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Eine post-fossile Zukunft ist möglich
erschienen in Ausgabe 162  PDF-Version (155.76 KB)
Der Erfolg der Transition Town Initiative im englischen Totnes. Gedanken und Berichte von John Croft.

In der letzten Ausgabe hat Kosha Joubert ausführlich die Methode des Dragon Dreaming vorgestellt, die der australische Tiefenökologe und Systemplaner John Croft entwickelt hat. Wie die verschiedenen Schritte „Träumen, Planen, Handeln, Feiern“ von Gruppen in der Praxis angewandt werden können, zeigt John Croft am Beispiel der erfolgreichen „Transition Town“ Totnes in Südengland.


Von März 2006 bis März 2007 hatte ich die Gelegenheit, als Lehrer und Lernender für den Planeten um die Welt zu reisen, Informationen und Ideen zu sammeln und diese mit sozialen, politischen und Umwelt-Aktivisten zu besprechen, die alle daran arbeiten, eine wirklich nachhaltige Gemeinschaft an ihrem Wohnort aufzubauen. Ende 2006 nahm ich an einem Treffen der Gaia Foundation in London teil, wo ich meinen alten Freund Stephen Harding traf. Ich folgte seiner Einladung nach Devon, wo ich die „Transition Town Totnes Initiative“ kennenlernte, eine der aufregendsten Initiativen auf meiner Weltreise.
Rob Hopkins, ein begeisterter und engagierter Permakulturist, hatte sie ins Leben gerufen. Er war aus Kinsale in Irland hergezogen, wo er bereits angefangen hatte, sich mit einem Energie-Sparplan für Gemeinden zu beschäftigen, um auf dieser Ebene den Übergang (transition) zu einer Energie-Wende zu befördern. Er betrachtete das als den entscheidenden Schritt, um den lebenswichtigen Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen.
Totnes ist eine kleine Stadt mit rund 8000 Einwohnern, am Fluss Dart in Devon gelegen. Durch Robs unerschütterlichen Einsatz ist Totnes die erste Energiewende-Initiative in Großbritannien geworden, d. h. eine Gemeinde, die sich kreativ um eine Zukunft bemüht, die den beiden Herausforderungen des „Peak Oil“ (Ölverknappung) und des Klimawandels gerecht wird. Statt diese doppelte Herausforderung als unüberwindbare Schwierigkeit zu sehen, ermutigt Rob uns, sie als eine fantastische Chance wahrzunehmen, um endlich Gemeinden zu schaffen, die so sind, wie die Menschen sie sich für ihre Zukunft wünschen.
Ein Team von engagierten Aktivisten, die sich für diese Themen interessierten, schloss sich Rob an. Sie organisierten 2006 eine Reihe von Filmvorführungen und Diskussionsveranstaltungen in der Gemeinde. Die „Peak Oil“-Problematik ist im allgemeinen weniger bekannt als die des Klimawandels und musste deswegen ausführlich erläutert werden. Peak Oil wird die Spitze der Ölförderung genannt, wenn das Maximum der Produktion aller Ölressourcen erreicht ist. Sie ist auch als „Hubbert Peak“ bekannt, nach dem Geologen Charles Hubbert, der in den 50er-Jahren vor­aussagte, die USA würden ihren „Peak Oil“ in den Siebzigern erreichen und infolgedessen zunehmend von Öl-Importen abhängig werden – was ja dann auch so eintrat. Wenn die Öl-Preise – wie vor kurzem geschehen – 100 Dollar pro Barrel überschreiten und wenn auf sechs verbrauchte Barrel nur ein neu entdecktes Barrel kommt, dann ist doch immer offensichtlicher, dass wir uns im Weltmaßstab dem globalen Peak Oil nähern oder ihn bereits überschritten haben. Was aber können wir tun, wenn unsere Gesellschaft mit ihrem Transportwesen, der Nahrungsmittelproduktion, der Industrie und der Beheizung der Wohnungen so abhängig von dieser Ressource geworden ist?
Die Filme und Diskussionen in Totnes vertieften das Verständnis jener Fragen so sehr, dass sich im September desselben Jahres die „Transition Town Totnes“ (TTT)-Initiative auf einem Treffen mit 400 Einwohnern, d. h. 5 Prozent der gesamtem Einwohnerschaft, offiziell konstituierte. Unterstützt von Bürgermeister und Gemeinderat, richtete TTT ein „World Café“ ein, um mit den Prinzipien der Open-Space-Methode alle interessierten Einwohner zu motivieren, sich mit den Herausforderungen unserer Zeit zu beschäftigen. Das führte im Februar 2007 zur Gründung von sechs Initia­tivgruppen.
Totnes kam die Nähe zum Schumacher College zugute, einer der führenden Think-Tanks und eine berühmte Trainings-Institution zur Förderung der Nachhaltigkeit in England. Viele begabte Lehrer und bekannte Forscher waren an dieser Institution tätig und unterstützten TTT bei ihren öffentlichen Treffen und den Trainings für die Mitglieder.
Ich selbst lehrte damals eine Zeitlang am Schumacher College und wurde so eingeladen, mit Rob Hopkins und dem TTT-Team zusammenzuarbeiten. Rob war an den „Dragon Dreaming“-Workshops interessiert, die ich anleitete. Dabei geht es darum, wie wir unsere Träume durch ungewöhnlich erfolgreiche Projekte verwirklichen. Er war besonders daran inter­essiert, wie wir jede Aktion mit Feiern und Wertschätzung verbinden, und an der Idee, dass es für Projektgruppen wichtig ist, ihre eigene Auflösung zu planen, sowie dass es eine Gruppe gibt, die die Projektgruppen unterstützt. Das war eine wichtige Erfahrung, die ich in den USA und in Australien gemacht hatte. Er wünschte sich TTT als eine solche Gruppe, die andere Projekte unterstützt und die Bewohner von Totnes ständig zu neuen Ideen und Projekten inspiriert.
Als Ergebnis ihrer Arbeit begann schließlich die ganze Gemeinde, an einem Plan zur Energie-Einsparung zu arbeiten. Das zentrale TTT-Koordinations-Team handelte wie ein „Project Support Project“, indem es andere Gruppen motivierte, sich mit speziellen wichtigen Fragen zu beschäftigen. Zur Zeit gibt es zehn Gruppen, die sich mit folgenden Fragen auseinandersetzen: Bauen und Wohnen; Ökonomie und Lebensweise; Erziehung; Energie; Nahrung; Gesundheit und Wohlergehen; Herz und Seele; Kunst und Kultur; Transport; Verwaltung und Unterstützung.
Jede Gruppe ernennt ein Mitglied für das TTT-Koordinations-Team. Dieses Team kümmert sich um die Gruppen mit Beratung, Information, Training und Unterstützung und agiert als zentrale Koordinationsstelle für Informa­tionsaustausch und gemeinsame Initiativen. Aber auch die Gruppen unterstützen neue Projekt-Initiativen und Individuen bei der erfolgreichen Verwirklichung ihrer Ideen. Wenn z. B. jemand eine Tour zu ökologischen Hausbau-Initiativen und Ökodörfern in der Region organisieren möchte, bekommt er Unterstützung von der Gruppe, die sich mit Bauen und Wohnen beschäftigt.
Zur Zeit haben sich rund zwanzig Projekte gebildet, die aus individuellen Initiativen entstanden sind, etwas Eigenes tun und doch mit den allgemeinen Zielen von TTT verbunden sind. Menschen mit Ideen werden eingeladen, zunächst Unterstützer für ihr Projekt zu finden und sich dann einer der zehn Themengruppen anzuschließen. So hat z. B. die Gruppe „Ökonomie und Lebensweise“ sechs angeschlossene Projektgruppen, die sich mit folgenden Fragen beschäftigen:
Eine Tauschbörse, wo freie Geschäftsressourcen getauscht werden können; Stromsparende Beleuchtungen für die Straßen; Erneuerbare Energien für Unternehmen; Anhörungen zur Öl-Abhängigkeit der lokalen Unternehmen und zu den möglichen Einsparungen; Unterstützung für Unternehmen, Ressourcen effizienter zu nutzen; die Einführung des „Totnes Pound“, einer alternativen Währung, die mittlerweile als legale Währung von 70 Geschäften in der Stadt akzeptiert wird.
Die Nahrungs-Gruppe z. B. hat eine Saat- und Pflanzenbörse initiiert, um die Vielfalt einer Samensammlung zu fördern, sowie ein Projekt, das zur Pflanzung von Nussbäumen ermutigt, einen lokalen Nahrungsführer, ein Projekt zur Bewahrung der Fischbestände und ein Projekt, das zur lokalen Nahrungsversorgung und zu Schrebergärten ermutigt.
Die Gruppe für Bauen und Wohnen hat drei Untergruppen. Eine konzentriert sich auf einen nachhaltigen, lokalen Entwicklungsplan, um sicherzustellen, dass Gesichtspunkte der Nachhaltigkeit bei allen lokalen Entscheidungen berücksichtigt werden. Eine andere, die Öko-Baugruppe, sammelt Fähigkeiten und gibt Ratschläge, Informationen, Trainings und Unterstützung, um eine Öl-arme Ökonomie aufzubauen. Und dann gibt es noch eine Co-Housing-Gruppe, der es um eine lebendiges Zusammenleben geht, das weniger abhängig ist von privaten Autos.
Eine interessante Innovation der TTT-Initiative ist die „Herz-und-Seele“-Gruppe, die Energie-Einsparung mit wachsendem Bewusstsein verbinden will. Die Gruppe arbeitet bei all ihren Aktivitäten effektiv mit Methoden wie Brainstorming und dem Visualisieren von Ideen (Mind-Mapping), so zum Beispiel im Rahmen des 10-Wochen-Trainings „Skilling Up for Power Down“ („Mach Dich fit für‘s Energiesparen“).
Auch die Landbesitzer wurden einbezogen. Im Juni 2007 wurde eine ganztägige Veranstaltung zum Thema „Landbesitz in Zeiten des Übergangs“ im Gemeinschaftsprojekt Dartington Hall abgehalten. Die Landbesitzer der Region trafen sich dort, um zu besprechen, wie „Peak Oil“ und Klimawandel ihre Management-Entscheidungen beeinflussen und wie sie besser mit den lokalen Transition-Initiativen zusammenarbeiten könnten.
Das Internet ermöglicht einen raschen Austausch der vielen Gruppen. Jede Gruppe berichtet über den Stand ihres Projekts, über die geplanten Aktivitäten und darüber, wie mehr Menschen einbezogen werden können.
Ideen für neue Projekte werden ständig ausgebrütet. So suchen z. B. Initiativen, die alte Häuser energieeffizienter machen wollen, mit Hilfe der Gruppe „Bauen und Wohnen“ nach Menschen, die ebenfalls daran Interesse haben. Eine andere Initiative, die mit der zentralen TTT-Koordinations-Gruppe verbunden ist, bemüht sich, Fertigkeiten, die in der Gemeinde früher verbreitet waren, wieder neu zu erlernen, um den Übergang erfolgreich zu meistern.
Ein nützlicher Online-Kalender erlaubt den Gruppen, ihre zukünftigen Initiativen anzukündigen. Für den Monat April 2008 waren z. B. vierzehn Initiativen angekündigt.

Transition Culture weltweit
Angesteckt vom TTT-Virus breiten sich schon viele ähnliche Initiativen in der Welt aus, auch in Deutschland. Rob betreut die internationale Website www.transitionculture.org, die der Frage nachgeht: „Wie könnte der Übergang zu einer wirklich nachhaltigen, an fossilen Energien armen, energieeffizienten Kultur aussehen, die mehr einem Fest als einem Protestmarsch ähnelt?“ Auf dieser Website stellt er Kommunen Hilfsmittel zur Verfügung, die an TT-Initiativen interessiert sind. Er hat auch ein sehr erfolgreiches „Transition Handbuch“ geschrieben, um den Gemeinden überall in der Welt die Erfahrungen von Totnes weiterzugeben. Auf deutsch ist dieses Buch im letzten Jahr unter dem Titel „Energiewende – das Handbuch“ erschienen.
Rob selbst beantwortet die Frage, warum eine besondere „Transition-Kultur“ notwendig ist, auf seiner Website wie folgt: „Wir leben in einer faszinierenden Phase unserer Geschichte. Das gleichzeitige Auftreten verschiedener Herausforderungen, ganz besonders der globalen Erwärmung und des Peak Oil, haben uns an einen Punkt gebracht, wo wir entschieden herausgefordert werden, zu handeln. Wir werden bedrängt von statistischen Kurven und von Menschen, die uns erzählen, dass dies nun das Ende bedeute, dass wir zu weit gegangen seien, dass das Leben, so wie wir es kennen, unvermeidbar in Katastrophen zusammenbrechen wird – und das schon bald. Doch gleichzeitig rührt sich etwas sehr Kraftvolles und schlägt überall in der Welt Wurzeln: Menschen entscheiden sich für das Leben und drücken das in ihrem Alltag und in ihren Gemeinden aus. Sie fangen an, Peak Oil als eine große Chance zu sehen, um genau die Welt aufzubauen, von der sie immer geträumt haben. Jemand sagte mal während einer Gruppendiskussion nach der Aufführung des Films ‚The End of Suburbia‘: ‚Wir haben gerade gesehen, dass das Ende des Öl-Zeitalters den Zusammenbruch der industriellen Gesellschaft herbeiführt. – Gut so!‘ Das Maß der Herausforderung ist riesig, und die Widerstände sind zahlreich. Aber da ist auch eine wachsende Energie, um damit fertigwerden zu können, und ein neues Gefühl dafür, lebendig zu sein. Zu spüren ist auch eine Freude, wieder miteinander zu reden und einander zuzuhören, Visionen für unsere Wünsche zu entwickeln, dann die Ärmel hochzukrempeln und die Aufgaben gemeinsam anzugehen. Das ist keine Verleugnung der gewaltigen Probleme, mit denen wir es zu tun haben, sondern vielmehr eine praktische und natürliche Antwort auf sie.“

Wie beginnen?
Ausgehend von seinen Erfahrungen in Totnes hat Rob zwölf Schritte herausgearbeitet, die man beachten sollte:
1. Bildet eine Leitungsgruppe und bestimmt bereits am Anfang ihre Auflösung, sobald sich vier Untergruppen gebildet haben (siehe Schritt 5).
2. Vertieft zusammen mit euren wichtigsten Verbündeten und den aufgebauten Netzwerken euer Wissen über die potenziellen Auswirkungen von Peak Oil und Klimawandel.
3. Schafft Grundlagen, indem ihr existierende Initiativen nicht auf eine konkurrierende, sondern auf unterstützende Art miteinander verbindet.
4. Organisiert einen großen Start, der einen festlichen und denkwürdigen Meilenstein für den ernsthaften Beginn setzt. Sorgt für Essen, Musik und eine begeisternde Stimmung.
5. Bildet Untergruppen, um die kollektive Weisheit und Schöpfungskraft freizusetzen, die in der Gemeinde schon bestehen. Jede Untergruppe strebt danach, den Fußabdruck ihrer fossilen Energie zu minimieren. Das ist das Rückgrat eures „Plans zur Senkung der fossilen Energienutzung“.
6. Wendet die Open-Space-Methoden an, damit alles Notwendige zur Sprache kommt und die Menschen sichtbar werden. Open Space verhilft zu einer riesigen Sammlung von Ideen und fördert das Engagement der Teilnehmer.
7. Entwickelt so bald als möglich sichtbare und praktische Ergebnisse des Projekts, die es den Menschen leichtmachen, dieses als eine „Can-do“-Initiative wahrzunehmen.
8. Unterstützt die Wiederaneignung althergebrachter Fähigkeiten und Fertigkeiten. Das hilft auch, Verbindungen zu den vorherigen Generationen herzustellen.
9. Baut Brücken zu den lokalen Behörden. Die Wiederbelebung der Regionen hängt ab von der Nutzung der lokalen Ressourcen, und die lokalen Behörden spielen in diesem Prozess eine zentrale Rolle.
10. Nutzt die Erfahrung der Älteren. Sie haben noch Erinnerungen an den vorigen Übergang zum Zeitalter des billigen Öls (etwa 1930 bis 1960). Ihre Erinnerungen helfen uns, uns mit der Rückkehr zum teuren Öl zu konfrontieren.
11. Folgt dem Fluss. Um die Gemeinden mit einer Anpassungsfähigkeit an heftige äußere Veränderungen auszustatten, ist eine große geistige Flexibilität erforderlich. Dies bedeutet, einerseits am Ziel eines geringen fossilen Fußabdrucks unbeirrt festzuhalten und gleichzeitig unbegrenzt flexibel zu sein, was die Wege dahin angeht.
12. Entwerft einen Energie-Sparplan, der euch befähigt, als ganze Gemeinde dorthin zu gehen, wo ihr hin wollt.
Die Transition Town Initiative ist überzeugt, dass es möglich ist, zu einer post-fossilen Welt überzugehen und damit zu einer Lebensqualität zu gelangen, die größer ist als die heutige.


Der Tiefenökologe John Croft (60) arbeitet mit der Dragon-Dreaming-Methode am Community Building und am persönlichen Wachstum. Zur Zeit lebt er in Tüfingen am Bodensee und gibt Workshops in Deutschland.

Infos und Kontakt:
www.transitionculture.org
Rob Hopkins: „Energiewende – Das Handbuch“, erschienen bei Zweitausendeins.
http://totnes.transitionnetwork.org/Gaia.iinet.net.au/CVJC.htm;


  Autoren

Croft, John

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