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Glücklichsein lernen
erschienen in Ausgabe 162  PDF-Version (102.03 KB)
Ein fiktives Gespräch zum Thema Freilernen.

Anders als Earl Stevens in seinem umseitigen Artikel können deutsche Eltern nur in seltensten Fällen von Erfahrungen mit freiem Lernen berichten. Die Skepsis, ob so etwas funktioieren kann, ist groß. Julia Dibbern charakterisiert die tastenden Versuche von Müttern, sich dem Freilernen anzunähern, in einem fiktiven Gespräch.


Sie sitzen zu dritt beim Brunch: Claudia, die Berufsschullehrerin, die sich für ihre Kinder etwas Besseres wünscht als das, was sie täglich sieht, Bettina, deren Sohn Jonathan die erste Klasse der örtlichen Grundschule besucht, und Petra, die nach leidvollen Erfahrungen an eben dieser Schule die jüngere Tochter an der 30 Kilometer entfernten Waldorfschule angemeldet hat.
Bettina würde ihren Sohn am liebsten zu Hause lernen lassen. In der Schule, sagt sie, ginge er kaputt. Es ist nicht so, dass er offen leiden würde. Er erzählt manchmal durchaus Positives. Aber es gibt immer wieder die Tage, an denen er die Füße entschlossen in den Boden stemmt und verkündet: „Ich will heute nicht in die Schule!” Wenn Bettina darauf nicht anspringt, wird er deutlicher, legt sich auf den Boden und weint: „Ich gehe da nicht hin!”
Nicht wenige aus Funk und Fernsehen bekannte Kinderpsychologen würden Bettina raten, hart durchzugreifen. Disziplin bitte. Und wenn das jetzt schon so anfange, würde er ihr in ein paar Jahren nur noch auf der Nase herumtanzen. Schließlich müssten wir alle auch mal etwas tun, das uns nicht gefällt. Bettina interessieren derartige Ratschläge nicht. Sie klärt kurz mit ihrem Sohn ab, dass sie den Vormittag bereits verplant hat, dass sie mindestens zwei Stunden lang konzentrierter Arbeitszeit braucht und währenddessen nicht ansprechbar sein wird. „Okay”, sagt er. Dann greift sie zum Hörer und entschuldigt ihn in der Schule. Sie erkennt das uncharakteristische „Trotz”-Verhalten ihres Sohnes als das, was es ist: ein Hilfeschrei. Eine klare Äußerung, dass diese Schule nicht unbedingt gut für ihn ist. Nicht nur an solchen dramatischen Morgenszenen sieht sie das. Es sind die vielen Kleinigkeiten, die ihr ins Herz stechen. Mit zotigen Witzen, die nicht seinem Alter entsprechen, kann sie zur Not leben. Aber wenn Jonathan, das freundliche, sanfte Kind, auf einmal anfängt zu schlagen, zu spucken, zu treten, meint sie, „dann hört das Hinnehmen auf”.
Gordon Neufeld, kanadischer Psychologe und Autor des Buchs „Unsere Kinder brauchen uns“, weist darauf hin, dass Aggression aus Frustration entsteht. Solange Frustration in Tränen verwandelt wird, findet Gehirnentwicklung statt – ist die Umgebung für Tränen nicht sicher genug, verhärtet das Herz, und der Frust wird als Aggression der Welt entgegengeschleudert. „Und wenn ich das sehe”, sagt Bettina, „dann tue ich das, was ím Tierreich jede Mutter selbstverständlich täte: Ich schütze mein Kind.”
„Es ist doch aber nicht alles schlecht an der Schule!” wendet Claudia ein. „Da gibt es doch auch so viel Gutes! Die Freundschaften zum Beispiel …“
„Braucht man für Freundschaften die Schule?” fragt Bettina zurück. „Jonathan hat sich in einem Dreivierteljahr ganze zwei Mal mit Kindern aus der Klasse verabredet – auf deren Initiative hin. Der ist nachmittags satt nach all dem Lärm und Trubel.”
Claudias Frage ist der „Klassiker“ schlechthin, die Frage nach der Sozialisation. Aber das ist bei freiem Lernen, wenn man den jahrelangen Erfahrungen und Studien aus dem Ausland glauben darf, so gut wie nie ein Problem.
Klassiker Nummer zwei ist die Äußerung, die Jonathans Lehrerin beim Elternsprechtag machte: „Ich muss bei meiner Arbeit auch Dinge tun, zu denen ich keine Lust habe.” Bettina hat geantwortet: „Sie haben sich aber um diesen Job beworben. Jonathan hat das nicht.” Weiter hat sie nicht diskutiert. Sie hat den Versuch aufgegeben, in den bestehenden Strukturen etwas ändern zu wollen. „Wo sollte ich auch anfangen?” fragt sie. Vielleicht bei der Erkenntnis, dass das unbeschadete Durchhalten unliebsamer Tätigkeiten vor allem mit Gehirnreife zu tun hat und weniger mit Zwang? Gordon Neufeld schreibt in seinem richtungweisenden Werk, dass die Fähigkeit zu gemischten Gefühlen eine Frage der Hirnentwicklung ist und dass diese nur in Sicherheit und Geborgenheit optimal stattfinden kann. Um nichts anderes handelt es sich letztlich beim Durchhaltevermögen.
Bettina wollte ihren Sohn nicht in die Waldorfschule schicken. 30 Kilometer waren ihr zu weit und die mehrere hundert Euro Schulgeld im Monat zu viel. Für Bettina klingt es wie ein Hohn, wenn sie politische Aussagen über die wunderbare Vielfalt der deutschen Bildungslandschaft hört. „Vielleicht ist es in München oder Berlin oder Hamburg so, dass man wirklich die Wahl hat”, sagt sie. „Hier auf dem Land nicht. Hier haben wir die Wahl zwischen staatlicher Schule mit Frontalunterricht und staatlicher Schule mit ab und an einem bisschen Projektunterricht.”
Natürlich sei dort nicht alles schlecht, antwortet sie ihrer Freundin Claudia. Für Jonathan passt es trotzdem nicht. Zu viel erzwungener Gleichschritt, zu viel Lärm, zu viel Aggression um ihn herum. Sie solle sich einmal das Buch „Das hochsensible Kind“ besorgen, riet Jonathans Lehrerin ihr beim Elternsprechtag. Bettina schaute es sich an und las den schönen Untertitel: „Wie Sie auf die besonderen Schwächen und Bedürfnisse Ihres Kindes eingehen“. Nein, dachte sie. Sensibilität gegenüber Lärm, Hektik und rohem Umgang ist keine Schwäche. Sensibilität sollte eigentlich der Normalzustand sein.
„Ende der sechziger Jahre stellten Professoren der Universität Tübingen unter ihren Studenten ein gravierendes Nachlassen der sensorischen Wahrnehmungsfähigkeit und der Aufmerksamkeit im Allgemeinen fest”, schreibt Joseph Chilton Pearce in „Die Biologie der Transzendenz“. Er erläutert, dass in den letzten 50 Jahren die durchschnittliche Wahrnehmungsfähigkeit extrem nachgelassen habe: „Der gesamte Lärmpegel einer noch nicht alphabetisierten Dschungelgesellschaft entspricht etwa demjenigen eines modernen Kühlschranks.”
Die Gehirnverknüpfungen sind nicht nur für Sensibilität und Kreativität entscheidend, sondern für den gesamten Blick auf die Welt, für Optimismus, Handlungsfähigkeit, Resilienz und vieles mehr. Und vielen Freilerner-Eltern geht es genau darum. Sie wünschen sich, dass die Gehirne ihrer Kinder auch nach dem sechsten Geburtstag noch weiterhin auf „Entzücken” und „Verzauberung” programmiert werden. Die Wissenschaft weiß heute, dass Realität nicht objektiv ist, sondern dass sie davon abhängt, wie wir sie sehen. Die Hirnforschung nennt das „Konstruktivismus”. Die französische Schriftstellerin Anaïs Nin beschrieb diese Tatsache bereits vor 50 Jahren: „Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wie wir sind.”
Bettina erzählt, sie habe sich am Anfang damit getröstet, dass in der Schule wenigstens nur Themen behandelt würden, an denen man in unserer Welt nicht vorbei kommt. Kein Kind in einer lesenden Umgebung wird es versäumen, lesen zu lernen, und auch an den Grundrechenarten kommt man nicht leicht vorüber. Wenigstens würden die wesentlichen Themen des Lebens unangetastet bleiben, dachte sie. Bis sie begriff, dass das menschliche Gehirn weniger Fakten als hauptsächlich und vor allem Zustände lernt. Diese in der Kindheit erlernten Zustände reproduziert es, wieder und wieder: Glück, Zufriedenheit, Angst. Es ist ein fantastisches Instrument. Und es spielt immer wieder die Melodie, die es am besten beherrscht. Besonders in den frühen Jahren wird es konditioniert auf den Zustand, den es danach wieder und wieder erzeugt. Schule als Ort kindlicher Prägung erhält durch dieses Wissen eine ganz neue Dimension.
Wenn wir dann Kinder sehen, die noch mit Begeisterung in die Grundschule gehen und spätestens nach drei Jahren die Lust am Lernen verloren haben, ist das eine Katastrophe. Dieser Schatz der frühen Kindheit muss bewahrt bleiben, man darf ihn nicht mit irgendwelchen Maßnahmen so lange überziehen, bis die Kinder sämtliche Lust und Freude am Lernen verloren haben, sagte der Gehirnforscher Gerald Hüther im Interview mit dem Deutschlandradio.
Viele Eltern, die Alternativen zur staatlich verordneten Bildung anstreben, möchten nicht, dass ihre Kinder auf Langeweile, Angst und Widerwillen konditioniert werden. Auch das beständige Warten auf ein Irgendwann, anstatt das Jetzt zu genießen, ist ein entscheidender Punkt. „Wenn du dies oder jenes gut gelernt hast, wirst du eine gute Zensur bekommen. Und dann wirst du einen tollen Abschluss machen. Und dann wirst du einen guten Job bekommen. Und dann darfst du endlich glücklich sein.” Der tragische Irrtum dieses Denkens besteht darin, dass der Zustand des Glücklichseins bis dahin gründlich verlernt sein wird – wenn Gerald Hüther Recht hat, bereits nach drei Jahren.
Jonathan ist nicht krank und war nie krank. Und obwohl es Bettina widerstrebt, trägt ihr Sohn beinahe jede zweite Woche eine Entschuldigung in die Schule, auf der steht, dass er leider, leider krank war und nicht am Unterricht teilnehmen konnte.
„Aber machst du es ihm denn damit nicht unnütz schwer? Ist es nicht besser, wenn er eine klare Linie bekommt?” fragt Bettinas Freundin Claudia. Bettina zuckt die Achseln. Sie vertraut Jonathan. Er ist klug, einfühlsam, gesund und glücklich. „Und das”, sagt sie, „soll er auch bleiben.”
Bettinas Mann bewirbt sich derzeit verstärkt im Ausland.


Julia Dibbern, geboren 1971, arbeitet heute selbständig als Autorin und betreibt den Anahita-Verlag. Sie lebt mit ihrer Familie nahe Hamburg.

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Dibbern, Julia

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