Joachim Pfeffinger philosophiert über einen schwierigen Begriff
Regelmäßig befassst sich das „Konvergenz-Labor“ von Gandalf Lipinski und Elisabeth Möller mit dem Heimatbegriff. In Zeiten des Umbruchs scheint die Suche nach einem Getragen-Sein durch neue Formen des Zusammenlebens immer mehr ins Blickfeld bewusst lebender Menschen zu rücken. Joachim Pfeffinger hat hier bereits über das erste Konvergenz-Labor „Nach Hause kommen“ berichtet. Im Herbst 2008 war er zum Thema „Heimat“ erneut dabei.
Die wachsende Individualisierung des Menschen und das daraus hervorgehende Bedürfnis nach Freiheit und Unabhängigkeit führen heute zu einer zunehmenden inneren und äußeren Rastlosigkeit. War weit bis ins 19. Jahrhundert hinein Sesshaftigkeit auf einem Stück Land noch die Grundlage von Sicherheit und Heimat, lassen wir uns von dem Ungetüm eines globalen, auf Wachstum und Konsum ausgerichteten Wirtschaftslebens mehr und mehr eine bedingungslose Mobilität aufzwingen. So mancher Zeitgenosse wird dabei feststellen, dass der Ort, an dem er gegenwärtig sein Leben verbringen muss, eigentlich nicht der ist, an dem er gerne Wurzeln schlagen möchte. Fragen wie „Wo gehören wir hin?“, „Was tun wir eigentlich auf Erden?“ – also Fragen nach dem Sinn unseres Tuns und Seins – wurden bei mir durch das folgende Erlebnis ausgelöst: Die Enge des Elternhauses trieb mich weg vom Ort der Eltern und Geschwister in eine Stadt, in der ich ein Arbeitsverhältnis fand, um meine Existenz selbst sichern zu können. Mitgenommen habe ich das Gefühl der Heimat, das Wissen darum, dass da noch „die Meinen“ sind, zu denen ich stets zurückkehren darf. Eigentlich war ich noch zu Hause, obwohl sich mein Lebensmittelpunkt längst verschoben hatte. Eines Tages wurde ich gewahr, dass meine Eltern, mein Bruder und meine dort verbliebenen Freunde, mit denen ich viele Jahre meines Lebens verbracht hatte, nicht mehr diejenigen waren, die in meinen Erinnerungen lebten. Ein Gefühl der Entfremdung trat unumkehrbar in mein Wachbewusstsein. Das Bild der Heimat, das ich stets in mir trug, entsprach nicht mehr der Wirklichkeit, die ich vorfand. Zwei Welten prallten aufeinander: die erinnerte und die reale. Ein Schmerz überkam mich. Der Ort meiner Geburt und Herkunft war nur noch zu einem vorübergehenden Aufenthaltsort geworden. Doch erlaubte mir der Abschied vom „Zuhause“ – der Heimat – auch eine neue Sicht auf das bisher Ge-„Wohnte“, auf die Landschaft, die Stadt meiner Heimat, aber auch auf die Eltern, den Bruder und vor allem auf Menschen, denen ich früher keine Beachtung geschenkt hatte.
Nur Gefühlsduselei?
„Heimat“ ist ein existenzieller Begriff, der sich kaum objektiv fassen lässt. Neben dem Aspekt eines durch die globale Entwicklung in Gang gesetzten Massenexodus in die Großstädte ist mit Heimat für die intellektuelleren Zeitgenossen oft Gefühlsduselei und Kitsch verbunden, mit all den bekannten Klischees. Es soll auch Menschen geben, die Heimat an jedem Ort finden können, die keine Gebundenheit brauchen. Beim Konvergenz-Labor in Heckenbeck wurde Heimat mit dem gemeinschaftlichen Zusammenleben identifiziert. Dann standen wieder Landschaften mit Blick auf vergangene Kulturen im Vordergrund, also die Sehnsucht nach einem spezifischen Ort, verbunden mit bestimmten Lebensverhältnissen. Heimat wurde aber auch losgelöst von Orten und Zeiten verstanden: Dort, wo Menschen auf verschiedenen Ebenen im Gleichklang mit mir schwingen, finde ich Heimat, und die könnte dann auf der ganzen Erde sein.
So pluralistisch Heimat heute verstanden wird, handelte es sich geschichtlich zunächst um einen rein juristischen Begriff. Mit dem Einsetzen der Moderne im 18. Jahrhundert bis Mitte des 19. Jahrhunderts hing Heimat mit existenziellen Rechten zusammen. Die Berechtigung, an einem Ort sesshaft zu werden, war mit privatem Eigentum und Geld verbunden. Ausdruck für dieses Recht war der Besitz eines Heimatscheins. Ein Mensch ohne Heimatschein war zum Beispiel nicht berechtigt, zu heiraten. Mit dem Einsetzen der Industrialisierung in Mitteleuropa ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhhunderts (in England 50 Jahre früher) etablierte sich aus der Großfamilie der Bauern und Stadtbürger allmählich die Struktur der bürgerlichen Kern-Kleinfamilie. Mit dieser Entwicklung verschob sich die Bedeutung von Heimat weg vom juristischen hin zum heute noch gebräuchlichen, idealisierten Begriff. Heimat als Zuhause war der Ort und sozial kontrollierte Zusammenhang der Familie mit dem Elternhaus in der Landschaft, mit „heimischer Luft“ und allen damit verbundenen Konventionen und normativen Vorstellungen. Die oft als „Zelle des Gemeinwesens“ bezeichnete bürgerliche Familie hatte zweifelsohne eine sozial tragende Funktion. Sie bot heranwachsenden Menschen der gehobenen Bürgerschicht und später dem verbürgerlichten Industrieproletariat eine gewisse existenzielle Sicherheit und Geborgenheit. In Zusammenhang mit der institutionalisierten Religion und der Volksschule, repräsentiert durch den Dorfpfarrer und den Dorfschullehrer, war sie auch Ort der Wertevermittlung. Die kleinbürgerliche, zur Idylle hochstilisierte Familie war (und ist!) aber nicht selten auch ein Unort, durchsetzt von Gewalt gerade gegenüber Frauen und Kindern, und dies unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit. Der Familie soll natürlich nicht ihr Lebensrecht abgesprochen werden. Dort wo sie lebendig ist, bildet sie auch heute eine wichtige Grundlage für die individuelle und soziale Entwicklung eines Menschen. Doch scheint diese „Zelle des Gemeinwesens“ in Auflösung begriffen zu sein; parallel dazu verlieren die Religionen als kulturelle Institutionen ihre Bedeutung und droht das Bildungswesen zum verlängerten Arm einseitig orientierter ökonomischer Interessen zu verkommen. Junge Menschen finden so immer weniger Orte der Wertevermittlung.
Von Heimat reden wir offensichtlich erst dann, wenn wir von ihr getrennt sind und uns in der Fremde befinden. Der jeweils gegenwärtige Punkt der Betrachtung ist dabei eine Erinnerung an einen Zustand der Vergangenheit. Doch handelt es sich dabei nicht auch um ein Ideal, bei dem die negativen Momente gerne ausgeblendet werden? Wir sehnen uns nach etwas, was uns trägt wie „früher“, nach einem verlorenen Paradies. Die Vergangenheitssehnsucht ließ die bürgerliche Gesellschaft so manche Idee hervorbringen: so ist der „Hafen der Ehe“ ein Ersatzparadies, um sich an jemandem festzuhalten, der/die Erwartungen erfüllt, die ja zuvor immer schon erfüllt wurden. Dort, wo eheliche oder partnerschaftliche Beziehungen nicht zustande kommen, sind es oft Bruder- und Schwesternschaften aller Art, die eine Art Ersatzheimat bieten. Menschen, die von „der guten alten Zeit“ schwärmen, suchen soziale und geistige Zusammenhänge, die vor allem die Vergangenheit zelebrieren. Auch der Rückgriff auf die (guten) alten matriarchalen Zeiten vor dem „Ausbruch“ des (bösen) Patriarchats und der Versuch der Etablierung neuer Gemeinschaftsformen nach dem Muster alter matrilinearer Clans läuft zumindest Gefahr, sich in Illusionen zu verrennen: Rückgriffe als Anknüpfung für zukünftige Modelle des Zusammenlebens müssen immer die reale geistig-seelische Situation der Menschen der jeweiligen Zeit berücksichtigen, sonst bleiben sie Luftschlösser. Es kann auch offenbar werden, wie eng der Heimatbegriff mit Kultur im umfassenden Sinn verwoben ist, denn auch im kulturellen Gesamtgeschehen zeigen sich heute vermehrt restaurative Tendenzen, etwa das Aufkommen fundamentalistisch-religiöser und nationalistischer Bewegungen oder die Vorstellung, die gute, alte Heimat in Museen erhalten zu müssen, das Festklammern der Wissenschaften an „alten Schläuchen“ und vieles mehr. Der Zusammenbruch tragender Strukturen lässt gleichermaßen im Individuum wie in der Kultur im Ganzen die Sehnsucht nach der Vergangenheit brennen, weil offensichtlich eine Angst vor der (ungewissen) Zukunft besteht. Doch muss auch klar werden: Der Zerfall der ehemals tragenden verlangt nach der Gestaltung neuer Strukturen im sozialen wie kulturellen Bereich. Heimat als Vergangenheitsbegriff bedarf dabei der Ergänzung.
Heimat wird geschenkt
Heimat kann zunächst als Schutz, der uns als Kind umfing, aufgefasst werden. Wir wurden dabei geprägt: erstens geistig, indem uns Menschen geistige (ethische) Werte vermittelten und vorlebten, zweitens sozial-seelisch, indem wir durch Menschen „getragen“ wurden, drittens durch materiell-existenzielle Zuwendung und viertens durch die Umgebung als Landschaft. Und, insofern dieser Gedanke angenommen werden kann, liegt fünftens über allem eine karmische Prägung durch unser vorgeburtliches Sein. Als Kinder waren wir – für uns selbst zunächst unbewusst – der Mittelpunkt, dem von der Peripherie her (bedingungslose) Zuwendung zukam. Wenn heute vermehrt von der Ökonomie des Schenkens die Rede ist, kann festgestellt werden, dass in gesunden Familien- und Gemeinschaftsverhältnissen das Schenken-Wollen überhaupt die Grundlage für die Entwicklung aller ihrer Mitglieder – besonders für die Kinder – ist. Doch auch als Erwachsene bleiben wir bedürftig! Andere Menschen, auch solche, die uns durchaus unbekannt sind, arbeiten dabei ständig für unser Wohl. Wir schauen auf die Kleider an unserem Leib, das Haus, in dem wir wohnen, die Straßen, auf denen wir gehen und fahren, unsere Ausbildung oder so manche neue Weltsicht – es ist so vieles in unserem Sein, was uns durch andere Menschen in der Welt gegeben und oft auch geschenkt wird.
Spätestens gegenüber den „eigenen“ Kindern oder Kindern in Wahlverwandtschaften muss sich dann ein Perspektivwechsel vollziehen. Richtete sich zuvor unser Verlangen vom Mittelpunkt gegen den Umkreis, so muss nun ein Zweites hinzukommen: das Geben vom Umkreis zur Mitte. Wir erkennen, dass wir einerseits von den Kindern beschenkt werden, wissen aber auch um die Verantwortung, um unser Geben-Müssen aus eigenem Wollen, um den Kindern prägende und schützende Heimat zu schenken.
Das Gefäß tragender Gemeinschaften
Wir können uns unsere Heimat nie selbst schaffen. Indem wir in materieller, seelischer und geistiger Hinsicht bedürftig bleiben, bildet immer unser Umkreis unsere Heimat. Andererseits stehen wir als selbstbewusste Wesen zugleich im Umkreis und schaffen für andere Heimat. Würde der Mensch vor allem seine Bedürfnisse in den Vordergrund stellen und dabei vergessen, auch aus dem Umkreis heraus zu geben und zu schaffen, zerfiele jede soziale Ordnung. Wir würden heimatlos, und zugleich würde der Kulturstrom der Menschheit im Sand des Egoismus versiegen. – Auf diesem Weg befindet sich die globale Welt zur Zeit.
Heimat wird nur dann zum schützenden Gefäß tragender Gemeinschaften und somit für das, was bereits im 19. Jahrhundert als „sozialer Organismus“ bezeichnet wurde, wenn das Nehmen durch ein aktives Geben und Gestalten aus freiem Willen, aus Gemeinsinn ergänzt wird. Gleichzeitig gestalten wir die Erde zu einer globalen Heimat für alle Lebewesen um. Dieser Umgestaltungsprozess knüpft an sinnvolle Entwicklungen in der Vergangenheit an und schafft eine lebenswerte Zukunft. Ein Prozess, der auch mit Abschied und Zerstörung verbunden ist, denn Neues kann nur entstehen, wenn unbrauchbar gewordenes Altes sterben darf.
Tragen wir nicht die Sehnsucht nach einem Paradies in uns, womöglich nach jenem Paradies, das wir mit dem Eintreten in den Erdenplan verlassen mussten? Wir sind versucht, dieser Sehnsucht folgend, allerlei soziale Verhältnisse zu erdenken und zu konstruieren, um dieses Paradies zu schaffen. Jeder Versuch in dieser Richtung scheitert jedoch, wenn nicht bedacht wird, dass alle Menschen (mehr oder weniger) – neben den nach sozialer Geborgenheit strebenden Sehnsüchten – auch tief antisoziale (zu unterscheiden von asozialen) Kräfte in sich tragen. Im Geistigen bekämpfen wir uns oft im Meinungsstreit – verbunden nicht selten mit schmerzlichen Verletzungen und Zerwürfnissen. Unsere Urteile fällen wir seelisch durch den Filter von Sympathien und Antipathien hindurch, wodurch sie verfälscht werden. Mit dem Begriff der Liebe unterliegen wir als Handelnde nicht selten der Illusion, dass alles doch so einfach und gut sei, wenn wir nur liebten! Denn der heutigen Vorstellung von Liebe unterliegt oft reine Selbstliebe, die sich nicht selten in einer erwartenden Sexualität erschöpft. Solange Liebe nicht vergeistigt ist, kann sie sich auch destruktiv im sozialen Geschehen auswirken. (Hier soll nun nicht das Böse im Menschen beschworen werden, sondern die reale Wirkung der antisozialen Kräfte, die in alle Zukunftsvisionen berücksichtigt werden müssen.) So sollte die Schaffung von Heimat vom Vorwissen und Bestreben getragen sein, gleichzeitig unsere jeweils eigene Antisozialität zu verwandeln. Damit die Wirkung dieser Kräfte begrenzt wird, bedürfen das Soziale und die Kultur insgesamt einer Gliederung ihrer Handlungsbereiche und politischen Gefäße! Ob wir dabei die Dreigliederungsgedanken Rudolf Steiners oder die Viergliederung nach Johannes Heinrichs in Betracht ziehen, spielt zunächst keine Rolle – aber erst auf dieser Basis lassen sich neue Gemeinschaftsstrukturen und somit Heimat im erweiterten Sinn bauen.
Wir schaffen für andere Heimat
Die obestehende Grafik beruht auf dem Grundriss des ersten Goetheanums von Rudolf Steiner. Sie versinnbildlicht den Heimat-Kulturprozess. Vom zukünftigen Standpunkt der „neuen Erde“ schauen wir zurück auf die alte, vergangene (heutige) Erde, unsere erinnerte Heimat. Der Menschenkreis (= der vollkommene soziale Organismus/die neue Erde) beruht nicht mehr auf dem banalen System Mittelpunkt (= egoistische Erfüllung/Befriedigung von Eigeninteressen) und Peripherie (Erwartungen an den Umkreis oder nur pflichterfülltes statt freies Geben an die Mitte). Dieser (Menschen-) „Kreis des Apollonios“ oder „Divisionskreis“, eine eher unbekannte, aber durchaus geheimnisvolle Kreiskonstruktion, entsteht durch das gleichbleibende Verhältnis von jeweils zwei Punkten aus: ein Punkt (hier: Jupiter) liegt im Kreis – jedoch nicht in dessen Mitte –, der zweite Punkt (die Sonne) außerhalb desselben. Jeder Mensch ist Teil des Umkreises, steht aber auch im Kreis als Bedürftiger. Wir wachsen über uns hinaus, indem wir unsere Bedürfnisse aktiv ins Verhältnis zu den Bedürfnissen der anderen Menschen setzen. Unsere Umkreistätigkeit, das Schaffen von Heimat und Kultur, verrichten wir idealiter bedingungslos, auch schenkend. Wir schaffen für andere Heimat, ohne von diesen eine Gegenleistung zu erwarten, was nur möglich ist, wenn uns (privater) Besitz unbedeutend geworden ist. Dieses Über-uns-Hinauswachsen bedeutet zugleich, dass unser Wesen veredelt wird. Wir individualisieren geistige Werte, wachen mehr und mehr in unseren Gefühlen auf und verbinden so unser Gefühls- und Gedankenleben. Dieser Menschen-Veredelungsprozess ist der Weg der Freiheit, der uns zum sozialen Organismus führt.
Joachim Pfeffinger, 49, Projektleiter in einem Baseler Architekturbüro, sucht die intensive Auseinandersetzung mit Musik, Philosophie und Anthroposophie.
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