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Zeit für Allmende?
erschienen in Ausgabe 165  PDF-Version (211.18 KB)
Lara Mallien sprach mit Julio Lambing über das Manifest der Heinrich-Böll-Stiftung zum Thema Gemeingüter.

Das Engagement für Gemeingüter – für die natürlichen, sozialen und kulturellen Ressourcen, von denen wir alle leben – ist ein gemeinsamer Nenner vieler kultukreativer Bewegungen weltweit. Es gilt, sich dessen bewusst zu werden und eine Bewegung für Gemeingüter zu stärken.

Seit April 2008 hat im Rahmen des interdisziplinären Salons der grünen Heinrich-Böll-Stiftung eine Arbeitsgruppe zum Thema „Gene, Bytes und Emissionen: Zeit für Allmende“ regelmäßig getagt. Daraus entstand das nebenstehende bemerkenswerte Manifest. Lara Mallien sprach mit Julio Lambing, dem Geschäftsführer des europäischen Wirtschaftsverbands „European Business Council for Sustainable Energy“ (abgekürzt „e5“) und einer der Mitautoren des Manifests.

Lara Mallien: Herr Lambing, wie kam es dazu, dass Sie sich an dieser Veranstaltung der Böll-Stiftung zum Thema Gemeingüter beteiligt haben?

Julio Lambing: Die ersten Treffen des Salons habe ich leider verpasst. Ich bin erst im Herbst 2008 angesprochen worden, ob ich nicht bei der Runde mitmachen wolle, und mir erschien das Projekt als politisch sehr weitsichtig. Als Geschäftsführer von e5 vertrete ich jene Teile der europäischen Wirtschaft, die sich für eine starke Klimapolitik und für eine nachhaltige Nutzung und Produktion von Energie einsetzen. Ein ökologisch ausbalanciertes, lebensfreundliches Klima ist ein zentrales Gemeingut der Menschheit. Das war der Bezug zum Salon. Eine sichere Energieversorgung ist in entwickelten Ökonomien ebenfalls ein öffentliches Gut. Eine dritte Schnittstelle lag für die Böll-Stiftung wohl darin, dass e5 seit einiger Zeit darauf drängt, „Wissensallmen­den“ für den Klimaschutz zu nutzen: Es gibt diese innovativen Ansätze der Open-Source-Bewegung, die nicht mehr nur bei der Erstellung von kostenloser Software, sondern auch schon bei der Entwicklung von Hardware eingesetzt werden. Wir fragen uns: Wie kann man solche Ansätze für die beschleunigte Entwicklung von sanften Technologien und deren Verbreitung in Entwicklungs- und Schwellenländern einsetzen?

Wie ist Ihre persönliche Verbindung mit dem Thema
„Gemeingüter“?

Das ist nicht leicht zu beantworten … Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht in einer Kleinfamilie, sondern in einem christlichen Kinderheim aufgewachsen bin. Da wird man durch das Zusammenleben in einer größeren Gruppe mit den Anliegen anderer konfrontiert. Neben politischen und ökologischen Themen haben mich schon als Dreizehnjähriger Philosophie und Sozialtheorie interessiert. Mein Klavierlehrer lieh mir „Haben oder Sein“ von Erich Fromm, ein Buch, das mich sehr geprägt hat: Wie werden Menschen glücklich, was brauchen sie, damit sie glücklich sind? Und was hat die Gesellschaft damit zu tun? Nach dem Abitur lernte ich dann eine alternative Gemeinschaft kennen, die sich als Modell für ein ökologisches und friedliches Leben verstand. Diese Verknüpfung ist bis heute mein Leitfaden in der Ausein­andersetzung mit dem Thema Gemeingut.

Der Begriff „Gemeingut“ klingt auf den ersten Blick etwas sperrig und abstrakt. Ich habe festgestellt, dass es Menschen nicht leicht fällt, sofort eine Reihe praktischer Beispiele zu
assoziieren, wenn dieser Begriff fällt.

Ich bin auch nicht ganz glücklich mit dieser Terminologie, mein Vorschlag in der Runde war, den Begriff „Allmende“ stärker in den Vordergrund zu stellen, aber das war den meisten zu altertümlich. Man kann den englischen Begriff der „Commons“ und die Begriffe Allmende und Gemeingüter als Synonyme verwenden. Sie bezeichnen ein sehr weites Spektrum: Es gibt natürliche Gemeingüter, wie das Meer, Bodenschätze oder Saatgut, dann soziale Gemeingüter, wie öffentliche Krankenversorgung, und schließlich unser kulturelles Erbe in Form von Musik, Märchen, Tänzen, Architektur usw. Das Wort „Allmende“ hat für mein Gefühl eine größere Weite als „Gemeingut“, weil wir bei „Gütern“ oft an etwas Materielles denken.

Das Manifest spricht von einer gesellschaftlichen Bewegung für Gemeingüter. Kann man tatsächlich davon sprechen, dass es so eine Bewegung bereits gibt?

Von einer übergreifenden, internationalen Bewegung kann man noch nicht sprechen. Das Manifest war ein erster wichtiger Versuch, einem zarten, andeutungsweise vorhandenen Pflänzchen zu einem Wachstumsschub zu verhelfen. Denn es gibt ein bemerkenswertes Potenzial für die Entstehung einer starken Bewegung, auch wenn bis jetzt nur viele einzelne Initiativen zu unterschiedlichen Themen in unterschiedlichen Milieus und Ländern existieren – die noch dazu selten voneinander wissen oder gar auf die Idee kommen, es gäbe da einen gemeinsamen Nenner zwischen so entfernten Gebieten wie der Creative-Commons-Bewegung im Internet, dem Protest gegen die Patentierung von Saatgut, Klimaschutz und den Bemühungen indigener Völker um Recht an ihrem Land.
Der Begriff der Commons schafft da einen Brückenschlag. Der Bogen reicht von Open Source, Patentwesen, Urheberrecht, Bürgerrechten über Wasser- und Energieversorgung, der Aneignung von öffentlichem Raum, wie Parks und öffentlichen Plätzen, bis hin zur Wahrung von Traditionen. Hier können wir Pflege und Schutz von Allmenden als gemeinsame Herausforderung begreifen. Auf der einen Seite steht ein jahrhundertalter Trend von Einhegung von Allmenden. Etwa wenn Bauern, Feudalherren oder der Staat gemeinschaftliche Wälder, Fischgründe oder Weideland aufteilen, einzäunen und sich einverleiben. Etwa wenn im kulturellen Bereich sich ein Medienkonzern durch Zeichentrickfilme alte Märchen und Sagen aneignet, die Bilderwelt unserer Kinder damit prägt, aber dann Markenrechte und Lizenzgebühren für diese Darstellungen geltend macht. Oder wenn Wissen, das in öffentlich finanzierten Universitäten geschaffen wird, nicht mehr der Allgemeinheit zur Verfügung steht, sondern in wenig transparenten Verfahren verkauft wird. Auf der andern Seite stehen erstarkte Bewegungen, die sich gegen die ökologische Übernutzung wichtiger Allmenden, wie etwa die Atmosphäre oder das Meer, zur Wehr setzen. Oder Initiativen, die neue Allmenden schaffen, indem sie freie Musik oder Filme ins Internet stellen.
Gegenüber der Debatte über eine kulturkreative Bewegung hat die Gemeingüter-Diskussion z. B. den Vorteil, dass sie nicht explizit mit der Themenstellung der Spiritualität herumlaboriert. Trotzdem gibt es auch hier eine Art spirituelles Thema: den Bezug zu einem „großen Ganzen“. Es geht um etwas Übergeordnetes. Das jeweilige Allgemeingut kann die Erde insgesamt sein, es kann auch das Zwischenmenschliche sein, eine Geschichte oder die Umgebung, in der man gerade lebt, der Wald, die Wiese oder die Stadt. Auf jeden Fall immer etwas Größeres, das nur existieren kann, wenn ich mich darum kümmere und es pflege. Daraus folgt ein weiterer Bezugspunkt zum Spirituellen: Werte und persönliche Veränderung. Denn das Kümmern um eine Allmende bedarf einer Vielzahl von konkreten Handlungen und fordert eine Ethik, beispielsweise die „Tugend der Achtsamkeit“. Und das nicht aus selbstbezogenen Gründen – weil ich erleuchtet werden oder mich spirituell weiterentwickeln möchte. Sondern weil nicht nur ich, sondern auch meine Kinder und alle Menschen gut leben sollen.

„Tugend“, das klingt für viele sehr altmodisch …

Ja, aber ich glaube, dass es besser ist, im Zusammenhang mit Gemeingütern über Tugenden nachzudenken statt über Regeln, wie derzeit oft üblich. Im Zentrum des Selbstverständnisses der westlichen Kultur stand ein Regelkatalog, die zehn Gebote. Deshalb glauben wir im Westen bis heute, menschliches Handeln nur durch die Befolgung von Regeln beschreiben und steuern zu können. Aber alles zu verregeln – und als Konsequenz alles zu verrechtlichen – führt in eine Sackgasse. Sicherlich sind Regeln für die erste Einweisung in eine Praxis wichtig, aber schon bei so elementaren Dingen wir Kochen oder Musik wissen wir, wie begrenzt das ist. Ein richtiger Koch muss weit mehr beherrschen als nur Rezeptbücher zu befolgen, und ein Musiker mehr als Noten abspielen. Wenn Gemeingüter gedeihen sollen, dann ist Know-How vonnöten sowie diverse Fertigkeiten – und eben Tugenden.

Welche Tugenden braucht eine Gemeingüter-Kultur?

Dass diese Tugenden nicht genauer benannt werden, ist eine Schwäche des Manifests. Ich glaube, es geht vor allem um Achtsamkeit und die Anerkennung der wechselseitigen Abhängigkeit. Man ist abhängig von den ökologischen Gemeingütern, aber es gibt auch eine reale Abhängigkeit von Menschen untereinander. Ältere, Jüngere und Kranke sind elementar abhängig von gesunden Menschen, die ihnen helfen. Die Einsicht, dass man selbst in einen hilfsbedürftigen Zustand geraten kann, ist entscheidend, um sein Verhalten sozial auszurichten. Weitere Tugenden wären Teamgeist, Umsicht, Großzügigkeit oder Freundlichkeit, einfach das Bestreben, dass es anderen Menschen gut gehen soll. Auch Klugheit gehört dazu, nicht unbedingt Intellektualität, sondern lebenspraktische Klugheit. Mut, Opferbereitschaft, geistige Unabhängigkeit und autonome Urteilskraft sind ebenfalls zentrale Eigenschaften, die mir einfallen. Und ganz wichtig ist natürlich auch das Streben nach Vortrefflichkeit – dass man z. B. die denkbar schönsten kulturellen Gemeingüter schaffen möchte, die pfiffigste Softwarelösung oder den besten Wikipediaartikel.

Aber wie soll eine Kultur all das lernen?

Ich denke, der Schlüssel sind hier Gemeinschaften. Ich meine hier tatsächlich lokale Gruppen von Menschen, die ein wie auch immer gestaltetes, gemeinsames Leben führen, in dem sie vielfach aufeinander bezogen sind. Wenn man heute isoliert in einer Stadt lebt, geht man meist irgendwo zur Arbeit, trinkt irgendwo anders Bier, geht wieder woanders hin zum Fitness-Training. Die persönliche Umgebung ist zerrissen, die Rollenanforderungen an einen sind jeweils anders und unverbunden. Was liegt da näher als zu sagen: „Es ist beliebig, wie ich handle. Was zählt ist, dass ich jeweils vor Ort Erfolg habe mit dem, was ich tue.“ Eine Tugend ist aber eine charakterliche Einstellung, die in unterschiedlichen Situationen Handlungen eines ähnlichen Typs verlangt. Das geht nicht mit zerrissenen, anonymen Verhältnissen. „Tapfer“ oder „weise“ ist man immer nur als ganzer Mensch, nicht als Spieler einer gesellschaftlichen Rolle. Das lernt man nur in einer Gemeinschaft, die uns über unterschiedliche Rollen herausfordert und bildet.
Sicherlich muss ein Teil der Pflege von Gemeingütern über staatliche Institutionen geregelt sein, z. B. dass Staaten sich verpflichten, ihre Treibhausgasemissionen zu drosseln. Das gilt nicht nur für die globalen Gemeingüter, sondern auch für lokale Zusammenhänge: Wenn der Nachbarbauer Pestizide auf Ihr ökologisch zertifiziertes Feld streut, braucht es wohl Gesetze und Institutionen. Aber der entscheidende Punkt ist: Das reicht nicht aus, eine Kultur der Gemeingüter zu verankern, wir brauchen darüber hinaus ein pflegendes Verhalten, und das kann nur in überschaubaren sozialen Zusammenhängen eingeübt und kultiviert werden. Hätten die Jugendlichen, die vor wenigen Tagen auf dem Sollner Bahnhof bei München einen fremden, sie „nervenden“ Mann totgeschlagen haben, das gleiche im Kreis der Verwandtschaft getan?

Wie ist das Manifest in der Öffentlichkeit wahrgenommen worden, gab es auch Kritik?

Wie mir berichtet wurde, ist das Papier im Umfeld der grünen Partei auch heftig angegriffen worden. Es gab unter anderem große Ängste, dass die Verknüpfung von Gemeinschaft und Gemeingütern ein Rückschritt in vormoderne Zeiten bedeuten würde: die Errungenschaften der Aufklärung, die Freiheit des Individuums würde angegriffen. Selbst der kambodschanische Steinzeit-Kollektivismus von Pol-Pot wurde als mahnendes Beispiel bemüht. Wenn bestimmte Milieus mit dem Wort „Gemeinschaft“ konfrontiert werden, dann tauchen dort sofort Bilder von einem stickigen und rigiden mittelalterlichen Dorf auf – oder die „Volksgemeinschaft“ der Nazis. Aber solche Verdächtigungen sind absurd, wenn man sich die Liste der Autoren anschaut, selbst wenn ich zugeben muss, dass der Begriff Gemeinschaft in dem Manifest etwas zu unspezifisch verwendet wird. Unter der Klammer „Nutzergemeinschaft“ wird da allzu viel in einen Topf geworfen, von der Familie bis zur Weltgemeinschaft, die aber außer einer metaphorischen Wortwendung eigentlich wenig gemeinsam haben.

Wie würden Sie hier den Unterschied beschreiben?
Ich glaube nicht, dass es Gemeinschaft auf Nationen- und „Volks“-Ebene geben kann, außer als gemeingefährliche Illusion. Auf der Ebene von Staaten kann man nie eine gemeinsame, aussagekräftige Vorstellung von einem guten Leben entwickeln und deshalb auch keine gemeinschaftliche Kultur. Ich denke, dass die Griechen mir ihrer antiken Polis uns einen guten Fingerzeig für die maximale Größe eines sozial überschaubaren Zusammenhangs gegeben haben, also etwa 50 000 Bürger und Bürgerinnen.

Wie hoch schätzen Sie die Chancen ein, mit einem solchen Aufruf die Menschen zu erreichen und politische Veränderung zu bewirken?

Ich weiß es nicht. Sicherlich ist es wertvoll, wenn solche Thesen in Umlauf kommen. Aber ein Manifest ist eigentlich eine abgenutzte Ausdrucksform. Früher war es der Aufruf, der von Hand zu Hand weitergereicht wurde, heute veröffentlicht jede Woche irgendjemand irgendwo ein Manifest. Das senkt die Aufnahmebereitschaft.
Ich glaube ja an die Kraft des Erzählens eines Mythos. Man spricht heute gerne vom modernen wissenschaftlichen Zeitalter im Gegensatz zur Vergangenheit, wo die Menschen noch im Bann des Mythos gelebt hätten. Aber das ist Unsinn. Wir haben heute nicht weniger Mythen, nur andere. Der Mythos vom Fortschritt ist tief in unsere Kultur und unsere Sprache eingegraben: Der eine ist „weiter“, „seiner Zeit voraus“, der andere ist „rückschrittlich“. Dieser Mythos, der mit der Aufklärung stark geworden ist, sagt: Die menschliche Kultur entwickelt sich wie ein einzelner Mensch vom Kind zum reifen Erwachsenen. Die menschliche Kultur wird immer freier, vernünftiger, gesünder, mächtiger usw. Ob man mit Menschen von den Grünen, der Linken oder der spirituellen Bewegung spricht: Immer geht es um diese Bewegung vom Niederen zum Höherentwickelten. Dazu passt dann auch das Klischee vom dunklen Mittelalter als Ort der religiösen Hysterie, der Intoleranz und der Unfreiheit, mit seinen engen Gemeinschaften. Dieser Mythos mag den Menschen eine Zeitlang viel Kraft in ihren Kämpfen für eine bessere Welt gegeben haben, aber ich halte ihn für genauso irreführtend wie sein Gegenstück, dass die Menschen früher noch „natürlich“, „ungezwungen“ und in Einheit mit der Natur lebten, und wir heute nur noch entfremdet dahinvegetieren. Aber Mythen sind mächtig, sie strukturieren unser Leben und Fühlen.
Wenn wir heute den Mythos der Allmende ­erzählen könnten, davon, wie bestehende Allmenden immer mehr ausgehöhlt wurden und jetzt eine Kraft entsteht, neue Allmenden aufzubauen und alte zurückerobern – darin könnte das Potenzial für einen starken gesellschaftlichen Impuls liegen.

Herr Lambing, herzlichen Dank für das Gespräch.





Gemeingüter stärken. Jetzt!
Thesenpapier (gekürzt) des Interdisziplinären Politischen ­Salons der Heinrich-Böll-Stiftung „Zeit für Allmende“.

Die Explosion von Wissen, Technologie und Produktivität ermöglichte eine nie gesehene Mehrung privaten Reichtums. Dies hat unsere Lebensqualität in vielerlei Hinsicht verbessert. Doch zugleich haben wir zugelassen, dass die Quellen versiegen und der gesellschaftliche Reichtum schwindet. Das führen uns die vielfach miteinander verbundenen Krisen von Finanzen, Wirtschaft, Ernährung, Energie, Ökologie vor Augen. Sie schärfen das Bewusstsein für die Existenz und die Bedeutung der Gemeingüter. Gemeingüter bieten Wege aus der Krise, aber sie haben keine systematische Anwaltschaft. Es gibt in unserer Sprache nicht einmal einen machtvollen Begriff für sie. Diese Wortmeldung ist unser Beitrag, den Gemeingütern eine Stimme zu geben.

Was Gemeingüter ausmacht und warum sie wesentlich sind
Gemeingüter (Commons, Allmende) sind vielfältig. Sie sind Grundbestand und Voraussetzung unseres gemeinschaftlichen Reichtums. Dazu gehören Wissen und Wasser, Saatgut und Software, Kulturtechniken und die Atmosphäre. Gemeingüter sind unabdingbar, doch sie sind kein Ding, denn sie sind mit uns in vielfältiger Art und Weise verbunden. Sie bilden das Netz einer freien Gesellschaft.
Gemeingüter gehören keinem Einzelnen, aber auch nicht niemandem. Sie werden in unterschiedlichen Gemeinschaften, von der Familie bis zur Weltgesellschaft, geschaffen, erhalten, gepflegt und immer wieder neu definiert. Wenn dies nicht geschieht, verkümmern sie. Mit ihnen schwindet unsere Lebenssicherung. Gemeingüter sind Bedingung dafür, dass Menschen leben und sich entfalten können. Die Vielfalt der Gemeingüter bedeutet Zukunft.
Gemeingüter sind Grundlage jeden Wirtschaftens. Sie müssen deshalb auch Ergebnis unseres Tuns sein. Wir müssen Gemeingüter ständig reproduzieren, denn wir verwenden überliefertes Wissen und verfügbare Rohstoffe zur Herstellung von Konsumgütern, für Kultur und Bildung. Unser Sozialwesen bettet den Wirtschaftsprozess in das gesellschaftliche Zusammenleben ein. Raubbau an den Ressourcen, Scheitern von Bildung, fehlende Kreativität oder gefährdete soziale Bindungen beeinträchtigen das Gesamte.
Gemeingüter werden oft verdrängt – erst aus dem Leben, dann aus dem Bewusstsein. Ein Grund dafür ist das Beanspruchen eines grenzenlosen Verfügungsrechts Einzelner über die Dinge. Doch wo faire Nutzungsrechte von Wasser und Saatgut im ökonomischen Kalkül oder durch staatliche Willkür beschnitten werden, wo Raubbau unser natürliches Erbe zerstört, wo Bresche um Bresche in öffentliche Räume geschlagen wird, wo Patentierung von Software Kreativität und Wirtschaft beschränkt, wo verlässliche Netze fehlen, da nehmen Abhängigkeit und Unsicherheit zu.

Es gibt etwas Neues. Eine gesellschaftliche Bewegung!
Es ist eine Bewegung, die Aufhebenswertes erinnert. Eine Bewegung, die würdevolles Leben erkämpft und Neues schafft. Eine Bewegung, die den Horizont dessen zeichnet, was in einer Kultur der Gemeingüter möglich ist.
Gemeingüter werden wiederentdeckt und verteidigt. Menschen in aller Welt wehren sich gegen die Risse im Netz, das sie trägt: Gegen Staudamm- und Bergbauprojekte, die Leben und Land zerstören. Gegen ein Wirtschaften, das dem Klimawandel Vorschub leistet. Gegen das Zwängen von Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen in profitorientiertes Denken. Gegen die Manipulation unseres Erbguts und die überzogene Einschränkung unseres Zugangs zu Wissen und Kultur.
Gemeingüter werden neu geschaffen und aufgebaut. Unzählige Menschen schaffen Neues für alle und beziehungsreiche Orte für sich. Sie investieren Energie in interkulturelle Gärten, betreiben nachhaltigen und ökologischen Landbau oder entwerfen intergenerationelle Wohn- und Arbeitsprojekte. Sie erstellen freie Software und freies Wissen, schaffen freie Filme, Musik und Bilder. So entsteht ein für alle verfügbarer Schatz an freier Kultur. Gepflegt und erweitert von vielen, unverzichtbar wie die Wikipedia. Wissenschaftler und Aktivistinnen, Bürger und Politikerinnen entwickeln neue Ideen für eine robuste Sphäre der Gemeingüter – überall.
Gemeingüter werden gepflegt und kultiviert. Menschen unterhalten Nachbarschaftseinrichtungen in ihrem Stadtteil, betreuen Spielplätze, gründen Bürgerstiftungen, überliefern und erweitern Kulturen, Geschichten und Erinnerungen. Sie engagieren sich für das Gemeinwohl und nehmen den Staat in die Pflicht. Dafür bekommen sie etwas zurück, denn in einer Kultur der Gemeingüter leben, heißt geben und nehmen. Das begründet Rechte und Pflichten zugleich. Der Einsatz für unseren gemeinschaftlichen Reichtum entspricht dem Wunsch nach Kreativität und Inspiration, nach Selbstentfaltung in sozialen Beziehungen, nach Achtsamkeit und gegenseitiger Anerkennung. Es geht um Einfaches: Um das Bedürfnis, voneinander zu lernen und die Dinge vortrefflich um ihrer selbst Willen zu gestalten.
Gemeingüter beruhen auf Gemeinschaften, die sich kümmern, eigene Regeln setzen, ihre Fertigkeiten und Wertvorstellungen ausbilden. In diesen immer neuen, durchaus konfliktreichen Prozessen entsteht Einbindung in das jeweils Größere. In einer Kultur der Gemeingüter ist Einschluss wichtiger als Ausschluss, Zusammenarbeit wichtiger als Konkurrenz, Autonomie wichtiger als Kontrolle. Aus der Absage an Monopolisierung von Informationen, Reichtum und Macht entsteht Vielfalt immer wieder neu. Natur erscheint nicht als allseits verfügbares Eigentum, sondern als gemeinsame Lebensgrundlage.
Niemand darf den Gemeingütern mehr entnehmen, als er an sie zurück gibt. Das gilt für Marktteilnehmer wie für den Staat. Wer die Gemeingüter füllt, anstatt nur aus ihnen zu schöpfen, verdient Prestige und gesellschaftliche Anerkennung. Das Handeln der Wirtschaft, des Staates und des einzelnen Menschen den Gemeingütern zu verpflichten, muss zur Grundlage wirtschaftlichen, politischen und persönlichen Erfolgs werden.

Weder Niemandsland noch schrankenloses Eigentum
Für Gemeingüter ist nicht allein die Rechtsform des Eigentums entscheidend. Entscheidend ist, ob und wie gemeinschaftsorientierte Nutzungsrechte an Gemeingütern durchgesetzt und gesichert werden. „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“ (Art 14 Abs. 2 GG). Diese im Grundgesetz verankerte Einschränkung benennt die Grenzen der Verfügbarkeit des Einzelnen an unserem gemeinschaftlichen Reichtum. Denn jede individuelle Nutzung beinhaltet auch die Nutzung dessen, was uns gemeinsam zugehörig ist. Mit meinem Mobiltelefon funke ich durch das elektromagnetische Spektrum. Mein Auto belastet unsere Luft. Ein markanter Einfall kennzeichnet mein Werk, doch ich schöpfe es auch aus dem öffentlichen Wissensfundus.
Exklusive, andere ausschließende private Eigentumsrechte an Gemeingütern kann es daher nicht geben. Egal, ob die entsprechenden Dinge materieller oder immaterieller Natur sind; ob sie der natürlichen, kulturellen oder sozialen Sphäre zugehören. Um Übernutzung und Unternutzung zu vermeiden, ist jegliche Eigentumsform mehr denn je an zwei Bedingungen zu messen: Zum einen muss bei jeder Nutzung gewährleistet sein, dass Gemeingüter nicht in ihrem Bestand zerstört oder verbraucht werden. Zum anderen muss gewährleistet sein, dass niemand, der anspruchsberechtigt oder auf die jeweiligen Gemeingüter angewiesen ist, von Zugang und Nutzung ausgeschlossen wird.
Was öffentlich war oder öffentlich finanziert ist, muss öffentlich zugänglich bleiben. Nur so kann etwa die vom Gemeinwesen getragene Forschung allen dienen. Es gibt keinen überzeugenden Grund, Verleger oder Pharmakonzerne mit exzessiven und exklusiven Verwertungsrechten an öffentlichen Forschungsergebnissen auszustatten. Dennoch geschieht es. Das Ergebnis: der Allgemeinheit nahezu unzugängliche wissenschaftliche Zeitschriften und überteuerte Preise für lebenswichtige Medikamente. Die Alternativen entstehen aus der Bewegung für Gemeingüter. Das belegen zahlreiche Projekte für gerechtere Lizenz- und Anreizmodelle in Wissenschaft und Kultur.
Die Besinnung auf Gemeingüter zwingt zu einer grundsätzlichen Neuausrichtung des herrschenden Eigentumsbegriffs. Gemeingüter sind Grundlage des Lebens im doppelten Sinn. Ohne natürliche Gemeingüter kein Überleben. Ohne kulturelle Gemeingüter kein Mensch-Sein. Alle sind von den hier aufgeworfenen Fragen unmittelbar berührt. Die Unternehmen brauchen Gemeingüter, um in Zukunft noch Geld zu verdienen. Wir alle brauchen sie zum (Über-)Leben. Das ist eine wesentliche Erkenntnis, sie begründet, warum bei Gemeingütern die Nutzungsrechte der Allgemeinheit immer höher zu bewerten sind als die Nutzungsrechte privater Unternehmen. Hier hat der Staat eine Schutzpflicht, aus der er nicht entlassen werden darf. Doch dies bedeutet nicht, dass der Staat immer der beste Treuhänder für die Interessen der betroffenen Menschen ist. Die Herausforderung besteht ­darin, ergänzende Institutionen und Organisationsformen sowie innovative Zugangs- und Nutzungsregeln für Gemeingüter durchzusetzen – nicht nur, aber auch jenseits von Markt oder Staat: „Zum Wohle der Allgemeinheit“.

Für eine Gesellschaft, in der Gemeingüter gedeihen
So verschieden die Gemeingüter und die Menschen, so verschieden die Organisationsformen der Nutzergemeinschaften. Sie begegnen uns überall: selbstorganisiert und vielgesichtig. Als Vereine, private Agenturen, Netzwerke, Kooperativen, Genossenschaften und treuhänderische Organisationen. Ihre Regeln und ihre Ethik erwachsen aus den Bedürfnissen und den Organisationsprozessen der jeweils Betroffenen. Vertretungen der Gemeingüter haben nicht ein Zentrum, sondern viele Zentren. Wir brauchen sie lokal, regional und global. Konflikte können in übersichtlichen Gemeinschaften und Gemeingütersystemen direkt geklärt werden. Doch für globale Gemeingüter können sie eine fast unlösbare Herausforderung darstellen, denn wo kommt die „Weltgemeinschaft“ wirklich zusammen? Wie soll sie sich auf die nachhaltige Nutzung ihrer gemeinschaftlichen Ressourcen einigen? Je komplexer das System, umso notwendiger ein institutioneller, transparenter Rahmen für den sorgsamen Umgang mit Gemeingütern. Wo der Staat dies leistet und Gemeingüter schützt, wird staatliches Handeln von der Gesellschaft getragen werden.
Gemeingüter brauchen mehr als nur Regeln. Wir müssen uns bewusst machen, dass Regeln die Kunst ihrer sachgerechten Anwendung voraussetzen. Gemeingüter werden getragen von einem spezifischen Ethos sowie vom Willen zum Erwerb und zur Weitergabe unzähliger Fertigkeiten. Diese besondere Kundigkeit braucht einen angemessenen Platz in unserer Gesellschaft. Eine Kultur der Gemeingüter beinhaltet deshalb die öffentliche Wertschätzung und die aktive finanzielle und institutionelle Förderung jener Ansätze und Projekte, die Wissen und Werte für eine lebendige Gemeingütersphäre vermitteln.
Konflikte sind Teil der Vielfalt und ständigen Reproduktion der Gemeingüter. Ergänzend zu rechtsstaatlichen Verfahren setzt Konfliktschlichtung hier institutionelle Neuerungen voraus; Zukunftsräte und Mediationsstellen, interdisziplinäre Netzwerke und Treuhänder. Sie alle entstehen nach Bedürfnis- und Konfliktlage immer wieder neu.
Sich der Gemeingüter zu besinnen heißt: unsere Lebensbedingungen bewusst zu machen und auf allen Ebenen zu erforschen, wieviel Produktivität und Reichtum wir aus den Gemeingütern schöpfen. Es erfordert ein grundständiges Nachdenken über die Verfasstheit der Gesellschaft. Es heißt, in Freiheit und selbstbestimmt unseren gemeinschaftlichen Reichtum nutzen, teilen und mehren.
Unsere Gesellschaft brauchen eine große Debatte und eine allgegenwärtige Bewegung für Gemeingüter. Jetzt!

Weitere Informationen: http://www.commonsblog.de.
Kontakt: Silke Helfrich, E-Mail: Silke.Helfrich@gmx.de.>




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Lara Mallien, Julio Lambing

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