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Gemeinschaft und Liebe
erschienen in Ausgabe 163  PDF-Version (230.8 KB)
Persönliche Einsichten eines forschenden Gasts.

Das soziologische Institut der Universität Münster ist die bisher einzige Forschungseinrichtung, die sich mit intentionalen Gemeinschaften in Deutschland befasst. Sie wird von Professor Dr. Matthias Grundmann geleitet, der uns in diesem Artikel an seinen persönlichen Einsichten in das Thema teilhaben lässt. Es ist die spirituell und konkret erfahrbare Dimension der „universellen Liebe“, die ihn bei seinen zahlreichen Besuchen in Gemeinschaften berührt und inspiriert hat.

Liebe ist ein schillerndes Phänomen. Wir ­erfahren sie gewöhnlich als eine persönliche und tiefe Zuneigung zu einer bestimmten Person oder in der tiefen Hingabe an einen Moment. Unser Herz öffnet sich für das Gegenüber oder die Situation, in der uns diese bewegende Erfahrung zuteil wird. Obwohl unser Sehnen nach Liebe keineswegs auf eine persönliche Beziehung beschränkt ist, sprechen wir doch meis­tens dann von Liebe, wenn sich dieses Sehnen auf eine konkrete Bezugsperson bezieht, sie sich mitunter gar in erotischen Gefühlen äußert. Damit überdecken wir aber eine viel grundlegendere Art der Liebe, die ich als universelle Liebe bezeichnen möchte. Und diese Liebe ist zutiefst an unsere Erfahrung von Gemeinschaft gebunden, also an die Tatsache, dass wir in unserem Sein auf andere bezogen und mit ihnen verbunden sind und uns erst durch Zuwendung an das Gemeinsame in unserer ganzen Lebens- und Liebeskraft erfahren.
Diese Erfahrung hat nichts mit persönlicher Zuneigung, sondern eher mit Hingabe zu tun. Es ist kein Gemütszustand oder ein Gefühl, sondern eine Lebensweise, und diese ist keineswegs einfach nur glückselig. Gerade in der universellen Liebe aber sind wir bereit, uns hinzugeben für das gemeinsame Leben. Daher ist Liebe mitunter auch anstrengend und entmutigend (z. B. wenn ich mich für etwas aufopfere), voll von Kämpfen und Enttäuschungen und weit entfernt von strahlend sinnlicher Freude. Gleichwohl ist es dieser Zustand des Zwischenmenschlichen, der universelle ­Liebe auszeichnet, denn erst daraus resultiert das, was sie im Kern ausmacht: die Förderung und Entfaltung des Einzelnen aus der Förderung und Entfaltung der anderen. Erst so schaffen wir einen Erfahrungsraum, der durch Zuwendung und Hingabe sowie durch Wechsel­seitigkeit und individuelle Entfaltung gekennzeichnet ist. Indem ich einem anderen einen Raum schaffe, in dem er sich entfalten kann, kann er dasselbe für mich schaffen. Diese Erfüllung des einen wird somit zur Grundlage für die Erfüllung des anderen.
Wenn ich im Folgenden also von Gemeinschaft und Liebe spreche, dann spreche ich von einer Liebe, die sich durch ein bedingungsloses Sich-Einlassen auf Andere auszeichnet. Dieses stellt sich vor allem dann ein, wenn wir etwas geben und teilen, mithin wenn wir uns mit anderen verbunden fühlen.
Diese Art der ­Liebe habe ich bisher vor allem während Gemeinschaftserfahrungen erlebt, wie sie z. B. in einem Gottesdienst, während einer Demon­stration oder in sozialen Lebensgemeinschaften möglich sind. Das liegt mitunter daran, dass bei solchen gemeinschaftlichen Aktivitäten nicht die liebevolle Zuwendung zu einer intimen Bezugsperson im Zentrum steht, sondern die Hingabe an die gemeinsame Sache, an die Erfahrung, Ort und Zeit mit Gleichgesinnten zu teilen und gemeinsam zu gestalten. Die ­Liebe strahlt dort durch die vertrauensvollen Beziehungen nicht nur zu intimen Bezugspersonen, sondern auch zu Menschen, mit denen zwar keine Intimität, dafür aber Intensität in der Lebensführung geteilt wird. Und diese Form der Liebesbefähigung, die insbesondere in gemeinschaftlichen Lebenszusammenhängen entsteht, möchte ich thematisieren.

Lieben Gemeinschaften besonders?
Meine Überlegungen basieren auf mittlerweile mehr als fünfzehnjährigen Erfahrungen, die ich in größeren Lebensgemeinschaften und Kommunen gesammelt habe, in denen ich mich für kürzere oder auch ­längere Zeit als Gast aufgehalten habe. Insofern bin ich kein Insider, der aus dem Leben in einer Gemeinschaft berichtet und dieses reflektiert. Ich verstehe mich eher als ein Gemeinschaftsforscher, der durch Teilnahme und Miterleben Einsichten in die soziale Dynamik von Gemeinschaften gewinnen konnte. Grundlage dafür ist meine wissenschaftliche Beschäftigung als Soziologe mit Sozialisationsprozessen und mit den unterschiedlichen Facetten von sozialen Beziehungen jeglicher Art und den darin enthaltenen Verwirklichungsoptionen für das menschliche Zusammenleben. Diese Grundkenntnisse erlauben es mir, meine Beobachtungen und Erfahrungen zu fundieren und hier vorzustellen.

Verbundenheit
Was aber zeichnet das Liebespotenzial von Lebens­gemeinschaften genau aus? Warum meine ich, dass dem Leben in Gemeinschaft besondere Liebeserfahrungen innewohnen? Die Antwort ist zunächst ganz enfach: Weil sich Menschen in Gemeinschaften auf eine besonders intensive Art und Weise aufeinander einlassen und aufeinander beziehen. Sie stellen eine Gemeinschaft von relativ Gleichen dar, von Menschen also, die ähnliche Vorstellungen davon haben, wie sie ihr Leben gestalten und sich in ihm verwirklichen wollen. Bemerkenswert an Lebensgemeinschaften ist, dass sie sich vor allem dann gründen, wenn sich Menschen finden, die sich in Hinblick auf ihre Lebenspläne, Träume, Visio­nen und Glaubensvorstellungen, aber auch hinsichtlich persönlicher Haltungen und Einstellungen oder aufgrund ähnlicher Erfahrungen und Erkenntnisse ähneln. Allein diese Tatsache erhöht die Aufmerksamkeit füreinander und damit die gegenseitigen Zuwendungen. Dass diese nicht immer friedlich, mitunter sogar enorm konfliktreich sein können, ändert nichts an dem Umstand, dass damit eine Liebe entsteht, die sich allein in der Erfahrung der Verbundenheit äußert. Und diese Verbundenheit können wir selbst in eher flüchtigen und nicht besonders verbindlichen Gemeinschaftserfahrungen erspüren, wie sie z. B. bei einer Demonstration oder einem Festival erlebt werden können. Die Verbundenheit wird intensiver und hautnah, d. h. auch körperlich erlebbar, wenn diese Erfahrungen sich verdichten und an Intensität zunehmen, wie das etwa in einer Glaubensgemeinschaft der Fall ist, die sich regelmäßig zum Gebet oder zur Meditation trifft. Dort erfahren wir mitunter, wie die dabei entstehende Verbundenheit das Herz öffnet und eine tiefe Liebe in uns fährt. In sozia­len Lebensgemeinschaften, in denen Menschen alltäglich zusammenleben und sich aufeinander beziehen, äußern sich diese Liebeserfahrungen z. B. in einer Kultur des Schenkens und Teilens und in den vielfältigen Erfahrungen im Umgang mit der liebe- und friedvollen Lösung von Konflikten, wie sie in diesen Gemeinschaften in unterschiedlichster Form und Ausprägung zu beobachten sind. Dort werden Erfahrungen mit gewaltfreier Kommunikation ebenso erprobt wie – z. B. in Form von Foren – konstruktive Reflexionen über das Zusammenleben oder durch intensive Selbst- und Gruppenerfahrungen, wie sie z. B. in der radikalen Therapie vorherrschen. Darin drückt sich in besonderer Art und Weise das Bestreben aus, sich verbindlich und vertrauensvoll aufeinander einzulassen. Kurzum: Es ist gerade das Kommunitäre, in dem die menschliche Fähigkeit zur universellen Liebe zum Ausdruck kommt. Es ist dieser Erfahrungsraum, der uns Menschen miteinander verbindet und der letztlich auch unser Mensch-Sein ausmacht.
Solche Beobachtungen decken sich auf schon fast mystische Art und Weise mit meinen Erkenntnissen aus der Sozialisationsforschung, die ich seit über zwanzig Jahren betreibe. Dort nämlich ließ sich in vielen empirischen Studien nachweisen, dass die Entwicklungsmöglichkeiten für Heranwachsende in solchen Familien besonders ausgeprägt sind, in denen sich die Familien­mitglieder wechselseitig achten und in ihrer Persönlichkeit durch konkrete und unterstützende Bezugnahme stärken. Demgegenüber fanden sich besondere Entwicklungshemmnisse, ja geradezu Restriktionen in Familien, in denen autoritäre, d. h. auch einseitig ­beeinflussende Beziehungen vorherrschen. Auch in der Bindungsforschung zeigt sich, dass emotionale Bindungen zu Bezugspersonen dann als sicher und stabil erlebt werden, wenn sich die Beziehungen durch wechselseitige Bezugnahme auszeichnen. Ähnliche Befunde lassen sich für die Entstehung von Freundschaften und Partnerschaften zusammentragen und gelten selbst für anonyme Beziehungen, wie wir sie aus dem Arbeits­leben (z. B. in einer Firma) oder in politischen Organisatio­nen (z. B. politischen Parteien) und gesellschaftlichen Institutionen (z. B. dem Rechtswesen) kennen. Allerdings verlieren sie dort zunehmend ihre Verbindlichkeit und Intensität und damit auch ihre Bindungskraft. Das liegt daran, dass die universelle Liebeserfahrung immer dann zunimmt, wenn sich Menschen ganz konkret aufeinander beziehen. Es ist die Dichte und die Nähe, die Wechselseitigkeit und Verbindlichkeit der Bezugnahme, die das Gefühl der Verbundenheit stärkt und dem eine eigenartige Energie innewohnt, die über das hinausgeht, was der Einzelne erfahren kann.

Aufeinander bezogen sein
Vor kurzem las ich einen Artikel über die Bedeutung der Kinderrechtskonvention, in dem argumentiert wurde, dass diese Konvention ebenso wie die Menschenrechte selbst ihre Bedeutung gerade dadurch gewinnen, dass sie auf das Aufeinander-angewiesen-Sein von uns Menschen, auf die zutiefst soziale Verbundenheit der Menschen untereinander also, verweisen. Es geht dabei gar nicht um rechtliche Regelungen im strengen juristischen Sinn, sondern um die formulierte Erkenntnis, dass wir nur dann unser Mensch-Sein leben können, wenn wir uns in gegenseitiger Achtung und aufeinander bezogen begegnen. Hier wird der Vorstellung einer individuellen Schutzbedürftigkeit die Vorstellung eines universellen Prinzips des Menschlich-Seins entgegengestellt. Und eben in diesem Sinn unterscheiden sich auch persönliche Liebeserfahrungen von universellen Liebeserfahrungen. Denn die erste möchte exklusiv sein und geschützt werden, die zweite jedoch ergibt sich erst durch ein Einlassen auf die Tatsache, dass sich Liebe im sozialen Miteinander zeigt. Aber auch hier gilt: Diese Liebe ist fragil, denn im gemeinsamen Erleben steckt auch die Gefahr der Überhöhung und damit der Wunsch, diese Erfahrungen mögen exklusiv bleiben, sie also nur für diejenigen gelten zu lassen, die sich auf das Gemeinschaftliche einlassen. Das aber ist eine Illusion: Exklusivität zerstört die Liebe, die sich ja gerade im Aufeinander-bezogen-Sein und in Zuwendung äußert. Daher stehen Ab- und Ausgrenzungen der Liebe entgegen.
Immer wenn ich eine Gemeinschaft besuche, bin ich fasziniert von der Fülle der Beziehungen, die – wie gesagt – keineswegs immer harmonisch sind. Gleichwohl sind es die gemeinschaftlichen Beziehungs­geflechte, die Fäden zwischen den Menschen, die sich kreuzen, verknoten oder nebeneinander her verlaufen, die das Netz der Liebe spinnen, von dem hier die Rede ist. Diese Liebe zeichnet sich eben dadurch aus, dass alle Beteiligten sich selbst entfalten, ihren individuellen Lebensweg gehen können, sich dabei aber immer wieder auch auf die Menschen beziehen, mit denen sie gemeinsam ihr Leben gestalten. Sie vereint also Menschen im Geist und im Herzen, indem sie deren Einssein ebenso fördert wie ihre Unterschiedlichkeit. Sie ist daher auch nicht an Personen oder Dinge, nicht an Materielles oder Spezifisches gebunden. Sie ergibt sich aus der Zuwendung zu den Mitmenschen, aus der konkreten Beziehung und dem Umgang mit jenen Kräften, die dabei entstehen und die enorme Energien freisetzen. Das strahlt dann in den Gemeinschaften aus. Und das ist es auch, was ich als Gast in den Lebensgemeinschaften immer wieder fasziniert wahrnehme und als heilend erlebe. Es sind dies aber auch die spirituellen Erfahrungen, die mich beim Besuch eines Gottesdienstes oder einer anderen Gemeinschaftserfahrung erfüllen.
In vielen Gemeinschaftserfahrungen, die ich während meiner Besuche gemacht habe, und in vielen Gesprächen mit anderen Gästen, Gemeinschaftlern und Kommunarden haben wir uns diesen freigesetzten Energien zugewandt, sie fließen lassen und beob­achtet, wie sie sich in gemeinsamen Aktionen bündeln und eine Gestaltungskraft an den Tag legen, die wir in unserer westlichen, hochgradig individualisierten, ja anonymen, wenn nicht gar anomischen Menschenwelt kaum noch machen. Wie auch, wenn wir normalerweise nicht miteinander, sondern gegeneinander agieren, wenn wir um Anerkennung und Belohnungen konkurrieren und uns die Verwirklichung von Lebenszielen neiden? In Gemeinschaften dreht sich das um, denn der Erfolg und die Verwirklichung des einen kommt den anderen zugute. Ich habe manchmal den Eindruck, dabei eine positive Transformation des individuellen in ein soziales Handeln zu beobachten. Und eben dieses „Soziale“, das sich in Zuwendung, Hingabe und Verbindlichkeit zeigt, ist pure Liebe. Denn es ist nicht auf ein Individuum oder auf Materielles bezogen, sondern drückt sich in den Impulsen aus, die dadurch entstehen, dass das Individuelle geteilt wird.
Dass sich solche Erfahrungen in allen echten Gemeinschaften einstellen, konnte M. Scott Peck anhand vieler Gemeinschaftsbildungsprozesse beobachten, die er angeleitet hat. Demnach ergeben sie sich immer dann, wenn sich Menschen intensiv aufein­ander einlassen. Dort wird auch deutlich, dass diese Erfahrungen ein Loslassen von Gewohnheiten und persönlichen Belangen erfordert, ohne diese jedoch aufzugeben. Es ist eher das Vertrauen darin, dass sich Selbstentfaltung immer dann einstellt, wenn die Menschen über sich selbst hinausgehen und sich sozial binden. Sich für eine Gemeinschaftserfahrung zu öffnen, bedeutet für mich daher auch immer, sich auf sich selber einzulassen. Und das ist erst dann der Fall, wenn ich mich den Ereignissen und meinen Mitmenschen hingebe. Das hört sich paradox an, wird aber durch die Erfahrungen und Beobachtungen gestützt, die ich in Gemeinschaften und in meinen Sozialisationsstudien machen konnte: Je dichter soziale Beziehungen sind und je intensiver der Erfahrungs- und Meinungsaustausch in ihnen stattfindet, desto stärker ist das Verbundenheitsgefühl, desto intensiver die Liebesenergie und deren Ausstrahlung.

Ein Rahmen aus universeller Liebe stärkt exklusive Liebesbeziehungen
Solche Erfahrungen der gemeinschaftlichen Verbundenheit stärken letztlich auch die freundschaftliche und intime Liebesbeziehung zwischen zwei Personen, denn sie entlastet diese davon, allumfassend zu sein. Gerade daran aber leiden diese Liebesbeziehungen häufig, denn in ihnen sollen die Liebespartner etwas erfüllen, was sie gar nicht erfüllen können: eine unbedingte Hingabe und Exklusivität der Zuwendung. Daher schränken sie die Gestaltungs- und Entfaltungsmöglichkeiten der Partner auch eher ein, als sie zu fördern, denn die partnerschaftliche Fokussierung lässt Beziehungen zu anderen Menschen nur noch bedingt zu. In Gemeinschaften können die persönlichen Intimbeziehungen hingegen in ihrer Bestimmtheit durch die Fokussierung auf den Liebespartner gelebt werden, ohne zugleich alle anderen Bezugspersonen auszugrenzen und damit abzuwehren. Damit aber wird diese Liebe zu dem, was sie wirklich ist: eine intime Liebesbeziehung, die zwar exklusiv, aber zugleich auch Teil einer universellen Liebe sein kann, die sich durch die Gemeinschaftlichkeit einstellt.
Auch daran wird das Liebespotenzial deutlich, das Gemeinschaften innewohnt. Denn die Liebe im ­Kleinen stärkt hier die Liebe im Großen, wird das ­Exklusive einer Liebesbeziehung in ein Erleben universeller Liebesfähigkeit transformiert.

Ökonomischer Ausdruck der Liebe
Eine ähnliche Erfahrung stellt sich aber auch ein, wenn ich beobachte, was das gemeinsame Wirtschaften in einer Gemeinschaft auszeichnet. Auch dort nämlich geht es darum, die individuellen Interessen so zu formulieren und zu befriedigen, dass das Gemeinwohl – also das wirtschaftliche Überleben der Gemeinschaft – nicht gefährdet wird. Auch dazu ist es notwendig, das partikulare Interesse einem kollektiven Interesse unterzuordnen, geht es doch um Kooperation und Solidarität und nicht um Konkurrenz. Auch hier taucht also ein Aspekt der liebevollen Zuwendung auf, der sich auf das gemeinsame – und eben nicht nur individuelle – Wohlergehen bezieht. Dieses Wohlergehen stellt sich aber nur dann ein, wenn wir uns einlassen auf das Gemeinsame, statt zunächst an unsere eigene Bedürfnisbefriedigung zu denken. Wie in der Liebe geht es also auch hier darum, das Eigene mit dem Gemeinsamen zu versöhnen – und zwar ohne das Besondere der individuellen Bedürfnisse zu verneinen, sondern es bejahend auf eine gemeinsame Haushaltsführung, ein solidarisches Wirtschaften zu beziehen. Dieses fördert dann beides: das individuelle Wohlergehen und die Wohlfahrt der Gemeinschaft.
Die Analogie zur sexuellen bzw. exklusiven Liebesbeziehung liegt auf der Hand. Denn wie dort wird auch im gemeinsamen Wirtschaften eine spezifische Qualität des gemeinsam organisierten und solidarischen Lebens deutlich. Es entsteht ein Mehrwert an Qualität in der Lebensführung, weil die gemeinsame Existenzgrund­lage durch alle erwirtschaftet und für die Bedürfnis­befriedigung aller verwandt wird. Kurzum: Die individuelle Belastung nimmt zugunsten einer gemeinsamen Verantwortungsübernahme ab, es werden Freiräume und Gestaltungsmöglichkeiten sowohl beim Erwerb des Lebensunterhalts als auch bei der Verwendung der finanziellen Mittel sichtbar, die es in einer individuellen Ökonomie – wie sie im Kapitalismus vorherrscht – so nicht gibt. Die sich hier abzeichnende Wohlfahrtsökonomie basiert also ebenfalls auf dem Prinzip der wechselseitigen, gleichberechtigten und gemeinsam verantworteten Beziehung zueinander – und wiederum nicht auf Abgrenzung und Konkurrenz. Und dabei entsteht gleichsam nebenbei das, was auch die universelle Liebe auszeichnet: verdichtete Kommunikation, menschliche Nähe, Solidarität und die Gewissheit, ­sozial aufgefangen zu werden, selbst dann, wenn die Mittel zum Lebensunterhalt einmal knapp sind.
Universelle Liebe, so ließe sich schlussfolgern, kann also auch unser Wirtschaften beflügeln und transformieren. Grundlegend dafür ist in jedem Fall das Aufeinander-bezogen-Sein.



Matthias Grundmann, geboren 1959, seit 2000 Professor für Soziologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Forschungsschwerpunkte: Individuelle Entwicklung sowie soziale Beziehungen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten, lebenslange und kulturspezifische Sozialisation. In den letzten Jahren Aufbau eines Forschungsschwerpunkts zum Leben in intentionalen ­Gemeinschaften.



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Grundmann, Mathias

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