Liebe Leserin,
lieber Leser,
haben Sie nicht auch das Aufatmen gehört, das dieser Tage durch die kleine Welt der Petroleumwirtschaft ging: Ein Ölfund wie seit zehn Jahren nicht mehr! Leicht auszubeuten, im Atlantik, 1100 km vor Westafrika. Ein dreifaches Aufatmen, erstens, weil nun doch alles nicht so schlimm ist (man lässt verlauten, wir hätten Zeit gewonnen, alternative Energiequellen besser zu erschließen – aber wer weiß schon, dass der Anteil der Ölkonzerne an der Welt-Gesamtinvestition in die „Renewables“ nur im Promillebereich liegt?), zweitens, der gute Ölpreis verschwindet nicht komplett in komplizierter Fördertechnik (es bleibt auch weiterhin was übrig für das Good Ol’ Boys’ Network), und drittens weiß man in diesen Kreisen besser als anderswo, zu welchem Verhalten der stammhirngesteuerte Mensch generell neigt: Kaum scheint die unmittelbare Gefahr etwas nachzulassen, lehnt man sich wieder zurück (zum Standardmodell siehe letztes Editorial …).
Doch die Dreistigkeit, mit der die kleine Welt der Petroleumwirtschaft der großen Welt der Menschen, die ihr Unbehelligtsein über alles lieben, entsprechend Sand in die Augen streut, ist schon beeindruckend. So hat Exxon, das größte börsennotierte Unternehmen auf dem Planeten, seit 2004 rund 250 Millionen Euro jährlich in die Erforschung energieeffizienter Maßnahmen investiert – wohl gemerkt: lediglich in Techniken, die das Öl- und Gasgeschäft des Multis verlängern helfen. Jetzt meldet Exxon stolz, in den nächsten Jahren erstmals in die Entwicklung alternativer Treibstoffe aus Meeresalgen investieren zu wollen: insgesamt rund 420 Millionen Euro. Die Hälfte davon geht allerdings an ein Technologieunternehmen, das einem der gerissensten Privatisierer von Allgemeingütern gehört: dem Genspezialisten Craig Venter, der sich im Zug seiner Forschungen zur Sequenzierung des menschlichen Genoms Tausende von Patenten auf Leben gesichert hat. Und nun zur finanziellen Situation von Exxon: Als Gewinn für das Jahr 2008 – mitten in der „Finanzkrise“ – meldet der Ölgigant 31 Milliarden Euro …
Warum sollte uns das interessieren? Die englische Schriftstellerin A S Byatt legt einer schwedischen Bienenforscherin namens Fulla Biefeld den bemerkenswerten Satz in den Mund: „Wir sind ein Tier, das seine gesamte Intelligenz benötigen wird, um die Auswirkungen ebendieser Intelligenz zu lindern.“
Wahr ist’s: Die Beschäftigung mit den klimarelevanten Folgen unserer Lifestyles wird uns mehr als alles andere für den Rest unseres Lebens und das Leben unserer Kinder und Kindeskinder begleiten, ob wir wollen oder nicht. Es ist immerhin besser, zu wollen, denn es wird nicht einfach sein, die Common Goods, die guten Dinge, die allen gehören und die unser aller Leben ermöglichen, zu verteidigen. Auch und nicht zuletzt gegenüber unserer neuen Regierung …
Herzlich, Ihr Johannes Heimrath
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