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Die Wandlerin
erschienen in Ausgabe 163  PDF-Version (146.49 KB)
Ein Portrait der Heilerin Uschi Omland.

Als ich vor einigen Jahren Uschi Omland das erste Mal traf, war ich beeindruckt von ihrer äußeren Erscheinung. Ein scharf geschnittenes Gesicht, tief liegende wache Augen und lange graue Haare erweckten in mir den Eindruck indianischer Abstammung. Als ich erfuhr, dass sie als schamanische Heilerin arbeitet, dachte ich: Ja, das passt!
Ein altes, etwas verwinkeltes Fachwerkhaus dient ihr und ihrer Familie (ihrem Mann, einem naturheilkundlichen Arzt und ihrem 17-jährigen Sohn) als Refugium. Das Haus wirkt älter, als es tatsächlich ist, denn der Vorbesitzer hat es aus alten Werkstoffen, teilweise aus 400 Jahre alten Balken, neu aufgebaut. Inzwischen hat es einen Glasanbau, der sowohl als familiäres Wohnzimmer als auch als Seminarraum dient und manchmal auch einen neugierigen Journalisten beherbergt.
Bewahre Altes, und verbinde es mit Neuem. Bewahre alte Traditionen, und übersetze sie in eine neue Zeit. Auf diese Symbolik angesprochen erzählte mir Uschi Omland, dass dies der Aufforderung entspricht, die sie vor einigen Jahren in einem Trance-Erleben empfing: Verbinde die alte mit der neuen Welt.

Mystisches Afrika
Im Alter von acht Jahren, im Jahr 1959, zog Uschi mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder nach Nigeria, wo ihr Vater im Straßenbau und als Arbeiter für den Trassenbau der ersten Eisenbahnlinie, die den Westen des Landes mit dem Osten verbinden sollte, angestellt war. Meilenweit von der nächsten Ansiedlung entfernt, lebte die Familie mitten im afrikanischen Busch in eigens eingerichteten Arbeiter-Camps. Die Andersartigkeit der einheimischen Bevölkerung mit ihrer fremden Sprache, der dunklen Hautfarbe und den farbenfrohen, langen Gewänder war für sie sehr befremdlich. Damals gab es erst in den wenigsten deutschen Haushalten Fernseher, und sie hatte über das Land, das nun einige Jahre ihre Heimat sein sollte, keine Vorinformationen erhalten. Für das achtjährige Mädchen aus nachkriegs­deutscher Provinz war der Umzug jedenfalls ein einschneidendes Erlebnis. Ihre langen, glatten Haare wurden betastet und befühlt, und ihre blauen Augen zogen die Einheimischen magisch an.
Um mit den Bewohnern des Landes kommunizieren zu können, war sie auf Blicke, Mimik und Gestik und ganz besonders auf das Fühlen angewiesen. Verbotenerweise streifte sie mit den anderen Kindern frei im Busch umher und erlebte Wildnis, Freiheit und üppig wuchernde Natur mit vielfältigen Pflanzen und Tieren. Sie beobachtete rituelle Schlachtungen, bunte Feste der Einheimischen mit viel Musik, ekstatische Gesänge und „wildes, freies Lachen, tief aus dem Bauch heraus“.
Welch ein Kontrastprogamm zu der Welt, aus der sie gekommen war – einem winzigen Zimmer im Haus einer Göttinger Familie, in das ihre Eltern als Flüchtlinge nach dem Krieg eingewiesen worden waren. Vor allem bei ihrer Mutter war nach Jahren der Angst, der massiven Bedrohung des Lebens, der körperlichen und seelischen Verletzungen in Kriegszeiten kein Raum mehr für Heiterkeit und Lebensfreude gewesen. Eine emotionale Nahrung, die Uschi in den ersten Jahren fehlte. Und jetzt Afrika. Intensivste Naturerfahrungen, Affen als Haustiere, Einwohner voller Lebensfreude trotz größter Armut. Uschi war von all dem fasziniert und fühlte sich zunehmend eins mit den Menschen, die sie dort erlebte.

Fieberkoma und die kleine rote Blume
Zwei Ereignisse hebt sie hervor, die einen Prozess initiierten, der sie heute als Heilerin arbeiten lässt. In ihrem afrikanischen Paradies wurde sie plötzlich krank. Der herbeigerufene Arzt konnte ihre lebensbedrohliche Typhuserkrankung nicht diagnostizieren und gab ihr drei Kohletabletten. Zum Skelett abgemagert, lag sie mehrere Tage im Fieberkoma ohne medizinische Hilfe.
Im Traum erlebte sie den Krieg, sah Soldaten, die sich ihr über ein Feld näherten. Ihr war klar, dass sie erschossen werden sollte. Sie kamen bis ans obere Ende ihrer Wolldecke und legten an. Vor Angst schrie sie so lange, bis ihre Mutter endlich kam. Doch statt Trost und Geborgenheit zu spenden, blähte sich die Mutter in ihrer Fiebervision plötzlich bis zur Groteske auf und verwandelte sich in ein dämonisches Wesen. Tag für Tag wiederholte sich dieser Fiebertraum mehrmals. Es war für alle ein Wunder, dass sie diese Erkrankung überlebte. Die Chance dazu war verschwindend gering gewesen.
Das zweite Ereignis war angenehmerer Natur. Einige Monate später, nachdem sie sich von ihrer Krankheit erholt hatte, streifte sie zu Beginn der Regenzeit am Rand der Sahelzone durch die Savanne. Zwischen Buschwerk und Gräsern auf roter, karger, verbrannter, rissiger Erde war sie alleine unterwegs. Mit einem Mal wurde ihre ganze Aufmerksamkeit auf eine winzige, rote Blume gelenkt, nicht größer als der Nagel ihres kleinen Fingers – rote Blütenblätter, und in der Mitte der grüne Punkt des Stempels. Fasziniert von diesem Stück Leben inmitten der Kargheit fiel Uschi „aus der Zeit“, wie sie es Jahrzehnte später formuliert. Diese winzige Blume war für sie der Inbegriff der Schönheit, und sie versank in ein Gefühl tiefer Verbundenheit mit den Geschöpfen dieser Welt und mit der Welt selbst. Es war ein Gefühl des Einsseins. Heute empfindet sie diese rote Erde, in der die Blume wuchs, als ihre innere Heimat, die oft in ihren Trance-Reisen auftaucht.

Für eine langsame Wandlungsmedizin
In ihrem heutigen Beruf als Heilerin versteht sie es als ihre Aufgabe, sich immer weiter mit der Ganzheit zu verbinden und anderen zu helfen, sich für dieses Gefühl der Verbundenheit zu öffnen. Lange dachte sie, das Heilen sei ein nicht-individueller Prozess, etwa wie das Channelling, aber ihr wurde mehr und mehr deutlich, dass vor allem ihre Persönlichkeit und Lebenserfahrung ihre Arbeit fruchtbar machte.
Aus schamanischer Sicht ist Krankheit „etwas aus der Balance Gefallenes“, erklärt sie. Ein Gespräch, großzügig geschenkte Zeit, ein offenes Ohr genügten oftmals, das aus einem Ungleichgewicht keine gravierende Erkrankung würde, und dabei sei auch das offene Ohr gemeint, das jeder einzelne für sich selber hat. Heilung als Bewegung von der Krankheit weg in den „heiligen“, ausbalancierten Bereich der Gesundheit braucht Zeit. Jeder hat sein individuelles Tempo, und dieses gilt es zu finden und zu beachten. Eine Pille ist hingegen schnell eingeworfen. Die „Wegmachmedizin“ hat keine Zeit.
„Die Krankheit ist dein bester Freund“, lerne ich von Uschi Omland. Sie zeichnet das Bild eines kleinen Kindes, das an unserem Rockzipfel zupft und sagt: „Hör mal, hier stimmt was nicht, darum müssen wir uns kümmern.“ Hören wir diese Stimme, ist alles in Ordnung. „Krankheit ist immer eine Aufforderung zur Kommunikation, und Heilung ist immer Selbstheilung.“
Uschi Omland betont die gesellschaftliche Relevanz einer schamanischen Heilungsmedizin. Sie könne uns ein ganzheitliches Menschenbild vermitteln und uns an unsere natürlichen Ressourcen erinnern. Zum Schamanischen gehört das Ritual, ein als heilig empfundener Akt, der eine Verbindung zu etwas Größerem herstellt. Unserem Alltag wieder Rituale zu geben, ist sicherlich bereits ein in sich heilend wirkender Impuls.
Es wundert mich nicht, dass für sie die Heilung der Erde genauso wichtig ist wie die Heilung der Person, die zu ihr kommt. „Die Verflechtung zwischen Erde, Tieren, Pflanzen und Menschen erlebe ich sehr dicht.“ Sie versteht ihre Arbeit nicht als Gegensatz, sondern als komplementär zur klassischen Medizin, speziell zu deren „symptombezogenen“ Ansatz.
„Der Schamane lässt sich von keinem Symptom blenden. Er nimmt es zur Kenntnis und schaut, wo es seinen Platz hat“, erklärt sie. „Das Symptom ist für ihn Ausdruck, ‚Versprachlichung‘ dessen, was nicht in Ordnung ist. Der Wahrnehmungsfokus liegt aber auf der seeli­schen Ebene. Im Gegensatz zur christlichen Betonung, dass die Seele das sei, was uns im ‚Ewigen Leben‘ trägt, erlebt der Schamane die Seele immer präsent. In unserer Gesellschaft gibt es wenig Wissen darüber, wie stark die Seele unser Leben bestimmt. Einige Versuche, klassische Medizin mit dem schamanischen Wissen zu verbinden, sind allerdings recht hoffnungsvoll.“
„Kann man Schamanismus lernen?“, frage ich Uschi Omland. Da ist sie recht zurückhaltend. „In traditionel­len Kulturen gibt es Wege der Ausbildung, die immer mit einem Ruf aus der ‚geistigen Welt‘ verbunden sind. In der westlichen Welt herrscht vielfach der Irrglaube, dass die Teilnahme an diversen Kursen, die inflationär angeboten werden, einen befähigt, Schamane zu sein. Dies funktioniert genauso wenig, als wenn ein Medizinstudent direkt nach der Uni eine Praxis eröffnet und dann ein Arzt im Sinn eines wirklichen Heilers sein will. An diesen Schnellverfahren krankt die Medizin wie auch der westlich geprägte, neue Schamanismus.“
Oft steht vor dem klassischen Weg zum Schamanen eine schwerwiegende psychische oder körperliche Krankheit. Uschi Omland wurde auch im Erwachsenenalter von einer solche Krankheit heimgesucht: einer Schilddrüsenentzündung unbekannten Ursprungs, wie es bei initiatorischen Krisen häufig der Fall ist. „Es war wie ein hochgradiger Verbrennungsprozess, eine kathartische Reinigung“, erzählt sie. Diese Krankheit schwächte sie derart, dass sie kaum fünf Schritte am Stück gehen konnte. In ständigen Wach-Trancen sah sie sich in der Einsamkeit Australiens (auch hier wieder die rote Erde) auf einer unendlichen Wanderschaft von irgendwo nach irgendwo, um einen verborgenen Auftrag zu erfüllen. Oder sie vollzog eine Metamorphose zu einer Schildkröte und wanderte als solche durch Länder, Kontinente und Kulturen und eben auch durch die rote Erde Australiens. Wie ein Mantra sang es in ihr: Du musst deine Songline finden. „Das bedeutete für mich, dass es einen Traumpfad gibt, dem ich zu folgen habe, der mich mit meinen Vorfahren auf verschiedenen Ebenen verbindet und mir hilft, meine Aufgabe zu erfüllen.“
Kurz nachdem die Ärzte ihr noch 48 Stunden Lebenszeit bemessen hatten, arbeitete sie mit einer Heilerin zusammen und wurde gewahr, wie Energie in ihre geöffneten Hände floss, diese wie große Schüsseln ausfüllte, um schließlich überlaufend ihren ganzen Körper mit neuer Lebenskraft zu erfüllen. Sie empfand eine Gewissheit darüber, dass ihr dieses Leben geschenkt wurde für eine Aufgabe, die sich aber noch nicht konkret formulierte. Eine erste Ahnung, was dieses „Etwas“ sein könnte, bekam sie, als sie in einer Frauengruppe „Trance mit rituellen Körperhaltungen“ erlebte. Wenig später las sie eine Anzeige über „ekstatische Trance“ von Nana Nauwald mit dem Hinweis auf eine Ausbildung. Sie entschloss sich, beim Besuch eines Workshops herauszufinden, ob sie es hier mit einer „geerdeten Frau“ zu tun habe, und wollte dann womöglich den Schritt in eine Ausbildung wagen.
Tatsächlich begegnete sie einer „geerdeten Frau“. An der Wand des Seminarraums hing ein Webtuch, in dem sie Muster erkannte, die sie aus einem Trance-Erleben erinnerte. Dies sei ein „Seelentuch“ der Shipibo-Indianer aus dem Amazonasgebiet, jedes Stammesmitglied besitze sein eigenes Seelenmuster und Seelentuch.
Das war der Beginn einer neuen Reise in Uschi Omlands Leben. Sie lernte am Felicitas-Goodman-Institut bei Nana Nauwald grundsätzliche Techniken mit archaischen Körperhaltungen, die Tausende von Jahren alt sind, in Trance-Zustände zu gelangen und auch andere Menschen in diese Zustände zu geleiten und wieder zurückzuführen. Ihre eigentliche Ausbildung, so sagt sie, wurde aber nicht von Lehrerpersönlichkeiten geleitet, sondern „da haben mich ganz andere Kräfte unterwiesen in Verbund mit sehr viel Selbstheilungsarbeit.“
Sie gibt ein Beispiel: „In einem Seminar musste ich plötzlich anfangen, zu singen, zu tönen. Es war mir nicht möglich, dies in irgendeiner Weise zu stoppen oder einzudämmen. Der Effekt auf die Teilnehmer war sehr fruchtbar, und ich wurde gebeten, dies öfter zu tun.“ Heilende Gesänge, unterstützt durch die rhythmischen Schläge auf ihre Rahmentrommel, sind für Uschi Omland heute ein wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit. „Es ist, als würden die Töne in unser psychisch-emotio­nales und körperliches Gewebe einfließen, Blockaden auflösen und Belastendes ausschwemmen. Die Menschen geraten in den ‚Fluss des Lebens‘.“

Individualität fördern
Den Fluss des Lebens fördern, die Sehnsucht nach innerer Entwicklung – das war auch Uschi Omlands Antrieb in ihrem bürgerlichen Beruf als Lehrerin. Als Kind von Eltern, die nie ein Buch in die Hand genommen hatten, hatte sie sich immer nach Wissen gesehnt. In Afrika war sie zunächst auf keiner Schule und lernte dennoch auf eine für uns ungewöhnliche Art, durch die fremde Kultur und durch die Natur selbst. Später besuchte sie in Liberia eine Zwergschule, in der fächer- und jahrgangsübergreifend gearbeitet wurde. Mit weiteren zwei bis sechs Mitschülern wurde der Stoff von drei Schuljahren von einer Lehrerin vermittelt. Im Anschluss führte ihr Weg in ein Internat, eine deutschen Schule auf Gran Canaria, wo sie auch nur gute Erfahrungen machte. Diese positiven Eindrücke waren sicherlich ausschlaggebend, den Beruf der Lehrerin zu ergreifen. Sie unterrichtete die Schülerinnen und Schüler der gymnasialen Mittel- und Oberstufe in Französisch und Kunst, letzteres auch als Leistungskurs.
„Schüler lernen immer dann besonders gut, wenn sie sich auch persönlich gemeint fühlen“, erkannte sie bald. Viel habe sie verlangt von ihren Klassen, aber immer unter dem Aspekt, dass jeder zwar Techniken und Handwerkszeug braucht, aber jeder seine individuelle Wahrnehmung und sein eigenes Tempo hat. In ihren Augen ist es eine schreckliche Krankheit unserer Schulen, dass der individuelle Aspekt so in den Hintergrund getreten ist, während das schablonierte, festgelegte Pensum an Stoff so stark im Vordergrund steht. Die vielen Störungen, die heute massiv auftreten, fallen, wie Uschi Omland sagt, nicht vom Himmel. Irrglaubenssätze wie: „Die Kinder sind unerzogen“, „Die Eltern versagen“, „Die Lehrer taugen nichts“ führten zu nichts. Das Entscheidende sei die Beziehung von Mensch zu Mensch als Grundlage aller Wissensvermittlung.
Es scheint nur folgerichtig, dass ihr Lehrerinnen­dasein irgendwann mit ihrer immer deutlicher werden­den inneren Ausrichtung kollidierte. Ihrer Bitte, aus dem Beamtendienst entlassen zu werden, wurde entsprochen.
Die Begegnung mit Uschi Omland stärkte mich selbst darin, meinem eigenen Weg zu vertrauen. Mir scheint, als werfe sie mit ihrer Arbeit einen Stein in den See der Menschlichkeit, und die Wellen breiten sich aus, berühren die Wellen anderer Steinewerfer und streicheln die Ufer und Ankerplätze der Seelen, die sich berühren lassen möchten. „Ich möchte jeden Menschen ermutigen, in seine eigene Tiefe zu gehen. Liebevoll auch da hinzusehen, wo man sich nicht mag. Denn: Es gibt nichts Schöneres im Leben, als wenn ein Mensch ganz bei sich selbst ankommt, sich selbst liebt. Wenn wir diese Liebesfähigkeit ausstrahlen, fördern wir unsere gesamte Umwelt. Wenn dieser Zauber in die Welt geht, ist Gott ganz nah – mitten im Leben, nicht in der Ferne.“
Ich habe eine Frau mit außergewöhnlicher Strahlkraft kennengelernt, deren Weg durch schwere Zeiten jeden ermutigen kann, an seine eigenen Potenziale zu glauben.



Stefan Schael ist Schauspieler und Sänger, www.stefan-schael.de. Kontakt Uschi Omland: uschi.omland@web.de.

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Schael, Stefan

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