Eindrücke aus der „Transistion Town“ Totnes in Südengland.
Klimawandel und Rohstoffknappheit (Peak Oil) verlangen einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel. Die Kleinstadt Totnes im Südwesten Englands ist mittlerweile zum Symbol und Vorzeigeprojekt einer internationalen Bewegung für den Übergang (Transition) in eine nachhaltige Kultur geworden. Martin Stengel war im April vor Ort, um zu sehen, was es mit dem legendären Ruf dieser Stadt auf sich hat.
Schon seit einiger Zeit höre ich immer wieder von einer Idee und Bewegung, welche sich „Transition Town Initiative“ nennt und für eine Energiewende von unten eintritt. Bekannte und Freundinnen in der Ökodorf- und „Aufbruch“-Bewegung sind begeistert von dem dazu erschienenen „Energiewende-Handbuch” von Rob Hopkins und den darin beschriebenen Werkzeugen für einen kreativen und spaßmachenden Wandel. „Das sollte man machen, eine Energiewende von unten in der eigenen Region!” Und wahrlich: Das genannte Buch und eine Reise durch die vielzähligen Internetseiten zum Thema Transition Town machen Lust auf den Start oder die Mitarbeit in solch einer Initiative. Endlich wieder mal eine Idee, die mitreißend statt aufreibend wirkt und die aus der lähmenden Überfülle an Informationen zu Klimawandel, Peak-Oil und Wirtschaftskrise Anleitungen zu kreativen Antworten entwickelt hat und diese detailliert darlegt. Worauf warten wir? Auch in der Region um das Ökodorf Sieben Linden, wo ich seit elf Jahren lebe, hat gerade eine solche Energiewende-Initiative den Sprung vom Startblock vollzogen (siehe den Artikel von Julia Kommerell in KursKontakte 162).
Doch nun bin ich zum ersten Mal auf der britischen Hauptinsel. Am Ende meiner Reise besuche ich Totnes, den bekanntesten Flecken auf der Transition-Landkarte und die erste dieser Städte in Großbritannien. Mit diesem Bericht möchte ich Totnes aus der Sicht eines interessierten Besuchers beschreiben; detaillierte Informationen über alle Aspekte der „Transition Town Totnes (TTT)“ finden sich im Internet zur Genüge.
Von einer etwa 30-köpfigen Gemeinschaft in Bowden nahe Totnes kommend, besuche ich dieses berühmte Phänomen. Totnes ist eine eher kleine Stadt mit rund 8000 Einwohnern, gelegen im Südwesten Englands, im County Devon. Schon lange gilt diese Gegend als vergleichsweise alternativ, vor allem seit in den 20ern des letzten Jahrhunderts eine Künstlerkolonie in Dartington nahe Totnes gegründet wurde, von der aus sich eine lebendige Szene von kreativ und alternativ denkenden Menschen ausbreitete. Heute ist die Region überdurchschnittlich gesegnet mit biologisch wirtschaftenden Betrieben und gut besuchten Wochenmärkten; schon vor Jahren gab es einen funktionierenden Tauschring und eine erfolgreiche Anti-Gentechnik-Gruppe; und nicht zuletzt residiert in Dartington das international bekannte Schumacher-College für Kunst, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit.
Die Anfäng
Wie kam es zur „TTT”? Im Herbst 2005 begann eine kleine Gruppe, die Öffentlichkeit von Totnes über die globalen, menschengemachten Bedrohungen aufzuklären, und forderte sie auf, die Stadt und die Region krisensicher („resilient”) zu machen und eine Kultur der Nachhaltigkeit nach der Vorstellungen der Bürger selbst zu schaffen. Die Resonanz auf die ersten Informationsveranstaltungen und Filmabende stieg schnell. Schon im September 2007 wurde Totnes von der Bürgermeisterin offiziell zur Energiewendestadt „Transition Town Totnes (TTT)” erklärt. Weitere Infoveranstaltungen, Bürgerforen, Open-Space-Abende, selbstorganisierte Kurse, Vorträge international anerkannter Experten für Nachhaltigkeit und dergleichen folgten. Binnen Kürze entstanden die ersten Arbeitsgruppen zu konkreten Themen wie Ernährung und Energie, das „Totnes-Pfund“ als regionale Währung wurde herausgegeben, die Bibliothek wurde mit Büchern zur Energiewende bestückt, Tauschmärkte für Firmen wurden veranstaltet und vieles mehr. Heute arbeiten in Totnes mindestens zehn Arbeitsgruppen zu Themen wie ökologischem Hausbau, Energie, Ernährung, Bildung, Gesundheit, „Herz und Seele”, Mobilität, regionale Verwaltung, Kunst. Im Mai 2009 tagte in London die 2. internationale Transition-Konferenz mit über 300 Teilnehmern aus aller Welt, um Bilanz zu ziehen und weitere Projekte zu planen und zu koordinieren (siehe Kasten von John Croft auf S. 38).
Soweit der Überblick. Meine erste Station in Totnes ist das Gemeinschaftsbüro von TTT und dem Transition Network in der Fore Street, der kleinen Geschäftshauptmeile von Totnes. Das Transition Network besteht aus einem vierköpfigen Team, welches sich vorrangig für die Verbreitung des Transition-Gedankens und die Gründung neuer Transition-Towns in Großbritannien und aller Welt engagiert; auch Ideengeber Rob Hopkins ist dabei. Die Anfragen aus aller Welt lassen das Büro laut meiner Begleiterin Stephanie in einer Flut von E-Mails fast ertrinken. Die Stimmung ist trotzdem fröhlich. Man tun, was mit Freude möglich ist.
Erste Eindrücke
Ich bin mit Wendy verabredet, die als Rentnerin schon seit einiger Zeit aktiv die TTT mitbewegt. Sie nimmt sich Zeit für einen Stadtrundgang mit mir. Die wichtigste und geschäftigste Einkaufsstraße ist keine Fußgängerzone; der Bürgerwunsch „pedestrianize it” („Wir woll’n ’ne Fußgängerzone!“)hat noch keinen Erfolg gehabt, Fußgänger und Autos organisieren sich entlang der Vielzahl kleiner Geschäfte auf beiden Seiten. Totnes weist einen ungewöhnlich hohen Anteil an selbständigen Läden, Cafés und Restaurants auf; und selbst die Supermärkte haben ihre Regale für eine Vielzahl regionaler Produkte geöffnet. Überhaupt: Regional zieht! In so manchem Geschäft hängt neben der Theke eine Karte mit den produzierenden Biohöfen in der Region, wer welches Produkt anbietet und wie weit es bis hierher transportiert werden musste. Auf dem Wochenmarkt gibt es Extratische mit Landprodukten, die nicht weiter als zwei Meilen entfernt gewachsen sind.
Im „Green Cafe” sitzt man auf Polstern aus 100 % recyceltem Polyester und an Tischen, die nicht verhehlen, dass sie direkt aus Tragetaschen oder Handygehäusen zusammengeschmolzen wurden. Getrunken wird ausschließlich Fair-Trade-Kaffee. Wendy zeigt mir ein neu eröffnetes Beerdigungsinstitut, in dessen Schaufenster Bestattungen in farbigen Pappsärgen aus Recycling-Papier angeboten werden.
Später betreten wir die Verkaufsstelle eines Unternehmens für Bootsausflüge. Auch dieses gehört zu den inzwischen 70 Betrieben in der Region, welche die Regionalwährung „Totnes Pound“ als Zahlungsmittel annehmen. Regionaler Wirtschaftskreislauf, mehr Bezug zu dem, was in der eigenen Gegend geboten wird, Geld, das nicht gegen Zinsen auf einer Bank gelagert werden kann – das sind einige Gründe für die Einführung. Der ältere Herr hinterm Tresen gibt allerdings auf Wendys Frage die Auskunft, dass er schon seit zwei Wochen keinen solchen Schein mehr gesehen habe. Wie kommt’s? Laut Wendy sind zwar Touristen häufig Erwerber des ungewöhnlichen Geldes; doch sie nehmen es als Reiseandenken mit. Die normale Bevölkerung hingegen sei viel zu konservativ, um sich maßgeblich an der „Transition Town Totnes“-Idee zu beteiligen. Der Anfangseuphorie und -kreativität würde das, was sich heute an tatsächlichem Wandel im Alltag zeige, leider nicht entsprechen. Viele Projekte seien ins Leben gerufen worden, für die jedoch zu wenige Menschen Zeit und Energie hätten, um sie zu unterhalten und auszubauen. So auch das „Totnes Pound“, das immer noch nur als 1-Pfund-Note erscheine – und wer wolle schon ständig mit einem dicken Bündel Geldscheine durch die Gegend laufen?!
Ein Projekt, mit welchem Wendy besonders verbunden ist, ist das Nussbaumprojekt. In einem kleinen Park an einem Hafen sind zahlreiche Walnuss-, Mandel-, Esskastanien- und andere fruchttragende Bäume von Freiwilligen gepflanzt worden, ebenso an vielen weiteren Stellen, auch mitten in der Stadt. Sie sollen in absehbarer Zukunft zu einer üppigeren Selbstversorgung der Bevölkerung beitragen. Gespendet wurden die Bäume von einzelnen Betrieben und Privatpersonen; die Pflege der öffentlichen Bäume übernehmen die Freiwilligen ebenfalls.
Zum Abschluss der Tour trinken wir einen Tee in Wendys WG-Haus, mit intensiv gärtnerisch genutztem Hof und einem Food-Coop-Lager, über das diverse landwirtschaftliche Produkte aus der Gegend an die beteiligten Nachbarn verteilt werden.
Am Nachmittag bin ich eingeladen, als Freiwilliger ein Schulprojekt im King Edward VI College zu unterstützen und es dabei kennenzulernen. Ich treffe Jeff und Mara, beides Totneser, die ihre Freizeit diesem Projekt widmen. Jeffs Kinder gehen selbst auf diese Schule. Die Schülerinnen und Schüler sehen nicht anders aus, als ich es aus Deutschland gewohnt bin – ganz zu meinem Erstaunen: Gerade erst vor einer Woche habe ich erfahren, dass in England alle (!) Schulkinder einheitliche Schulkleidung tragen. Doch nicht so in Totnes. Mara gibt Auskunft: Es gab eine Initiative, in Alltagskleidung nach persönlichem Geschmack zur Schule gehen zu können. Die Schüler stimmten für das Experiment. Nach einem Jahr Probezeit wurden die Eltern gefragt, ob sie für oder gegen eine dauerhafte Aufhebung des Uniformzwangs sind. Die anfängliche Skepsis bezüglich zunehmender Gewalt und sichtbarer Klassenunterschiede hatte sich für die meisten nicht bestätigt – und am King Edward VI College wird es nun weiterhin bunt zugehen.
Doch was haben wir hier vor? Eine Gruppe von TTT-Aktiven hat in Abstimmung mit Direktorat und Kollegium der Schule ein Programm für zehn Unterrichtsstunden entwickelt. Thema: Climate Change, Peak Oil, Resiliance (Krisensicherheit), Nachhaltigkeit und was man alles Interessantes und Lustiges als Antwort darauf machen könnte. Heute werden in kleinen Gruppen kurze, improvisierte Theaterstückchen fertiggeprobt und dann vor laufenden Kameras im Klassenzimmer aufgeführt. Die Kinder sind voller Elan und Selbständigkeit dabei, wir „Betreuer” werden kaum gebraucht, jede Gruppe hat sich sowieso ihren eigenen Regisseur auserkoren. Was ich schließlich zu sehen bekomme, sind die verschiedensten Situationen und Geschichten, in welche die Kinder ihre neuen Erkenntnisse einbringen, wie z. B. Gemüse selbst anbauen, Elektrogeräte abschalten und Fahrrad statt Auto fahren. Die Filme werden schließlich auf YouTube zu sehen sein.
Ein Erfolgsmodell?
Ich frage Jeff anschließend, wie er die Transition-Bewegung aktuell sieht. Für ihn ist sie vor allem getragen von den verschiedenen Arbeitsgruppen, die themenspezifisch am Wandel für eine Gesellschaft nach Peak-Oil arbeiten. Sie entwickeln Angebote und Projekte und suchen Partner für deren Realisierung. Getragen werden diese Projekte, wie z. B. das beschriebene Schulprojekt, von der Mitarbeit einzelner Bürger. So ist auch Jeff dazugekommen, selbst Vater einer Schülerin, und hat sich mit Elan der Umsetzung der großen Idee angeschlossen. Nach Jeffs Einschätzung passiert durch die Projekte derzeit genau das Richtige: Die Initiative breitet nach der öffentlichkeitswirksamen Anfangsphase ihre Wurzeln nun in die Tiefe aus, um auch dauerhaft Früchte tragen zu können. Neue tragfähige Strukturen wollen gefunden und weiterentwickelt werden; die Aktiven müssen sich damit auseinandersetzen, wie ihr Leben finanziell mit ihrem neuen Engagement aussehen kann; Betriebe müssen umstrukturiert oder neu gegründet werden. Vom Reden zum Handeln ist es nicht nur ein Schritt, sondern ein Weg, der gegangen werden will. Dass man deshalb nach nur drei Jahren noch nicht die Massen erreicht und bewegt hat, wundert ihn nicht.
Der Veranstaltungskalender von TTT hängt deutlich sichtbar im Fenster der Touristen-Information von Totnes. Das öffentliche „Programme of Events” bietet in den nächsten Wochen unter anderem eine Ausstellung zur Beheizung von Wohnhäusern, einen Diskussionsabend „Kann Totnes sich selbst ernähren?”, einen Vortragsabend mit dem bekannten Physiker Fritjof Capra, die Premiere des Films „In Transition”, einen Ausflugstag zu Orten der hiesigen Permakultur-Bewegung.
Nach Einschätzung von Stephanie lebt die Transition-Town-Bewegung vor allem von der Begeisterung eines überschaubaren Kreises von Kreativen, denen der gesellschaftliche Wandel am Herzen liegt. Diese Leute engagieren sich für die Realisierung der Idee in Form von Projekten, mit denen sie an die Bevölkerung herantreten. Die Projekte setzen exemplarisch Aspekte der Transition-Town-Idee um, in ihrem persönlichen Umfeld, an ihrem Arbeitsplatz, in Form neuer Betriebe, in Bildung und Kultur. Eben ganz wie die TT-Idee laut Rob Hopkins gedacht ist: als Graswurzelbewegung aus der Gesellschaft heraus und nicht als behördlich gesteuerter Kurswechsel aus der Hand von Volksvertretern – eben Nachhaltigkeit von der Basis. Der Begeisterungsfunke scheint dabei derzeit mehr in die Ferne zu springen und einen (kleinen) Feuerregen über ganz Großbritannien zu versprühen, als einen lokalen Flächenbrand auszulösen: Die Kontakte des Transition-Netzwerks, die E-Mail-Anfragen, die Ideen für weitere Projekte führen vor allem zu immer mehr Gemeinden und Städten, ja ganzen Countys wie Somerset und Norfolk, die sich offiziell dem Wandel, der „Transition“, verschreiben. Gut über 100 Städte und Gemeinden in Großbritannien und viele weitere bis nach Australien haben inzwischen die Transition-Fahne gehisst und den Prozess des Wandels begonnen. Unter der Bevölkerung von Totnes passiert es Stephanie hingegen nicht selten, dass auf das Stichwort „Transition Town Totnes”, in den eigenen Kreisen bekannt unter TTT, nur ein Achselzucken erntet: „Sorry, but what is it that you are talking about?”
Der Stadtrat kennt „Wichtigeres“
Auf die Frage nach dem Kontakt zur Gemeindeverwaltung von Totnes höre ich: „Der jetzige Bürgermeister von Totnes ist ein Freund der Initiative und hat vor allem den Start unterstützt. Und ein Mitglied des Stadtrats arbeitet in der Initiative mit; ansonsten ignoriert der Rat das Ganze eher und ist mit anderen Dingen beschäftigt”. Die Bevölkerung von Totnes ist angeblich eher konservativ, auch wenn die Stadt durch den Einfluss all der Künstlerinnen und Künstler, die seit über 70 Jahren in der Gegend wirken, einen sehr alternativen Eindruck macht. Obendrein hat die Stadt durch den „Credit Crunch” (zu deutsch: Finanzkrise) ihr angelegtes Geld verloren und ist eher mit der Bewältigung der daraus folgenden Probleme beschäftigt.
Der Kreativität der Netzwerkerinnen und Netzwerker und der Wirkung des kleinen Büros in der Fore Street in die Welt hinein tut das alles keinen Abbruch: Weitere Kurse speziell für Transition-Geschäftsideen und für den Umgang mit Behördenvertretern werden entwickelt; Lehrer aus dem ganzen Land könnten als Multiplikatoren ausgebildet werden und das Thema in ihre Schulklassen tragen; der Transition-Film wird für die von Totnes ausgehende Idee werben. Niemand weiß, ob dies alles die Welt rechtzeitig retten wird; aber es fühlt sich ganz danach an, als wäre es genau das, was viele jetzt tun sollten – und wollen! Wie sagt doch Shakespeare: „Was du nicht tust mit Begeisterung, das gelingt dir nicht!” – Wenn es danach geht, dann wird der Transition-Town-Bewegung weltweit voller Erfolg beschert sein!
Martin Stengel (42) hat das Ökodorf Sieben Linden mitgegründet und -aufgebaut. Seine Tätigkeiten umfassen u. a. Siedlungsplanung und Wohnhausbau mit Strohballen. Daneben ist er als Chor- und Forumsleiter tätig und gibt das „eurotopia-Verzeichnis der Gemeinschaften und Ökodörfer in Europa“ heraus.
Weitere Informationen
Rob Hopkins: „Das Energiewende-Handbuch”
Shaun Chamberlin: „The Transition Timeline” – For a local resilient future“
Internet: www.transitiontowns.org
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