größte Land des in Regionen zerfallenen Europas!) berichtet im Buch auf stolzen 845 Seiten, wie er für ein Jahr in eine bäuerliche Clan-Gemeinschaft im ehemaligen Kanada zieht, um dort nach der geheimnisumwitterten Herkunft seiner verstorbenen Frau zu forschen. Im Verlauf der Geschichte wird dem Leser bald klar, wie anders die gesellschaftlichen Verhältnisse auf der ausgedehnten Insel Megumaage nicht nur im Vergleich zur heutigen Wirklichkeit, sondern auch im Vergleich zu anderen fiktiven Weltgegenden im Roman sind. Denn während sich in den meisten Teilen der Welt nach dem apokalyptischen Schock allmählich doch wieder das altbekannte Patriarchat etabliert – mit Herrschaft, Staat, Geld und Krieg – haben die Menschen am Haupthandlungsort der Geschichte Konsequenzen aus dem Kollaps des alten Systems gezogen und sind zu einer Lebensweise zurückgekehrt, die man wohl mit einigem Recht als matriarchal bezeichnen darf. Männer und Frauen aus unterschiedlichen ethnischen und religiösen Hintergründen wohnen und arbeiten hier im Großen und Ganzen sehr friedlich zusammen, sie sind in übersichtlichen und gleichberechtigten Familien organisiert und wählen nach indianischem Vorbild eine weise Clanmutter aus ihrer Mitte; Entscheidungen werden im matriarchalen Konsensverfahren getroffen.
In dieser späten Manifestation des amerikanischen Traums herrscht eine allgemeine religiöse Toleranz bzw. ein fröhlicher Synkretismus, wobei selbst die Mehrheit der bekennenden Christen wesentliche Vorstellungen und Rituale einer schamanisch-matriarchalen Spiritualität integriert hat. Die Leute sprechen Englisch sowie die Sprache der regional ansässigen indianischen Ureinwohner. Gewalt und überhaupt jegliches lebensfeindliche Verhalten (auch gegenüber der Natur) wird nicht toleriert – und das sind nur die grundlegendsten Merkmale einer faszinierenden Menschengesellschaft, die im Verlauf von Chas’ Aufenthalt immer facettenreicher erscheint. Der einzige Aspekt der von Marko gezeichneten Gesellschaft, welcher nicht mit meinem Verständnis matriarchaler Werte übereinzustimmen scheint, ist die auf Megumaage herrschende restriktive Sexualmoral: Körperliche Zärtlichkeiten vor der Ehe sind nicht vorgesehen, und vor jede Heirat ist eine dreijährige Verlobungszeit gesetzt!
Zunehmend interessant erschien mir denn im Verlauf der Buchlektüre auch der Autor Rudolf Marko selbst, den ich nur zu gerne nach seinen Quellen und ethnologischen Vorbildern befragt hätte. Von ihm ist jedoch im Internet nicht viel mehr zu erfahren als auf dem Waschzettel seines Buchs: „Marko wurde 1937 geboren“, steht dort, „er wuchs in Südböhmen, Österreich und Deutschland auf, war viele Jahre im Schuldienst tätig, davor und danach auch als Straßenbahnschaffner, Briefträger, Fabrikarbeiter“ sowie – aha! – auch „als Schreiner und Zimmermann. Seit 1979 lebt er mit seiner Familie auf einer Farm in Kanada. “ Auf den Seiten des Fischer-Verlags, der nach dem Krüger-Verlag eine weitere Auflage herausgebracht hat, ist immerhin zu erfahren, dass Rudolf Markos Erstlingswerk in Deutschland ein großer Erfolg gewesen sei. Trotz einiger Nachfolge-Romane ist über Marko darüber hinaus nichts weiter zu erfahren.
Ein geheimnisvoller, zurückgezogener Autor – das passt ganz gut zum Buchinhalt, der manchmal über viele Seiten von einfühlsamen Natureindrücken geprägt ist. Marko ist hier offensichtlich stark inspiriert von seiner Wahlheimat, und es ist ihm ein deutliches Bedürfnis, seine gesellschaftliche Vision mit den Lesern zu teilen. Die Erzählgeschwindigkeit hat er an den wenig hektischen Rhythmus von Land und Menschen angepasst, und manchmal scheint über viele Seiten nicht viel zu passieren. Das mag in der heutigen Zeit gewöhnungsbedürftig sein, trägt aber letztlich zum Sog bei, den die Geschichte und ihre Atmosphäre auf diejenigen Leser auszuüben beginnt, die dranbleiben.
„Erntemond“ ist schöne Literatur. Ich kann das Buch aber nicht so sehr wegen eines besonders intensiven Spannungsbogens empfehlen, sondern vor allem aufgrund seiner Werte, seiner stimmigen sozialen und spirituellen Vision sowie der realistischen Vermittlung einer Lebenswelt ohne Hochtechnologie.
Vollauf möchte ich mich dem Rezensenten der Süddeutschen Zeitung anschließen, der bei Erscheinen des Buchs vor rund zwölf Jahren begeistert zu berichten wusste: „Die gerechtfertigt harsche Zivilisationskritik des Autors kommt keineswegs didaktisch-dröge daher – im Gegenteil: Wir Leser sind gefangen und fasziniert von dieser Lektüre. (…) Marko schenkt uns die Vision, dass ein ganzheitliches, friedliches, nicht fremdbestimmtes Leben im Einklang mit uns selbst und unseren wirklichen Bedürfnissen möglich sein könnte.“
Als anschauliche Vision einer zukünftigen matriarchalen Gesellschaft verdient „Erntemond“ eine allgemeine Neuentdeckung – ganz unabhängig davon, ob das derzeitige System nun crasht oder durch einen holprigen Übergang (s. S. 36) überwunden wird, der auch danach noch angepasste Hochtechnologie zulässt. ♠
Arto Paasilinna: Nördlich des Weltuntergangs, BLT/Lübbe 2005 , ISBN 978-3-404-92192-8, 317 Seiten, 7,95 Euro
Rudolf Marko: Erntemond, Krüger, Frankfurt 1997, ISBN 978-3810508607, 845 Seiten, vergriffen, über Internetantiquariate gut erhältlich.
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