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Buchbesprechung
erschienen in Ausgabe 163
Vier Bücher über die Praxis des Freilernens

Anke Caspar Jürgens stellt auf dieser Seite Bücher vor, in denen die Praxis des Freilernens veranschaulicht wird. Die folgende Auswahl setzt sich nicht primär mit der Schulsituation in Deutschland auseinander, sondern zeigt ermutigende Beispiele aus anderen Ländern.


André Stern: „… und ich war nie in der Schule“
In Frankreich gibt es keine Schulpflicht. André Sterns Vater ist Deutscher, aber André wurde 1971 in Paris geboren – und musste daher nie zur Schule gehen. Schule habe ihm nie gefehlt, meint er. Jeden pädagogisch ambitionierten Menschen in Deutschland graust bei dieser Vorstellung: Der arme Junge, was ist ihm entgangen. Er war nie in einer Schule!
André war die besorgten Fragen leid. Und auch das ungläubige Staunen, wenn er seinen Lebensweg ein wenig aufblätterte. In seinem Buch „… und ich war nie in der Schule“ beschreibt er, wie er all das, was ihm heute zur Verfügung steht, erlernte.
Mit neun Jahren konnte er noch nicht flüssig lesen. „Niemand sagte etwas dazu, niemanden besorgte das“, schreibt er. Und fährt fort: „Ich hatte meinen eigenen Rhythmus. Mit zehn konnte ich plötzlich ordentlich lesen, ich weiß nicht mehr, wie. Aber ich weiß, dass Kinder viel mehr schaffen, als man meint – solange man ihnen Zeit gibt und Freiheit und ihnen vertraut … Mein Durst, zu lernen, trieb mich weiter und weiter. Als meine Eltern meine Fragen nicht mehr beantworten konnten, forschte ich in Bibliotheken, irgendwo gab es immer eine Antwort. Immer.“ Die Erfahrung mit der Freiheit seines Lernens lässt ihn nicht nur Schule, sondern auch das klassische Homeschooling, also Unterricht durch die Eltern, kritisch sehen. Kinder bräuchten keine Anleitung, keinen systematischen Unterricht:
„Ich bin überzeugt, dass jedes Kind so lernen kann, es muss dafür nicht hochbegabt sein. Aber manchmal sind die Bedingungen zu Hause nicht so günstig, zum Beispiel wenn die Eltern mit sich selbst nicht klarkommen, nicht offen sind oder ihnen der feste Wille fehlt, ihr Kind in Freiheit lernen zu lassen. Ich denke, dass solche Eltern aber auch nicht auf die Idee kommen, ihre Kinder nicht in die Schule zu schicken. Sollte man deswegen die Schulpflicht für alle Kinder diktieren?“
André, der nie ein Examen, eine Lehre oder ein Studium nach Vorschrift absolvierte, komponiert, gibt europaweit Konzerte, bekleidet mit großem Erfolg verschiedene Positionen in der Tanz- und Theaterwelt. Durch Learnig by doing wurde er Gitarrenbaumeister und ebenso Journalist und Autor. Er unterrichtet Musik, hält Vorträge und arbeitet intensiv im Bereich Informatik.
Ist André Stern ein Ausnahmefall, ein Glückskind besonders günstiger Umstände? Seine Mutter, bis zu seiner Geburt eine engagierte Grundschullehrerin, wollte das Aufwachsen ihrer Kinder begleiten. Sein Vater – ohne Beruf – hatte durch seine ehrenamtliche Arbeit mit Kindern nach dem Krieg deren Potenzial entdeckt.
Auch international gerät aber das konventionelle Schulsystem zunehmend ins Visier besorgter Eltern und Forscher aus den Bereichen von Bildung, Neurobiologie, Soziologie und Medizin. Damit wächst das Interesse an Berichten aus der Freilerner-Szene wie derjenige von André. Für viele Eltern in Deutschland ist die Vorstellung einer schulfreien Bildung vollkommenes Neuland, man kann sich Alternativen dazu kaum vorstellen. Doch es gibt sie, diese Alternativen, wenn auch nicht hier in Deutschland.
Stern, André: … und ich war nie in der Schule. Zabert Sandmann, München 2009, 183 Seiten, ISBN 978-3898832281; 16,95 Euro.


Jan Hunt (Hrsg.): Das Freilerner-Buch
Was dieses Buch so lesenswert macht, ist die offensichtliche Freude der zahlreichen Autorinnen und Autoren, wenn sie über das Heranwachsen ihrer Kinder in der natürlichen Umgebung ihres Elternhauses, und damit ihrer Nachbarschaft und Gemeinde schreiben.
Diese Sammlung lebendig geschilderter Erfahrungsberichte aus der Welt der „Unschooling“-Bewegung ist daher als Einstieg in das Thema von „Lernen ohne Schule“ zu empfehlen. Außerdem kann es gerade jenen Eltern, die ihre Kinder gleichermaßen lieben, sich aber auf staatliche Schulen angewiesen fühlen oder nicht darauf verzichten möchten, ihre Bedenken und Ängste vor einer Bildungsalternative nehmen.
Besonders beeindruckend fand ich in diesem Bändchen den Beitrag von John Holt, dem berühmtesten Sprachrohr und Unterstützer der Schulrefombewegung in den USA: „Ich kann in sieben Worten zusammenfassen, was ich als Lehrer letztlich schmerzlich lernte. Lernen ist nicht das Produkt von Lehren. Oder auch als Vier-Worte-Variante, da heißt es dann: Lehren erzeugt kein Lernen. Die organisierte Bildung arbeitet mit der Annahme, das Kinder nur lernen, weil wir sie lehren. Das ist zu fast hundert Prozent falsch … Lerner erzeugen Lernen. Lerner erschaffen Lernen. Der Grund, warum dies vergessen wurde, ist, weil die Tätigkeit des Lernens zu einem Produkt gemacht wurde.“
Der Hochschullehrer John Holt traf mit seinen Einsichten auf begeisterte Studenten, aber erhielt mit seinen fundierten Reformvorschlägen kaum die Unterstützung der Universitäten. Seine Erkenntnis, dass Lernen ohne Entscheidungsfreiheit nicht stattfinden kann und dass Kinder viel mehr vom Umgang mit echten Dingen, natürlich oder menschengemacht, lernen – Dingen, die für die Welt wichtig sind und nicht nur gemacht wurden, um Kindern beim Lernen zu helfen –, führte ihn zum Lernen der Kinder im Leben selbst. Sein Buch über Freilernen „Bildung in Freiheit. Das John-Holt-Buch zum eigenständigen Lernen“ erscheint ab Juli 2009 auch auf deutsch im Genius Verlag.
Jan Hunt (Hrsg.): Das Freilerner-Buch, Anahita Verlag, Winsen 2009, 100 Seiten, ISBN 978-3-937797-05-2; 10,50 Euro


Olivier Keller: Denn mein Leben ist lernen
Der junge Schweizer Olivier Keller, (werdender) Pädagoge, war der erste, der im deutschsprachigen Raum eine Dokumentation über das Freilernen im Jahr 1999 veröffentlichte. Ein Buch, das auf seine liebevolle Art die Herzen vieler Eltern schulmüder und verzweifelter Kinder in Deutschland entzündete und mit der Hoffnung auf Bildungsfreiheit in Aussicht stellte, was in der Schweiz und in Frankreich seit mindestens 1848 als Bürgerrecht gesichert ist. Ein Buch, dass auch Pädagogen Mut machte, im schulischen Bereich eigene Wege zu gehen.
Auf der Suche nach den Dimensionen des ursprünglichen Lernens begleitete Olivier Keller über viele Jahre hinweg Familien, die sich bewusst entschieden haben, ihre Kinder in ihren Lebens- und Lernprozessen achtsam zu begleiten. Dieses Buch zeigt, wie sich Kinder entfalten, denen die Möglichkeit gegeben wird, die Welt ohne Einmischung und Lenkung von außen zu erforschen. Nach der Analyse der 16 Lernbiographien der in dem Buch vorgestellten jungen Menschen, die keine Schule durchlaufen haben, legt Olivier Keller nicht Reformvorschläge vor, sondern wirft die grundsätzliche Frage auf, ob das Schularrangement überhaupt die richtigen Voruassetzungen für die Bildung von Menschen schafft.
Für die Dokumentation dieser Untersuchungen erhielt Olivier Keller den Preis des Wettbewerbs „Jugend forscht“ in der Schweiz.
Olivier Keller: Denn mein Leben ist Lernen. Wie Kinder aus eigenem Antrieb die Welt erforschen, Arbor Verlag, Freiamt 1999, 303 Seiten, ISBN 978-3-933020-06-2; 24,90 Euro.


Grace Llewellyn: Das Teenager Befreiungs Handbuch
Nach vielen Jahren als eine von ihrer Arbeit überzeugten Lehrerin an verschiedenen Schulen erkannte Grace Llewellyn, dass Lernen ein natürlicher Prozess ist, der immer dann stattfinet, wenn jemand etwas Reales um seiner selbst Willen tut. Schule verhindere oder störe diesen Vorgang, war ihre schmerzliche Einsicht. So beendete sie ihre Lehrerlaufbahn und schrieb stattdessen ein Buch für diejenigen Schüler, die ganz offensichtlich der Institution Schule nichts abgewinnen konnten, sich langweilten, gemobbt wurden, die jede Lücke an Freiraum mit allen Tricks auszubeuten suchten. Einige Abschnitte darin wenden sich allerdings auch an Eltern.
Das Teenager Befreiungs Handbuch widerspricht den bekannten Beurteilungen von Schulabbrechern und Schulabschlüssen, wirkt belebend und inspirierend. Die Autorin warnt: „Lassen Sie dieses Buch auf keinen Fall in die Hände eines aufgeweckten, frus­trierten Jugendlichen gelangen, den das Schulsystem anödet“. Sie ermutigt ihre Leser: „Dein Leben, deine Zeit und dein Gehirn sollten keiner Institution gehören, sondern dir.“
Neben der Auseinandersetzung mit den Gründen, weswegen der junge Mensch über seinen Abschied von der Schule nachdenken möge, thematisiert das Buch beispielsweise die natürliche Fähigkeit des Menschen, sein eigener Lehrer zu sein, berät bei der Frage, wie der Jugendliche die Unterstützung seiner Eltern gewinnen kann, wie er seine Freunde behalten und wie er mit den Behörden klarkommen kann. Selbstverständlich informiert es auch darüber, wie man sich sein eigenes spannendes Bildungsprogramm maßschneidern kan, wie man auch ohne Abitur studieren oder ehrenamtliche Jobs, Praktika etc. finden kann. Über sehr authentische Berichte kann jeder Teenager hier erfahren, wie junge Menschen weltweit ohne Schule leben und lernen.
Grace Llewellyn: Das Teenager Befreiungs Handbuch. Glücklich und erfolgreich ohne Schule, Genius Verlag, Bremen 2008, ISBN 978-3-934719-25-5, 475 Seiten, 19,80 Euro.



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