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Rettung der politischen Vernunft
erschienen in Ausgabe 163  PDF-Version (225.02 KB)
Christina Mörth sprach mit Gandalf Lipinski über seine Europa-Kandidatur für die Partei „Die Violetten“.

Ein basisdemokratischer Aktivist als Kandidat einer Partei für die Europawahl – geht das? Gandalf Lipinski hat seinen Entschluss, für die Partei „Die Violetten“ zu kandidieren reiflich überlegt. Im Gespräch mit Christina Mörth entwickelt er seine Begründung, lässt uns an seinen visionär-pragmatischen Gedanken teilhaben und ermutigt zu eigenem politischen Engagement.

Christine Mörth: Alexandra und du seid nun fast ein Jahr hier in Heckenbeck. In dieser Zeit konnte man dich eher als engagiert in Gemeinschaftsfragen, als Vernetzer und im Zusammenhang mit Holon, dynamik5 und ähnlichem wahrnehmen. Wie kommt so jemand dazu, sich als Kandidat für eine politische Partei aufstellen zu lassen?

_Gandalf Lipinski: Ja, warum denn nicht?

Wir hatten es ja in den verschiedensten Zusammenhängen immer wieder: Das Lebensgefühl bzw. die heranreifende Erkenntnis, dass der neue Wein nicht mehr in den alten Schläuchen transportierbar ist; Lösungen nicht aus den Strukturen zu erwarten sind, die die Probleme hervorgebracht haben, usw.

Man kann ja der Meinung sein, dass die Organisationsform „Partei“ an sich schon Teil einer Verkrustung ist, die wir hinter uns lassen sollten. Ich stimme da mit dem Allermeisten überein, was aus dieser Richtung kommt. Es ist absolut wichtig, hier sehr wach zu sein, sonst schleichen sich allein über die Struktur und das Umfeld, in welchem man als Partei agiert, quasi über Nacht und unbewusst alle alten Muster von Herrschaft wieder in die neuen Organisationen ein. Ich habe das damals bei den Grünen erlebt, und ein wesentliches Motiv, mich bei den Violetten zu engagieren, war, hier ein Höchstmaß an Wachheit hineinzutragen, dass sich die schleichende Anpassung an die strukturelle Korruption – so nenne ich die Art, wie Anpassung und alte Herrschaftsprinzipien sich in neuen Zusammenhängen meist schnell einzuschleichen verstehen – in einer neuen Partei nicht wiederholen.
Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Organisationsform „Partei“ zwar als Teil der Verkrustung eines auslaufenden Systems betrachtet werden kann, aber sie ist das eher an der Oberfläche, und wenn wir die von dir erwähnten Einsichten berücksichtigen wollen, dann sollten wir sie vor allem auf die prägenden Tiefenstrukturen des Systems anwenden, also eher auf das Finanzwesen zum Beispiel, oder …

Augenblick, bitte! Zu den Inhalten kommen wir noch. Zuerst möchte ich noch wissen, warum du jetzt ausgerechnet für die VIOLETTEN für das Europäische Parlament kandidierst.

_Dazu muss ich etwas ausholen. Schauen wir auf die „Krise“, die nun in aller Munde ist: US-Immobilien­krise oder Bankenkrise hieß sie am Anfang. Dann wurde sie zur globalen Finanzkrise und Wirtschaftskrise. Heute wagt doch der frechste Neoliberale kaum mehr, von einer „Konjunkturdelle“ oder ähnlichem zu reden. Wie auch immer man die Krise benennt, es wird unübersehbar, dass wir uns in eine grundsätzliche, eine strukturelle Krise hineinbewegen, die sich nicht auf die Finanz- und Wirtschaftswelt beschränken lässt. Auch ökologische, soziale und bewusstseinsmäßige Verwerfungen stehen an, die wir in der Gesamtschau als tiefgreifende Strukturkrise unserer Gesellschaft erkennen können. Und nun gibt es, grob vereinfacht, zwei unterschiedliche Grundhaltungen, ihr zu begegnen. Ich bin kein Freund von Untergangsszenarien. Wenn aber das kapitalistische Finanzsys­tem, und davon abhängig viele global und fremdgesteuerte Versorgungssysteme, plötzlich kollabieren, dann stelle ich mir das nicht lustig vor. Und gerade weil solche Systemzusammenbrüche ­heute immer realistischer und wahrscheinlicher werden, sollten wir statt der Sorge um den Erhalt der alten Systeme eher die Bereitschaft zum Aufbau lebensdienlicher Alternativen fokussieren.

Rezepte gegen den Untergang gibt es
Man muss ja nur über längere Zeit KursKontakte oder ähnliches lesen. Sich erinnern, was wir die ­letzten dreißig bis vierzig Jahre so getrieben haben, was die Gemeinschaftsbewegung, die Umweltbewegung und so viele andere bereits entwickelt haben. Schau dir die Projekte an, die die Träger des Alternativen Nobelpreises aufbauen. Schau auf den Club of Budapest, auf den Kongress für Integrale Politik im letzten Jahr, auf die wachsende Zahl der Regionalwährungen und so vieles mehr. Holon ist ja gestartet mit dem Anliegen: Raus aus den Nischen, rein in den gesellschaftlichen Mainstream! Die Studie von Paul Ray hat erbracht: Rund ein Drittel sollen die Kulturkreativen in den westlichen Gesellschaften stellen. Und immer noch haben viele von uns geglaubt, es ginge nicht so schnell, es würde wohl noch Jahrzehnte dauern. Das war nun Schnee von gestern. Heute kommt die Realität auf uns zu. Und der ganze gesellschaftliche Reichtum, das Wissen und die Erfahrungen, all die bereits vorhandenen und zum Teil sogar erprobten Lösungsansätze, sind jetzt angesagt. Vielen von uns mag das viel zu spät erscheinen, anderen zu früh. Ich denke, erst die einsetzende Krise bietet eine ausreichende Chance, den anstehenden Wandel gemeinsam und lebensdienlich mitzugestalten.

Politischer Arm der kulturkreativen Strömung
Und da kommen nun für mich die Violetten ins Spiel. Die Kulturkreativen haben zwar die positiven, spirituellen, ganzheitlichen und lebensdienlichen Ansätze entwickelt, aber sie haben es bisher nicht geschafft, sich als politische Kraft in dieser Gesellschaft selbst zu erkennen, zu definieren oder gar auszudrücken.
Wenn ich aber will, dass die lebensdienlichen Impulse der Kulturkreativen auch in den parlamentarisch-politischen Diskurs dieser Gesellschaft und speziell jetzt in dieser Krise einfließen, dann muss ich mich eben dazu auch eines Gefäßes dieses politisch parlamentarischen Systems bedienen. Und zwar nicht irgendeines Gefäßes, einer Partei, sondern der, mit der diese breitere gesellschaftliche Bewegung am meisten inhaltliche Übereinstimmung hat. Und das sind für mich in Deutschland eben heute die Violetten.

Warum? Wirkt es nicht spaltendend, auf eine Partei zu setzen und andere Optionen auszuschließen?

_Weil alle anderen unsere Impulse eben nicht aufgenommen haben. Ich weiß, es gibt hier Leute, die den Glauben an die Grünen immer noch nicht aufgeben wollen, es gibt die, die sagen: „Jetzt die Linke wählen, wenigstens als Proteststimme“, und es gibt die, die sich in vornehmer Enthaltsamkeit üben. Menschlich habe ich Verständnis und Sympathie mit all diesen Entscheidungen, aber politisch ist diese Zeit heute vorbei. Es kann jetzt nicht mehr darum gehen, das möglichst allerkleinste Übel zu wählen, der Arroganz der Macht mit Proteststimmen eins auszuwischen oder sich in kathartischer Reinheitsattitüde der politischen Sphäre total zu enthalten. Wenn wir den Kulturkreativen jetzt die Möglichkeit geben wollen, ihre Stimme auch im parlamentarischen Raum zu erheben, sollten wir jetzt die Violetten wählen.

Die Violetten sagen: Die Zeit ist reif für spirituelle Politik. Was verstehst du darunter, und wie drückt sich so etwas in politischen Programmen aus?

_Spirituelle Politik, das ist für mich keine bestimmte Programmatik, sondern zunächst mal ein hoher Anspruch an sich selbst. Persönlich rede ich da auch lieber von ganzheitlichem, integralem Bewusstsein oder Weisheit. Damit nicht die fatale Verwechslung von Bewusstsein und Politik entsteht und man zum Beispiel denken könnte, die Violetten würden eine Art esoterische Variante der CSU anstreben.
Wenn ich aufgrund von eigener ­Lebenserfahrung an den Punkt gekommen bin, auf einer tiefen ­Ebene zu verstehen, dass die Welt geistig aufgebaut ist, und dass nicht nur wir Menschen, sondern alles in diesem Kosmos auch in geistig-seelischer ­Weise schwingt und miteinander in Resonanz ist, und wenn ich dann nicht sage: „Tschüß, Welt, jetzt meditiere ich nur noch“, sondern mich mit diesem persönlichen Bewusstseinshintergrund wieder einbringe in die ­Gestaltung von Gesellschaft, dann ist das spirituelle Politik. Es geht dabei nicht um spirituelle Modelle, letzte Wahrheiten, Aussagen über die Natur Gottes oder ­ähnliches. Es wäre sogar fatal, wenn eine Partei in diesem Bereich eine Art konfessionelle Vereinheitlichung anstreben würde. Die Geschichte hat immer wieder gezeigt, wenn auf der geistigen Ebene Vereinheitlichung statt Freiheit herrscht, dann ist der nächs­te Krieg nicht weit weg. Nein, Spiritualität ist für mich weder eine als verbindlich für alle in der Partei geltende Ideologie noch ein extra Programmpunkt, sondern eine Grundhaltung reifer Menschen, die alle Bereiche unserer politischen Aussagen durchdringt.
Um es praktisch zu machen: Wenn mein ganzheitliches Menschenbild uns eben nicht nur als intelligente Materie, sondern auch als geistig und seelisch miteinander und mit der Welt verbundene Wesen sieht, dann bekommt zum Beispiel der erste Absatz § 1 des Grundgesetzes wieder eine viel tiefere Bedeutung: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Und dann heißt es später noch: „Sie zu schützen ist die oberste Aufgabe des Staates.“ Wenn wir das tiefer verstehen, annehmen und konkret in die einzelnen ­Felder politischer Gestaltung herunterdeklinieren, dann sind wir im Herzen spiritueller Politik angekommen. Und in diesem Licht sehen die entsolidarisierenden Konsequenzen des globalen Finanzsystems – oder positiv: der Vorschlag eines bedingungslosen Grundeinkommens – eben klarer aus, als wenn wir da nur aus der Sicht schneller taktischer Durchsetzbarkeiten, sogenannter Sachzwänge oder anderer entmündigender Opportunismen draufschauen.

Glaubst du denn, die Violetten haben die Kraft und Reife, Politik in diesem Sinn in ihren eigenen Reihen zu entwickeln und überzeugend nach außen zu vertreten?

_Es spielt keine Rolle, ob sie das selber alle so verstehen, wollen oder können. Es ist evolutionär oder, wenn man das lieber mag, historisch eben jetzt dran. Ich sehe keine andere Kraft, die derzeit diese Rolle übernehmen könnte. Es geht doch nicht darum, wer jetzt was unter „spirituell“ versteht, wer mit wem lieber oder lieber nicht zusammenarbeitet – das sind alles Kinderkrankheiten, die es bei den Violetten wie bei allen anderen auch gibt. Nein, die Herausforderung an uns heißt doch heute: Schaffen wir es, den immensen Fundus an Wissen, Erfahrungen, Lösungsansätzen, die ja bereits existieren, einzuspeisen in ein System, dessen offizielle Vertreter sich derzeit noch mit Zähnen und Klauen dagegen wehren? Schaffen wir das, obwohl man im jetzigen System eben leichter mit destruktiven, gemeinwohl- und grundlagen­zerstörenden Verfahren Profite machen kann, als mit dem Umstieg auf lebensdienliche und gemeinschaftsfördernde Strukturen?

Neue Lösungen für ein altes System?
Und ich glaube, es gibt bei den Violetten genug Menschen, die diese Herausforderung verspüren, verstehen und annehmen wollen. Insofern könnte man auch sagen, die Violetten sind ein Projekt zu Rettung der politischen Vernunft! Denn da, wo diese eigentlich aufgehoben sein sollte, bei den Regierenden, da ist sie ja leider schon lange nicht mehr beheimatet. Politik hieß ursprünglich: die Kunst der Gemeinschaft. Und wenn es uns gelingt, ihr davon wieder mehr zu geben, wenn es gelingt, dass bei Politik nicht nur automatisch Parteienherrschaft, strukturelle Korruption, totale Kapitulation vor den globalen Finanzbewegern oder ähnliches assoziiert wird, dann können die Violetten stolz darauf sein, das parlamentarische Sprachrohr dieses Wandels zu sein.

Das hört sich ziemlich anspruchsvoll an. Und wenn deine Einschätzung stimmt, dann brauchen wir ja jetzt nur alle die Violetten zu wählen und alles wird gut!

_Anspruchsvoll ist es! Das ist aber auch notwendig nach soviel Anspruchslosigkeit in der Politik der jüngeren Vergangenheit. Das andere fasse ich mal als Provokation auf. Natürlich hast du recht: Mit Wählen allein ist erstmal wenig getan. Es ist zwar ein nicht zu unterschätzender erster Schritt, aber es geht doch um viel mehr. Hier nur zwei Dinge:
Man kann nicht einfach eine Partei wählen und dann erwarten, dass die in meinem Sinn alles ­richtet. Natürlich wäre es gut, wenn möglichst viele Menschen die Partei nicht nur wählen, sondern auch Mitglied werden und sie aktiv mitgestalten würden. Und das andere ist noch wichtiger. Es geht darum, dass die Dinge, die wir in unseren Programmen erwähnen, von Gruppen engagierter Bürger selbständig in die Hand genommen werden. Ich halte das für ungleich wichtiger, als dass wir schlaue Programmpunkte formulieren und bis ins Detail vorausplanen. Natürlich muss eine Partei ihre Richtung durch programmatische Aussagen klar machen. Aber zum Beispiel der Entwurf für die „Sieben Eckpunkte integraler Politik“, die der Arbeitskreis Europa erarbeitet hat, enthält zwar ­klare, aber nicht detailliert ausgeführte politische ­Aussagen. Natürlich werden unsere Arbeitskreise auch zu detaillierteren Aussagen kommen, einige existieren ja bereits.

Das Wichtigste: Eigeninitiative
Nochmal: Für mich ist es viel bedeutender, dass wir unsere pure Existenz und natürlich nach Möglichkeit auch unsere Präsenz in den Medien oder gar in den Parlamenten dazu nutzen, bestimmte Debatten zu unterstützen. So ist zum Beispiel schon seit einigen Jahren das bedingungslose Grundeinkommen ein zentraler Programmpunkt. Am allerwichtigsten ist es aber, die Menschen zu ermutigen, sich zusammenzutun und ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen.

Brauchen wir dazu überhaupt noch Parteien? Das hört sich so an, als seist du im Herzen der Basisdemokratie mehr zugeneigt als dem repräsentativen parlamentarischen System …

_Klar, das bin ich auch. Ich bin sehr dafür, die Elemente von direkter Demokratie, gegliederter Demokratie (ob nun nach Steiner oder nach Heinrichs) und ähnliches zu entwickeln und zu integrieren. Das A und O jedoch einer echten Basisdemokratie wäre eine Umkehr der heutigen Souveränitätsverhältnisse, eine echte Subsidiarität, wo die nächsthöhere Entscheidungsebene nur dort das Sagen hat, wo die Ebenen darunter bestimmte Dinge aus eigener Souveränität nach oben delegiert haben.

Also eine Art Rätedemokratie mit imperativem Mandat?

_Ja, aber selbstverständich etwas modifizierter und besser strukturiert als die Rätedemokratien vor fast einhundert Jahren. Die sind ja auch daran gescheitert, dass in ihnen die Parteien das Sagen hatten und ­selten die Menschen an der Basis. Aber das sind Fernziele. Auf dem Weg dahin braucht es natürlich auch eine Partei, in der das Bewusstsein für eine weiterentwickelte Demokratie im Sinn von mehr Basis- und direkter Demokratie entwickelt werden kann. Wenn der Prozess gelingt, könnte diese Partei sich eines Tages dann in eine funktionierende Basisdemokratie auflösen.

Das werden wir weiter beobachten. Vielen Dank für das Gespräch!

  Autoren

Christine Mürth, Gandalf Lipinski

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