Ein Weg zur Überwindung kapitalistischer Strukturen?
Zu den wenigen, die in Deutschland authentisch über das Thema Gemeinschaftsökonomie berichten können, gehören die Mitglieder der Kommune Niederkaufungen. Wir haben Steffen Andreae und Uli Barth gebeten, den „Kulturimpuls Gemeinschaftsökonomie“ in die aktuelle Debatte um Grundeinkommen und Schenkökonomie einzubringen.
Nach 22 Jahren praktizierter gemeinsamer Ökonomie wird sie immer noch gestellt, die Frage danach, ob das überhaupt geht. „Funktioniert gemeinsame Ökonomie?“ – Es scheint für viele das Unvorstellbare zu sein. Es sei denn, die gemeinsame Ökonomie findet in der überschaubaren Kleinfamilie statt. Das ist also ein dickes Brett, diese unsere Verankerung in einer Individualökonomie. Letztlich sind wir halt doch für uns selbst verantwortlich. Und am Ende bleibt es dann dabei, dass man ja schon immer dachte, dass man es, wenn man will, schon zu was bringen kann.
Doch dass das so nicht stimmt, dämmert so langsam mehr und mehr Menschen. In dieser Dämmerung nimmt die Kritik an den kapitalistischen Strukturen und ihren Auswirkungen neue und konkretere Gestalt an. Praktizierte gemeinsame Ökonomie ist eine solche Kritik, eine Kritik am Eigentum, an der Machtverteilung, der Bewertung von Arbeit, dem Arbeitsbegriff überhaupt.
Eine verwirklichte gemeinsame Ökonomie sieht gemeinsames Eigentum an Grund, Boden und den Produktionsmitteln vor. Die Verfügungsgewalt über Eigentum darf nicht zu Herrschaft und Ausbeutung führen. Wer die grundgesetzliche Zusage, dass Eigentum verpflichtet, ernst nähme, würde wohl erkennen, dass dies kein flehentlicher Appell des Eigentumslosen an denjenigen sein kann, der Eigentum besitzt. Diese Verpflichtung braucht es, weil Eigentum an Produktionsmitteln diese Machtverhältnisse, die Ausbeutung und die Herrschaft im Gepäck hat. Darum lassen wir es doch einfach besser ganz bleiben und kümmern uns um die Details. In der jetzt über uns so scheinbar unerwartet hereingebrochenen Krise mit ihren vielen Gesichtern und Köpfen schreien plötzlich Menschen nach Mitbestimmung und Verantwortungsteilung, denen man es gestern nicht zugetraut hätte. Doch wirklich teilen wird niemand. Denn am Ende geht es um die Macht, die bleiben soll. Wäre man gewillt, eine Umgestaltung vorzunehmen, wäre die Umwandlung in gemeinschaftlichen Besitz ein sinnvoller Schritt, der im Nebeneffekt auch noch Ungerechtigkeiten auflöst. Die Verfügungsgewalt sollte in den Händen von Kollektiven, das Vermögen in gemeinsamer Verwaltung liegen, so wie wir es in der Kommune Niederkaufungen praktizieren. Es entsteht so die Möglichkeit, dass alle KommunardInnen in gemeinsamer Verantwortung füreinander und zum Wohl des Gesamten wirtschaften. Wir können uns dadurch die Möglichkeit geben, den Menschen zu sehen, der bei uns einsteigen will, ohne in die Falle zu treten, den Menschen auch noch anhand dessen zu beurteilen, was er so erreicht hat und wie erfolgreich sie war.
Jeder nach seinen Fähigkeiten …
Gemeinsame Ökonomie zeigt sich am deutlichsten im Alltag. Die vielen Gruppierungen, die sich zur Zeit um ein bedingungsloses Grundeinkommen bemühen und die in dieser Krise sogar Hoffnung schöpfen, dass der politische Durchbruch für die Idee eines Grundeinkommens bevorsteht, haben Ähnliches im Kopf wie diejenigen, die die Kommune Niederkaufungen gegründet und sich ihr angeschlossen haben oder die andere vergleichbare Projekte gründeten. Ein Beispiel: Die gesellschaftlich unbestrittene Realität ist, dass Frauen immer noch weniger verdienen als Männer. Dies taucht zwar gelegentlich in den Zeitungen auf, das war’s dann aber auch. Durch monotonen Wiederabdruck von stets Gleichem wird dieses aber nicht besser. Die, die mehr verdienen, haben kein Interesse daran, dass die, die jetzt weniger verdienen, mit ihnen gleichziehen. Und solange die Männer dominieren, wird sich daran nichts ändern. Aber es gelingt ihnen, weiterhin so zu tun, als würden sie sich der Sache sorgenvoll annehmen …
Eine gemeinsame Ökonomie lässt diese Unterschiede gar nicht erst entstehen. Sie ermöglicht, dass Menschen nach ihren Bedürfnissen entlohnt werden und nicht nach der doch recht zufälligen Bewertung von Arbeit durch einen Markt, von dem wir heute ja so oder so nicht mehr genau wissen, wie er eigentlich funktioniert. Aber er wird es schon richten. Mit bekanntem Ergebnis.
… jedem nach seinen Bedürfnissen(?)
„Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ Leicht gesagt und oft zitiert. Zum einen ein hoher Anspruch, der täglich neu zu bewältigen ist. Zum anderen etwas bedürfnislastig ausgelegt. Gemeinsame Ökonomie im Alltag erfordert den sorgsamen Umgang sowohl mit den Bedürfnissen wie auch mit den Fähigkeiten. Beides verlangt Pflege und Aufmerksamkeit. Es gelingt leicht, kritisch auf die Arten der Bedürfnisbefriedigung des anderen zu blicken. Den kritisch motivierenden Blick auf die Fähigkeiten aller zu entwickeln, bedarf einer größeren Anstrengung und scheint eine hohe Lebenskunst zu sein. „Jeder nach seinen Fähigkeiten …“ bedeutet auch, Raum zu schaffen für die Entwicklung derselben. Vieles in uns schlummert noch und bedarf der Geburtshilfe, der Stärkung. Der Appell an die Fähigkeiten verlangt Fähigkeiten vom Appellierenden. Ohne ein motivierendes Moment wird auch im schönsten Atelier aus einem schlummernden Gedanken kein großartiges Bild. Und dann erst, erst in einem Klima der gegenseitigen Förderung und Unterstützung auf der Seite der Fähigkeiten, findet die nächste Frage ihren Platz: „Verpflichten Fähigkeiten in einem Bedürfnisprinzip wie einer gemeinsamen Ökonomie?“ Auch das muss immer wieder ausgehandelt werden. Die Bedürfnisse des anderen in Frage zu stellen, das geht uns leicht von der Hand. Wenn wir dies jedoch gegenseitig zulassen, dann stehen wir in der Kommunikation, die es braucht, um beide Aspekte, also Fähigkeiten und Bedürfnisse, mit der nötigen Aufmerksamkeit betrachten zu können.
Und was braucht es, um das leben zu können? Nicht alle, die sich auf den Weg nach Niederkaufungen gemacht haben, sind mit diesem Modell glücklich geworden. Eben weil es ein hoher Anspruch ist. Aber man sollte nicht vergessen zu erwähnen, wie viele andere es auch nicht schaffen. „Jedem nach seinen Bedürfnissen, die er sich leisten kann, durch seine Fähigkeiten, die belohnt werden, nach einem System, welches die, die Eigentum haben, stets neu und ohne Nachfrage festlegen!“ Das ist das bestehende Prinzip, und es bringt wenig Selters für viele und viel Sekt für wenige. Dieses Prinzip ist am Scheitern, lebt aber einstweilen noch. Vielleicht, weil wir alle hoffen, dass wir es irgendwann doch noch schaffen und plötzlich auf der Sonnenseite stehen, unverhofft, aber froh. Und was kümmert mich dann der Nachbar?
Wir wissen, dass wir unterschiedliche Bedürfnisse haben. Niemand stellt dies in Frage. Aber dies sollten wir nicht nur nicht in Frage stellen, sondern auch noch in das Zentrum unseres Verteilungssystems. Dadurch entsteht keine Gerechtigkeit, sondern die Notwendigkeit nach Austausch, nach Miteinander, nach Verstehen. Und was wollen wir in diesen Zeiten mehr, als uns auszutauschen? Wonach dürstet uns mehr als nach einem verstehenden Miteinander? Denn dieser Austausch führt auch dazu, dass wir uns über unsere Bedürfnisse austauschen lernen. Und so entdecken können, dass mancher so nötige Konsumartikel nur in unserem Hirn auftaucht, weil wir uns in irgendwelchen raffinierten Werbetrommeln haben einseifen lassen. Der Konsum bringt weder nachhaltiges Glück, noch eine ökologisch nachhaltige Lebensweise hervor. Er dient denen, die reich sind, denn am Ende werden sie reicher.
Auch bei einem bedingungslosen Grundeinkommen, wie es vom Resultat her in der Kommune Niederkaufungen nun schon lange Realität ist, werden die Menschen Lust haben, eine Arbeit zu machen, die sie als sinnvoll, als befriedigend erleben. Und wenn sie eine solche Arbeit haben, die ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen entspricht, dann wird die Kompensation durch Konsum auch nicht mehr so ausgeprägt nötig sein wie heute, wo es vielleicht die vielen unzufriedenen ArbeiterInnen braucht, um die Waren, die keiner braucht, noch unter die Leute zu kriegen.
Bereitschaft zur Auseinandersetzung
Wesentliches Merkmal einer funktionierenden gemeinsamen Ökonomie ist die Bereitschaft, sich auseinanderzusetzen. Wir müssen uns und unser Handeln, unseren Konsum und unsere Bedürfnisse selbst in Frage stellen und zudem noch zulassen, dass andere einen eigenen Blick haben und ebenfalls unsere Bedürfnisse kommentieren. Neben dem eigenen Wohl existiert auch noch das Wohl der Gesamtgruppe. Damit beides blühen kann, muss man beides gießen. Beides braucht Beachtung, und diese kann sich auch und muss sich gelegentlich in einem Zurückstecken eigener Wünsche äußern. Das werden wir nicht individuell und für uns alleine begreifen lernen. Es tut gut, in einer Gruppe zu leben und zu sehen, dass die eigenen Schwierigkeiten mit gemeinsamer Ökonomie, mit einem neuen System kollektiven Ausgleichs, mit einem Aufbruch hinaus aus einer Individualökonomie kein Einzelfall in der Menschheitsgeschichte sind, sondern im großen und ganzen Folgen einer ökonomischen Sozialisation, die die Industriegesellschaften dorthin geführt haben, wo sie sich heute, im März 2009, befinden. Wenn uns die Aufklärung hier nicht gelingt, dann bleiben wir in der Unmündigkeit hängen, und es ist gleich, ob sie fremd- oder selbstverschuldet ist. Ein wesentliches Moment für die Veränderung kapitalistischer Strukturen, mit all den Folgen, die uns derzeit so deutlich vor Augen gehalten werden, ist die Veränderung der kapitalistischen Denkweise in uns. Andernfalls erstickt beides schon im Keim, sowohl die Reform wie auch die Revolte.
Steffen Andrae, 42, Studium der Politikwissenschaft und Philosophie, arbeitet in der Verwaltung der Kommune Niederkaufungen, gelegentlich auf Baustellen und als Busfahrer; Aufbau und Vernetzung sozial-ökologischer Projekte.
Uli Barth, Gründungsmitglied der Kommune Niederkaufungen, Mitarbeiter des Beratungsteams KOMM-Rat, hält die persönliche Entwicklung für wichtig, will aber mehr politisches Engagement im Sinn einer direkten Einflussnahme auf die Gesellschaft.
Weitere Infos: www.kommune-niederkaufungen.de
|