Jochen Schilk wirbt für Derrick Jensens Aufruf zur Abschaffung der industriellen Zivilisation.
„Unser ganzer gepriesener Fortschritt der Technik, überhaupt die Civilisation, ist der Axt in der Hand des pathologischen Verbrechers vergleichbar.“ (Albert Einstein)
Jetzt habe ich eintausendunzweiundfünfzig (leicht lesbare) Seiten Zeit gehabt, mir zu überlegen, wie ich dieses Buch angemessen präsentieren soll. Von
Anfang an dachte ich, dass es das Beste wäre, der eigenen Begeisterung schlicht folgendermaßen Ausdruck zu verleihen: „Lesen Sie es. Lesen Sie bitte beide Bände von Derrick Jensens ‚Endgame‘, und geben Sie es dann weiter. Die Jury des ‚Press Action Awards‘ hat dieses Werk zum ‚wichtigsten Buch der letzten zehn Jahre‘ erklärt – und das sehr wahrscheinlich zu Recht!“
Andererseits kann und will ich mir nicht vorstellen, dass Sie derart billig von der Lektüre eines doch recht herausfordernden Wälzers zu überzeugen wären. Versuche ich mich also besser an der Zusammenfassung von Jensens Sicht der Dinge. Als Einstieg zunächst einige Sätze aus dem Klappentext: „Unsere Zivilisation zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Umwelt durch Industrie, korrupte Regierungen und kapitalistische Gier systematisch zerstört. Derrick Jensen stellt die provokante These auf, dass unsere Welt letztlich nur durch die Zerstörung der industriellen Zivilisation gerettet werden kann, und führt uns mit selten anzutreffender Konsequenz vor Augen, wie diese Demontage in der Praxis umzusetzen ist. Dabei kommt er zu dem verblüffenden Ergebnis, dass es des Zusammenschlusses nur weniger Menschen bedarf, um das System zu Fall zu bringen. Radikal und doch gewaltlos. Durch die kluge Zerstörung zentraler Informationsspeicher statt blutiger Barrikadenkämpfe. Denn angesichts des auf dem Spiel stehenden Einsatzes, so Jensen, reichen die politischen Schönheitspflästerchen der letzten Jahre nicht mehr aus. – Ein monumentales Manifest, das mit beunruhigender Präzision und Gedankenschärfe zeigt, weshalb wir mit unserer gesamten Zivilisation unrettbar auf falschem Kurs sind.“
Wie? Sie wollen so etwas nicht lesen? Sie meinen, wir können ja schließlich nicht zurück in die Steinzeit? Überhaupt klinge das alles zu sehr nach schlechten Nachrichten? Und was soll das heißen: „Gewaltlose Zerstörung“? Wir sind doch gute Pazifisten!?
Doch, doch, sage ich, das sollten Sie lesen, selbst wenn Sie Jensen nicht überall hin folgen wollen. Welches Buch sonst setzt sich ähnlich schonungslos ehrlich mit unserer globalen Situation auseinander? Und welches weist dann auch noch einen realistischen Ausweg aus dem ganzen Schlamassel, einen menschlichen Weg?
Die menschliche Welt liegt im Sterben. Genauer gesagt: Unser aller Lebensgrundlage wird – schneller als wir sehen können – umgebracht. Wie, fragt sich Jensen, ticken eigentlich die Leute, die die Schalthebel der Macht bedienen und die wissen müssten, was sie tun: die Politiker und Konzernchefs, die immer neue Kahlschläge und Staudämme und Ölbohrungen und Vergiftungen zu verantworten haben? Interessante Frage, und viele dürften sie sich schon mehr als einmal gestellt haben. An welcher Art von Krankheit leiden diese Menschen? Kann man sie irgendwie erreichen und heilen? Mit welcher psychischen Krankheit haben wir es im Bezug auf die Kultur der Zivilisation zu tun? Wie ticken die Täter, und wie ticken die Opfer? Was hält letztere oftmals davon ab, sich zur Wehr zu setzen, die Macht über die eigenen Lebensbelange zurückzuerobern? Warum hat die Umweltbewegung es in fast vierzig Jahren nicht geschafft, den Mord an der Natur aufzuhalten, geschweige denn ihr Siechen umzukehren? Verfolgt diese Bewegung die richtige Strategie? Wann ist Gewalt ein angemessenes Mittel, um Ungerechtigkeit zu stoppen? Glauben wir wirklich, dass wir die Biosphäre bewahren, indem wir uns an Ratgeber-Bücher à la „50 einfache Dinge, die Sie tun können, um die Welt zu retten“ halten? Und: Ist es wirklich möglich, sich eine nachhaltige Kultur zu erkaufen? Oder können wir nur mit Konsumverweigerung einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, dass die verantwortlichen Ausbeuter endlich davon ablassen, die wunderschöne Erde in eine Giftwüste zu verwandeln? Reicht das alles aus? Und: Kann es überhaupt so etwas wie „nachhaltige Entwicklung“, eine nachhaltige Hochtechnologie ohne Ausbeutung geben? So etwas wie „nachhaltige Großstädte“? – Jensen zufolge nein, denn letztere bestehen grundsätzlich aus importierten, d. h. überwiegend geraubten Rohstoffen.
Das sind nur einige von vielen Fragen, denen sich der kalifornische Philosoph und Umweltaktivist Derrick Jensen in aller Ausführlichkeit widmet. „Endgame“ ist sein erstes Buch, das auf Deutsch erschienen ist, ein fesselndes, eigenartig strukturiertes Patchwork aus Fakten, selbst erlebten Anekdoten, philosophischen Abhandlungen, Gedankenspielen, Zitaten usw., die Jensen heranzieht, um uns zu zeigen, was die Stunde geschlagen hat. Eine Rezensentin der Süddeutschen Zeitung nannte Jensens Art zu Schreiben „Stream of consciousness, übertragen auf Sachliteratur“.
Lieber ein Ende mit Schrecken …
Wie die meisten von uns bereits wissen, ist das herrschende System durch seine Gier dem – absehbaren – Untergang geweiht. Die Frage ist nur, ob die Zivilisation (Jensen meint mit dem Begriff das, was in dieser Zeitschrift sonst meist „Patriarchat“ genannt wird) rechtzeitig genug von der Bühne verschwindet, so dass nach ihrer Zerstörungsorgie noch Lebensraum für menschliches und nicht-menschliches Leben übrigbleibt. Je früher der Kollaps, desto besser für das irdische Leben, argumentiert Jensen, weshalb es gerechtfertigt sei, dem Zusammenbruch, wo immer möglich, durch Sabotage auf die Sprünge zu helfen: „Die Landbasis ist alles. […] Die Gesundheit unserer Landbasis ist das Maß, mit dem die, die nach uns kommen, uns bewerten werden. Es ist das Maß, mit dem wir jede einzelne unserer Aktionen bewerten müssen.“
Unerreichbare Psychopathen
Wer wird das anstehende „Endspiel“ um die Zukunft der Erde gewinnen? Jensen gibt sich optimistisch: Die Chancen stünden nicht schlecht, dass jene Menschen (und nicht-menschlichen Lebewesen), die auf der Seite des Lebens stehen, erfolgreich Mittel der Selbstverteidigung ergreifen werden, um dem unermesslichen Schrecken der bröckelnden Zivilisation ein Ende zu bereiten. Dabei verweist er auf das Schicksal zahlloser gastfreundlicher indigener Gesellschaften, die – immer zu spät – erkennen mussten, dass gegen die alles zersetzenden zivilisatorischen Einflüsse nur rechtzeitige aktive Gegenwehr Aussicht auf Erfolg gehabt hätte. Gewidmet ist das Buch dem rebellischen Indianerführer Tecumseh. Der Vorteil heutiger westlicher Rebellen bestünde jedoch darin, dass sie sich bereits inmitten der Zentren des Systems befinden …
Und trotzdem klingt das alles ja durchaus nicht so lustig: Die Herrschenden aktiv von ihren Verbrechen abhalten, die Zivilisation abschaffen – gibt es keinen anderen, eleganteren, bequemeren Weg, um die Zerstörung unseres Heimatplaneten aufzuhalten? Können wir die Verantwortlichen in den oberen Etagen der Machtpyramide nicht irgendwie von der Falschheit ihres Tuns überzeugen, sei es durch Petitionen, Demonstrationen und markige Spruchbänder, durch das richtige Wahlverhalten, durch korrekten Konsum? Können wir ihrer Gier auf der gerichtlichen Ebene Einhalt gebieten? Können wir ihre offenkundige Fehlgeleitetheit heilen, indem wir für sie beten und ihnen in der Meditation „rosa Blasen mit reiner Herzensgüte“ schicken?
Der wichtigste Beitrag, den Jensen mit „Endgame“ für den ökologischen Diskurs leistet, besteht vielleicht darin, dass er uns von der illusionären Hoffnung befreit, dass die genannten, vom System erlaubten Handlungsmöglichkeiten je etwas Entscheidendes bewirken könnten. Im Großen und Ganzen tun sie das nämlich nicht, die Zerstörung schreitet immer schneller voran.
Jensens Buch ist ein sehr persönliches, sehr offenes. Wir erfahren viel über den Autor, nicht zuletzt von seinen Ängsten über die Implikationen dieses Buchs, von seinen Zweifeln und seiner Scham über die eigenen inneren Widersprüche. Auch erfahren wir, dass der Autor als Kind jahrelang vom eigenen Vater vergewaltigt wurde, was der Grund dafür ist, dass Jensen sich intensiv mit der Psychopathologie von Missbrauchstätern im häuslichen Bereich befasst: „Wie ticken diese Leute?“ fragt er sich aus einer ganz persönlichen Not heraus. Und auch: Wie ticken Opfer, wie tickt er selbst? Was macht das Patriarchat mit der Psyche der Menschen?
Beim Studium der Lektüre zum Thema fiel ihm dann auf, dass Verhalten und Geisteszustand der Ausbeuter im globalen Maßstab – Politiker, Konzernchefs usw. – ganz dem Verhalten und Geisteszustand jener Männer entsprechen, die zu Hause Frau und Kinder terrorisieren. Dies ist eine sehr erhellende und zugleich ziemlich erschreckende Analogie. Denn die Erfahrung mit gewalttätigen Männern im häuslichen Bereich verheißt nichts Gutes im Hinblick auf die Möglichkeit einer Heilung der großen Weltzerstörer. Häusliche Missbrauchstäter wissen sehr genau, was sie tun, und die Rückfallquote nach erfolgter Therapie ist extrem hoch. Jensen zitiert den Autor Lundy Bancroft: „Ein Misshandler ändert sich nicht, weil er sich schuldig fühlt, Vernunft annimmt oder zu Gott findet. Er ändert sich auch nicht, wenn er die Angst in den Augen seiner Kinder sieht oder merkt, dass sie sich ihm entziehen. Ihm geht nicht plötzlich auf, dass seine Partnerin eine bessere Behandlung verdient hat. Wegen seiner Selbstfokussiertheit, im Verein mit den vielen Vorzügen, die er aus der Kontrolle über seine Partnerin zieht, ändert sich ein Misshandler nur dann, wenn er das muss. Im Hinblick darauf, in einem Misshandler einen Kontext für Veränderung zu erzeugen, geht es demnach vor allem darum, ihn in eine Situation zu bringen, in der ihm keine andere Wahl bleibt. In allen anderen Fällen ist es sehr unwahrscheinlich, dass er jemals sein Verhalten ändern wird.“
Diese Erfahrungen überträgt Jensen auf die größere Ebene: „Man kann die Ausbeuter nicht dazu bringen, andere nicht mehr auszubeuten, indem man sie bittet, besänftigt, sachte anleitet, andere dazu bringt, ihnen gut zuzureden oder irgendeine andere Methode anwendet, die nicht auf Konfrontation beruht.“ Und: „Die Herrschenden heute sind schlimmere Zerstörer als irgendjemand vor ihnen; die meisten sind psychologisch unerreichbar. Und wenn jemand einen Politiker erreicht, dann ist der nicht länger an der Macht.“
Manche Leute werden nun sagen, dass jeder einzelne von uns an der ökologischen Katastrophe Schuld habe, nicht nur einige tausend Konzernchefs und Politiker.
Das ist einerseits richtig. Auf der anderen Seite: Sind es nicht wir „gewöhnlichen“ Leute, die die Verhältnisse immer wieder so bauen, dass wir kaum anders können als Klosettpapier zu benutzen und unsere Nahrung aus dem Supermarkt zu beziehen? Jensen findet, dass wir uns nicht mit denjenigen identifizieren sollten, die den Planeten zerstören: „Sicher, es ist wichtig, bestimmte Entscheidungen für den persönlichen Lebensstil zu treffen, um den Schaden zu verringern, der dadurch entsteht, dass wir ein Teil dieser industriellen Zivilisation sind. Aber sich überwiegend selbst die Schuld zu geben und sich überwiegend darauf zu konzentrieren, selbst zu einem besseren Menschen zu werden, das ist ein enormes Ausweichmanöver und setzt das Verantwortlichkeitsprinzip außer Kraft. Wenn die ganze Welt auf dem Spiel steht, ist das selbstgefällig, selbstgerecht und aufgeblasen. Aber es ist auch fast ubiquitär. Und es dient den Interessen der Herrschenden, weil es unseren Fokus von ihnen ablenkt.“
Sakrileg!
Diese Sichtweise ist vermutlich eine ziemliche Herausforderung für die geläufige kulturkreative Herangehensweise. Es kommt jedoch noch schlimmer, denn Jensen wagt es, eine Reihe heiliger Kühe in Form von gängigen pazifistischen Überzeugungen zu hinterfragen – und diese letztlich mehr oder weniger komplett auseinanderzunehmen. Auf der Suche nach wirkungsvollen Handlungsmöglichkeiten für den Erhalt der bislang nicht zerstörten Schöpfung will sich Jensen sämtliche Optionen offenhalten – inklusive der des militanten Widerstands gegen die zerstörerische Infrastruktur des Patriarchats. Keinesfalls ziehe er gewalttätige Lösungen pauschal den gewaltfreien vor. Doch nimmt er sich das Recht, die Argumente der Verfechter eines absoluten Pazifismus auf ihren Realismus sowie ihre moralische Vertretbarkeit hin zu überprüfen. So kommt er im Verlauf seiner bestechenden Ausführungen unter anderem zu dem Schluss, dass etwa die Lehre Gandhis von dessen „fast vollständiger Unkenntnis der Dynamik von Misshandlung und der Psychopathologie“ zeuge.
Trotz – und gerade wegen – dieser Ungeheuerlichkeiten bin ich überzeugt, dass „Endgame“ ein zutiefst kulturkreatives Buch ist, keinesfalls das Werk eines Technokraten, Misanthropen und/oder Materialisten.Wir finden hier eine Synthese von radikalem (biozentrischem) Umweltaktivismus, Herrschafts- und Kulturkritik, Matriarchats- und Subsistenzperspektive und sogar der Tiefenökologie. Dies ist ein Buch über das Wesen und die Funktion von Ausbeutung, Unterdrückung, Macht, Zerstörung – leidenschaftlicher als so mancher Text der Patriarchatsforschung. Immer wieder nimmt der Philosoph Jensen den Blickwinkel indigener Kulturen auf die Zivilisation ein. Ein wesentlicher Teil seiner Botschaft besteht in der Aufforderung an die Leserschaft, sich überall fragend an die Natur zu wenden und herauszufinden, was sich diese von den Menschen wünscht. Dies sei viel wichtiger, als ihm selbst an den Lippen zu kleben.
Utopien sind überflüssig
Nicht alle von uns müssen laut Jensen die Zivilisation aktiv stoppen. Es genüge völlig, wenn einige wenige sich intensiv darum bemühen und dabei von denen Unterstützung erfahren, die sich ansonsten um die Wiederfindung der eigentlichen Kulturformen der Menschheit kümmern. In dieser Frage ist Jensens Vision identisch mit derjenigen der Matriarchatsforschung: Wir brauchen keine utopischen Alternativen! „Die Alternativen gibt es nämlich bereits, und zwar Alternativen, die seit tausenden und zehntausenden von Jahren existieren und funktionieren.“ Jensen will die dominatorische Unkultur nicht durch irgendeine andere Kultur ersetzt sehen. „Ich will, dass sie durch einhunderttausend Kulturen ersetzt wird, von denen jede einzelne aus ihrer eigenen Landbasis heraus entsteht, in der Lage, sich an diese Landbasis anzupassen, und jede einzelne davon eine Kultur, die tut, was nachhaltige Kulturen schon immer und überall für ihre Landbasis getan haben, eine Kultur, die ihrer Landbasis durch ihre Anwesenheit hilft, stärker zu werden, mehr sie selbst zu werden.“
Lesen Sie dieses Buch, wenn meine Zeilen Sie neugierig gemacht haben. Lesen Sie es aber auch für den Fall, dass manche Dinge, die hier angeklungen sind, ihre Weltsicht herausfordern. Ich kann Ihnen versprechen, dass der Autor die allermeisten Ihrer Vorbehalte mindestens anspricht, wenn nicht gar auflöst.
Im übrigen suche ich dringend jemanden, mit dem ich über Derrick Jensens Standpunkte diskutieren kann. Wie wärs gerade – mit Ihnen?
Zwei Bücher, die eigentlich eines sind: In der deutschen Übersetzung hat der zweite Teil von „Endgame“ (im Original trägt er den Untertitel „Resistance“) den Titel „Das Öko-Manifest“ bekommen. Auch sonst hat der Pendo Verlag völlig unverständlicherweise alles unternommen, um die beiden zusammengehörigen Buchteile optisch zu trennen. Hinweise auf den jeweils anderen Band finden sich nur mit der Lupe.
Derrick Jensen, Endgame – Zivilisation als Problem, Pendo 2008, 544 Seiten, ISBN 978-3-86612-192-8, Paperback, 22,90 Euro
Derrick Jensen, Das Öko-Manifest, Pendo 2009, 511 Seiten, ISBN 978-3-86612-215-4, Hardcover, 24,95 Euro
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