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Rund um den Bodensee Zukunft gemeinsam gestalten
erschienen in Ausgabe 164  PDF-Version (147.14 KB)
Ein Bericht von Dieter Koschek.

Wie auf die Krise reagieren? Dieser Frage stellten sich Aktivisten aus der sozialen, ökologischen und bürgerrechtlichen Bewegung am Bodensee auf dem Zukunftskongress ZUGEGEN, der im Mai dieses Jahres in Friedrichshafen stattfand. Dieter Koschek, Kenner der Szene und selbst in der Dreigliederungsbewegung aktiv, zeigt die besonderen Hintergründe, aber auch die Perspektiven auf, die über die Region hinausweisen.

Spätestens seit der forcierten Globalisierung ab den 90er-Jahren stellt sich den sozialen Bewegungen erneut und mit zunehmender Schärfe die Frage, wie das Raubtier Kapitalismus gebändigt werden kann.
Im Jahr 1999, also vor 10 Jahren, erschien eine neue Bewegung am Horizont der Erdkugel: eine soziale Bewegung, die sich gegen den Neoliberalismus wandte und aufzeigte, dass die Welt durchaus nicht einstimmig den Weg zu einem globalen Dorf der Konzerne mitgehen will. In Seattle zogen Gewerkschafter, Bauern und alternative Gruppierungen gemeinsam gegen die Herrschenden los. Eine weltweite Bewegung wurde sichtbar und manifestierte sich dann in zwei Kristallisationspunkten: attac und den Weltsozialforen.
Am Bodensee traf diese Bewegung auf ein soziales Engagement, das seit den 70er-Jahren stark von dem anthroposophischen Gedanken der Dreigliederung geprägt war. Das war das besondere Verdienst von Peter Schilinski, der in den 50er-Jahren mit diesen Gedanken in Berührung kam. Seine bisherige geistige Welt – der Marxismus – war durch den Hitler-Stalin-Pakt und die Entwicklung in der Sowjetunion ins Wanken geraten. Da kam ihm die Idee der Sozialen Dreigliederung gerade recht. Sie wurde von Rudolf Steiner 1919 formuliert („Kernpunkte der sozialen Frage …“) und besagt, kurz zusammengefasst, dass die Forderungen der Französischen Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ im 20. Jahrhundert immer noch aktuell sind, aber differenziert gedacht werden müssen: Freiheit im Geis­tesleben, Gleichheit im Rechtsleben und Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben. Das war damals sowohl für den Osten wie für den Westen zu revolutionär und damit fürs erste chancenlos. Trotz einiger Anstrengungen von Anthroposophen in den 20er-Jahren blieb die große politische Wirkung aus. Selbst Steiner musste 1925 einsehen, dass der Gedanke der Dreigliederung sich nicht so schnell durchsetzen würde. Auch Peter Schilinski begegnete dieser Haltung, als er in den 50er-Jahren durch Deutschland trampte, um Verbündete für den Kampf um eine neue Gesellschaftsordnung zu finden. Er fand sie nicht. Was blieb ihm anderes übrig, als ganz von vorne und von ganz unten anzufangen?

Die Provinz wacht auf
Das Jahr 1968 war ein qualitativer Sprung der gesellschaftlichen Entwicklung – nicht wegen der Diskussion der Gewaltfrage (die zum RAF-Terrorismus führte) oder des Glaubens an den Sozialismus (den die UdSSR ad absurdum führte), sondern infolge der Befreiung des Denkens aus der Nachkriegsdepression. Ich habe selbst erlebt, wie dieses Ergriffenwerden von Gefühlen der Befreiung und der Veränderung bis in die hintersten Ecken der westdeutschen Provinz eindrang. Die Jugendlichen in der Bodenseeregion, und somit auch der Autor, brachen, inspiriert durch die Ereignisse in Frankfurt, Berlin, Paris und San Francisco, mit den Konventionen der Provinz. „Sex, Drugs and Rock’n Roll“ kamen in kleinen Dosen am Bodensee an.
Die Jugendzentrumsbewegung, die am Bodensee stark war, öffnete Räume für Kultur und Kreativität. Selbstorganisation und Selbstverwaltung waren bestimmende Momente. Festivals, Vernetzung, alternative Betriebe wuchsen in den 70er-Jahren aus dem Boden und bereicherten die Region. Damals entstanden viele der heute etablierten Kultureinrichtungen.
Ein Verknüpfungspunkt zwischen der Region und dem Aufbruch in der Welt war das Internationale Kulturzentrum in Achberg (INKA) mit seinen Sommerkongressen Anfang der 70er-Jahre. Der tschechische Reformkommunist Ota Cik, der Künstler Josef Beuys und andere diskutierten mit Jugendlichen über die Weltprobleme. Peter Schilinski war eine treibende Kraft bei der Entstehung und Profilierung des INKA. Und wie das anthroposophische Denken immer schon sehr wirksame Anstöße zu praktischen Veränderungen gab (in Form der biodynamischen Landwirtschaft, der Homöopathie oder der Waldorfschulen), so war auch der Gedanke der Dreigliederung für Schilinski nicht nur ein Gerüst für ein neues soziales Denken, sondern auch Impulsgeber für eine „alternative Politik von unten“. 1976 gründete er in Wasserburg eine politische Kommune – den „Gasthof zum Eulenspiegel“ – als Begegnungs- und Kulturzentrum sowie zu Zwecken der Aufklärung und Bildung die Zeitschrift „jedermann“, später umbenannt in „jedermensch“.
Auch Ingrid Feustel war schon früh bei der Dreigliederungsbewegung dabei. Sie folgte den Spuren Peter Schilins­kis bis zur Gründung des Eulenspiegels 1976. Sie verließ aber bald den Eulenspiegel und gründete mit anderen 1993 die „Interessengemeinschaft für Lebensgestaltung“ (IG) in Wangen. Die IG ist ein Vernetzungs- und Beratungsprojekt für soziale Initiativen und Betriebe um Wangen, Lindau und den Bodensee. Seit 2001 übernahm die IG die Herausgabe der „Welle“, eine Zeitschrift mit Anzeigen, redaktionellem Teil und großem Veranstaltungskalender rund um den Bodensee. Sie informiert über alternative und anthroposophische Initiativen, will diese koordinieren und Kooperationen ermöglichen. So können diese Projekte den sozialen Prozess am Bodensee aktiv mitgestalten.

Die Konferenz
Ingrid Feustel hatte in ihrem Arbeitsalltag immer wieder mit den vielen Initiativen in der Region zu tun, die ihren Beitrag bei der Gestaltung der Zukunft leisteten. Sie litt darunter, dass diese vielen Initiativen von der Öffentlichkeit und den großen Tageszeitungen fast nicht wahrgenommen wurden. In ihrem Herzen wuchs der Wunsch, mit einem öffentlichen Ereignis diese Nische zu verlassen und öffentlich sichtbar zu werden. Ihre Idee stieß auf großes Interesse im Umfeld ihrer Aktivitäten, und bald traf sich regelmäßig eine Initiativgruppe um eine große Veranstaltung vorzubereiten. Ein Kongress sollte mit einer Messe verbunden werden, weil die Mitglieder der IG auch viele praktische Alternativen aus verschiedenen Lebens- und Arbeitsfeldern anzubieten haben.
Im Grußwort der Veranstalter im Programmheft heißt es: „Kooperative Mitglieder, Bündnispartner und Netzwerke aus Kunst, Wissenschaft, Forschung, Bildung, Landwirtschaft, sozialen Projekten, Tauschsystemen und solidarischen Wirtschaftsunternehmen stellen sich einer breiten Öffentlichkeit vor. Der Anspruch, die Zukunft gemeinsam gestalten zu wollen, ist nur glaubhaft, wenn es gelingt, besonders die Jugend aktiv einzubeziehen. Als Besucher werden Sie verschiedene Aktionen von Jugendlichen erleben können. Es war unser Anliegen, neben sensitiven Erlebnisräumen, Platz für die Präsentation geistiger Forschungsergebnisse zu schaffen und den Dialog darüber zu führen. Die Vorträge haben im Wesentlichen Impulscharakter. Die Qualität und Kraft, die der Kunst innewohnen, mögen die Gesellschaft und das Leben gestalten – das war der Gedanke, den z. B. Joseph Beuys mit dem Erweiterten Kunstbegriff und der Sozialen Plastik geprägt hat. Es erhebt sich heute die Frage, wie die­se Gestaltungspotenz des Menschen entfaltet werden und in Wirtschaft, Technik und Sozialem Einzug finden kann. Naturwissenschaft, Geisteswissenschaft, Spiritualität und Kunst müssen sich wieder wechselseitig befruchten und durchdringen, um zu einer noch größeren Ganzheit zusammenzuwachsen.“
Zur Vorbereitung trafen sich Menschen aus dem Umfeld der „Welle“, des INKA, des „Mehrgenerationenhauses Memmingen“ und der Tauschkreise der Region. Die europäische Region Bodensee spannt sich ja hinüber bis ins österreichische Vorarlberg, wo der Tauschkreis mit über eintausend Mitgliedern eine funktionierende Struktur aufzuweisen hat. Gernot Jochum-Müller vom Tauschkreis und Ernst Schwald von der Bodenseeakademie waren sofort dabei. Sie entwickelten eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit und brachten das Interreg-Projekt „Gemeinschaft, Vorsorge, Nahversorgung – Kooperation mit neuem Geld schaffen“ in die Gestaltung der Messe und des Kongresses ein.
Und dann waren wir tatsächlich vom 8. bis 10. Mai im Graf-Zeppelin-Haus in Friedrichshafen, gegen das vor Jahren eine Bürgerinitiative gekämpft und stattdessen ein Bürgerzentrum gefordert hatte. Vielleicht zog mit diesem regionalen Kongress für drei Tage die Idee eines „Bürgerzentrums für ein gemeinsame Zukunft“ in das Zeppelin-Haus ein.
Der Zukunfts-Kongress mit seinen acht Themenblöcken ließ für mich vier wichtige Schwerpunkte erkennen:
Direkte Demokratie: Das war das zentrale Thema für ­Gerald Häfner in seinem Eröffnungsvortrag, in dem er über die Her­ausforderungen der Zukunft sprach. Häfner empfing seine Inspiration für die direkte Demokratie im INKA, gründete 1979 die Grünen mit, wurde dann von den Grünen als Bundestagskandidat aufgestellt und hatte zehn Jahre lang ein Mandat. Heute ist er wieder im Vorstand der Bürgerbewegung „Mehr Demokratie e.V.“ und kämpft aktuell im Wahlkampf für den Volksentscheid im deutschen Grundgesetz. Dazu werden Unterschriften gesammelt, aber auch alle Kandidaten befragt, und für jeden Wahlkreis wird ein Flugblatt mit den Reaktionen der Kandidaten erstellt. Eine Testvolksabstimmung im bayerischen Vaterstetten brachte eine deutliche Mehrheit von 82 Prozent für den Volksentscheid, dessen Modell im INKA in Achberg entwickelt wurde. Unterstützt wurde der Schwerpunkt durch den „Omnibus für direkte Demokratie“, der direkt am Bodenseeufer stand und auch Promenadenbummler über die Aktion informierte. Volksabstimmungen sind ein wesentliches Instrument einer Bürgergesellschaft und entwickeln die Demokratie weiter fort. Auch die europäische Union braucht dringend mehr Demokratie. Gerade die Volksabstimmungen in Holland, Frank­reich und Irland haben deutlich gezeigt, dass die EU noch starke Demokratiedefizite hat.
Grundeinkommen: Den nächsten Schwerpunkt setzte der Unternehmer Götz Werner, Gründer der DM-Drogeriekette. Durch sein öffentliches Eintreten für ein bedingungsloses Grundeinkommen erregte er großes Interesse und brachte der Idee einen medialen Schub. Inzwischen konnten in einer Online-Petition über 50 000 Unterschriften für ein Grundeinkommen gesammelt werden. Obwohl Werner die meisten Zuhörer anlockte (der Saal war mit 400 Menschen dicht gefüllt), fand sich bis jetzt keine Gruppe für eine regionale Bürgerinitiative zum Grundeinkommen. Vielleicht werden die Kontakte, die auf dieser Konferenz entstanden sind, mittelfristig noch einen solchen aktivierenden Impuls bringen.
Neue Formen solidarischen Wirtschaftens: Die Tauschringe waren am stärksten vertreten. Unter dem Motto „Gemeinschaft, Vorsorge, Nahversorgung“ soll durch Tauschkreise, mit Regio-Geld oder mit Talente-Gutscheinen die regionale Wirtschaft gestärkt werden. Ein Auszug aus der Selbstdarstellung des Talenttauschkreises Vorarlberg: „Regionale Wirtschaft bedeutet, Kreisläufe in der Region zu schließen. Dabei unterstützen wir Betriebe und Organisationen im Ländle. Die Talente bleiben da, wo sie entstehen – in der Region! Mit unseren Talente-Gutscheinen bieten wir ein besonders effektives Instrument für die regional orientierte Wirtschaft an.“ (aus der Website www.talentiert.at).
Bioregion Bodensee: In diesem Bereich konnte besonders die Bürgergesellschaft „solarcomplex“ beeindruckende Konzepte und Zahlen für den westlichen Bodensee vorlegen. Sie wurde im Jahr 2000 von 20 Bürgern gegründet, verfügt mittlerweile über eintausend Gesellschafter und sieben Millionen Euro Eigenkapital. Ihr Ziel ist es, bis 2030 den Strom- und Wärmebedarf der Bodensee-Region hauptsächlich aus erneuerbaren Energien zu decken. Und das in einem regionalen Kreislauf, der Kaufkraft in der Region bindet (bis 2009 schon sechs Mio. Euro). Die ersten autarken Bioenergiedörfer (Mauenheim und Lippertsreute) produzieren schon mehr Energie als sie verbrauchen, zwei weitere sind im Bau. Bis 2012 sollen weitere acht Dörfer für den Umbau gewonnen werden. Die Technik wird von solarcomplex bereitgestellt und zu einem großen Teil vorfinanziert, was durch die Einsparungen zurückgezahlt wird. Alles in allem wirkt dieses Modell überzeugend durch seine Effizienz und bewusstseinsbildend durch die breite Einbeziehung der Bürger und BürgerInnen (www.solarcomplex.de).

Einschätzung und Ausblick
Über 40 Aussteller sowie 30 Referentinnen und Referenten bildeten den Bodensatz für die gesuchte Vernetzung. Alte Bekannte trafen sich seit Jahren wieder einmal, Kontakte entstanden, und Begegnungen beeindruckten. So war der Kongress für mich der ausschlaggebende Impuls, dem Tauschring Vorarlberg beizutreten, um an einer konkreten Initiative für eine solidarische Wirtschaft teilzunehmen und nach langjährigen Beobachtungen wieder zum konkreten Tun zu kommen.
Obwohl die Besucherzahl mit 1500 gezählten Gästen nicht gering erscheint, waren es letztlich doch zu wenige, um den Kongress auch finanziell zu einem Erfolg werden zu lassen. Doch auch wenn die Erwartungen vielleicht zu hoch waren, so bedeutet dies doch, dass beim nächsten Mal die Öffentlichkeitsarbeit verstärkt werden muss.
Ein Überblick macht zudem deutlich, dass es nicht gelungen ist, die gesamte Bandbreite der Bürgerbewegung sichtbar zu machen. Wichtige Zweige haben sich nicht gezeigt. Auch wenn die Greenpeace-Jugend einen Stand hatte, fehlte die Ökologiebewegung des Bodensees weitgehend. Und bei den Kultureinrichtungen war der anthroposophische Überhang allzu deutlich. Die Vielfalt wollte nicht so richtig gelingen. Zwar waren zwei Biobauern anwesend, aber die Breite der Ökolandbaubewegung hätte durchaus mehr Beteiligung zugelassen. So waren etwa die Verbände für Verbraucheraufklärung gar nicht vertreten. Und zuletzt: Auch wenn attac mit einem Büchertisch und einem Vortrag dabei war, so fehlte doch die politische Bürgerinitiativszene gänzlich, denn die besteht ja doch aus viel mehr als der „Dreigliederungsbewegung“.
Es bleibt zu wünschen, dass sich die Bewegung bei dem nächsten Kongress in zwei Jahren – dann vielleicht in Bregenz – mit noch größerem Engagement für die Zivilgesellschaft außerhalb der anthroposophischen Szene bemüht. Im „Provinzbuch“ von 1984 waren immerhin 2000 Adressen aufgelistet, die einer alternativen Kultur zugeordnet werden konnten. Sicherlich ist die Bewegung kleiner geworden, aber nicht so, dass sie nicht über ihren Schatten springen und ihre Berührungsängste mit anthroposophischen Initia­tiven überwinden könnte.
Mit dem Kongress wurde auch dem Künstler Josef ­Beuys gehuldigt. Ganz in seinem Sinn darf der Kongress als eine gelungene Soziale Plastik mit hoher Kreativität für die Zukunft angesehen werden – zumindest erweckten die Künstler, Musiker, Malerinnen und Bildhauer, die einen wesentlichenTeil des Kongresses ausmachten, diesen Eindruck. Wie schrieb Josef Beuys 1978 in seinem „Aufruf zur Alternative“: „Es geht um den Durchbruch in eine neue soziale Zukunft. Wie ist dieses Ziel erreichbar? Dadurch, dass in den europäischen Zonen eine Bewegung entsteht, die durch ihre Erneuerungskraft die Mauern abträgt … und die Kluften zuschüttet.“
Der Kongress ZUGEGEN hat in der Bodenseeregion auf jeden Fall ein klein wenig dazu beigetragen und wird gewiss in diesem Sinn weiter wirken.


Dieter Koschek (54) war 18 Jahre lang aktives Mitglied im Projekt Eulenspiegel in Wasserburg am Bodensee. Heute lebt er in Wasserburg und Dornbirn (Österreich), ist in mehreren Initiativen engagiert, Redakteur des „jedermensch“ und Leiter der Projektwerkstatt am See „prowas“. Kontakt: www.dikoze.net


Weitere Informationen
www.zugegen.de, www.dreigliederung.de, www.eulenspiegel-wasserburg.de, www.impuls21.net, www.kulturzentrum-achberg.de


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Koschek, Dieter

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