Liebe Leserin,
lieber Leser,
kürzlich habe ich mal wieder gestaunt: Konferenz zum Überleben unserer Gattung auf diesem Planeten. Zwei Dutzend bedeutende Herren gesetzten Alters, klassischer Aufzug – ich nicht minder, doch wegen der Hitze ohne Krawatte –, die üblichen Konferenztische, Blöckchen und Stift. Frauen? Eine Akademikerin „auf Augenhöhe“, drei lächelnd lauschende Thirty-something-Assistentinnen.
Mit zeitgeistschwangerem Engagement wurden Dinge gesagt, die engagiertere Zeitgenossen schon vor 37 Jahren auswendig gelernt haben: Jaja, so alt ist das „World3“-Computermodell, mit dem Meadows et al. 1972 die Daten für „The Limits to Growth“ (Die Grenzen des Wachstums), ihren Bericht an den Club of Rome, errechneten. Fünf Parameter der globalen Entwicklung wurden darin untersucht: Bevölkerungswachstum, Nahrungsmittelversorgung, industrielle Produktion, Umweltverschmutzung und Verbrauch nicht-erneuerbarer Ressourcen. (Der Klimawandel zog sich damals erst die Socken an und fand nur beiläufig Erwähnung …) Der Lauf der bereits auf der Strecke befindlichen Probleme wurde in drei Varianten modelliert: a) Standardmodell – Business as usual, führt zum Kollaps Mitte des 21. Jahrhunderts; b) Technikmodell – geballte Investition in Hochtechnologie, führt zum Kollaps etwas später; c) Nachhaltigkeitsmodell – Achtung der natürlichen Grenzen, führt zu einer stabilen Lebensgrundlage für die Menschheit.
Im Juni vergangenen Jahres erschien eine Studie, in der die vor 37 Jahren gemachten Voraussagen mit der tatsächlichen globalen Entwicklung verglichen werden (Graham Turner, „A Comparison of The Limits to Growth With Thirty Years of Reality“, CSIRO). Sie haben es sicherlich erraten: Die Realität ist exakt dem Standardmodell von 1972 gefolgt. Also Kollaps 2050? Oder früher, da inzwischen der Klimawandel die fünf anderen Probleme auf der Außenbahn überholt hat?
Ich staunte, dass den gutmeinenden Diskutanten die „Limits to Growth“ unbekannt waren. Ich staunte, wie völlig losgelöst von der Öko- und Nachhaltigkeitsbewegung hier gesprochen wurde, als seien die globalen Probleme soeben erst entdeckt worden. Ich staunte über die historische Unbefangenheit meiner Altersgenossen am Tisch, denen nun nach bald sechs Jahrzehnten Lebens in den Geleisen des Standardmodells der Zeitgeist Damaskuserlebnisse einbläst – und die in Sprache, Aufzug und Status Lichtjahre weit weg erschienen von einem authentischen Leben des Wandels.
In nächster Zeit werden auf der Welt unzählige Kongresse, Symposien, Konferenzen und Foren zum Ende des Wachstums abgehalten. Wollen wir hoffen, dass die Mehrheit der Veranstaltungen nicht lediglich das Standardmodell fortsetzt: Reden, was der Zeitgeist heranweht, doch im persönlichen Handeln Business as usual.
Beunruhigt, Ihr
Johannes Heimrath
|