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Buchbesprechung
erschienen in Ausgabe 163
Vulva – Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts

Nein, keine Sorge, das ist keine Porno-Empfehlung. Auch wenn Sie nach der Lektüre dieses wichtigen Buchs vermutlich einen differenzierteren Blick auf Phänomene wie Porno oder Striptease haben werden.
Die in Deutschland lebende indisch-polnischstämmige Rundfunkjournalistin Mithu M. Sanyal hat sich – aus einer persönlichen Not heraus – intensiv mit der Frage beschäftigt, warum sie noch als Teenagerin weder ein Wort für „das da unten“ zwischen ihren Beinen hatte, noch eine genauere Vorstellung, wie „das“ denn eigentlich aussieht (während sie andererseits aus intensiven Spiegelbefragungen wusste, dass sie auf der Rückseite ihrer Schenkel keine Cellulite hatte). Jungs haben einen Penis, auf den sie stolz sein können – aber was haben Mädchen? Bald fand Mithu Sanyal heraus, dass sie mit diesen Problemen durchaus nicht allein dastand, ja, dass die Namenlosigkeit und Unsichtbarkeit des äußeren weiblichen Geschlechts tatsächlich ein gemachtes (!) kulturelles Defizit darstellt. Denn die allgemeine Leugnung, Tabuisierung, Verstümmelung, Falschbenennung und Diffamierung der Vulva ist – das hat die Autorin in diesem spannenden Werk sehr klar herausgearbeitet – seit Beginn des Patriarchats immer ein Mittel der Herrschenden gewesen, um Frauen systematisch von der Beziehung zu ihren Körpern – und somit von ihrem Selbstbewusstsein, ihrer Identität und letztlich von ihrer Seins-Macht – abzutrennen. Auf diese Weise produziert man(n) willfährige Sklavinnen.
Was das Buch so rund macht, ist, dass Mithu Sanyal bei dieser Patriarchatsanalyse nicht stehenbleibt, sondern ausführlich auch auf die ursprüngliche Verehrung der Vulva eingeht, die sich durch sämtliche Kulturen der Welt zieht, und deren Spuren noch heute selbst in den patriarchalsten Religionen offenkundig ist – wenn man die Symbolik nur richtig zu deuten vermag, bzw. wenn man den Mut aufbringt, Offenkundiges beim Namen zu nennen (wie z.B. die Vulva-Ecke am islamischen Kaaba-Heiligtum in Mekka, das in matriarchalen Zeiten ein Tempel des Göttin-Aspekts
„Al-Lat“ [sic!] gewesen ist). Auf diese Weise wird das Buch über die Vulva zu einer fesselnden Kulturgeschichte der Welt. Diese Geschichte erfährt durch die offensive Art und Weise, mit der sich in den vergangenen Jahrzehnten Striptease-, Burlesque-, Aktions- und bildende Künstlerinnen mit der Vulva auseinandergesetzt haben, momentan eine hoffnungsvolle Wendung.
Dieses Buch wird hoffentlich seinen Teil zur Sichtbarwerdung, Enttabuisierung, Aufwertung und Verehrung der Vulva beitragen. Denn niemand sollte sich täuschen: Die oben beschriebene Problematik, der sich die Autorin vor ihrer Forschung gegenübergesehen hatte, stellt auch heute noch, vierzig Jahre nach der angeblichen „sexuellen Revolution“, eine Wirklichkeit im Leben unzähliger Mädchen und Frauen dar – mit ungeahnten Auswirkungen auf ihre Psyche! So ist dies Buch nicht nur eine erhellend-unterhaltsame Lektüre für Kulturgeschichtlerinnen, Feministen, Matriarchatsforscherinnen und neugierige Männer, sondern nicht zuletzt auch eine not-wendige Geschichte für von der kulturbedingten Vulva-Leugnung betroffene Frauen sowie für die um Worte ringenden Eltern von heranwachsenden Mädchen.

\(i)/

Mithu M. Sanyal, Vulva – Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts, WagenbachVerlag Berlin 2009, gebunden mit Schutzumschlag, 240 Seiten mit vielen Abbildungen, ISBN-13: 978-3803136299, 19,90 Euro



  Autoren

Schilk, Jochen

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Hier können Sie auch den in Ausgabe 155 erschienenen Artikel lesen

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