Gesundheit als neuer Wirtschaftsfaktor.
Die Freien Gesundheitsberufe vertreten ein ganzheitliches Entwicklungs- und Gesundheitskonzept. Durch die zunehmende Zahl der Ausgebildeten sind sie ein wichtiger Faktor auf dem wachsenden Gesundheitsmarkt. Der Volkswirtschaftler Erik Händeler sieht in eben diesem Wachstum den künftigen Motor für einen wirtschaftlichen Aufschwung.
In den Medien taucht das Gesundheitssystem mit seinen Verteilungskämpfen, steigenden Kosten und ausufernden Defiziten nur als Problem auf. Dabei könnte die Diskussion ganz anders verlaufen: über ein Gesundheitssystem als Schlüssel, um die meisten anderen gesellschaftlichen Probleme, wie Staatsverschuldung, Arbeitslosigkeit oder schlingernde Sozialversicherung, zu lösen. Denn wenn Unternehmen über die zu hohen Lohnnebenkosten klagen, dann stecken dahinter steigende Krankheitsverluste. Im Gesundheitszustand der Deutschen sind die größten, bislang schlafenden Ressourcen der Volkswirtschaft zu mobilisieren – ein Antrieb für einen langanhaltenden Wirtschaftsboom.
Den Grund für diesen Optimismus liefert eine alte Argumentation: Dinge werden nicht aus Zufall oder Spielerei (weiter-)entwickelt und angewendet. Vielmehr wurden oftmals dieselben Erfindungen zur selben Zeit unabhängig voneinander zwei- oder dreimal gemacht. Innovationen und neue Märkte entstehen, weil sie wirtschaftlich notwendig werden, schrieb der russische Ökonom Nikolai Kondratjew vor 80 Jahren. Weil die englischen Unternehmer nicht mehr hinterherkamen, Bergwerke zu entwässern und Spinnräder mit der Kraft von Zugtieren anzutreiben, musste die Dampfmaschine erfunden werden. Weil die hohen Transportkosten der Wirtschaft den Atem abdrückten, musste die Eisenbahn gebaut werden. Und weil die Informationsmenge explodierte, brauchte man so eine elektronische Kiste wie den Computer, um Wissen effizienter zu verwalten. Diese Neuerungen sparten Zeit und Kraft, so dass Zusätzliches geschaffen werden konnte – der Wohlstand wuchs.
Der entscheidende Wirtschaftsfaktor in der Informationsgesellschaft
Nachdem wir inzwischen die Probleme ganz gut gelöst haben, wie wir eine Waschmaschine zusammenmontieren oder Briefe ausdrucken, ist die Nachfrage nach Gesundheit trotz steigender Beiträge längst größer, als es das reglementierte staatliche System finanzieren kann. Die stetig steigenden Schäden für die gesamte Volkswirtschaft verdeutlichen: Der vermeintliche Kostenfaktor Gesundheit wird der künftig entscheidende Produktionsfaktor für die Wirtschaft in der Informationsgesellschaft, eine wirtschaftliche Macht. Gesundheit, und zwar im ganzen, also auch im seelischen und sozialen Sinn, das ist heute die neue Knappheitsgrenze im Rahmen der Kondratjew-Theorie, die das Wachstum niedrig hält. Deswegen werden sich daran die neuen Strukturen und Märkte entwickeln. Das Gesundheitssystem steht im Zentrum der gesamtgesellschaftlichen Probleme.
Innerhalb der Grenzen, in denen Gesundheit überhaupt gestaltbar ist, hat das mit dem Lebensstil der Menschen zu tun, mit Ernährung und Bewegung, vor allem aber mit nicht-materiellen Einflüssen wie sozialer Eingebundenheit, Selbstwertvorstellungen, Lebenssinn. Das alles kommt in der Gesundheitspolitik bislang fast nicht vor. Dort setzen wir uns darüber auseinander, wie Geld für Krankheitsreparatur unter den Beteiligten aufgeteilt wird oder wie die Beiträge eingesammelt werden können. Kurz: Es geht um Geld und um Verwaltung, aber nicht zuerst um Veränderungen im realen Leben. Eher kümmert sich der Verbraucherschutzminister um dicke Teenager, die Bundeswehr warnt vor Kürzungen des Schulsports, weil die Wehrpflichtigen nicht fit genug sind, und die Wirtschaft investiert in die Gesunderhaltung ihrer Mitarbeiter. Aber die Gesundheitspolitik?
Die (je nach Definition) zig Gesundheitsreformen der vergangenen 35 Jahre mussten scheitern, weil sie lediglich neu bestimmten, wie und wo Geld fließt, jedoch im realen Leben Krankheit nicht verringern konnten. Die Kosten werden aber nur dann gleichbleiben oder (im Verhältnis zur Gesamtleistung der Volkswirtschaft) sogar sinken, wenn wir im Durchschnitt länger produktiv am Leben teilnehmen und weniger krank sind, indem wir auf die Anforderungen der neuen Wissensgesellschaft mit einer neuen Arbeitskultur und mit einem präventiven Gesundheitssystem reagieren. Die Meinungen darüber, warum die Krankheitskosten steigen, gehen auseinander. Das demografische Argument ist nicht zwingend: Die genetische Ausstattung des Menschen taugt für weit über 100 Jahre Lebenszeit. Es ist normal, rüstig 80 Jahre alt zu werden. Was wir derzeit angesichts unseres Wissensfortschritts erleben, ist also nicht eine Überalterung, sondern schlicht eine Normalisierung. Auch der technische Fortschritt muss kein Kostentreiber sein – fortschrittliche Verfahren, wie zum Beispiel Endoskopie, sparen Geld ein.
Kaum jemand wagt auszusprechen, was das System sprengt: Das meiste Geld der Krankenkassen wird für die Folgen des individuellen Lebensstils in den vorangegangenen Jahrzehnten ausgegeben. Die Herzoperation für den Kettenraucher mit Bluthochdruck oder das künstliche Hüftgelenk für die 160-Kilo-Patientin gehören heute zum teuren Klinikalltag. Praxisärzte können ein Lied von den kostspieligen Folgeerkrankungen von Typ-II-Diabetikern singen, die sich partout nicht an ihre Diät halten (die durch den Lebensstil erworbene Typ-II-Variante macht 90 Prozent aller Diabetesfälle aus). Immer mehr Kinder sind dick und haben die Krankheitssymptome alter Menschen. Es kann sein, dass die nächste Generation eine niedrigere Lebenserwartung haben wird als die ihrer Eltern. Zu wenig Schlaf macht alt, dumm, müde und ruiniert die Gesundheit. Im Schlaf repariert der Körper Zellen und Organe und lässt den Körper wachsen, auch das Immunsystem wird aufgerüstet. Wer das Rauchen aufgibt und täglich Obst und Gemüse isst, hat gute Chancen, länger gesund zu leben. Einst haben wir mit besserer Hygiene Pest und Kindbettfieber präventiv besiegt. Heute haben wir es mit Seuchen wie der körperlichen Faulheit zu tun, euphemistisch auch „Bewegungsmangel“ genannt. Sie verursacht einen Großteil der Zivilisationskrankheiten samt Todesfolgen. Denn der Körper leidet darunter, dass er nicht in Schwung kommt – ohne Bewegung gibt es kaum Stoffwechsel, die Zellen werden dann zu schlecht versorgt und auch nicht mehr repariert, das Immunsystem erlahmt. Auf der anderen Seite stehen wir durch mangelnde Gedankenhygiene ständig unter Druck. Alles, was uns ärgert, wütend macht und ängstigt, sorgt auch dafür, dass wir unseren Körper – meist unwissentlich – anspannen.
Gesundheitsdiktatur gegen Ignoranz?
Die Krankenkassen haben zwar längst mit Präventionsangeboten und einem Bonussystem reagiert. Doch es wird von der Bevölkerung zu wenig angenommen: Oft zu kompliziert, zu anstrengend, und überhaupt – warum soll man etwas an seinem Lebensstil ändern, wenn einem der Arzt jederzeit quasi kostenlos Medikamente verschreibt, die die Krankheit wieder vertreiben? Prävention scheitert daran, dass der ökonomische Druck der aufgestauten Knappheit Gesundheit nicht an den Einzelnen weitergegeben wird. Die Erfahrung zeigt, dass Patienten Ratschläge für ein gesünderes Leben selbst dann nicht schätzen, wenn sie gerade mit Glück einen Infarkt überstanden haben. Jedes fünfte Infarkt-Opfer raucht weiter, jedes Dritte behält sein Übergewicht. Wunderpillen-Schlucken ist das einzige, wozu die meisten Patienten bereit sind. In Umfragen widersprechen sich die Wähler selbst: Sie wollen weder, dass die Beiträge steigen, noch, dass sie in Zukunft mehr zuzahlen müssen – beim selben Leistungsniveau, versteht sich.
Die Lösung ist jedoch nicht eine Gesundheitsdiktatur, in dem der Staat zwangsweise dem Einzelnen vorschreibt, wie er zu essen, wie er sich zu bewegen oder was er zu tun hat. Niemandem kann verboten werden, unbeweglich und Chips konsumierend die Abende vor dem Fernseher zu verbringen, nachdem er den ganzen Tag auf einem Bürosessel saß. Aber wer sich in seiner Freiheit so entscheidet, der kann künftig nicht mehr so wie bisher von den anderen verlangen, sie sollten sich die Konsequenzen seines Verhalten aufbürden lassen.
Der Gesunderhaltung dienen
Die knapper werdenden Ressourcen im öffentlichen Gesundheitswesen erzeugen ökonomischen Druck sowohl auf den Einzelnen, zum Regisseur seiner Gesundheit zu werden, als auch auf Unternehmen, die Arbeitskultur so zu verbessern, dass niemand mehr mit 55 Jahren halbtot frühverrentet werden muss. Die Wirklichkeit wird ein Gesundheitssystem erzwingen, in dem nicht, wie heute, alle Akteure nur ein Interesse an Kranken haben, weil sie an den Kranken verdienen, sondern indem sie das Geld der Krankenkassen auch mit Gesunderhaltung verdienen: individuell passende Bewegung für den Stoffwechsel, Umgang mit Gefühlen und Stress, Lebensberatung. Deswegen wird die neue Gesundheitspolitik einen öffentlichen Rahmen schaffen, in dem der Einzelne die Verantwortung für seine Gesundheit nicht mehr allein an die Ärzte oder an den Staat delegiert. Aus dem System der kollektiven Verantwortungslosigkeit muss ein System werden, das dem Einzelnen zu einer persönlichen Gesundheitsreform verhilft, das ihn fördert und fordert, seine Gesundheit zu erhalten und so auch die öffentlichen Ressourcen zu schonen. Erst durch einen tatsächlich besseren Lebensstil würde sich der reale Gesundheitszustand der Bevölkerung verbessern – und damit würden die Krankheitskosten sinken.
Diese Prävention, z. B. durch Bewegungstrainer, Ernährungsberater oder Stressbewältiger, sollte jedoch nicht nur aus der privaten Tasche, sondern von den Krankenkassen (oder anderen öffentlichen Töpfen) bezahlt werden. Damit würde die Gesundheitspolitik das, was sie den Versicherten bei einer höheren finanziellen Selbstbeteiligung im Krankheitsfall nimmt, über die Prävention auch wieder zurückgeben – der dritte Weg aus der Zahlungsunfähigkeit. Das wäre auch sozial. Heute werden alle Schichten im Krankheitsfall versorgt, doch Dienstleistungen und Produkte der Gesunderhaltung können sich nur die Reichen leisten. In einem System, in dem Prävention von der Solidargemeinschaft bezahlt wird, können sich auch jene weniger gebildeten und weniger wohlhabenden Schichten Gesundheit leisten, die am meisten unter krankmachende Einflüssen wie Lärm, wenig Gestaltungsmöglichkeiten oder schlechter Ernährung leiden und bei denen daher die meisten Ressourcen mobilisiert werden können. Dafür funktioniert die Krankenkasse im Krankheitsfall nur wie eine sozial und existenziell absichernde Versicherung. Wie zu Beginn eines jeden langen Strukturzyklus sind die neuen Spielregeln offen: Wer wird die Gesunderhaltung koordinieren – der Hausarzt, das Krankenhaus oder die Krankenkasse? Oder völlig neue Einrichtungen? Erst wenn wir politisch diesen Weg einschlagen, werden die Kosten sinken und wird genug Geld da sein, um Ärzte wie Pfleger angemessen zu honorieren.
Entspannter und länger Arbeiten
Bisher steigt vor allem die Lebenszeit, ohne dass wir deshalb auch später in Rente gehen würden. Das stellt uns vor die Wahl, entweder weiter sinkende Renten zu akzeptieren, die 2025 dann nur noch das Existenzminimum abdecken werden. Oder aber wir werden länger arbeiten – das empfinden heutige Berufstätige weitgehend als Diebstahl an einem wohlverdienten Feierabend nach einem arbeitsdichten Leben. Doch nicht irgendwelche bösen Politiker, sondern die Wirklichkeit und der Druck aus der Brieftasche wird die meisten dazu zwingen, länger zu arbeiten, während andere in Zukunft auch deshalb länger arbeiten wollen werden, weil ihre Arbeit sie erfüllt oder das Unternehmen sie händeringend bittet.
Die Angst vor der Realität, bis ins Alter arbeiten zu müssen, wird vor allem davon geschürt, heutige krankmachende Arbeitsverhältnisse gedanklich eins zu eins auf die Zukunft zu übertragen. Vergreisungsszenarien mit dem daraus folgenden Zusammenbruch der Sozialsysteme samt Krankenkassen sind aber gekoppelt an die Erwerbsbiografien der alten Industriearbeitsgesellschaft. Wir können den Druck auf die Kassen entlasten, wenn wir die Arbeitsbedingungen und die Umgangskultur so ändern, dass es bei weniger Arbeitslast, kürzerer Arbeitszeit und flexibleren Abläufen möglich wird, auch im Alter noch gesund zu sein und zu arbeiten.
Dass wir nun im Durchschnitt immer älter werden, fällt mit dem Einstieg in die Wissensgesellschaft zusammen. Und das ist kein Zufall: Der technisch-wirtschaftliche Fortschritt, der die körperliche Arbeit zurückdrängte, verwandelt Arbeit vorwiegend in eine geistige Wertschöpfung im gedachten Raum. Wertschöpfung ist nun hauptsächlich immateriell: Planen, organisieren, Wissen finden, das man braucht, um ein Problem zu lösen. Damit wird jeder wertvoll, weil er allein der König ist über das Wissen eines Fachgebiets oder eines Zwischenschritts in der Produktion. In Zukunft werden wir im Alter als Wissensarbeiter langsam weniger arbeiten, flexibel und in der Intensität, wie sie zu uns noch passt. Das Senioritätsprinzip weicht horizontalen Karriereverläufen, die Vorstellungen von Karriere ändern sich – sie werden weniger hierarchisch verstanden als eher von der Qualität der eigenen Arbeit. Wettbewerb wird in Zukunft über Wohlbefinden und Gesundheit der Mitarbeiter entschieden. Das sind die Probleme von heute, an denen das Neue von morgen entsteht. Zugegeben: Altern bleibt eine Herausforderung. Doch die schwärzesten Szenarien für das Gesundheitssystem werden nicht eintreffen. Weil wir vorher unsere Art zu leben und zu arbeiten umstellen werden.
Literatur: Händeler, Erik: „Die Geschichte der Zukunft – Sozialverhalten heute und der Wohlstand von morgen (Kondratieffs Globalsicht)“, Brendow Verlag 2009 • „Kondratieffs Welt – Wohlstand nach der Industriegesellschaft“, Brendow Verlag, 4. Auflage 2009 • „Der Wohlstand kommt in langen Wellen – Wie wir besser leben können“, Hörbuch mit zwei CDs, 150 Minuten, Brendow Verlag, 2006.
Erik Händeler, Studium der Wirtschaftspolitik und Volkswirtschaft, bringt als Journalist die Kondratjewtheorie und deren politische Konsequenzen in die öffentliche Debatte; haendeler@aol.com, www.kondratieff.biz
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