Das Holon-Netzwerk als Brücke zu einem neuen Paradigma.
Willi Maurer, Autor mehrerer KursKontakte-Berichte über das Holon-Netzwerk, richtet in diesem Sommer die Holon-Sommertagung im Tessin aus. Vom scheinbar Unpolitischen und ganz Persönlichen ausgehend, richtet er den Blick auf anstehende gesellschaftliche Transformationen.
Wie alle Jahre lädt das Holon-Netzwerk Anfang August zur einwöchigen Sommertagung ins Tessin ein. Das diesjährige Thema „Die Fülle der Bescheidenheit – bewusster Umgang mit Nahrung, Energie, Sein“ soll uns zu einem sich abzeichnenden Übergang vom alten Descarte’schen Glaubenssatz „Ich denke, also bin ich“ zum neuen Paradigma „Ich fühle, also bin ich“ anregen. Bei den vergangenen Jahrestagungen trat immer wieder die Frage in den Vordergrund, was es denn sei, das so viele visionäre Projekte trotz guten Willens aller Beteiligten scheitern lasse. Die letztjährige Sommertagung, die in den Kongress „Integrale Politik“ integriert wurde und eine Öffnung zur Zusammenarbeit mit verschiedenen politischen Gruppierungen wie den Violetten und ip – Integrale Politik Schweiz beinhaltete, zeigte deutlich, wie wichtig es ist, dass das Handeln im Fühlen verankert ist. Ansonsten werden wir, die wir uns für eine andere Welt einsetzen, trotz Erklimmung hoher Bewusstseinsebenen von unserem Schatten eingeholt. Der mit den Quantenwissenschaften vertraute Zellbiologe Bruce Lipton weist darauf hin, dass für das rationale Denken etwa fünf Prozent unseres Gehirns zuständig sind, doch immer dann, wenn Ängste, Stress und Notsituationen unser Handeln beeinflussen, übernimmt unser – durch individuelle, gesellschaftliche, intra-uterine und frühkindliche Erfahrungen programmiertes – Stammhirn, das etwa 90 Prozent umfasst, die Führung. Das ist ungefähr so, als ob ein Computerprogramm, das mit einer Leistung von 40 Byte/s ausgestattet ist, unseren positiven Gedanken zur Verfügung steht; doch im Notfall schaltet sich ein von uns nicht beherrschbares Steuerprogramm von 40 Millionen Byte/s ein und übernimmt die Führung.
In meiner Arbeit mit Menschen in Krisensituationen habe ich in drei Jahrzehnten tiefe Einblicke sowohl in das Entstehen von selbstzerstörerischen Verhaltensweisen gewonnen als auch in Möglichkeiten, diese aufzulösen und zu lebensdienlichen und -freudigen Verhaltensweisen zurückzufinden.
Zurückfinden? Das klingt, als ob es sie einmal gegeben habe! So ist es: Meine Erfahrungen mit Müttern, die ihre Kinder in der ersten Lebenszeit am Körper tragen und sie nach dem Wissen um das Kontinuumprinzip (nach Jean Liedloff) begleiten, weisen deutlich auf den Ansatzpunkt für ein glückliches, uns selbst gegenüber verantwortliches Leben hin.
Nicht-gefühlte Gefühle fühlen heilt
Oft geraten Mütter, die ihr Kind natürlich, d. h. frei von Stress und daher ohne Medikalisierung zur Welt gebracht und es liebevoll im Tuch getragen haben, an die Grenzen ihrer Kräfte und Möglichkeiten. Nicht wegen des Babys, sondern weil sie von Problemen mit ihrem Partner derart belastet und überfordert sind, dass sie in Verhaltensweisen zurückfallen, die sie überwunden geglaubt haben. Reaktionsweisen, die denen ihrer Eltern ähnlich, gar in Gewalt ihrem Kind gegenüber auszuarten drohen, und die sie eigentlich niemals wiederholen wollten.
Solche Situationen beobachtend, begann ich in Italien, meine Gefühls- und Körperarbeitsgruppen auch für Mütter mit noch zu stillenden Babys zu öffnen. Anfangs war ich sehr vorsichtig, da ich befürchtete, dass die anwesenden Babys beim Ausdruck von starken Wut- und Hassimpulsen oder dem hemmungslosen Weinen der Mütter (und Väter) mit Angst oder Panik reagieren könnten. Nichts dergleichen geschah, wenn die Mütter quasi an einem roten Faden ihren Emotionen folgten, bis hin zu den Urgründen ihrer bisher verdrängten Verletzungen, die oft im vorgeburtlichen Sein, hauptsächlich aber in den nachgeburtlichen Trennungs- und Verlassenheitserfahrungen aufgefunden wurden. Die anwesenden Babys sahen diesem Tun teils mit Interesse zu, so als ob eben die Erwachsenen, genauso wie Babys auch, manchmal laute Gefühlsausbrüche haben, und damit hatte es sich. Doch erst aufgrund von vielen Rückmeldungen, die besagten, dass die Babys anschließend fühlbar entspannt in den Armen der Mutter lagen und auch die nachfolgenden Nächte außergewöhnlich gut durchgeschlafen hätten, begann ich meinen eigenen – identischen – Wahrnehmungen zu trauen.
Durch tiefe Einsicht in ihre eigene Lebensgeschichte begannen Mütter und Väter ihr eigenes inneres Baby, das Mangel, Zurückweisung und Verzicht auf grundlegende Bedürfniserfüllung und in der Folge Bedürfnisäußerung zu erdulden hatte, zu erfühlen. So fanden sie zurück zu innerem Frieden und der Fähigkeit, ihre Bedürfnisse an den Partner nicht mehr als Vorwurf, sondern als ein ihn berührendes Anliegen zu äußern.
Da ich diese Mütter und Väter periodisch immer wieder traf, sah ich den Wandel in Form von gegenseitiger liebevoller Fürsorglichkeit in den Interaktionen zwischen den Eltern ebenso wie zwischen ihnen und ihren Kindern. Dabei beeindruckte mich immer wieder die frühe Selbständigkeit und Eigenkompetenz dieser Kinder. Eigenschaften, die sie auch als mündige Wesen ins soziale Zusammenleben einbringen, eben response-ability (responsibility = englisch: Ver-Antwort-lichkeit; wörtlich: fähig, zu antworten).
Das eben Beschriebene zeigt uns die zum Paradigmenwechsel notwendigen Schritte mit aller Deutlichkeit auf. Das neue Paradigma „Ich fühle, also bin ich“ hängt davon ab, wieviel Prozent der in frühen Wachstumsstadien geprägten und programmierten Inhalte des Stammhirns unserem Bewusstsein wieder zugänglich gemacht und integriert werden können. Das setzt voraus, dass die ursprünglichen frühkindlichen Traumata, die zu der nicht lebensdienlichen – aber in der Not vielleicht nützlichen – Programmierung geführt haben, noch einmal gefühlt werden.
Neurobiologen wie Gerald Hüther weisen seit Jahren darauf hin, dass unser Gehirn größtenteils schon bei der Geburt auf die in der Mitwelt der Mutter zu erwartenden Gegebenheiten geprägt ist und dass diese Matrix fürs ganze Leben Wirkung entfalten wird. Dies, weil die sogenannten Spiegelneuronen jedesmal in Resonanz versetzt werden, wenn aktuelle Ereignisse oder Körperempfindungen gemäß den in uns angelegten innerlichen Überzeugungen Gefühle und Verhaltensweisen hervorrufen. Jede Zelle hat ein Gedächtnis und kooperiert bestmöglich mit Milliarden von anderen Zellen, gemäß den alten, meist verdrängt in uns liegenden Erfahrungen. Über das morphogenetische Feld finden diese Schwingungen Resonanz in anderen Individuen, Gruppierungen, Gesellschaften und in der gesamten Mitwelt. Meine Erfahrung zeigt, dass das Individuum, das sich bewusst emotionell berühren lässt, wieder Kontakt zu den verdrängten Anteilen finden kann. Dies ermöglicht auch, die Wechselwirkung, die diese Anteile entfalten und so die Welt mitkreieren, zu erkennen und schließlich neu handeln zu können.
Die erwähnten Mütter haben mir aufgezeigt, was für alle Menschen ansteht, die ebenfalls „Kinder“ – nämlich in der Form von zu verwirklichenden Visionen, sei es auf politischen, gesellschaftlichen Ebenen oder neuen Formen des Zusammenlebens – haben.Gerade in der heutigen Krisensituation droht das Stammhirn des Individuums im alltäglichen Handeln und bei demokratischen Abstimmungen die visionären Lösungen einmal mehr zu sabotieren. Periodisch tauchen z. B. Angstmeldungen auf, die nicht zur Hinterfragung von krankheitsverursachenden Produktionsmethoden und notwendigen Systemänderungen führen, sondern der Millionengewinne versprechenden Entsorgung von sich dem Verfallsdatum nähernden Medikamentenlagern dienen.
Nicht nur Stress, sondern auch schon die Abwesenheit von Zufriedenheitsgefühlen scheint im Menschen die zur Erhaltung des Überlebens notwendigen Flucht- oder Lähmungsfunktionen auszulösen. Die Folge ist, dass die für das Zellwachstum zuständigen Abläufe in einer Schutzhaltung verharren. Das bedeutet Alterung, Schädigung der inneren Organe und der Hautzellen. Letzteres hat besondere Bedeutung, denn alle unsere Wahrnehmungsorgane sind in der Haut angelegt: Tastsinn, Geruchsinn (Nase) Geschmacksinn (Zunge), Sehsinn (Augen), Hörsinn (Ohren).
Das Fühlen kommender Generationen
Vielen der kulturkreativen Menschen sind durch Meditation und verschiedene Wege der Selbsterfahrung, aber auch durch Schicksalsschläge, Teile des verdrängten Unterbewusstseins wieder zugänglich geworden. Ich konnte beobachten, dass, je intensiver die dabei angerührten Gefühle Ausdruck finden dürfen, umso stärker das Zellgedächtnis, wo der abgespaltene primäre Teil unserer Geschichte gespeichert ist, aktiviert werden kann. Das dadurch entstehende Bewusstsein kann sinnvolleres Verhalten ermöglichen, und – was besonders wichtig ist, um Paradigmenwechsel vollziehen zu können – Einsicht in die Entstehung unserer krankmachenden Programmierung bekommen. Das führt auch zum Erkennen des Stellenwerts des „Imprintings“, den alle Sinne umfassenden Kontakt zwischen der Mutter und dem Neugeborenen, sowie des Babytragens. Hier wird der Grundstein gelegt für das Wohlbefinden und sinnvolle Verhalten von Mutter und Kind – und der Gesellschaft.
Bruce Lipton benennt in seinem Buch „Intelligente Zellen“ folgende, durch epigenetische (übergeordnete Steuerung der Gene) Forschungen bestätigte Einwirkungen, die ein Fehlverhalten der Zellen beeinflussen: Traumatisierung durch körperliche oder psychische Einflüsse; chemische Stoffe, Drogen, Giftstoffe; vor allem jedoch Überzeugungen und in der Folge Gedanken. Diese inneren Überzeugungen sind insbesondere in den prägenden Erfahrungen in der sensiblen primären Lebensphase begründet.
Aufgrund dieser Erkenntnisse sehe ich die breite Förderung des Imprintings als einen essenziellen Schritt, damit die dominierenden 95 Prozent Gehirnmasse bei zukünftigen Generationen auf segensreiche Impulshandlungen programmiert sein werden.
Auf der diesjährigen Holon-Sommertagung wird durch das gegebene Thema und die Organisationsstruktur, welche selbstverantwortliches Handeln als sinnliche Erfahrung erlebbar werden lassen, ein realitätsbezogener Austausch zwischen Menschen, die verschiedenste Erfahrungswege gegangen sind, zu anregenden Höhepunkten begleitet.
Holon-Sommertagung vom 2. bis 8. August in Aranno, Tessin (Schweiz). Ausführliche Informationen: www.holon.ch oder www.dynamik5.org oder Tel.: +41 9 16091089.
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