Ein Bericht vom Symposium des Netzwerks für Salutogenese.
„Lust ist der Treibstoff, um kreative Leistung zu erbringen.“ Dies war der Tenor des fünften Symposiums des Netzwerks für Salutogenese, das Anfang Mai im Seminarhaus Alte Mühle bei Bad Gandersheim stattfand. Nadja Lehmann aus dem benachbarten Heckenbeck berichtet.
Das Zentrum für Salutogenese (= Entstehung von Gesundheit): ein Projekt, das sich der Aufgabe verschrieben hat, ein neues Bewusstsein für die Gesundheitsarbeit zu schaffen. „Gesundheit lässt sich nicht machen … aber anregen!“, so könnte man die Grundhaltung dieses Projekts beschreiben, oder, um es noch deutlicher zu machen: „Gesundheit ist ansteckend!“. Inititiert wurde es von dem Heckenbecker Arzt Theodor D. Petzold, der u. a. schon an der Gründung eines Gesundheitsparlaments beteiligt war, sich also schon lange im deutschsprachigen Raum für eine neue Ausrichtung der Theorie und Praxis in der Gesundheitsarbeit einsetzt. Das Zentrum für Salutogenese versteht sich als interdisziplinärer Vernetzungsort und bietet Fortbildungen für Gesundheitsberufe in salutogener Kommunikation. Das heißt, die Arbeit richtet sich primär nicht am Kampf gegen Krankheiten und Risikofaktoren aus, sondern an attraktiven Gesundheitszielen, wie z. B. Wohlbefinden, Sicherheit, Lust, Lebensqualität, Freude, Fitness, Sinnerfüllung oder Weisheit. Die Aufmerksamkeit der Arbeit richtet sich auf die individuelle, soziale und kulturelle Selbstorganisation.
Das jährliche Symposium ist ein Raum, in dem sich Menschen unterschiedlicher Professionen in der Gesundheitsarbeit begegnen. Die jeweils gewählten Themen sind Aspekte, die als zentrale Attraktoren im menschlichen Leben wieder in den Diskurs über Prävention und Kuration mit eingebracht werden sollen, wie z. B. „Zugehörigkeitsgefühl“, „Sinn und Werte“ oder, in diesem Jahr, das Thema „Lust und Leistung“.
In diesem Jahr waren viele Expertinnen und Experten aus Lehre, Gesundheit und Wirtschaft zusammengekommen, um folgende Fragen zu erkunden: Wie wichtig sind Lust und kreative Leistung für gesunde Entwicklung? Was braucht es, um Spaß beim Lernen und an der Arbeit zu haben? Und welche persönlichen Einstellungen und betrieblichen sowie gesellschaftlichen Bedingungen sind notwendig? Zur Wahl dieses Themas kam es vor allem vor dem Hintergrund der aktuellen wirtschaftpolitischen Lage: Da Profitmaximierung als zentraler, sinnstiftender Antrieb aufgrund der Krise durch „Casino-Kapitalismus“ infrage gestellt ist, stehen im Moment natürlich alle Räume offen, um zu schauen: Was wollen wir wirklich tun? Lassen sich Sinn und Lust bei der Arbeit verbinden?
Gesundheit ist ansteckend
„Lust ist der Treibstoff, um kreative Leistung zu erbringen. Die Hoffnung auf das Erleben von Stimmigkeit ist das Gaspedal“, resümiert Theodor Petzold, Leiter des Zentrums. Seine Einleitung am Freitagnachmittag veranschaulichte die psycho-physiologischen Wirkweisen von Antrieb und Belohnung.
Wir können unser Potenzial nur durch lustvolle Tätigkeit entfalten. Das machte die Gesundheitswissenschaftlerin Annelie Keil gleich zu Beginn der Veranstaltung deutlich. Diese alte Dame der Gesundheitswissenschaft, die in ihren Schaubildern und ihrem Auftreten eine Synthese aus Wissenschaft und Schamanismus zu präsentieren schien, begeisterte mit ihrem konsequent radikalen, nicht-pathologisierenden Denken. Alter als Krankheit? Nicht mit Frau Keil. Differenziert zeigte sie die Mechanismen der Entwertung und Abspaltung auf und führte von dort aus wieder zurück in die Atmosphäre von Selbstbestimmung und liebevoller Annahme dessen, was ist.
Damit Kinder durch Lernen glücklich werden, brauchen sie Gemeinschaftsbezug – so die Professorin Christina Krause, die auch die „Pädagogik des Willkommenheißens“ nach dem finnischen Modell ins Bewusstsein bringen möchte. Finnland ist nach der PISA-Studie schon lange Vorbild als Spitzenreiter in Sachen Pädagogik. Trotzdem scheinen die zentralen Elemente des finnischen Systems wie etwa das „Willkommenheißen“ oder die Sicherheit, dazuzugehören, nicht bei den zentral wirkenden Reformern des deutschen Schulsystems anzukommen.
„Tu nur, was dich interessiert!“
Zum Thema Pädagogik ging es weiter mit dem Vortrag über „Kreative Felder statt Individualisierungsfalle“ von Olaf-Axel Burow, der aus seiner eigenen Vergangenheit als „schwieriger Schüler“ berichtete. Sein sicheres Gespür dafür, was ihn wirklich interessiert, was er kann oder nicht kann und mit wem er kooperieren kann, haben ihn zu seiner Karriere geführt. „Ich wollte lieber Gitarre üben, als Hausaufgaben machen – deshalb bekam ich später zu Zeiten des Einstellungsstopps eine Stelle als Musiklehrer.“ Wir wissen oft nicht, welche Dinge sich später mal als nützlich erweisen werden. „Tu nur das, was dich wirklich interessiert!“, das war Burows Prinzip. Jede Höchstleistung komme letztlich in einem kreativen Feld zustande: Niemand könne alles, letztlich sei es viel wichtiger, gute Teams zu bilden, in denen sich Einzelne synergetisch unterstützen. Beispiele wie das Team von Steve Jobs, dem Mitbegründer von Apple, die Comedian Harmonists und viele andere zeigen, dass es in der Praxis so läuft. Dieses Wissen und dieser teamorientierte Arbeitsstil sollten viel stärker in unserem Bildungswesen vermittelt werden.
Michael Jatzeck, der Leiter der Freien Schule Heckenbeck, ist auf der Suche nach persönlichem Interesse und Sinn seinen eigenen Weg vom EDV-Spezialisten zum Lehrer gegangen. Die Freie Schule Heckenbeck wurde im Jahr 2000 in Südniedersachsen aus dem Gemeinschaftsnetzwerk Heckenbeck heraus gegründet. Ein klares Vorbild und Inspiration für das Schulkonzept ist die Arbeit nach Montessori-Wild. Das Ehepaar Wild hatte in Ecuador den „Pesta“ aufgebaut, ein Ort des absolut selbstbestimmten Lernens. Auch in Heckenbeck gibt es keine Klassen, keine festen Lerngruppen und auch keine Notengebung. „Schauen, was machbar ist“, ist Michael Jatzecks Motto, und er brachte viele lebendige Beispiele aus dem besonderen, herausfordernden Schulprojekt mit, wie z. B. das DDR-Projekt, in dem die Kinder die Mauer noch einmal aufbauten, um sie dann wieder niederzureißen. Das Projekt, das von Eltern, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen waren, initiiert wurde, inspirierte nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern zur Reflexion über die Ereignisse vor 20 Jahren. Selbstbestimmte Bildung? Michael Jatzeck betont, dass er vor allem Bildung im umfassenden Sinn als wichtig empfinde. Mit der Idee eines verpflichtenden Kanons von Allgemeinbildung könne er nichts anfangen. Viel wichtiger seien die sogenannten Soft Skills wie Teamfähigkeit, Zuverlässigkeit, Kreativität und eigenes Mitdenken.
Spielerische Kreativität entfaltet sich auch in nicht verplanten „Zwischenräumen“, so Eckard Schiffer. „Warum Tausendfüßler keine Vorschriften brauchen“ heißt das neuste Buch des Arztes. Seine Aufforderung: Nutzen wir die größte Kraft, die in uns steckt: unsere Intuition. Der Autor des Erfolgsbuchs „Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde“ provoziert in seinem neuen Buch all diejenigen, die unser Land mit immer neuen Normen und Vorschriften nach vorne bringen wollen. Schiffer war seit 1978 bis vor einigen Monaten am Christlichen Krankenhaus Quakenbrück tätig, zunächst als leitender Arzt, dann als Chefarzt für den Aufbau der Abteilung psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik. Über seine Ehe mit einer engagierten Grundschullehrerin hat er sich verstärkt den Themen Spiel und Kreativität gewidmet, für die er mit seiner liebevollen Darstellung das ganze Publikum erwärmen konnte.
Samstag war Flow-Tag. „Flow“, das ist „Tun in Ich-Vergessenheit und Selbstvertrauen“ – so das Motto, das ich für diesen Tag ausgegeben hatte, dessen Ziel vor allem sein sollte, diese Erfahrung mit Hilfe von kommunikativen Experimenten zu machen. Bei strahlendem Sonnenschein trafen sich die Vertreter aus vielen Bereichen der Gesundheitsarbeit zusammen. In entspannten Gesprächen in einem World-Café wurden noch einmal alle Aspekte, Erfahrungen, Erlebnisse zum Feld „Lust und Leistung“ ins Bewusstsein und in Kommunikation gebracht. „So intensiv hätte ich mich eigentlich sonst nicht eingebracht“, so die Meinung einer Teilnehmerin, die in dieser anderen Art der Arbeit auch eine Herausforderung sah. Später folgte dann kreative Arbeit in „genialen Gruppen“ mit „Flow-Meister“ (nach Petzold): Hier gibt es eine Person, die mit der Orientierung auf kreativen Fluss und Stimmigkeit gewissermaßen als Flow-Moderator für die Gruppe bereitsteht. In diesen vielen Prozessen stellten sich einige Synergien her, wurden Positionen in Frage gestellt und viele Dinge gemeinsam aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet.
Lust bedeutet nicht unbedingt Wollust
Der Sonntag war schließlich ein spezieller Höhepunkt: Er startete mit dem Religions- und Gesundheitswissenschaftler Florian Jeserich, der am Institut für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften tätig ist. Er stellte in berührender Weise unser christlich geprägtes Verhältnis zum Thema Lust und Leistung dar: Lustvolles Erleben war lange Zeit mit „lasterhafter Wollust“ verbunden. Er plädierte dafür, Menschen durch ein Gottes- und Menschenbild zu fördern, das grundsätzlich davon ausgeht, dass Menschen liebens- und unterstützenswert sind. Seine Meinung war, wenn wir in dieser Art „fördern“, dann können wir Menschen später auch „fordern“.
Zum Abschluss ging es um „Firma und Ökonomie“. Das Thema wurde wundervoll eröffnet von Henning Terschüren, dem Geschäftsführer der Solarfima Solvis, einer Firma, die sich in Braunschweig seit 1986 von einer Garagenfirma zu einem boomenden Großunternehmen mit der europaweit größten Nullemissionsfabrik entwickelt hat. „Solvis tickt anders“: Diese Aussage von Herrn Terschüren wurde sehr schnell klar, und die Teilnehmer konnten von einer Betriebsgemeinschaft erfahren, die den Wunsch nach Partizipation und Gemeinschaftlichkeit ernst nimmt. Schon das Zuhören machte Spaß: Lust auf Kreativität und Zusammenarbeit wurde geweckt durch diesen authentischen Einblick in eine lernende, dynamische Organisation, die eine ehrliche Kommunikationskultur pflegt. Natürlich hat sich vieles geändert. Auch die Wirtschaftskrise und der damit verbundene Auftragseinbruch führte Henning Terschüren das Thema Verantwortlichkeit als Unternehmer und die Grenzen der Gestaltungsmöglichkeiten vor Augen.
Einen Ausblick auf eine gesellschaftliche Gestaltungsmöglichkeit, die auch in dieser Hinsicht vielleicht viele Veränderungen ermöglichen könnte, brachte der Soziologe Sascha Liebermann. Er reflektierte die jetzt angesprochenen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in seinem Beitrag zum Thema „Bedingungsloses Grundeinkommen“ (BGE). Geld ohne Leistung für jeden Bürger von der Geburt bis zum Tod – ist das überhaupt möglich und anstrebenswert? Seines Erachtens wäre das BGE sowohl finanzierbar als auch eine konsequente Umsetzung der demokratischen Grundrechte. Er nannte als entscheidenden Hinderungsgrund für die Einführung des BGE ein verbreitetes Misstrauen: „Ich würde arbeiten, aber die anderen?“ Wenn Leistung aus Freiheit heraus käme, würde sich vieles ändern, unsere Lern- und Bildungskultur, wahrscheinlich der Krankenstand und bestimmt unsere Ökonomie.
Ein kreatives Feld
Ein positives Menschenbild, Vertrauen, Ermutigung und Zusammenarbeit, so scheint das Fazit dieser Veranstaltung, scheinen auf jeden Fall die zentralen Bedingungen für lustvolle Leistung zu sein. Das könnte uns helfen, in kreativen Lösungsprozessen anstehende gesellschaftliche Aufgaben zur gesunden Entwicklung aller zu bewältigen. Olaf-Axel Burow stellte zum Abschied am Sonntagmittag fest, dass für ihn dieses Symposium als „kreatives Feld“ erfahrbar geworden ist.
Nadja Lehmann, Dipl.-Pädagogin, Systemische Beratung und Gesundheitsförderung, Zentrum für Salutogenese in Bad Gandersheim. nadjalehmann@salutogenese-zentrum.de
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