Zukunftsvisionen aus dem Ökodorf Sieben Linden, aufgezeichnet von Julia Kommerell.
„Wie wirken wir in die Welt?“ An stillen Winterabenden versuchten Mitglieder der Gemeinschaft in Sieben Linden Antworten auf diese herausfordernde Frage zu finden. Die vielen unterschiedlichen Meinungen und Vorschläge reichten von der Gewissheit, auf dem richtigen Weg zu sein, bis hin zur Sehnsucht nach einem Regisseur, der weiß, wo es langgeht.
Über 100 Menschen haben sich in den letzten zehn Jahren in der Altmark in Sachsen-Anhalt zusammengefunden, um im Ökodorf Sieben Linden ein gemeinschaftliches und nachhaltiges Leben zu führen. Es werden Niedrigenergiehäuser mit Strohballen gebaut, es wird genossenschaftlich gewirtschaftet und biologisch angebaut und – meist vegetarisch und vegan – gegessen. Es gibt eine eigene Wasserver- und -entsorgung, Wärme und Strom kommen aus eigenen erneuerbaren Quellen (Holz und Photovoltaik). Das Leben in Gemeinschaft bedeutet auch: alle wichtigen Angelegenheiten gemeinsam zu entscheiden, sich untereinander abzustimmen, Konflikte auszutragen und sich durch gute und schlechte Zeiten unterstützend zu begleiten.
Die gegenwärtigen Ereignisse in der Finanz- und Wirtschaftswelt geben uns regelrecht Rückenwind. Stimmen werden laut: „Das haben wir ja schon immer gewusst, und wir haben schon vor 20 Jahren angefangen, unser Leben darauf einzustellen.“ Aber etwas ist anders, denn wir hören nun auch Aussagen wie: „Es bleiben nur noch wenige Jahre Zeit, einen verheerenden Klimawandel abzuwenden“, und: „Der Zeitpunkt, wo wir uns gut auf das Zeitalter nach dem Oil Peak hätten vorbereiten können, ist längst vorbei.“ Es fühlt sich so an, als müsste unsere jetzige Antwort effektiver und weitreichender sein als alles, was wir bisher gemacht haben, als müssten wir als Individuen weit über uns hinauswachsen, um das zu schaffen.
In dem Vertrauen, dass die Weisheit der Gruppe und die Vielfalt der Erkenntniswege uns den Weg zeigen würden, trafen wir uns in den Wintermonaten viermal in größeren Abständen. Was geschah an diesen Abenden, an was erinnere ich mich, was bleibt an Einsicht und Erkenntnis?
Einander zuhören
Die Reihe von Winterabenden begann mit einem Film zum Klimawandel. Ich erinnere mich an eine Weltkarte, die Hunger, Landminen und Rüstungsausgaben darstellte. Danach war Raum, die Gefühle und Gedanken auszudrücken, die jede und jeden umtreiben in Anbetracht der leidenden Menschen und der zerstörten Erde. Da sind viel Ohnmacht, Angst, Schmerz, aber auch Hoffnung, Liebe, Träume. „Es tut so gut, diese Dinge miteinander zu teilen, zu sehen, wo jeder steht im Moment“, sagt eine Mitbewohnerin. Denn wir wissen inzwischen, dass Schreckensbilder und Panikmache bei den meisten Menschen eher Widerstand und Ohnmacht hervorrufen als den Willen zur Veränderung. Darum brauchen wir neben der Anerkennung dessen, was ist, auch die Möglichkeit, unsere Gefühle dazu auszudrücken.
Der nächste Schritt galt der Wertschätzung dessen, was wir bisher tun, um in die Welt zu wirken. Eine Gemeinschaft von 80 Erwachsenen, das ist eine bunte Vielfalt von Antworten. Manche Menschen sind im klassischen Sinn politisch aktiv, sei es durch Mitwirkung in der Regionalpolitik oder durch politische Aktionen wie „Gendreck weg!“, Klimacamp, Anti-Atombewegung etc. Viele betrachten ihren Anteil am Aufbau des Ökodorfs als Beitrag zu einer gerechteren Welt – als Handwerker, als Eltern oder beim Mitwirken an der sozialen Struktur des Dorfs. Die offensichtlichste Außenwirkung hat der Seminarbetrieb. Menschen kommen und lassen sich inspirieren von der Möglichkeit, selbstbestimmter, freier und dabei ökologischer zu leben. Sie nehmen die Erkenntnis mit nach Hause, dass ein einfacheres Leben nicht nur Verzicht bedeutet, sondern die Lebensqualität steigert. Etwa 2000 Gäste besuchen jährlich das Ökodorf, eine Erweiterung des Seminarbetriebs ist nun geplant, ebenso eine Ausweitung der Öffentlichkeitsarbeit, damit das, wofür wir hier leben, weithin sichtbar und das Wissen zugänglich wird. Manche Menschen reisen dafür durch die Republik. Sie leiten Seminare, geben Projektberatung, halten Vorträge. Durch die Vernetzung mit dem globalen Ökodorf Netzwerk (GEN), dessen Sekretariat und Präsidentschaft dieses Jahr bei uns in Sieben Linden beheimatet ist, ergeben sich auch internationale Partnerschaften für nachhaltige Bildung. Das „eurotopia-Verzeichnis europäischer Ökodörfer und Gemeinschaften“, das in Sieben Linden produziert wird, ist schon seit Jahren ein wichtiger Leitfaden für GemeinschaftssucherInnen. Darüber hinaus gibt es sicherlich noch viel mehr, als hier genannt werden kann.
Herzöffnung
Und was braucht nun also die Welt von Sieben Linden? Was können wir tun, das der Welt gut tut? – Vielleicht ist es wichtig, noch einmal ganz neu, frei und träumerisch darauf zu schauen. In einer Traumreise begegnen wir TeilnehmerInnen einem fremden Wesen, um ihm genau diese Fragen zu stellen. Die Antworten konnten nicht mannigfaltiger sein, sie reichen von „Es gibt nichts zu tun“ bis zu einem „Strategieplan für die Region“. Die zentrale Antwort war jedoch „Herzöffnung“ sowohl im Inneren der Gemeinschaft als auch nach draußen in die Mitwelt.
„Kannst du das Leid in der Welt sehen und dein Herz dabei offen halten?“ Eine Teilnehmerin wird dies auf ihrer Traumreise von einem Afrikaner gefragt. Ja, wie können wir unser Herz öffnen, dabei das Ökodorf aufbauen und in der Welt wirken? Diese Frage legten wir dem „Worldcafé“ (einer dynamischen Methode, um in kleinen Gruppen zu diskutieren) zugrunde, der vierten Veranstaltung in der Winter-Reihe. Gemurmel füllt den Raum: „Was braucht es zur Herzöffnung, warum verschließen wir unser Herz?“ Mit einem weiten, offenen Herzen können wir womöglich ganz leicht ein Ökodorf aufbauen und gleichzeitig in der Welt wirken. Ein weites Herz heißt ja, eine tiefe Verbundenheit mit der Welt um uns herum zu fühlen. Das kann in jeder noch so flüchtigen Begegnung im Alltag beginnen. In jedem Moment können wir uns entscheiden, offen und herzlich dem anderen zu begegnen. In unserer Gemeinschaft können wir das in einem größeren Stil bewusst pflegen, z. B. bei unserem gemeinsamen Forum, wo es um emotionale Themen geht oder in Intensivzeiten, wo wir besonders viel Zeit miteinander verbringen, in Frauen- und Männerrunden usw.
Sich Zeit nehmen
Der Aufbau eines Ökodorfs braucht viel Aufmerksamkeit, Arbeit und Pflege. Es gibt viel zu tun und nicht immer sind wir dabei entspannt. Ein Termin jagt den anderen, z. B. Besprechungen, Material abladen, plötzlich eine notwendige Reparatur der Recycling-Anlagen, einen Aushang fertig machen, jemanden suchen für eine wichtige Absprache, zähe Verhandlungen über neue Entscheidungsstrukturen. Dazu kommt noch die soziale Intensität: ein Gespräch beim Frühstück entfaltet sich zur Hilfe in einer Lebenskrise, Konflikte wollen zeitnah gelöst werden, die Eltern sind sowieso ganztags von ihren Kindern gefordert. Reicht das nicht schon? Nun auch noch Herzöffnung? Ein Ergebnis des Worldcafés war es auch, dass wir uns wirklich Wertschätzung dafür geben sollten, dass wir ein ökologisch ganzheitliches Dorf aufbauen und gemeinschaftlich Leben im Alltag umsetzen. Das macht man nicht so nebenbei. Aber auch, dass wir uns Zeit nehmen sollten, um herauszufinden, was wir von Herzen gerne tun, denn dann können wir kraftvoller in der Welt wirksam werden.
Wie also wollen wir wirken?
Eigentlich hatten die OrganisatorInnen sich von dem Prozess etwas anderes erwartet: den Entschluss nämlich, uns als Sieben Linden auszurichten auf konkrete Projekte. Und nun ist das gemeinsame Nachdenken immer tiefer geworden und könnte auch noch weitergehen. Es scheint das Bewusstsein an der Basis des Ökodorfs zu bewegen und neu zu erschaffen. Konkrete Projekte sind ja schon zahlreich vorhanden und einzelne engagieren sich ohnehin weiter. Vielleicht nun mit neuer Klarheit und Kraft für die offenen Fragen.
Die Zeit des intensiven Projektaufbaus ist vorbei, und wir sind nun gefragt, unsere Fähigkeiten direkt einzubringen in unserem Land, in unserer Region. Mit der Empfehlung vom Worldcafé, nicht mit fertigen Antworten zu kommen, sondern gemeinsam mit der Gesellschaft zu forschen. Ein neuer Blickwinkel kommt hier von der „Transition Town Bewegung“ (Energiewende-Bewegung) aus Großbritannien (siehe vorangegangenen Artikel). Schon etliche Städte und Gemeinden auch in Deutschland haben mit dem „Energiewende-Konzept“ angefangen. Das könnte auch eine Option für die Gemeinden rund um Sieben Linden sein.
Es gibt also in diesem Moment der gewaltigen Umwälzungen auf unserem Planeten sehr viel für uns zu tun. Schön wäre es, wenn uns die Winterabende eine klare Antwort beschert hätten. Ein paar Teilantworten bekamen wir – ja, und in einer Gemeinschaft vielfältiger Individuen war eigentlich auch nichts anderes zu erwarten.
Für mich ist klarer geworden: Wenn wir gemeinsam unser Herz für die Geschehnisse in der Welt öffnen, „wachsen wir vielleicht irgendwann in die Antwort hinein“ (Rilke) und sicherlich weit über unsere Grenzen hinaus. Ich wünsche mir, dass wir uns einen Ruck geben, diese Öffnung zur Priorität in unserem Leben machen und jetzt unser volles Potenzial entfalten für den großen Wandel, der uns bevorsteht.
Julia Kommerell (38) lebt seit 2000 im Ökodorf Sieben Linden, arbeitet als Grafikerin (u. a. Illustratorin für Kinderbücher), engagiert sich in der Öffentlichkeitsarbeit für Sieben Linden und seit einiger Zeit besonders für den Klimaschutz.
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