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Wissensjäger
erschienen in Ausgabe 162  PDF-Version (144.21 KB)
Earl Stevens berichtet aus der Praxis des Freilernens in den USA.

Am Beispiel seiner persönlichen Erfahrungen mit schulischer wie mit selbstverantwortlicher Bildung in den USA geht Earl Stevens der Frage nach dem Lernen auf den Grund. Sein Beitrag gibt Einblicke in eine Diskussion, die hierzulande mangels Erfahrung mit freiem Lernen noch nicht auf breiter Basis geführt werden kann.


Es ist für Eltern sehr befriedigend, zu erleben, wie ihr Kind dem Wissen nachjagt. Für Kinder ist das natürlich und gesund, und in den ersten paar Lebensjahren findet diese Jagd in jeder wachen Minute statt. Aber nach wenigen Jahren gehen die meisten Kinder in die Schule. Die Schulen wollen auch sehen, dass die Kinder dem Wissen nachjagen, aber Schulen wollen, dass die Kinder hauptsächlich das Wissen der Schule verfolgen und zwölf Jahre ihres Lebens dafür verwenden.

Ein System, das nichts neues lernt
Als er zum New Yorker Lehrer des Jahres 1990 ernannt wurde, sagte John Taylor Gatto in seiner Dankesrede: „Die Schulen wurden von Horace Mann und anderen als Instrumente zur wissenschaftlichen Verwaltung einer Massenbevölkerung entworfen.“
Der traditionelle Lehrplan basiert auf der Annahme, dass Kinder vom Wissen der Schule gejagt werden müssen, weil sie ihm ihrerseits niemals nachjagen würden. Da in Schule Wissen als Schularbeit definiert ist, ist es für Erzieher naheliegend, dass Kinder ungern Wissen erlangen. So wurde Beschulung zu einer Methode, um Kinder zu kontrollieren und zu zwingen, das zu tun, was immer die Erzieher bzw. Lehrer (und deren Auftraggeber) für sie für gut hielten.
Die meisten Kinder mögen dergleichen Aufträge nicht: Lesebücher, Übungshefte, Abfragen, mechanisches Auswendiglernen, Stundenpläne und längere Zeiten körperlicher Inaktivität. Das wird offensichtlich – sogar bei höflichen und kooperativen Kindern –, wenn man sie fragt, ob sie gern mehr Stunden auf dem Stundenplan hätten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten solch ein Angebot ablehnen.
Die Arbeit eines Schullehrers ist nicht dieselbe wie die von Freilerner-Eltern. In den meisten Schulen werden Lehrer eingestellt, um einen vorgefertigten, standardisierten Lehrplan jahrelang fünfundzwanzig altersgleichen Kindern, den ganzen Tag eingesperrt in einem Gebäude, nahezubringen. Der Lehrer muss einen Standardlehrplan benutzen – nicht, weil das der beste Ansatz wäre, ein individuelles Kind dazu zu ermutigen die notwendigen Dinge zu lernen, sondern weil es ein bequemer Weg ist, eine große Anzahl von Kindern abzufertigen und im Auge zu behalten. Der Schullehrplan ist nur verständlich, wenn klar ist, dass er die Aufgabe erfüllt, in das tägliche Chaos eine administrative Ordnung zu bringen und frustrierten Kindern und unberechenbaren Lehrern Anweisungen zu geben. Es ist ein System, das sich ständig aus sich selbst heraus fortsetzt aber nie wirklich Neues riskiert.

Unbeschulte Kinder tun den ganzen Tag lang „wirkliche“ Dinge
Freilernen ist keine pädagogische Methode,
 sondern es ist eine Haltung, Kinder und das Leben zu betrachten. Doch trotz der Unterschiede zwischen Schulumgebung und Zuhause fangen viele Eltern den Heimunterricht unter dem Eindruck an, dass sie dabei irgendeine Variante des traditionellen Lehrplans der öffentlichen Schulen verfolgen müssten. Durch die Idee vorbelastet, dass die Bildung der Freilerner der schulischen gleichartig sein müsse, nehmen Bildungsbeamte an, dass wir ihre pädagogischen Ziele teilen und dass wir unsere Kinder nur zu Hause lassen, weil wir nicht wollen, dass sie in Schulgebäuden sind. Lehrbuch- und Lehrplanverlage (in den USA) geben sich viel Mühe, uns zu versichern, dass wir ihre Produkte kaufen müssen, wenn wir wollen, dass unsere Kinder eine vernünftige Bildung erhalten. Inmitten von all dem kann es für neue Heimschulfamilien schwierig sein, sich vorzustellen, dass ein alternativer Ansatz möglich ist. Ein alternativer Ansatz ist Unschooling, Freilernen, auch als natürliches, erfahrungsbasiertes oder unabhängiges Lernen bekannt.
Freilernen ist kein Rezept, und daher kann es nicht wie ein Rezept erklärt werden. Es ist unmöglich, Leuten „Freilern-Anweisungen“ zu geben, damit sie es eine Woche oder so ausprobieren können, um zu sehen, ob es funktioniert. Freilernen ist keine Methode, es ist eine dem Leben zugewandte Art, die Kinder und das Leben zu betrachten. Es basiert auf dem Vertrauen, dass Kinder und Eltern die Wege finden werden, die für sie am besten funktionieren – ohne davon abhängig zu sein, dass ihnen Bildungsinstitutionen, Verlage oder Fach­leute vorschreiben, was zu tun ist.
Freilernen bedeutet nicht, dass Eltern ihren Kindern niemals etwas beibringen könnten, oder dass die Kinder alles im Leben völlig allein und ohne die Hilfe und Führung ihrer Eltern lernen sollten. Freilernen bedeutet auch nicht, dass die Eltern jegliche aktive Teilnahme an der Bildung und Entwicklung ihrer Kinder aufgeben und einfach hoffen, dass etwas Gutes daraus wird. Und letztlich bedeutet Freilernen nicht einmal, dass Kinder nie an einem Kurs in irgendeiner Schule teilnehmen, da viele Freilerner-Familien Pläne für das College hegen.
Was ist dann Unschooling bzw. Freilernen? Ich kann nicht für alle sprechen, die diese Termini verwenden, aber ich kann über meine eigenen Erfahrungen sprechen. Unser Sohn hatte nie eine akademische Unterrichtsstunde, hat niemals Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften oder Geschichte beigebracht bekommen. Niemand hat ihm etwas über phonetisches Lesen erzählt. Er hat nie an einem Test teilgenommen oder ist gebeten worden, etwas durchzuarbeiten oder auswendig zu lernen. Wenn die Leute fragen: „Was macht ihr?“, antworte ich, dass wir unseren Interessen nachgehen – und unsere Interessen führen unausweichlich zu Wissenschaft, Literatur, Geschichte, Mathematik, Musik – all den Dingen, die Menschen interessiert haben, bevor irgendjemand sie als „Fächer“ betrachtete. Selbstverständlich interessiert sich auch unser Sohn dafür.
Ein großer Teil des Freilernens besteht darin, wirkliche Dinge zu tun – nicht, weil wir hoffen, dass das gut für uns ist, sondern weil sie aus sich selbst heraus faszinierend sind. In ihnen steckt eine Energie, die man nicht mit einem Lehrplan kaufen kann.
Nur wenige von uns stehen morgens mit der Bereitschaft für weitere „Lern-Erfahrungen“ auf, doch ich hoffe, dass alle von uns in der Stimmung für das Leben aufstehen. Kinder tun das immer – solange sie nicht krank sind oder das Leben für sie übermäßig belastend oder verwirrend gemacht wurde. Manchmal ist es schwierig für die Eltern, festzustellen, ob tatsächlich irgendetwas Wichtiges geschieht. Es ist ein bisschen, wie wenn man einem Garten beim Wachsen zuschaut. Wie genau wir den Garten auch untersuchen: Es ist schwierig, zu beweisen, dass in einem bestimmten Moment irgendetwas passiert. Aber wenn das Jahr voranschreitet, können wir sehen, dass viel gewachsen ist, still und natürlich.

Dem Leben vertrauen
Kinder verfolgen das Leben, und dabei verfolgen sie das Wissen. Sie brauchen Erwachsene, die der Unausweichlichkeit dieses natürlichen Prozesses vertrauen und jegliche Unterstützung bieten, die ihnen möglich ist. Heutzutage bewegen sich auch viele öffentliche Schulen weg vom traditionellen Lehrplan und suchen Alternativen zu fragmentiertem Lernen und stumpfsinniger Plackerei.
Wenn ich die für den Heimunterricht in unserem Staat notwendigen Papiere ausfülle, beschreibe ich kurz, was wir momentan tun und was wir ungefähr im nächsten Jahr vorhaben. Ich lege keine langen Bücherlisten dazu oder beschreibe die Schritt-für-Schritt-Fähigkeiten, die man mit dem Lehrplan assoziiert. Zum Beispiel erwähnte ich unter „Englisch und Sprachkenntnisse“, dass das „Lieblingsfach“ unseres Sohnes die englische Sprache sei. Ich verlor ein paar Worte über unsere Familienbibliothek. Ich erwähnte, dass unser Sohn sehr viel liest und für alles, was er schreibt, den Computer verwendet. Ich schloss damit, dass wir, „da er von sich aus schon so gut ist, entschieden haben, dass wir Sprachkenntnisse nicht als Fach einführen werden. Für uns ergibt es mehr Sinn, ihn seinem eigenen weiteren Erfolg zu überlassen.“
Freilernen ist eine einzigartige Gelegenheit für jede Familie, zu tun, was immer für das Wachstum und die Entwicklung ihrer Kinder sinnvoll ist. Wenn wir Gründe dafür haben, einen Lehrplan und traditionelles Unterrichtsmaterial zu benutzen, dann steht es uns frei, das zu tun. Sie sind aber keine Notwendigkeit, weder bildungsmäßig noch gesetzlich.
Wenn man Lehrbüchern und Tests gestattet, die Ziele und Werte bestimmende, treibende Kraft hinter der Bildung eines Kinds zu sein, ist dies zu Hause wie in der Schule ein Hindernis – nicht nur, weil es dem Lernen im Weg steht, sondern weil es dem Vertrauen zwischen Kindern und Erwachsenen im Weg steht. Diese Erkenntnis wird in der Praxis zunehmend reflektiert. Wie ich erwähnt habe, fangen sogar Lehrer an, den im vorhinein geplanten, dauerhaft gültigen Lehrplan als ein veraltetes Bildungssystem des neunzehnten Jahrhunderts in Frage zu stellen. Es gibt keinen Grund, warum Familien weniger flexibel und innovativ sein sollten als Schulen.
Dazu ein eindrucksvolles Zitat von der blinden Anne Sullivan (1866–1936), die ihrer ebenfalls blinden und anfangs auch taubstummen Freundin Helen Keller das Sprechen, Schreiben und Lesen beibrachte:
„Ich beginne, alle ausgefeilten und speziellen Bildungssysteme verdächtig zu finden. Sie scheinen auf der Vermutung aufgebaut zu sein, dass jedes Kind ein Idiot ist, dem das Denken erst beigebracht werden muss. Wohingegen das Kind mehr und besser – wenn auch weniger auffällig – denkt, wenn man es bei sich selbst sein lässt. Lass es frei kommen und gehen, lass es echte Dinge anfassen und seine Eindrücke selbst ordnen … Solch ein Lehren, das den Geist mit künstlichen Assoziationen füllt, muss man loswerden, bevor ein Kind unabhängige Ideen aus tatsächlichen Ereignissen entwickeln kann.“ (Helen Keller: The Story of My Life, 1902)
Freilernen stellt eine einzigartige Gelegenheit dar, aus Systemen und Methoden auszutreten und unabhängige Ideen aus tatsächlichen Erfahrungen zu entwickeln, wo das Kind tatsächlich dem Wissen nachjagt – und nicht anders herum.

Der Text dieses Artikels basiert auf einem Auszug aus dem Buch von Jan Hunt (Hrsg.): „Das Freilerner-Buch. Betrachtungen zum Leben ohne Schule“, Anahita Verlag, Winsen (Luhe) 2009.
Literaturempfehlung: Solveig Cornelia Thorwart: „Abenteuer Leben! Gegenwärtigkeit und Liebe im Familienalltag“, Anahita Verlag 2008.


  Autoren

Stevens, Earl

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Hier können Sie auch den in Ausgabe 155 erschienenen Artikel lesen

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