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Gemeinschaft und Gesellschaft
erschienen in Ausgabe 162  PDF-Version (101.32 KB)
Wie werden Gemeinschaften gesellschaftsfähig, und wie wird Gesellschaft gemeinschaftlicher?

Mit jeder Krisenwelle werden die konventionellen Werte und Sicherheiten brüchiger. Immer mehr Menschen suchen nach alternativen Lebensformen, die ihnen wieder tiefere menschliche Beziehungen, Inspiration, Sicherheit und Geborgenheit bieten. Die bestehenden Ökodörfer und Gemeinschaften stellen jedoch für viele eine zu hohe Schwelle dar. Sind lockere gemeinschaftliche Netze, die die Menschen an ihren Wohnorten miteinander verbinden, eine erfolgversprechende Alternative?


Ich habe in den letzten 30 Jahren in den verschiedensten Gemeinschaften Europas gelebt, seit neun Jahren im Ökodorf Sieben Linden. Fast von Anfang an betreue ich hier gemeinsam mit anderen die sogenannten Projekt-Informations-Tage, kurz PIT genannt, die Anlaufstelle für Erstbesucher. An diesen Wochenenden erlebe ich viele unterschiedliche Menschen mit ihren Sorgen und Sehnsüchten. Sie wollen ökologisch leben und sehnen sich nach lebendigem Kontakt mit anderen. Das ist oft der tiefste Wunsch, der aber nicht selten gleichzeitig mit starken Ängs­ten beladen ist: „Werde ich in einer Gruppe bestehen? Werde ich akzeptiert? Muss ich mich vielleicht verbiegen? Wo bleibt meine Freiheit?“ Die Vorstellungen von Gemeinschaft werden immer noch stark assoziiert mit Unterordnung und Gleichschaltung.
Und doch wächst das Interesse kontinuierlich. Das Leben und Arbeiten in der krisenbedrohten Konsumgesellschaft wird immer unerträglicher. Immer mehr Menschen scheinen zu spüren, dass etwas grundlegend nicht stimmt und dass einschneidende, schmerzhafte Veränderungen auf uns zukommen (müssen). Alle materiellen Sicherheiten sind fraglich geworden. Es wächst das Bedürfnis nach Austausch, Geborgenheit und Schutz.

Hohe Schwellen überwinden
Die Hürden, um in ein Ökodorf wie Sieben Linden zu ziehen sind allerdings recht hoch: Eine mehrmonatige Probezeit ist notwendig, Umzug in ein neues Lebensfeld, Geld für Genossenschaftseintritt und Bauen. Das ist für viele eine zu hohe Schwelle, obwohl sie anders leben wollen.
Schon das globale Netzwerk der Ökodörfer GEN hatte in seinem Manifest 2008 festgestellt, dass die Gründung ­neuer Gemeinschaften und Ökodörfer nicht so rasch vorangeht, wie ursprünglich erhofft. Grundstückspreise, Restriktionen durch die Behörden und eine zunehmend individualistische Gesellschaft machen Neugründungen schwieriger als früher. Um dennoch stärker gesellschaftlich zu wirken, wird auf eine engere Zusammenarbeit mit den Behörden, Organisationen und Initiativen in den Regionen gesetzt.
Aber vielleicht sollte man diesen Gedanken noch weiter denken, sich mehr von bestimmten Formen gemeinschaftlichen Lebens lösen und stattdessen auf seine wesentlichen Qualitäten achten und nach neuen Formen suchen.
Was macht gemeinschaftliches Leben in seinem Kern aus? Ich glaube, es sind nicht so sehr das gemeinsame Eigentum oder bestimmte Regeln und Gewohnheiten. Meiner Erfahrung nach ist es zuvorderst die Möglichkeit zu tieferen menschlichen Begegnungen, zu Freundschaften, sowie die Bereitschaft, sich gegenseitig zu unterstützen sowohl in der persönlichen Entwicklung als auch bei den Anforderungen des Alltags. Ferner ist eine gemeinsame Ausrichtung auf ein größeres Ziel (geistig, ökologisch, sozial, politisch) für den Gruppenzusammenhalt und die utopistische Energie des Einzelnen enorm wichtig.
Natürlich schafft gemeinsames Eigentum und dessen Verwaltung (wie in der Ehe) eine tiefere Verbindlichkeit. Man geht nicht so schnell wieder. Aber man kommt auch nicht so leicht. (Aber wir wissen ja, Liebe und Freundschaft sind nicht nur in der Ehe möglich).
Wie könnte man die Schwelle senken? Es gibt in den Städten und Dörfern zahlreiche Beziehungsnetze, wie Verwandtschaften, Freundeskreise, Nachbarschaften, Interessengemeinschaften etc., aber es fehlt ihnen oft an jenen gemeinschaftlichen Qualitäten, weil diese nicht bewusst in den Blick genommen und kontinuierlich gepflegt werden.
Ich hatte jedoch immer wieder das Glück, in größeren und kleineren Städten lebendige Freundeskreise, Nachbarschaften und sogar Familien zu erleben, die in vielen der genannten Qualitäten sehr fortgeschritten waren, oft sogar qualifizierter als manche auf gemeinsamem Grund wohnende Gemeinschaft. Sie sind die verborgenen Oasen der Gesellschaft, sie speisen sich aus tradierten oder ganz neuen Quellen. Es geht also! Dann kann es auch nicht unmöglich sein – insbesondere, wenn man bewusst daran geht –, die vielen vorhandenen sozialen Netze mit gemeinschaftlicher Energie „aufzuladen“ oder gezielt neue gemeinschaftliche Netze mitten im Leben zu knüpfen.

Ein revolutionärer konservativer Gedanke
Es gab schon einmal diesen Gedanken, der im Kern auf eine Sozialpolitik mit einem ganz anderen Gesellschaftsverständnis hinausläuft. Nicht mehr die Verwaltung von Armut und Almosenverteilung sollte die primäre Aufgabe der Sozial­politik sein, sondern der Aufbau von gemeinschaftlichen Lebensformen. Diese sollten materiell und sozial von der Gesellschaft unterstützt werden, um dann selbstverwaltet und sich selbst versorgend aus eigener Kraft zu leben.
Dieser Gedanke – 1991 öffentlich von Sachsens konservativem Ministerpräsidenten Biedenkopf und dem revolutionären Philosophen Bahro diskutiert – mündete in die Gründung des LebensGuts Pommritz, einem gemeinschaftlichen Experiment, das jedoch leider in der Folgezeit die Politik nicht weiter in dem gemeinten Sinn beeinflusste.
Biedenkopf hatte schon 1985 in seinem Buch „Die neue Sicht der Dinge“ die „Wiederbelebung kleiner Lebenskreise“ als Ausweg aus der Gefährdung der menschlichen Ordnung gefordert. Staat und Individuum brauchten zu ihrer Vermittlung kleine, selbständige Lebenskreise. Nur in ihnen könnten Rücksicht und Toleranz gelernt und gepflegt werden. Sie seien unabdingbar für eine überlebenswichtige Ethik der Solidarität.
Das war ungefähr zur selben Zeit gedacht, als Rudolf Bahro seine Thesen „Kommune wagen“ veröffentlichte. Er sah Gemeinschaften ganz ähnlich als soziale Grundformen für eine neue, haushälterische Lebensweise. Ihre tiefste Wirkung sei kultureller Natur: die Etablierung neuer Werte in den Alltag, die Unterordnung der Ökonomie unter Ökologie, unter soziale Beziehungen und Selbstentfaltung. Ein tragendes und vereinigendes Netz gemeinschaftlicher Beziehungen müsse geschaffen werden mit lokalen Knotenpunkten größerer Konzentration (z. B. sozial-ökologische Lebens- und Wirtschaftsprojekte). Trotz dieses Zusammentreffens konservativen und revolutionären Denkens in einer postmodernen Sicht war die Zeit offenbar noch nicht reif für einen so altbewährten radikalen Gedanken. Heute taucht dieser Gedanke wieder auf als soziale Ergänzung zur finanziellen Forderung nach einem Grundeinkommen: Wie wäre es, Menschen, die an gemeinschaftlichen Netzen teilnehmen, sich somit ökologisch und sozial engagieren, bedingungslos mit einem Grundeinkommen auszustatten?

Ökodörfer und gemeinschaftliche Netze
Doch Biedenkopfs damalige Frage stellt sich auch heute: „Wer wird das tun? Wo sind die Menschen, die das wollen und die Fähigkeiten dazu mitbringen?“ Hier liegt für mich die wachsende gesellschaftliche Bedeutung der schon länger bestehenden Gemeinschaften und Ökodörfer: Menschen zu motivieren und zu befähigen, Ökodörfer aufzubauen oder gemeinschaftliche Qualitäten in die ganz normalen sozialen Beziehungen hineinzutragen – also als Schulen des guten Lebens zu wirken. Diese könnten im Verbund mit vielen solcher Netze eine entscheidende soziale und kulturelle Veränderung hin zu einer ökologischen und gemeinschaftlichen Gesellschaft bewirken.
Mit besonderem Interesse verfolge ich den Aufbau eines solchen gemeinschaftlichen Netzwerks am Bodensee. Es hat sich dort eine Kerngruppe von sieben Menschen gebildet, die ab Mai in einem altem Haus in der Nähe von Überlingen wohnen wird. Es gibt bereits Verbindungen zu weiteren Interessierten, die mit dieser Gruppe in einer Initiative für eine Energiewende am Bodensee zusammenarbeiten, an der auch der Tiefenökologe John Croft teilnimmt. Immer mehr Neugierige melden sich, die an diesem gemeinschaftlichen Netz und der Arbeitsgruppe teilnehmen wollen. Es können bis an die hundert Menschen werden, sie sollten nur in einem fahrradfreundlichen Umkreis von etwa zehn Kilometern wohnen. Es wird sinnvoll sein, in kleineren Untergruppen das soziale Leben zu pflegen, wobei jeder in seiner Wohnung weiterwohnen, aber auch mit anderen in einem großen Haus zusammenziehen kann. Das hängt von den persönlichen Wünschen nach Nähe und Privatheit ab.
Solche lebendigen Netze der Freundschaft, der Unterstützung und des Engagements würden helfen, dem Bild vom gemeinschaftlichen Leben „normalere“ Züge zu geben und es für viele attraktiver zu machen. Diese Netze könnten vor allem zeigen, dass wirkliche Individualität und Freiheit sich in Gemeinschaft mit anderen besser entwickeln kann als in isolierten Lebensumständen oder in anonymen und oberflächlichen Beziehungen. Das wäre eine kulturelle Wende von entscheidender Bedeutung.
Was wie kleine Schritte in eine neue Lebensqualität aussieht, könnte ein großer Schritt sein für das Entstehen einer gemeinschaftlichen Gesellschaft – als Teil einer solidarischen Weltgemeinschaft.


Wolfram Nolte (62), Soziologe und freier Journalist, zieht im Mai aus dem Ökodorf Sieben Linden zum Bodensee.
eurotopia.wn@siebenlinden.de>

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