Matthias Fersterer porträtiert die Filmemacherin, Sozialarbeiterin und Stadtteilaktivistin Irene Bude.
Am Ufer eines von alten Bäumen umschatteten Sees treffe ich Irene Bude. Sie ist hier, um anlässlich der Klein Jasedower Filmtage ihren neuen Film „Empire St. Pauli – Von Perlenketten und Platzverweisen“ vorzustellen. Ihre 43 Jahre sieht man der braungebrannten Frau mit burschikosem Kurzhaarschnitt nicht an. Die wasserklaren, blauen Augen strahlen Offenheit und Klarheit aus. Sie wirkt unabhängig, scheint genau zu wissen, was sie will, und noch genauer, was sie nicht will. Seit 15 Jahren lebt die gebürtige Meißnerin im Hamburger Stadtteil St. Pauli, nahe der Hafenstraße. „Seit jeher ein hoch politisiertes Pflaster – links, versteht sich.“ Seit 2000 betreut sie psychisch Kranke in einer Einrichtung der Wilhelm-Rautenberg-Gesellschaft, nur einen Steinwurf von der Reeperbahn entfernt. Der Mikrokosmos, von dem aus Irene Bude die Welt erlebt, beschränkt sich auf einige Häuserblocks. „St. Pauli ist kleinteilig, schedderig, laut und dreckig. Es gibt dort schwierige Millieus, Drogen und Prostitution. Doch das Viertel ist tolerant und trägt viele Leute mit. Man trifft dort Menschen, die etwas erlebt und etwas zu erzählen haben. St. Pauli ist wie ein Dorf: Es ist bunt und vielfältig – das zieht mich an.“
Die Welt war größer als die DDR
Bei unserem ersten Gespräch am Tag zuvor erzählte sie von ihrer Flucht aus der DDR. Wie kam es dazu? „Ich war jung und wusste, die Welt war größer als die DDR. Für den Großteil der DDR-Bürger endete die real existierende Reisefreiheit in Bulgarien“, erzählt mir Irene Bude. „Es kamen viele Dinge zusammen, die dazu führten, dass ich und mein Freund abhauten.“ Etwa die Kommunalwahl am 7. Mai 1989, die die damals 23-Jährige boykottierte, um ihrem Protest gegen das Regime Ausdruck zu verleihen. Umgehend wurde ihr die Quittung präsentiert – sie wurde von der Starterliste eines wichtigen Kanu-Slalom-Wettkampfs gestrichen. Ein herber Schlag für die damalige Leistungssportlerin. „Die Wahl war ein Wendepukt für mich. Mir war klar, in diesem System kann es so nicht weitergehen.“ Obwohl sie selbst nur Menschen kannte, die nicht zur Wahl gegangen waren, lag das offizielle Wahlergebnis wieder bei 99 % Ja-Stimmen. Die Lage spitzte sich zu, die Stimmung war angespannt: Am Altmarkt, dem Zentrum der friedlichen Revolution in Dresden, fanden nahe der Kreuzkirche verdeckte Demonstrationen statt. Man traf sich zu einem vereinbarten Zeitpunkt, um über den Platz zu schlendern, wohl wissend, dass die Menge von Stasi-Beamten in Zivil durchsetzt war – immer wieder kam es zu Festnahmen. Es sprach sich herum, dass in der Sowjetunion Reformen im Gang waren und in Ungarn die Grenzen abgebaut wurden. Konkretes wusste man nicht, doch selbst im „Tal der Ahnungslosen“, jener Region östlich von Dresden, die außerhalb der Sendereichweite des Westfernsehens lag, konnte diese Entwicklung spüren, wer politisch sensibilisiert war. Im Sommer 1989 flohen Irene und ihr Freund über Ungarn in die BRD. Ein Schritt, der einigen Mut erforderte, denn damals war keinesfalls abzusehen, dass die Mauer nur wenige Monate später fallen sollte. „Ich bin davon ausgegangen, dass es mindestens fünf Jahre dauern würde, bis ich Freunde und Familie wiedersehen würde.“
Wenn die hier alle so sind, dann hau’ ich wieder ab
Bei der Ankunft im Westen verspürte sie vor allem ein Gefühl der Befreiung. Doch der Wechsel von einem Gesellschaftssystem in ein anderes, von dem sie herzlich wenig wusste, war nicht immer einfach. Zunächst kam das junge Paar bei Verwandten im Hamburger Vorort Berne unter. Konfrontiert mit der spießbürgerlichen und wenig solidarischen Mentalität mancher Westdeutscher, dachte sie damals: „Wenn die hier alle so sind, dann hau’ ich wieder ab.“ Doch nun galt es, sich um das Wesentliche zu kümmern: Arbeit, Wohnung, Geld. Zunächst arbeitete die gelernte Krippenerzieherin als Kinderpflegerin, später machte sie das Fachabitur auf dem zweiten Bildungsweg. Dabei kam ihr zugute, dass sie in der DDR gelernt hatte, mit Mangel umzugehen. Konnte sie darüber hinaus Positives aus der DDR in den Westen retten? Sie wolle nichts verklären, sagt Irene Bude. Sie wisse nur zu gut, dass die DDR kein gerechter Staat war, dennoch erfuhr sie jene Gesellschaft als egalitärer: „Ein grundlegendes Gerechtigkeitsgefühl habe ich mir bewahrt. Die Hierarchien waren dort flacher. Das fing bereits damit an, dass wir alle gemeinsam von der ersten bis zur zehnten Klasse auf eine Schule gingen“. Freilich sei diese Zwangssolidarität nicht nur positiv gewesen. „Doch die Tatsache, dass es beispielsweise keinen freien Wohnungsmarkt gab, führte dazu, dass man ewig in derselben Wohnung lebte – das war gemeinschaftsfördernd.“ Bei der Recherche zu dem in Leipzig gedrehten Film „Das Geheimnis von L. E.“ (2005) erfuhr sie, wie nach der Wende durch den Verkauf und die Umwandlung von Miets- in Eigentumswohnungen ganze Hausgemeinschaften zerschlagen wurden. Gemeinschaft ist Irene Bude nach wie vor wichtig: Von dem Wohnprojekt, in dem sie lebt, über die Arbeit in einer Sozialstation bis hin zum Filmteam – „ich lebe recht viel Gemeinschaft“.
Dass sie früher einmal Leistungskanutin war, ist der sportlichen Frau noch anzumerken. Wie ich mich aus eigener Kajak-Erfahrung erinnere: Will man beim Wildwasserkanutieren nicht kentern, darf man den gischtenden Stromschnellen nicht ausweichen, sondern muss stets durchs „weiße Wasser“ fahren. Ein Kanute darf die Konfrontation nicht scheuen und konfliktscheu ist auch Irene Bude nicht.
Das wird nicht nur an ihrem persönlichen Lebensweg, sondern auch an ihren Filmen deutlich. Erste Filmerfahrung sammelte sie im Fachprojekt „Video“ im Rahmen des Studiums der Sozialpädagogik in Hamburg und Edinburgh. Der Film „Caledonia Dreaming“ (1997), ihre zusammen mit Olaf Sobczak gefilmte Diplomarbeit, untersucht, wie sich der Antagonismus zwischen Schotten und Engländern auf gemeinwesenorientierte Bildung auswirkt. Im nächsten Gemeinschaftswerk mit Sobczak, „Alles muss raus!“ (1999), ging es bereits um die schleichende Privatisierung eines Gemeinguts – des öffentlichen Raums. Der durch ein Graduiertenstipendium ermöglichte Film beleuchtet am Beispiel des Hamburger Hauptbahnhofs die Säuberung öffentlicher Räume von sozial unerwünschten Personengruppen. Die Arbeit an diesem Film beschreibt sie als prägend. „Es ist ja kein Zufall, dass wir Sozialarbeiter sind – das merkt man unseren Filmen an.“
Wahlfamilie im Passivhaus
Ihre Augen leuchten, wenn sie von ihrem Aufenthalt als Erasmus-Studentin in Schottland erzählt. Edinburgh beschreibt sie als eine der schönste Städte der Welt mit idealer Größe und einer gelungenen Synthese aus Alt und Neu. Dennoch zog es sie zurück nach St. Pauli. Nach ihrer Rückkehr sollte sie sich noch fester im Viertel verwurzeln. Seit 1999 beteiligte sie sich etwa am Aufbau des Wohnprojekts „Parkhaus“ Pinnasberg. Der Name bezieht sich nicht auf Autostellplätze, sondern auf die geistige Nähe zu „Park Fiction“, einem Projekt, das Mitte der 1990er-Jahre aus einer Nachbarschaftsinitiative hervorging, die sich nicht damit abfinden wollte, dass in dem baulich hoch verdichteten Gebiet zwischen Altona und St. Pauli auch noch das letzte Stückchen Elbblick meistbietend veräußert und mit Eigentumswohnungen zugebaut werden sollte. Ein weiterer Stein des Anstoßes war, dass auch der legendäre „Golden Pudel Club“, betrieben von Anarcho-Entertainer Rocko Schamoni, abgerissen werden sollte. Statt teuren Eigenheimen forderte die Initiative einen Park. Nach langen Verhandlungen mit der Stadt Hamburg wurde ein Kompromiss gefunden. Das Bauvorhaben würde eingestellt, wenn im Rahmen des Parkprojekts sozialer Wohnraum geschaffen würde. In engster Abstimmung mit den Bewohnern erstellten Künstler ein Konzept für die soziale Plastik „Park Fiction“, die 2002 auf der „documenta XI“ präsentiert wurde. Daraus ging der auf dem Dach einer Schulsporthalle gelegene Antonipark hervor, dessen markante Stahlpalmen längst zur Staddtteilattraktion und zum Symbol für Selbstverwaltung und Integration geworden sind. Weiters entstand das am Fischmarkt gelegene Parkhaus, in dem Irene Bude seit der Fertigstellung im Jahr 2003 lebt, zunächst in einer Frauen-WG, inzwischen sind Freund und Kind der Mitbewohnerin dazugestoßen.
Dem Projekt ging eine kollektive „Wunschproduktion“ im Stadtteil voraus, bei der „die Anwohner an der Haustür gefragt wurden: Was wünscht ihr euch?“ Das verbindet. Das schafft Zusammenhalt. Die 19 Wohneinheiten wurden individuell auf die Bedürfnisse der Bewohner zugeschnitten. Auch der Wunsch nach einer ökologischen Bauweise wurde berücksichtigt: Zur Zeit der Fertigstellung war das Parkhaus, das nahezu ohne Heizung und mit einem jährlichen Energiebedarf von 15 kWh/m2 auskommt, das größte Passivhaus Europas. Nach wie vor werden alle Entscheidungen genossenschaftlich von der Hausgemeinschaft getroffen. Im Kreis einer Wahlfamilie zu leben, sich seine Nachbarn aussuchen und sein Umfeld konkret gestalten zu können – „das ist für mich das Attraktive am Leben in einem Gemeinschaftsprojekt“. Irene Bude wirkt stolz, wenn sie von „ihrem“ Wohnprojekt in „ihrem“ Stadtteil berichtet.
Wer stört, fliegt raus …
Seit etwa acht Jahren finden jedoch massive Ein- und Übergriffe im Viertel statt: Institutionalisierte Anleger drängen auf den Immobilienmarkt, es findet eine großangelegte Privatisierung von öffentlichem Raum und Wohnraum statt. Die Baustruktur und das soziale Gefüge verändern sich – Freiräume verschwinden. Diesen „Gentrifizierung“ (engl. gentry, „niederer Adel“) genannten Prozess hat auch „Empire St. Pauli“ zum Thema. Bude erzählt sichtlich betroffen von den Menschen, die sie bei der Recherche zum Film traf: von den Armen, den Ausländern und vor allem den Alten, die oft ihr ganzes Leben in St. Pauli verbracht haben, sich dort aber inzwischen kaum noch eine Wohnung leisten können. „Einen alten Baum verpflanzt man nicht“, meint Irene Bude. Die Lücken im sozialen und baulichen Gefüge werden nach dem Wegzug der unerwünschten Klientel schnell mit Büros, hochpreisigen Läden und Eigentumswohnungen gefüllt, um zahlungskräftigere Kunden anzuziehen, was wiederum die Mieten in die Höhe treibt – ein Teufelskreis. Die Hamburg Marketing GmbH, die im Auftrag von Hansestadt und Handelskammer offensives Standortmarketing betreibt, spricht indes lieber davon, dass die „Perlenkette an der Elbe“ geschlossen werde. Diese „Perlen“ sind meist Glas- und Stahlkomplexe, die ebensogut in den Londoner Docklands stehen könnten. „Irgendwann wird St. Pauli grau und einseitig sein – das möchte ich nicht!“ Als in unserem Gespräch das Stichwort „Durchmischung“ fällt, verliert die sonst so beherrschte Frau für einen Augenblick die Fassung: „Warum gerade St. Pauli durchmischen, warum nicht Blankenese …?!“ „Es wird gerne von Parallelgesellschaften gesprochen, insbesondere wenn es um Migranten geht.“ Wo aber sei denn die Mehrheitsgesellschaft, zu der etwas parallel verlaufen könnte? „Die gibt es nicht, zumindest nicht in meiner Wahrnehmung.“ Vielmehr gebe es wohlhabende Parallelgesellschaften, die in ihrer abgehobenen Sphäre lebten: „Menschen mit zuviel Geld verlieren oft den Bezug zur Realität. In meiner Realität leben sie jedenfalls nicht.“
Der von Sabine Stövesand, Professorin an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, angeregte und von Steffen Jörg (Gemeinwesenarbeit St. Pauli e. V.) produzierte Film, der abermals in Zusammenarbeit mit Olaf Sobczak entstand, will dem schleichenden Zersetzungsprozess entgegenwirken, indem er informiert und den Zuschauer zwingt, Position zu beziehen. In unkommentierten Originalszenen und Interviewpassagen kommen jene St. Paulianer zu Wort, von denen keine Rede ist, wenn es um Sanierung, Standortmarketing oder Stadtentwicklung geht. Gegenübergestellt werden ihnen Vertreter aus Politik und Wirtschaft, etwa von der ehemals gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft SAGA, die maßgeblich an der Gentrifizierung St. Paulis beteiligt ist. „Wir zeigen auf, wie diese Menschen ticken. Sie haben kein Unrechtsbewusstsein, sie sind überzeugt von ihrem Tun“, erklärt sie bei der Diskussion im Anschluss an die Filmvorführung im Klein Jasedower Klanghaus.
Der Film kam zum richtigen Zeitpunkt
Dass der Film den Hamburger Dokumentarfilmpreis erhielt, bestärkt Irene Bude: „Der Film kam zum richtigen Zeitpunkt – die Leute haben darauf gewartet. Er wirkt motivierend, er bewegt was – darauf sind wir stolz!“ Sie macht keinen Hehl daraus, dass „Empire St. Pauli“ klar Stellung bezieht: „Er ist tendendziös – na und? Es ist eben ein Film mit Haltung.“ Wie sollte es auch anders sein, bei jemandem, dessen eigenes Leben so eng mit dem im Film dokumentierten Umfeld verwoben ist? Zwangsläufig heben sich da die Grenzen zwischen denen, die filmen, und dem, was gefilmt wird, auf. Dies meinte wohl auch Wim Wenders, als er einmal erklärte, jede Einstellung eines Films spiegele die Einstellung der Filmemacher wieder.
Bewegt der Film nur die Herzen der St. Paulianer oder auch die politische Realität? Bezirksamtschef Markus Schreiber (SPD) etwa zeigte sich betroffen bei der Premiere des Films im sogenannten SKAM. (Das bis vor kurzem selbstverwaltete Atelierprojekt, wurde soeben geräumt und zum Abriss freigegeben, um zwei Bürokomplexen, „Tanzende Türme“ genannt, zu weichen.) Schreiber dachte laut über die Einführung einer sozialen Erhaltensordnung für St. Pauli nach, die es Investoren erschweren soll, Miets- in Eigentumswohnungen umzuwandeln. Wenig später machte die SPD dies zum Wahlkampfthema. Ein Verdienst des Films? „Mit Sicherheit“ – doch die alte Forderung, die anlässlich des Films von der Politik aufgegriffen wird, sei nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Es gehe darum, „die Anwohner ernsthaft in Entwicklungsprozesse einzubeziehen – keine Pro-forma-Anhörung, nach der doch nur getan wird, was die Herren Investoren gerne durchsetzen möchten“. Ein wichtiges Etappenziel sei die Verhinderung des Bernhard-Nocht-Quartiers, bei dem Altbauten saniert, modernisiert oder abgerissen werden sollen, um Platz für Luxusdomizile zu schaffen. Irene trägt ein T-Shirt der Initiative „no-bnq“, die ebendies verhindern will.
Bald nähert sie sich der magischen Schallgrenze, an der sie ebenso lange im Westen wie im Osten gelebt haben wird – das wirft die Frage nach der eigenen Identität auf. Die kann sie selbst nicht beantworten, meint sie nachdenklich. Ob sie im Kiez das, was sie im Osten vermisste, und das, was sei bei ihrer Ankunft im Westen nicht vorfand – Freiheit gepaart mit Gemeinschaftssinn – gefunden hat? Zumindest scheint sie ganz und gar in St. Pauli angekommen zu sein und zeigt mit ermutigendem Beispiel, wie Widerstand aus lokaler Verwurzelung erwachsen kann.
Die DVD „Empire St. Pauli“ (inkl. 28-seitiger Broschüre) ist gegen 10 Euro Schutzgebühr + 2 Euro Porto zu beziehen über www.empire-stpauli.de oder bei steffen.joerg@gwa-stpauli.de. Die Website bietet viele Veranstaltungshinweise und Informationen zum Film und den Hintergründen.
Matthias Fersterer ist Übersetzer und KursKontakte-Redaktionsmitglied. Nach ausgedehnten Arbeits- und Studienaufenthalten in Irland, England und der Bretagne lebt er seit 2009 in Klein Jasedow.
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