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LandMatters!
erschienen in Ausgabe 163  PDF-Version (210.62 KB)
Wer ganz oder teilweise aus der bürgerlichen Industriegesellschaft aussteigen möchte, dem wird es in Deutschland oft nicht leicht gemacht: Auch eine sehr umweltgerecht konzipierte Einsiedlerhütte in der Wildnis ruft schnell verschiedene Ämter auf den Plan, wenn das Grundstück außerhalb festgelegter Siedlungsgrenzen liegt oder keine offizielle genehmigte Abwasserlösung vorliegt. In England war das bislang nicht viel anders. Doch zuletzt haben dort mehrere Initiativen erreicht, dass der von ihnen vorgelebte erdnah-nachhaltige Lebensstil nicht mehr pauschal abgelehnt wird. So beginnen Planungsausschüsse zu verstehen, dass es letztlich nur darum geht, wie es dem Land geht. Isabel Knauf hat zwei dieser Projekte mehrfach besucht.

Träume werden wahr. Sorge dafür, dass sie weise sind. Denn wenn sie nicht weise sind, und sie werden wahr, dann hast du den Salat.“ Michael Zair lächelt ein verschmitztes Zahnlückenlächeln und lässt seinen Blick über die Hügellandschaft von Somerset schweifen, während wir im Garten eines Pubs sitzen. Es ist im Sommer 2004, und Michael ist Mitbegründer und Ältester der Gemeinschaft Tinker’s Bubble, einem Permakultur-Landprojekt nicht weit von ­Glastonbury. Benannt ist es nach dem alten Namen der Quelle, die auf dem Grundstück entspringt: „Tinker“ ist eine alte Bezeichnung für Zigeuner, „Bubble“ ein Zigeuner-Begriff für Quelle. Ich besuche den Ort im Rahmen einer Forschungsreise zum Thema naturverbundenes Leben in Europa. Zur Zeit meines Besuchs leben dort 13 Mitglieder. Die Gemeinschaft hat zum Ziel, ein naturverbundenes und einfaches Leben jenseits der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu leben. Eine wechselnde Besetzung von Leuten ist seit 1994 dabei, dies umzusetzen. Es gibt viele Gemeinschaftsprojekte in England, doch Tinker‘s Bubble ist ein besonderes, da es als eines der ersten das Ziel verwirklicht, ohne Anschluss an das öffentliche Versorgungsnetz zu leben und zu wirtschaften – ein radikaler Ansatz, der prompt für Furore sorgte.

Wohnen im Wald
Das Land befindet sich an der Südseite der Erhebung Ham Hill, und das gesamte Gelände bietet sich aufgrund seiner Kleinteiligkeit für ein Permakulturprojekt an. Es setzt sich aus rund zehn Hektar Waldfläche, vier Hektar alten Obstbaumwiesen und 1,2 Hektar Weideland mit offenen Terrassenflächen zusammen. Die Waldfläche besteht aus unterschiedlichen Waldtypen mit einheimischen Gehölzen. Die Bewohner leben auf ihrem Hügel im Nadelwald. Im Dorf ist es friedlich und relativ dunkel. Nur einige Lichtflecken hier und da schmücken den braunen Waldboden. Meine Schlafstätte liegt unter dem runden Dach des mit Reet gedeckten Gemeinschaftshauses und ist so dunkel, dass ich am ersten Tag nach meiner Ankunft beim Aufwachen keinen Schimmer davon habe, wie spät es sein könnte. Als ich die Stiegen hinuntersteige und hinaustrete, brennt ein Feuer. Der Rauch des Feuers, das tagsüber immer brennt, lässt die Sonnenstrahlen, die durch das Kronendach und die Stämme der Bäume scheinen, sichtbar werden und füllt sie mit tanzenden Mustern, die zwischen den Baumwipfeln entschwinden. Die Stimmung ist mystisch. Es fühlt sich an, als wäre hier die Zeit auf seltsame Weise stehengeblieben. Alle Häuschen der Gemeinschaft sind von Hand gebaut und aus Natur- oder Recyclingmaterialien: aus Haselruten, Holz, Lehm, Stroh und Plastik. Jedes Häuschen ist einzigartig, einige wirken auf mich wie Hobbithäuser. Die Feuerstelle ist das Herz der Gemeinschaft. Es wird nur mit Holz geheizt und über dem offenen Feuer gekocht. Hier treffen sich alle täglich, und das gemeinsame Essen ist laut Mitbewohnerin Mary auch das Moment, das die Gruppe zusammenhält. „Dieses Projekt funktioniert, weil wir zusammen essen. Ob du es willst oder nicht, du musst dich wieder treffen, ansonsten bleibst du hungrig. Das ist der Kitt.“ Marys Häuschen erinnert mich an ein Hexenhaus, innen ist es dunkel. Während wir von Ysopkräutern die Blätter abstreifen, erzählt sie, dass sie anfangs niemals geglaubt hätte, selber ein Haus bauen zu können. „Ich dachte es müsste alles ganz perfekt sein. Ich wusste nicht, dass man Häuser so von Hand bauen kann, und es war eine echte Offenbarung, herauszufinden, dass es geht. Es ist alles learning by doing.“

Versorgung ohne zentrale Anbindung
Eine Stromleitung oder dieselbetriebene Generatoren sucht man vergeblich. Durch das Gelände fließt ein kleiner Bach, von dem mit einer Rammpumpe das Wasser den Hügel hinauf zum Wohnbereich gepumpt wird. Es werden keine chemischen Waschmittel benutzt, und so läßt man das Grauwasser direkt am Hang versickern. Elektrizität gibt es nur über ein kleines Windrad und über Solarzellen. Es wird nicht viel Strom verbraucht, und im Winter wird rationiert. Dann gibt es nur im Gemeinschaftshaus Elektrizität. Die ­Komposttoiletten sorgen dafür, dass menschliche „Abfälle“ der Erde wieder zugeführt werden. Es gibt ein Badehäuschen, in dem ein Badeofen steht, der wie alle Häuser mit Holz beheizt wird. Die Energiequellen sind Menschenkraft und Pferdekraft, Wasser-, Wind- und Solarkraft. Die einzigen Maschinen, die fossile Brennstoffe verbrauchen, und auf die bis jetzt noch nicht verzichtet werden kann, sind zwei Autos, die sich die ganze Gemeinschaft teilt. Mit den Autos fahren die Bewohner vor allem zu Märkten oder ihre Kinder zur Schule.
Mary wohnt mit ihrem 11-jährigen Sohn Joe seit sieben Jahren in Tinker’s Bubble. Die ersten paar Jahre hat sie Joe zu Hause unterrichtet, bis er von sich aus in die Schule wollte. Jetzt, wo sie mehr Zeit hat, baut sie Kräuter an, um sie als Tees, Salben und Tinkturen verarbeitet auf Märkten zu verkaufen. Ihre Kräuterbeete sind mit orange leuchtenden Ringelblumen übersät. Sie betreut die beiden Kühe und macht Käse für die Gemeinschaft. Bee und Dave kümmern sich hauptverantwortlich um die Gärten. Das Gemüse wird auf drei Märkten im Nachbardorf und in zwei nahen Städten verkauft. Am Fuß des Hügels gibt es eine unfertige Scheune (in Strohballenbauweise), in der eine alte ­Dampfturbine steht, die mit Holz befeuert wird und aussieht wie eine bunte, alte Lokomotive. Sie wirkt auf mich wie ein Museumsstück. Hier wird zur Weiterverarbeitung der Holzernten eine Sägebank angetrieben. Holz ist ein weiterer ökonomischer Faktor in Tinker’s Bubble.
Simon und Michael bewirtschaften den Wald. Ein anderer Mitbewohner hat sich eine Holzwerkstatt im Wald gebaut und stellt Holzmöbel her. Hinter den Obstbaumwiesen versteckt steht ein rundes Holzhäuschen mit Grasdach, in dem eine antik anmutende Apfelpresse steht, die mit Hand betrieben wird. Hier wird Apfelsaft und Cider hergestellt. Heu wird im Spätsommer mit der Sense geerntet und von Hand gewendet. Es ist sehr viel Arbeit. Fast alles in Tinker’s Bubble wird mit der Hand gemacht, braucht dadurch länger und erfordert ein großes Maß an Einfallsreichtum und Kreativität. „Notwendigkeit ist die Mutter der Erfindungen. Hier gibt es eine Menge Notwendigkeiten“, erwähnt Michael.
Unterstützung für all die unterschiedlichen Arbeiten bekommen die BewohnerInnen von ihren Tieren. Die Kühe geben mehr Milch, als konsumiert oder zu Käse verarbeitet wird, zwei Schweine verwerten die Küchenabfälle, ein starkes Arbeitspferd zieht mit Ketten die Stämme aus dem Wald und die Kutsche mit den Heuhaufen vom Feld. Das Projekt funktioniert wie ein Subsistenzhof. Ein Großteil der Nahrung bauen die Menschen hier selbst an. Alte bäuerliche Traditionen leben hier wieder auf und werden mit modernem Wissen kombiniert.
Im Pub unterhalte ich mich mit Michael über die Zeiten des Wandels, und er erzählt mir, dass er eine Möglichkeit des Krisenmanagements darin sieht, die alten bäuerlichen Fertigkeiten zu bewahren: „Ich glaube, dass es ein bedeutender Beitrag sein kann, einen Ort zur Verfügung zu stellen, an dem die bäuerlichen Traditionen noch derart lebendig sind, dass die ländliche Gemeinde sie wieder erlernen kann. Das kann sich als überlebenswichtig herausstellen, wenn der Klimawandel uns noch härter trifft und die zentralen ­Kontrollstellen keine Antworten mehr parat haben. Die Antworten existieren innerhalb der ländlichen Gemeinden. Sie leben in den Geschichten meines Großvaters und den Geschichten deines Onkels fort. Sie werden gerade so noch am Leben erhalten, dass sie nicht ganz in Vergessenheit geraten.“

Anfeindungen bleiben nicht aus
Die Erfahrungs- und Qualifikationshintergründe der Bewohner sind unterschiedlich und reichen von Elektroingenieur über Gärtnerin und Agrarwissenschaftlerin bis hin zu Teeplantagenmanager, Jazz-Saxophonistin und Journalist. Sie kommen alle von verschiedenen Wohnorten und haben meistens in Städten gelebt, bevor sie zu Tinker’s Bubble zogen. Viele der Bewohner waren zeitweilig in Umweltprotestbewegungen aktiv, und diese Erfahrungen, sich gegen Widerstände zu behaupten, kommt ihnen nun bei den Schwierigkeiten, die sich bei der Projektumsetzung auftun, zugute. Von zwei Seiten werden sie angefeindet, den Menschen aus dem Nachbardorf und von den Planungsbehörden. „Zu Beginn wollten die Nachbarn Gewehre kaufen, weil sie befürchteten, wir würden sie umbringen oder bestehlen. Fünf Jahre später haben sie sich dafür entschuldigt. Im ersten Jahr hat nur eine einzige Person im Dorf nebenan eine Petition gegen uns nicht unterschrieben. Nun, zehn Jahre später, unterstützt uns die gesamte Gemeindevertretung. Sie hatten Angst vor uns, weil wir anders sind. Andere Menschen fordern deine eigenen Denkmuster heraus. Du weißt nicht, wie du auf sie reagieren sollst, kennst nicht ihre Art des Humors, weißt nicht, ob sie dir zuhören. Anfangs haben sie hier große ‚Wanted‘-Poster ausgehängt und es so dargestellt, als wären wir Kriminelle. Die einzige Art damit umzugehen war, nicht darauf zu reagieren.“ Michael ist einer von denen, der die Ausdauer hatten, durch diese Phase hindurchzugehen.
Es hat lange gedauert, das Vertrauen der Nachbarn zu gewinnen und ebenso lange dauerte der Prozess, für Tinker’s Bubble eine Genehmigung zu erlangen, die die Projektbewohner berechtigt, legal auf ihrem Grundstück zu wohnen. Da sie ein Grundstück ohne Baugenehmigung in einem Gebiet von besonderem Landschaftswert erstanden hatten, war es ihnen vom Planungsrecht her nicht erlaubt, auf ihrem Gelände zu bauen und zu wohnen. Sie brauchten aus diesem Grund eine besondere Genehmigung, um die Umnutzung von Land zu ermöglichen. Ausnahmen werden nur dann erlaubt, wenn eine „besondere Notwendigkeit“ für die Bauvorhaben besteht und wenn sie „positiven Nutzen“ bringen. Beide Ausdrücke sind in den Planungsregelungen nicht weiter definiert und erlauben somit einen Auslegungsspielraum.
Nachdem sie in ihre kleinen, selbstgebauten Hütten gezogen waren, reichten die Bewohner von Tinker’s Bubble im März 1994 einen rückwirkenden Antrag ein und beantragten eine Genehmigung für die Mischnutzung des Geländes. Eine Mischnutzung beinhaltet die Nutzung der Fläche für einen nachhaltigen Siedlungsbereich im Zusammenhang mit land- und forstwirtschaftlicher Gewerbenutzung. Die Mitglieder von Tinker’s Bubble begründeten ihren Antrag damit, dass es für die Erfüllung der vielfältigen land- und forstwirtschaftlichen Tätigkeiten sowie für die Umsetzung des von ihnen gewünschten nachhaltigen Lebensstils notwendig sei, auf dem Grundstück zu wohnen. Der Antrag wurde von der örtlichen Planungsbehörde abgelehnt, und es folgte die Verhängung von zwei vorläufigen Vollstreckungsbescheiden, die den Abriss ihrer Behausungen und die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands des Grundstücks innerhalb von sechs Monaten forder­ten. Tinker’s Bubble richtete sich an die nächst höhere Instanz, den „High Court“. Als ihr Anliegen auch dort abgelehnt wurde, legten sie wiederum Berufung ein, diesmal beim „Court of Appeal“, wo sie aber ebenfalls abgelehnt wurden. Als sie schließlich beim „House of Lords“ mit der Begründung abgewiesen wurden, ihr Fall sei nicht gewichtig genug, um Beachtung zu bekommen, waren vier Jahre vergangen, und die Waldsiedler konnten einen erneuten Antrag bei der örtlichen Planungsbehörde einreichen. Die Zusammensetzung des Ausschusses hatte sich mittlerweile geändert, und die neuen Entscheidungsträger waren dem Projekt wohlwollender gesinnt. 1999 erhielt Tinker’s Bubble eine auf fünf Jahre befristete planungsrechtliche Genehmigung, die an bestimmte Bedingungen geknüpft war: So gab es Restriktionen in Bezug auf die Anzahl der BewohnerIn­nen, die Größe und den Ort der Siedlungsfläche, die Größe und die Anzahl der Gebäude sowie die Nutzung von Generatoren. Mir wurde in diesem Zusammenhang klar, warum die Gemeinschaft ihre Häuschen im schattigen Wald platziert hat: Ihr Gelände ist nah am Dorf gelegen, und die Hütten sollen nicht sichtbar sein, da sie in den Augen mancher Menschen das Landschaftsbild verschandeln. Es hieß, ihre Existenz drücke den Verkaufswert der angrenzenden Grundstücke.

Der Mensch siedelt, die Natur leidet?
Dass ihr Antrag auf planungsrechtliche Genehmigung bei der örtlichen Planungsbehörde zunächst abgelehnt wurde, wurzelt in der Aufgabe der Planungsämter, die Landschaft vor Zersiedelung zu schützen. Diese Aufgabe hat seit der Ausbreitung der Industriestädte durchaus ihre Berechtigung. Heutzutage ist ein weiteres Hauptziel der Planungsämter hinzugekommen, die Umsetzung von Nachhaltigkeit in den Gemeinden. Tinker’s Bubble hat sich die nachhaltige Lebensweise auf einer bis dato unbebauten Fläche zum Hauptziel gemacht. Die allgemeine Auffassung, dass der Mensch dort, wo er siedelt, immer auch Umweltzerstörung mit sich bringt, hält sich noch hartnäckig in den Köpfen. Häuser mit Betonfundament, Erschließung durch neue Wegenetze, Überlandleitungen, Trink- und Abwasserrohre, gesteigertes Verkehrsaufkommen, Abfallentsorgung, all dies stimmt mit dieser Annahme wohl überein. Die Vision von Tinker’s Bubble ist jedoch eine andere. Ihre Lebensweise wird in England „Low Impact Development“ genannt, die Erschließung von Land ohne bleibende Auswirkung auf die Natur. Für die Umsetzung dieser Vision braucht es den Bezug zum Land. Michael beschreibt seinen Wunsch nach dieser Art des Lebens: „Ich möchte das Recht haben, ein einfaches Leben zu führen. Ich möchte eine offene Feuerstelle haben und mein Feuerholz aus der Hecke oder dem Wald holen dürfen. In einer Mietswohnung könnte ich das nicht tun. Der einzige Ausweg liegt darin, auf deinem eigenen Stück Land zu leben und damit das System herauszufordern.“

Gibt es das Recht auf eine einfache Lebensweise?
Ein Aspekt, der dazu beigetragen hat, dass Tinker’s Bubble die Genehmigung erteilt bekam, ist die Zeit. Durch die Weiterentwicklung des Projekts während des Genehmigungsprozesses konnten die angrenzende Bevölkerung und die Mitglieder der kommunalen Plaungsbehörde durch die sichtbaren Veränderungen auf dem Projektgrundstück von dem Projekt überzeugt werden. Es brauchte diese Sichtbarwerdung der Projektvision, um Vertrauen entstehen zu lassen. Es brauchte seine Zeit, bis der umgebenden Bevölkerung klar wurde, dass sich ihre Vorurteile nicht bewahrheiten würden. Zur Zeit meines Besuchs waren die fünf Jahre der befris­teten Genehmigung bereits abgelaufen, und es lief ein erneuter Genehmigungsantrag. Auf die Entscheidung der Behörde wird bis zum heutigen Tag gewartet, aber die Chancen auf eine weitere Genehmigung stehen gut.
Die Auswirkungen des Genehmigungsprozesses auf das Projekt sind vielschichtig. Der Prozess bedeutete viel Stress und Zeitaufwand. Die Korrespondenz und Auseinandersetzung mit der Planungsbehörde sowie die Durchführung der Berufungsverfahren waren umfassend und haben die Energie der Mitglieder von Tinker’s Bubble gebunden und zum Teil von der Projektentwicklung abgelenkt. Gleichzeitig bewirkte der Prozess jedoch auch die Reflexion der Mitglieder bezüglich ihrer Lebensweise und bekräftigte sie. Ihr Bekanntheitsgrad stieg, so dass viele andere Menschen von Tinker’s Bubble erfahren haben und inspiriert wurden. Durch ihren Erfahrungszuwachs anhand des Genehmigungsprozesses können sie nun andere Menschen in ähnlichen Situationen unterstützen. So zum Beispiel das jüngste Projekt dieser Art in Südengland: Landmatters.

Von Tinker’s Bubble zu Landmatters
In der Grafschaft Devon mit seiner kleinteiligen Hügel- und Heckenlandschaft hat sich in der Nähe von Totnes 2003 ein Projekt gegründet, das eine ähnliche Vision verfolgt wie Tinker’s Bubble. „Landmatters Cooperative“ nennt sich die Gemeinschaft, die sich auf den Weg gemacht hat, sich mit ihrem Land zu verbinden, altes Wissen zu bewahren und alte Fertigkeiten wiederzubeleben (Land matters bedeutet: „Auf das Land kommt es an!“). Ihr Projekt heißt „Landmatters Permaculture Project“. Auch diese Menschen wollen ein naturverbundenes Leben jenseits der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen führen und experimentieren mit voller Kraft, manchmal bis zum Rand der Erschöpfung. Dies ist harte Arbeit. Und auch hier ist die Vision stark, und sie schafft die Antriebskraft, die allen Widrigkeiten trotzt. 2006 besuchte ich diese Gemeinschaft zum zweiten Mal.
Für die Projektumsetzung stehen 17 Hektar Land zur Verfügung. Verwunschen anmutendes Land ist es, ein Verbund von saftig grünen Feldern, die von ausgewachsenen Hecken durchzogen werden. Die Felder bedecken einen Hügel nahe des Dorfes Allaleigh und wandern einen Nordhang hinunter bis zu einem schon lange nicht mehr bewirtschafteten Waldgebiet, das aus alten Eichen, wunderlich geformten Stechpalmen, Haselsträuchern und Hainbuchen besteht. Im Frühjahr sind die Felder mit gelben Butterblumen und die Wegränder im Wald mit Bluebells übersät, die sich wie blaue Teppiche zwischen den Bäumen erstrecken. Jedesmal, wenn ich in den Wald hineintrete, überkommt mich das Bedürfnis, die Wesen des Waldes zu begrüßen und ihnen zu danken. Überall im Wald wächst Moos, und es liegen Steine am Wegrand, die mit dicken Quarzadern durchzogen sind. Irgendjemand hat einen kleinen Naturaltar gebaut, auf dem besonders schöne Steine liegen. Die Wertschätzung für die natürliche Umgebung ist spürbar.

Liebe zum Land
Die Gemeinschaft nahm sich nach dem Kauf des Landes zwei Jahre Zeit, um das Gelände zu erkunden, es zu beobachten, mit allen Sinnen kennenzulernen und Jahreskreisfeste zu feiern. Auch dieses Gelände bietet sich aufgrund seiner Vielfältigkeit sowie der fehlenden Erschließung für ein Permakulturprojekt an. Bevor die Gemeinschaft auf ihr Land zog, haben die Mitglieder damit begonnen, ein Permakulturdesign für die Flächen zu entwickeln, welches sich mit zunehmender Beobachtung weiterentwickelt. Ihr Ziel ist es, das Land behutsam zu gestalten, den natürlichen Bedingungen und Bedürfnissen angepasst. Sie wollen möglichst wenig Einfluss auf die Natur ausüben und anstelle der Ausbeutung des Landes wollen sie mit ihm kooperieren und ihm zuhören. Eine Besucherin channelte Botschaften vom Land und schrieb auf: „Der Energieaustausch zwischen dem Land und den Menschen ist genauso intensiv wie zwischen Liebenden. Vertraut dem Land, vertraut euch gegenseitig, und vertraut euch selbst. So viele Menschen scheitern im Leben, weil sie die Bedeutung des Selbsts vergessen. Das ist der Grund für so viel Zerstörung und für die Ausbeutung der Erde und der Menschheit. Wir wissen nicht, wie wir uns selbst lieben sollen und machen es dadurch unmöglich, die Erde zu lieben.“
Aus Liebe zum Land wollen die Leute von Landmatters keine befestigten Behausungen. Sie experimentieren mit selbstgebauten Häuschen aus Naturmaterialien und wohnen alle entweder in „Bendern“ oder in Jurten. Bender sind zeltartige Strukturen, aus Haselruten geformt, die mit Decken und Armeeplanen abgedeckt, und in die Fenster und Türen eingebaut werden. Jeder Bender ist individuell. Innen ist es gemütlich-erdverbunden. Auch hier wird wie bei Tinker’s Bubble die Verknüpfung von altem Wissen mit modernen Möglichkeiten deutlich. Bender waren früher die Behausungen des fahrenden Volks. Heute findet man bei Landmatters in den Bendern Computer und Musikanlagen. Es gibt Komposttoiletten auf dem Gelände, Solar- und Windenergieanlagen, wachsende Gärten, Hunderte von neu gepflanzten Bäumen, von Hand gelegte Hecken und eine auf traditionelle Art und Weise erbaute Scheune. Bevor es dort einen eigenen Brunnen gab, erlebte ich bei Landmatters, wie es sich anfühlt, das Wasser mit Kanistern vom Fuß des Hügels aus dem kleinen Bach zu holen und Schritt für Schritt den durchaus steilen Hang hinan zu tragen. Diese Tätigkeit beeinflusste sofort mein Bewusstsein: Jeder Tropfen wurde kostbar. Auf diese Weise beeinflusst das Leben auf ihrem Stück Land das Bewusstsein der Bewohner stetig. Ihr Erfahrungszuwachs ist groß, und da sie ihr Wissen teilen wollen, bieten sie Seminare zu unterschiedlichen Themen an, wie z. B. Wildniswissen, Wildpflanzen­ernährung, Permakultur, Kompostklobau, traditionelles Heckenlegen, Windschutzpflanzungen, Wollverarbeitung und Weben. Starhawk, nordamerikanische Autorin, Hexe und Permakultur-Designerin, ist eine Unterstützerin von Landmatters. In einem Interview während des von ihr geleiteten „Earth Activist Trainings“ 2004 erzählte sie Maren Freeland, einer Mitbegründerin von Landmatters: „Ich denke, dass Projekte wie Landmatters einen enormen Einfluss haben können, da sie zum einen als Modelle dafür dienen, wie es sich auf gesunde und nachhaltige Weise auf der Erde leben lässt. Sie sind Experimentierfelder dafür, neue Wege in Sachen Behausung und Ernährung auszuprobieren, und wie wir mit den Dingen umgehen, die wir Abfall nennen, die aber eigentlich Ressourcen sind. Zum anderen sind sie Orte, zu denen Leute aus den Städten kommen können, die einen Zufluchtsort brauchen, um sich zu regenerieren. Sie sind Orte, wo die Leute neue Ansätze, Werkzeuge und Fertigkeiten lernen können, um ganz nahe mit der Natur zu leben. Nicht zuletzt können sie Modelle sein, um das Leben auf dem Land zu revitalisieren.“
Eines Tages findet ein Bewohner im Wald einen Kristall. Einen ganz klaren, rund drei Zentimeter langen Kristall. Ein Geschenk der Natur. Er findet ihn ein paar Tage vor der öffentlichen Anhörung im Sommer 2007, bei der entschieden werden soll, ob die Mitglieder von Landmatters auf ihrem eigenen Stück Land wohnen bleiben dürfen oder nicht. Die Leute von Landmatters haben sich, genau wie die Bewohner von Tinker’s Bubble, ein Stück Land ersteigert, das sich in der offenen Landschaft befindet und als landwirtschaftliche und forstwirtschaftliche Nutzflächen definierte Felder und Wälder umfasst. Es stellt sich heraus, dass der Kristall ein gutes Omen ist. Die Anhörung im September 2007 erstreckt sich über drei Tage und ist nervenaufreibend, aber letztlich erfolgreich. In seinem Urteil schreibt der Planning Inspector: „Landmatters haben bereits heute umfassende Recyclingkreisläufe etabliert. Sie haben einen niedrigen Energieverbrauch und einen ökologischen Fußabdruck erreicht, der weit unter dem regio­nalen Durchschnitt liegt. Die fortgeschrittene Umsetzung von Permakultur und nachhaltiger Lebensweise dieses Projekts überwiegt eventuell entgegenstehende anderweitige Interessen.“

Ausblick
Bei einem erneuten Besuch 2008 stehe ich auf dem Hügel von Landmatters und schaue weit übers Land, das aussieht wie eine Patchworkdecke. Der Wind kommt von Westen über die Hochebene von Dartmoor, die sich am Horizont entlang erstreckt. Die Sicht ist so klar, dass ich im Osten einen kleinen Streifen vom Meer glitzern sehe. Ich bin dankbar, dass Landmatters und all die anderen Projekte es geschafft haben, eine Genehmigung zu bekommen. Sie können dadurch als Hüter des jeweiligen Landes und als Hüter alten Wissens wirksam sein. Sie verdienen ein großes Dankeschön dafür, dass sie die Aufgabe des Hütens auf sich genommen haben, denn es kommt uns allen zugute. Viele Widerstände lagen und liegen bei der Umsetzung ihrer Projekte im Weg: die Nachbarn, die Regelwerke des Planungssystems – und interne Konflikte bleiben natürlich auch nicht aus. Aber die Vision ist stark und lässt die Menschen weitermachen. Ihre Ausdauer erinnert mich an einen Satz von Michael: „Wenn du auf einer magischen Abenteuerreise bist, dann musst du Geduld lernen. Du musst Ungeduld vermeiden und lernen, zu vertrauen. Plötzlich realisierst du: Ach du meine Güte, ein Traum wird gerade wahr!“


Isabel Knauf, 32, ist Diplomingenieurin für Landschaftsplanung und Wildnispädagogin. Sie ist Mitglied im Vorstand des Permakultur Instituts und absolviert seit 2007 eine Ausbildung zur Phytotherapeutin.

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Knauf, Isabel

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