|
| Für jeden etwas, und für alle genug |
|
|
Ein Bericht vom Internationalen Wirtschaftsforum der Gemeinschaften.
Zum ersten Mal trafen sich vom 6. bis 10. Mai Mitglieder von Gemeinschaften und Gemeinschaftsinteressierte im Tollense Lebenspark, um sich über wirtschaftliche Fragen auszutauschen. Auch wenn der „Stein der Weisen“ sicherlich nicht gefunden wurde – das wäre wohl auch zuviel verlangt –, gab es einen bunten Strauß an Themen, Erfahrungen und auch angesprochenen Konflikten. Der folgende Bericht aus Sicht der Veranstalter beschreibt einen offensichtlich gelungenen Auftakt, dem weitere Treffen folgen sollen.
Das fünftägige Wirtschaftsforum der Gemeinschaften (WFG) war eine Premiere mit überraschend vielen Menschen in frühlingshafter Aufbruchstimmung. Raum und Zeit für vielfache Begegnung, Austausch und Networking bot der Landschaftspark und seine Gäste-Fachwerkhäuser. In etwa einhundert Workshops zu Gemeinschafts-Themen engagierten sich über 300 Teilnehmer und 60 Gemeinschaften bzw. Projekte. Die meisten Projekte kamen aus Deutschland, aber auch aus Österreich, der Schweiz, aus Spanien, Indien, Sibirien.
Als Veranstaltungsorganisation haben wir versucht, einen weiten, entspannten Rahmen zum Atmen und Entfalten zu bieten. Wir versuchten bewusst, zurückhaltend zu agieren, und setzten dennoch auch klare Akzente und Grenzen. Ziel waren neben der Begegnung die konkrete Umsetzung gemeinsamer Projekte und langfristige Kooperationen, die einen Hauch von dem vermitteln, was sein könnte, heute und morgen. Die Ökonomie des Gebens und Schenkens beim Veranstaltungspreis war ein voller Erfolg, jeder gab, was er konnte. Insgesamt wurden auch die mitgetragen, die nicht mit Geld zahlen konnten.
Ein gelungener Auftakt
Der tägliche Veranstaltungsablauf war einfach: Nach dem Frühstück fand im Festsaal des Gemeinschaftshauses eine Morgeneinstimmung für alle statt, mit Organisatorischem und einer Einführung in die Methode des Open-Space, mit der auf der Konferenz hauptsächlich gearbeitet wurde. Diese Methode war einst entwickelt worden, um auch in großen Gruppen viele Menschen mit ihren Ideen am Prozess zu beteiligen. Sie nutzt mit ihren offenen Gesprächskreisen und der Gelegenheit des Umherwanderns die „Kreativität der Kaffeepause“, um dann später allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Ergebnisse zugänglich zu machen. Nach der Morgeneinstimmung gingen alle im Rahmen der Open-Space-Methode in die von ihnen selbst initiierten Workshops im Gemeinschaftshaus des Lebensparks, die bis zum Morgen dauerten, aufgelockert von Pausen und dem Mittagessen im eigens für diese Veranstaltung aufgestellten Zirkuszelt. Die Ergebnisse und Protokolle der Workshops konnten im Dokumentationszentrum übergeben werden und standen meist schon nach wenigen Minuten online auf der Homepage allen Teilnehmern, aber auch fernen Beobachtern zur Verfügung.
Nach dem Abendessen gab es im Festsaal täglich die Abendrunde, in der alle, die Lust dazu hatten – und das waren viele –, ihre Erlebnisse, Erfahrungen, Ergebnisse und Erkenntnisse mitteilen konnten. Für viele Teilnehmer wichtige Bestandteile des Tages waren auch ausgedehnte Spaziergänge im Park, Meditationen auf den Hügeln oder am See, Bootfahren, Fußballspielen (das Fußball-„Länderspiel“ Deutschland–Russland am 8. Mai, dem Tag, an dem der Zweite Weltkrieg endete, ging freundschaftlich 2 : 2 aus), Tanzen, Singen, Trommeln am Feuer vorm Schloss, am See oder in der Wunder-Bar.
Immer wieder fiel auf, dass sich vieles – ohne Planvorgaben oder Druck – erstaunlich exakt und harmonisch fügte. Beispielsweise gab es am ersten Abend einen Stuhlkreis, der für den Raum passend aufgestellt wurde, und dann stellte sich heraus, dass die Teilnehmerzahl genau bis auf den letzten Sitz Platz hatte. An den nächsten Tagen mussten dann allerdings noch viel mehr Stühle aufgestellt werden – aber alle passten noch in den Saal.
Richtige Veranstaltung zur richtigen Zeit
Es sei die richtige Veranstaltung zum richtigen Zeitpunkt, meinten viele Besucher. Trotz der großen Teilnehmerzahl wurde jedoch auch deutlich, dass viele der Gemeinschafts-Profis aus gestandenen Gemeinschaften (Handwerker, Techniker, Gärtner etc.) noch nicht zu dieser relativ kurzfristig angesetzten Erstveranstaltung kommen konnten. Dennoch waren große Gemeinschaften vertreten, wie der Lebensgarten Steyerberg, die Kommune Niederkaufungen, das Ökodorf Siebenlinden, das ZEGG, oder aus dem Ausland: Amalurra (Spanien), Auroville (Indien) oder Ecopolis Tiberkul (Russland/Sibirien).
Interessante Beiträge und Workshops waren beispielsweise die Berichte aus den Gemeinschaften oder einzelnen Arbeitsbereichen wie: „Waren-, Austausch-, Dienstleistungsbörse zwischen den Gemeinschaften“, „Innovation Umwelt in Gemeinschaften“, „Freilandkauf“, „Regionale Wirtschaft – geschlossene Stoff- und Energiekreisläufe“, „Gesundheit in Gemeinschaft“, „Älterwerden in Gemeinschaft, Altersvorsorge“, „Gemeinschaftsfinanzierung“. Natürlich fehlten auch aktuelle In-Themen wie „Komplementärwährungen“, „Regiogeld“, „Solidarische Ökonomie“ oder „bedingungsloses Grundeinkommen“ nicht. Manche machten sich auch Gedanken darüber, wie es mit dem auf dem Wirtschaftsgipfel Erarbeiteten weitergehen könne, wie z. B. „In Kontakt bleiben nach dem WFG per Internet“, „Support of the Supporters“, Hilfe für diejenigen, die den technischen Rahmen und die Basis unserer Zusammenarbeit halten etc.
Anlass für zwei besonders spannende Workshops boten zwei aktuelle Konfliktsituationen: Der Zusammenschluss mehrerer Künstlergemeinschaften aus der unmittelbaren Umgebung des Tollense-Sees, der am Samstagabend im Sportstadion des Lebensparks das große Spektakel „Das magische Horn“ programmgemäß aufführen wollte, war nach einer monatelang schwelenden Diskussion in offenen Streit über Geld und Macht geraten. Sie wandten sich deshalb während des Wirtschaftsforums mit der Bitte um Hilfe an die anwesende Konfliktlösungskompetenz. Und es gelang tatsächlich, durch Vermittlung Einzelner und der Konzentration aller auf die Kontrahenten, eine Lösung herbeizuführen – so dass das Spektakel schließlich doch noch stattfinden konnte. Einer der Darsteller meinte anschließend: „Ich glaubte bisher nicht an alternative Methoden – aber diese schnelle, harmonische Lösung hat mich von eurer Arbeit überzeugt.“
Ein anderer Arbeitskreis mit mehr als 35 Teilnehmern entstand aufgrund eines Angriffs auf das Wirtschaftsforum und die Lebenspark-Gemeinschaft durch einen enttäuschten Unterstützer, der wenige Tage vor dem Wirtschaftsforum lanciert worden war. Die Gespräche auf dem WFG führte dazu, dass die Teilnehmer erkannten, dass viele Gemeinschaften und ihre Mitglieder heutzutage mit dem ökonomischen (Über-)Leben ringen und der Umgang mitGeldschulden manchmal schwierig ist. Die Einsamkeit des Schuldners angesichts eines gnadenlosen Gläubigers, sei es eine Bank oder eine Privatperson, ist in Gemeinschaft wie auch in der Gesellschaft ein oft verschämt verschwiegenes Phänomen. Es entstand in den WFG-Runden die Idee, für derartige Konfliktsituationen einzelner Gemeinschaftsmitglieder oder Gemeinschaften eine Beratungs- und Schlichtungsstelle der Gemeinschaften einzurichten. In diesem konkreten Fall setzten sich Teilnehmer aus mehreren Gemeinschaften in mehreren Runden zusammen, um auf den Angriff nicht mit Gegenangriff zu reagieren, sondern einen konstruktiven Umgang und eine positive Lösungsfindung zu fördern und in einer Stellungnahme zu formulieren. Eine solche wurde tatsächlich gefunden und am Tag nach Abschluss des Forums an den Urheber mit der Bitte um Weitergabe verschickt.
Von unserer Seite als Veranstalter sind einige Anmerkungen im Interesse einer Weiterentwicklung zu machen. Zum Beispiel ist die Methode des Open-Space zwar als Konferenzmethode hervorragend geeignet, um Räume und Potenziale zu öffnen, aber die Ergebnisse sind oft nicht sehr konkret. Da bedarf es dann weiterer Nacharbeit in kleineren Kreisen. In dieser Hinsicht gab es schon auf dem Wirtschaftsforum Versammlungen von Gemeinschaften aus derselben Region, die sich in Kürze wieder treffen und enger zusammenarbeiten wollen. Obwohl es gelang, viele Interessierte auf das für Besucher geöffnete Wochenende zu konzentrieren, ist doch zu vermerken, dass viele Gemeinschafts-Interessierte ohne eigene Erfahrung das Kompetenzforum der Gemeinschaften von Mittwoch bis Freitag dazu benutzten, um doch schon mit den Erfahrenen an einem Tisch zu sitzen und für ihre hoffnungsvollen – aber eben noch nicht existierenden – Projekte Werbung zu machen. Für diesen Wunsch scheinen uns andere Veranstaltungen geeigneter, und so wollen wir in Zukunft strenger auf Einhaltung der Kompetenz-Kriterien achten. Zugleich wurde aber auch das starkes Bedürfnis nach einer erweiterten Funktion des Wirtschaftsforums als „Messe der Gemeinschaften“ deutlich.
Auch dürfen wir sagen, dass sich der Lebenspark sich wieder einmal als Veranstaltungsort erwiesen hat, der Geist und Emotion Raum schenkt. Er verkraftet viele Menschen als Camper und Zelter – aber in der aktuellen Ausbaustufe waren die Kapazitätsgrenzen bei den Räumlichkeiten und der Unterbringung schon deutlich zu spüren. Letzten Endes reichte es aber doch für alle, auch wenn mancher seine Unterbringungswünsche etwas reduzieren musste. Sollte sich diese Veranstaltung so entwickeln, wie es der Auftakt vermuten lässt, wird sich das Gäste- und Veranstaltungszentrum des Parks noch einiges einfallen lassen müssen, um dem Ansturm gewachsen zu sein. Veranstaltungen zu einzelnen Themenbereichen in anderen Gemeinschaften könnten hier dem Bedürfnis nach Entlastung, aber auch nach Regionalisierung und Dezentralisierung Rechnung tragen.
Wie es weitergeht
Einig waren sich die Teilnehmer, dass sie das Treffen an diesem Ort ganz besonders genossen haben. Das köstliche Essen wurde gelobt sowie die Aufmerksamkeit und das Engagement der vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die herzliche Betreuung durch die Bewohnerinnen und Bewohner des Lebensparks und ihrer vielen Helfer. Auch die Schönheit der hügeligen Parklandschaft und die Großzügigkeit der Veranstaltung und Organisation wurden lobend hervorgehoben.
Spätestens in einem Jahr wird das nächste Wirtschaftsforum im Lebenspark stattfinden. Angesichts der weltwirtschaftlichen Entwicklung plädierten viele auch dafür, nicht so lange zu warten. Schon am 6. Juni dieses Jahres wird es jedenfalls ein regionales Treffen der Gemeinschaften in Mecklenburg-Vorpommern geben. Im Sommer wird dann vom 1. bis 6. August das Sommerfest der Gemeinschaften und im November die Gemeinschaftswerkstatt im Lebenspark stattfinden. Insbesondere die Gemeinschaftswerkstatt wurde initiiert, um politische und wissenschaftliche Themen im Zusammenhang mit Gemeinschaft zu behandeln.
|
| |
Autoren |
|
Suzana Breithard, Bernhard Wallner, Susanna Küppers
|
|
|
Partner
|
|
|