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Jugendliche sind keine Erwachsenen!
erschienen in Ausgabe 165  PDF-Version (218.73 KB)
Der Psychologe Gordon Neufeld erklärt, warum Jugendliche für eine gesunde Entwicklung vor allem Geduld und Freiraum brauchen.

Es gibt sogenannte primitive Völker, die das Heranwachsen des Kindes zum Erwach­senen nicht problematisieren. Bis zur Zeit um die Geschlechtsreife leben die Kinder weitgehend gemäß ihren eigenen Bedürfnissen. Dann werden sie in die Kultur eingeführt und gelten fortan als selbst- und mitverantwortliche Mitglieder. Der amerikanische Psychologe Gordon Neufeld, der demnächst nach Deutsch­land kommt, beschreibt die Situation Heran­wachsender in unserer Gesellschaft.

Der Anspruch „Jugendliche verstehen“ mag für einige Leserinnen und Leser Wunschdenken sein. Vielleicht meinen sie, dass es schlicht unmöglich sei, diese Wesen zu begreifen. Doch wenn wir harmonisch mit Jugendlichen zusammenleben wollen, müssen wir ihre Aktionen und Reaktionen verstehen oder wenigstens nachvollziehen oder auch vorausahnen können.
Freilich ist jeder Jugendliche einzigartig – einerseits, denn andererseits gibt es viele Dynamiken in diesem Reifeprozess, die allen gemeinsam sind. Meine ersten professionellen Erfahrungen in der Arbeit mit Jugendlichen sammelte ich als Gefängnispsychologe für jugendliche Straftäter. Hier hatte ich mit den gebeuteltsten aller Jugendlichen zu tun. Sie hatten Schwierigkeiten im Verhalten, im Lernen, mit der Anpassung an die gesellschaftlichen Regeln und große Schwierigkeiten, ihre Potenziale als vollwertige Menschen zu entfalten.
Außerdem durfte ich während meiner 35-jährigen Berufslaufbahn als Professor und Therapeut einige ganz wunderbare Jugendlichen bei der Entfaltung ihrer eigenen Persönlichkeit begleiten. Natürlich war auch ich selbst ein Jugendlicher, und ich lebe seit Jahren mit Jugendlichen in meiner Familie: Ich habe fünf Kinder, und unser jüngster Sohn, Brayden, ist 15 Jahre alt, so dass ich derzeit alltäglich mit einem pubertierenden Kind lebe. Das hilft mir sehr dabei, mein theoretisches Wissen im realen Leben zu überprüfen.
Adoleszenz bedeutet „der Prozess des Heranreifens“. Ein häufiger Fehlschluss in unserem Verständnis von Adoleszenz ist die Annahme, der Reifeprozess sei unumgänglich und vollziehe sich von selbst. Bei genauerem Hinsehen wird nämlich schnell deutlich, dass wir zwar alle älter werden – aber wir werden nicht alle automatisch reifer! Nicht jeder Erwachsene ist auch gleich eine reife Persönlichkeit. Eine der signifikantesten Tatsachen der menschlichen Entwicklungsreise ist: Wir können steckenbleiben. Es gibt viele Jugendliche, die es tatsächlich nicht schaffen, erwachsen zu werden. Viele Ursachen für lebenslange emotionale und psychische Unreife liegen darin begründet, dass ein Mensch den Lebensabschnitt Adoleszenz nicht abschließen konnte.
Haben wir verstanden, dass das Heranreifen zu einer eigenständigen, ihr Potenzial verwirklichenden Persönlichkeit nicht das automatische Ergebnis der Pubertät ist, können wir Adoleszenz in einem neuen Licht betrachten und unsere primäre Aufgabe wahrnehmen: der Jugend dabei zu helfen, die Brücke von der Kindheit zum Erwachsensein wirklich zu überqueren.
Früher wurde die Adoleszenz von Psychologen als eine eigenständige Phase beschrieben, man ging von den drei Lebensphasen Kindheit, Jugend und Erwachsensein aus. Bald jedoch wurde klar, dass die „Jugend“ keine eigenständige Phase ist, sondern ein Übergang, eine Brücke von einem Lebensabschnitt (Kindheit) zu einem neuem Lebensabschnitt (Erwachsensein). Die Adoleszenz ist eine Brücke. Sie ist ein Übergang, ein Wandlungsprozess, und Veränderungen sind immer mit Turbulenzen und Verwirrung verbunden.

Zwischen ganz klein und ganz groß
Eine Erfahrung mit meiner drittjüngsten Tochter, Bria, werde ich niemals vergessen:
Es war Winter, wir waren als Familie im Skiurlaub. Bria war 13, ihre Brüste entwickelten sich merklich, und sie war sehr stolz auf dieses Zeichen ihrer Weiblichkeit. Wir prosteten ihr beim Abendessen zu und feierten diesen ersten Schritt in Richtung Frausein. Es war ein wundervoller Abend!
Als sie dann ins Bett ging, hörten wir nach einer Viertelstunde eine kleine Stimme aus ihrem Zimmer rufen: „Mami, kannst du mir mein Gute-Nacht-Lied singen?“ Von einer jungen Frau, die das Reifen ihrer Weiblichkeit feiert, zum Kleinkind, dass gewiegt und in den Schlaf gesungen werden möchte, und das innerhalb von 15 Minuten –, was für ein Durcheinander!
Das Jugendalter ist erstens eine Zeit, in der man sich für das Leben als Erwachsener „ausrüstet“. Bis zum Beginn der Pubertät entwickelt sich vieles in klaren Phasen und prozessartigen Abfolgen. Dann plötzlich bricht über den jungen Menschen alles auf einmal herein – alle Fähigkeiten, die er für den Rest seines Lebens braucht, wollen sich gleichzeitig entwickeln. Von jetzt auf gleich werden diese zwölf-, dreizehnjährigen Jugendlichen zeugungsfähig. Sind sie reif genug, um sich fortzupflanzen? Sind sie reif dazu, Kinder zu erziehen? Um Gottes willen – nein! Aber die biologische Uhr tickt so. Die Natur hat ihre eigene Agenda, sie richtet sich nicht nach den Wünschen der Eltern oder der Lehrer.
Noch etwas Einschneidendes passiert im Jugendalter: Es tut sich eine Bindungslücke auf, eine Beziehungsdis­tanz zu den Eltern. Für die weitere Reife-Entwicklung der Kinder wird es ausschlaggebend sein, wer oder was diese Leere füllt. Bis vor kurzem war eine herausragende Funktion von Kultur, dass sie während der turbulenten Jugendzeit über Mentoren und Lehrmeister Ersatz für die Eltern angeboten hat. Unsere Kultur versagt in dieser Funktion kläglich. Deshalb müssen wir mit der Integration und Sozialisation von Jugendlichen heute fundamental anders umgehen, als die Gesellschaft es noch vor 50 oder 60 Jahren tun konnte.
Neu ist auch das große Verlangen Jugendlicher nach Autonomie: „Ich schaff das alleine! Ich will meine eigene Person sein, lasse mich von niemandem herumkommandieren!“ Dieses extreme Verlangen nach Autonomie kann zu allen Arten von schwierigem Verhalten führen – besonders, wenn ein Kind noch nicht mal im Ansatz reif genug dafür ist – und es führt dazu, dass „diese Jugendlichen“ uns ungeheuer auf die Nerven gehen.
Es ist eine große Herausforderung, wenn Jugendliche während der Pubertät zu sexuellen Wesen werden. In unserer Kultur mangelt es an Jugend-Initiationsritualen und Traditionen zur Anerkennung dieser wichtigen Entwicklungsschritte. Aber es gibt die Möglichkeit, innerhalb unserer Familien oder auch im Umfeld der Schulen eigene Rituale zu entwickeln.
In der Adoleszenz hat der Teenager selbst einen großen Einfluss darauf, ob sich die Reifeentwicklung positiv entfaltet: Er kann sich der Entwicklung auch widersetzen, die Entwicklung blockieren, woraus später viele Probleme als Erwachsener entstehen. Noch vor 200 Jahren war die Adoleszenz ein sehr kurzer Abschnitt. Der Übergang dauerte nur zwei bis drei Jahre. Die Jugendlichen wurden in traditionellen Gesellschaften sehr schnell in das Erwachsenenleben eingegliedert. Mit 13 oder 14 Jahren nahm das Kind seinen Platz in der Gesellschaft der Erwachsenen ein, es wurde wie ein Erwachsener behandelt, und es wurden ihm sozusagen die Zügel übergeben. Die Stimme eines jungen Erwachsenen hatte freilich noch nicht so viel Gewicht wie die eines Älteren, aber er erfuhr dieselbe Art der Behandlung.

Mit der Entwicklung gehen
Wir leben heute in einer sehr naturfernen, städtischen, postindustriellen Gesellschaft, in der die Adoleszenz beinahe so lange dauert wie die Kindheit und diese Phase eher in die Kindheit als in die Welt der Erwachsenen eingegliedert ist. Dass die traditionellen Gesellschaften Jugendliche immer als Erwachsene behandelten, ging häufig an ihren Bedürfnissen vorbei, aber dass wir sie heute nur als Kinder behandeln, funktioniert auch nicht wirklich gut. In der westlichen Welt hat sich eine Gesellschaft entwickelt, die schlicht nicht zum entwicklungspsychologischen Design des Menschen passt.
Manchmal sind die Schwierigkeiten mit Jugendlichen aber auch nur das Ergebnis unseres eigenen Unwissens über die Dinge, die wirklich während der Adoleszenz geschehen, beispielsweise wenn wir Dinge persönlich nehmen: Wir denken, es geht um uns, glauben, das unmögliche Verhalten des Jugendlichen habe mit uns zu tun und nicht mit dem jungen Menschen selbst und seinen Problemen mit den Veränderungen. Statt den Jugendlichen unsere Erwartungen und Lebensentwürfe aufzudrängen, ist es viel sinnvoller, mit dem entwicklungspsychologischen Entwurf zu arbeiten und nicht gegen ihn. Dafür muss sich die Struktur von Bildung grundlegend ändern. Unsere Schulen ­heute berücksichtigen und fördern in keiner Weise den natürlichen und starken Drang von Jugendlichen nach Eigenständigkeit, nach Individualität und nach Teilhabe am „realem Leben“.
Eine der neuerworbene Fähigkeiten ist die erwachsene Wahrnehmung. Die kindliche Wahrnehmung unterscheidet sich stark von der eines Erwachsenen. Kinder reflektieren sich nicht selbst. In der Pubertät entsteht auf einmal ein „prä-erwachsenes“ Bewusstsein, das in der Psychologie reflektierendes Bewusstsein und hypothetisches, spekulatives Denken genannt wird.
Wir spiegeln und betrachten unsere eigenen Gefühle und Gedanken, unsere Ideen und Handlungen und nehmen zu ihnen Beziehung auf. Wir beginnen, zu reflektieren, wie andere über uns denken, wie sie denken, was sie denken etc. Das spekulative oder hypothetische Denken bedeutet, dass das Kind nicht mehr rein an das Hier und Jetzt gebunden ist, dass es nicht nur darüber nachdenkt, was ist, sondern auch, was – hypothetisch – sein könnte. In diesem Sinn entwickelt der Jugendliche auch die Fähigkeit, von großen Plänen zu träumen.
Diese Art zu denken ermöglicht die Entdeckung des „Selbsts“. Jugendliche fangen an, ein reflektierendes Selbst zu entwickeln, etwas, dass sich von der reinen Erfahrung abhebt. Ich bin dann nicht länger nur einfach ich, ich habe plötzlich ein „Selbst“, das mich betrachtet. Und mein „Selbst“ wird zum Kern meiner Identität, da ich derjenige bin, der mich wirklich sieht, und ich derjenige bin, der eine Beziehung zu meinem Selbst aufbaut, der frustriert sein kann über die eigenen Frustrationen, unzufrieden oder zufrieden mit den eigenen Gedanken etc. Diese Art zu Denken ermöglicht ein Selbst-Bewusstsein im Kontext der inneren Erfahrung.
Das hypothetische Denken erlaubt mir, einen Sinn für mein Selbst zu entwickeln. Dadurch entdecke ich auch meine Ideale: „Ich habe nun das Gefühl, nach den Sternen greifen zu können. Ich kann Dinge sehen, die ich früher nie realisiert habe.“ Solche Aussagen hören wir vor allem von Teenagern. „Ich kann nun verstehen, was es heißt, perfekt zu sein. Ich kann mich in Zusammenhang mit meinen Idealen setzen. Ich sehe mich im Spiegelbild dieser Ideale.“ Das ist nichts, was jemals einen Sieben-, Acht- oder Neunjährigen beschäftigt hätte.
Die Entwicklung des Selbsts und der Ideale hat starke Auswirkungen auf die Gedanken der Jugendlichen und natürlich auch auf ihre Gefühle zur sie umgebenden Welt. Die erste Folge ist meist, dass sie egozentrisch werden. Wenn sie in ihrer Innenschau versuchen, sich eine Meinung zu verschiedenen Themen zu bilden, herauszufinden, was ihnen wichtig ist, was ihre Bestimmung sein könnte, dann sind meist alle Versuche vergeblich, sie anzuregen, was sie denken sollen, oder von ihnen zu erwarten, dass sie gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Was auch immer wir sagen, es kommt das große „Aber …“, und sie antworten uns gar nicht, sondern sprechen von ihren Gedanken und Idealen.
Es hat jedoch seinen Sinn, dass Jugendliche mit akus­tischen und optischen Scheuklappen versehen sind. Sie werden blind und taub für alles, was von außen kommt, da es für sie an der Zeit ist, ihr Inneres zu entdecken! Es nützt ihnen, dass sie nur schwer unsere Gedanken und unsere Meinungen hören, denn sie lernen, auf ihre eigene Art zu denken. Das sollten wir berücksichtigen und uns nicht von ihrem fast erwachsenen Aussehen und ihrem Argumentieren täuschen lassen. Oft erwarten wir von ihnen viel zu früh, dass sie wie Erwachsene denken.
Dabei kennt jeder die Binsenweisheit, dass man Kindern nur vor der Pubertät noch etwas beibringen kann. Während der Pubertät geht man durch eine sehr schwierige Phase, in der nichts mehr wirklich zu ihnen durchzudringen scheint. Nochmal: Das ist von der Natur durchaus so beabsichtigt – es geht darum, das sich gerade entwickelnde Selbst von äußeren Einflüssen abzuschotten und ihm genügend Raum zu geben, die eigene Bedeutung, die eigenen Werte, die eigenen Ziele zu entwickeln.

Sind alle Augen auf mich gerichtet?
Wenn wir unsere Jugendlichen wirklich ihrer psychisch-emotionalen Entwicklung gemäß unterrichten würden, müsste sich vieles ändern. Einem junger Teenager, der das erste Mal seine Aufmerksamkeit auf sich selbst richtet, kommt es meist so vor, als stehe er im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit aller Menschen. Manche Jugendliche werden dadurch so verunsichert, dass sie sich konstant beobachtet und beurteilt fühlen.
Viele sind von ihrem eigenen Image geradezu besessen, jeder kleinste Pickel grenzt an eine Katastrophe. Sie glauben, jedes Detail würde bemerkt und verurteilt – und das macht sie sehr unsicher. Oft verbringen Jugendliche Stunden vor dem Spiegel, um sich perfekt zu stylen und sich damit ein wenig sicherer zu fühlen.
Natürlich geht jeder mit dieser Situation anders um. Als meine Tochter Bria in diese Phase kam, schien es, als hätte sie nie auf etwas anderes gewartet: Sie ist eine geborene Schauspielerin. Auch wenn sie heute Mittelstufenlehrerin für Englisch und Theater ist, lebt sie doch für die Bühne, sie liebt das Theater. Das Gefühl, dass alle Augen auf sie gerichtet seien, war für sie das Paradies! Man konnte es ihr förmlich ansehen: „Tadaaah! Hier bin ich! Schaut alle her!“ Das war ihre Reaktion auf diesen Entwicklungsschritt. Ganz anders waren die Reaktionen von Tamara oder von Tasha oder Shay – meinen anderen Töchtern. Tamara ist meine Älteste, sie ist heute 37 Jahre alt und arbeitet als Jugendtherapeutin. Das folgende Gedicht schrieb sie mit 13 oder 14 Jahren:

Die älteren Kinder
glotzen und kichern,
Wenn ich an ihnen vorbeigehe.
Oder bilde ich mir das nur ein?

Ich fühle mich so unsicher,
so komisch.
Ich ziehe mich zurück
und versuche mich zu verstecken.

Ich lasse mich von ihnen einschüchtern,
obwohl sie wahrscheinlich
noch nicht einmal wissen,
dass ich existiere.

Ich fühle Blicke, die sich in meinen Kopf bohren,
Ich höre entferntes Murmeln
in meinen Ohren summen.

Aber ich werde mich davon nicht beeinflussen lassen,
könnte es doch sein,
dass ich mir das alles nur einbilde?


Vielleicht erinnern sich einige Leserinnen und Leser an diese Zeit – man möchte sich einfach nur in Luft auflösen, möchte einfach nur weg, sich verstecken. Viele Kinder fangen an, sich in ihren Sweatshirts zu verkriechen, sie verwenden eine sehr reduzierte, möglichst unauffällige Körpersprache. Sie fühlen sich, als ständen sie permanent vor einem imaginären Publikum. Wenn man meint, ständig von vielen Menschen beobachtet zu werden, fühlt man sich bloßgestellt und schutzlos. Nun ist es glücklicherweise so, dass sich dieser Fehler um unsere Lebensmitte herum von selbst korrigiert. Dann wird uns klar, dass uns niemand wirklich andauernd beobachtet, und dass die einzigen, die uns wirklich beachten, nur wir selbst sind. Unter diesem Gesichtspunkt lässt sich manches Verhalten von Jugendlichen besser verstehen: Ihre Verunsicherung ist gewaltig.

Jugendlicher Idealismus
Eine weitere interessante und herausfordernde Dynamik, die hauptsächlich mit der Jugendzeit in Verbindung gebracht wird, ist der Idealismus. Warum gehören Jugend und Idealismus genauso zusammen wie Jugend und Rebellion? Das hypothetische Denken ermöglicht Jugendlichen, sich den idealen Lehrer, die idealen Eltern vorzustellen. Und nun schneiden die realen Lehrer, die eigenen Eltern schlecht ab. Der Jugendliche fängt an, kritisch zu denken und dementsprechend laut zu kritisieren. Jugendliche haben kein Verständnis für die Schwächen der Erwachsenen, weil sie nun das Ideal kennen und uns daran messen.
In der Mitte unseres Lebens merken wir langsam, dass wir weiter sehen können, als wir tatsächlich zu gehen imstande sind. Wenn es uns nun gelingt, eine positive Beziehung zu unserer Fehlbarkeit aufzubauen, können wir uns und anderen vergeben. Dem Jugendlichen jedoch fällt Vergebung schwer. Das ist der Grund, weshalb man mindestens in seinen Dreißigern sein sollte, um mit Jugendlichen zu arbeiten: Irgendjemand muss mit dem Verzeihen anfangen und es vormachen – und das sind ganz sicher nicht die Jugendlichen.
Zum ersten Mal haben sie auch ein ideales Selbstbild, sie können sehen, wie perfekt sie sein könnten, und das kann sie auch stark belasten. Viele Jugendliche fürchten aber instinktiv die Auseinandersetzung mit Ideal und Wirklichkeit, sie verweigern sich diesem Denken und Fühlen. Als ich mit den jugendlichen Straftätern gearbeitet habe, wurde deutlich, dass sie allesamt versuchten, das Denken und Fühlen auszublenden. Computerspiele, TV-Sendungen, Chatrooms – das alles sind kontinuierliche Ablenkungen vom einfachen Mit-sich-alleine-Sein und Nachdenken. Die Auswirkungen auf die Erziehung und den Unterricht sind ganz klar: Der Denk- und Lernprozess wird ausgeblendet. Deshalb ist für mich der Ausgangspunkt bei der Arbeit mit Jugendlichen: Wir dürfen nicht versuchen, etwas in sie hineinzubekommen, sondern müssen beachten, was tatsächlich in ihnen vorhanden ist. Die Art des Lernens und Lehrens müsste sich komplett verändern, sobald die Kinder in die Pubertät kommen.
Die große Herausforderung ist, konsequent mit dem Entwicklungsprozess zu gehen und dem kindlichen Menschen dabei zu helfen, sein „Selbst“ zu entdecken.
Wenn wir nur unsere eigenen Gedanken, Ideen und Meinungen vorbringen, ernten wir Widerstand. Es fühlt sich an, als stehe eine Mauer zwischen den Jugendlichen und unseren Worten. Viel sinnvoller ist es, mit dem Zuhören anzufangen. Das benötigt eine Menge Geduld und Vertrauen in den Entwicklungsprozess. Es gilt zu akzeptieren: „So hat es die Natur vorgesehen.“ Mit diesem Zuhören müssen wir beginnen, bevor wir hoffen dürfen, dass eines Tages wieder etwas von unseren Anliegen in die Köpfe und Herzen der Jugendlichen hineinfindet.
Ich muss die Jugendlichen einladen, ihre Gedanken, ihre Ideen, Visionen und ihre Kritik auszudrücken. Und ich muss ihnen das Gefühl vermitteln, dass ich mit dem psychologischen Gewicht dessen, was sie mir mitteilen, umgehen kann. Dazu gehört, den Meinungen, Ideen, Absichten, Ansichten, Urteilen, Plänen oder ­Prioritäten des Jugendlichen in Diskussionen Raum zu geben. Das kann auch in Form von Aufsätzen, Tagebüchern, Gedichten etc. gefördert werden. Es bedeutet aber auch, sich mit den eigenen Ansichten zurückzuhalten und die Werkzeuge und Möglichkeiten für die Selbstreflexion bereitzuhalten. Meine Geschenke für meine Tochter Tamara in ihrer Teenagerzeit waren Schreibhefte mit leeren Seiten, auf denen sie ihre Gedanken niederschreiben konnte – Selbstreflexion ist ungeheuer wichtig.

Der Schüssel: Geduld
Ich werde nicht vergessen, wie Tasha, meine zweite Tochter, eines Tages aus ihrem „Egozentrik-Nebel“ wieder auftauchte. Da ich bei meiner ersten Tochter schon keinerlei Erfolg damit hatte, ihr Verpflichtungen im Haushalt aufzuerlegen, war bei meiner zweiten Tochter mein Motto: Geduld. Und siehe da, Tasha kam eines Tages nach Hause (da war sie 15 Jahre alt), schaute sich um und sagte: „Oh, das sieht hier ja nach ’ner Menge Arbeit aus – kann ich was übernehmen? Ich muss ja völlig im Nebel gelebt haben!“ Das hatte den Nagel auf den Kopf getroffen.
Es ist auch wichtig, den jugendlichen Idealismus wertzuschätzen. Desillusion ist Teil unseres Erwachsenenlebens. Aber die Jugend ist die Zeit, in der die jungen Menschen ihre Ideale hochhalten müssen. Wir Älteren brauchen den jugendlichen Idealismus nicht zu kritisieren, wir wissen, dass die jungen Menschen früher oder später die Realität verstehen werden. Jetzt ist die Zeit, in der sie sich eine „grüne Welt“ vorstellen können – und das ist auch gut so! Wir Älteren wissen, dass Ideale dazu da sind, ihnen nachzueifern, und nicht, um sie perfekt zu erreichen. Diese Erkenntnis der Realität ist Teil des Entwicklungsprozesses. Wir können darauf vertrauen, dass sie bei jungen Menschen, die wir geduldig begleiten, von selbst kommen wird. Wir sind aufgefordert, diesen Prozess so zu unterstützen, dass wir dem Jugendlichen helfen, seine Ideale, seine Gedanken, Meinungen und Werte selbst zu entdecken.



Auszug aus der ersten Lektion des achtteiligen Videoseminars „Adoleszenz verstehen – wie Kinder erfolgreich erwachsen werden“ des kanadischen Bindungsforschers Gordon Neufeld, übersetzt von Esther Gatermann, bearbeitet von Dagmar Neubronner, erhältlich bei:
www.genius-verlag.de.


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Neufeld, Gordon

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