Barbara Stützel erlebt Kunst als Brücke zwischen den Menschen
Zwei große Lieben schlagen in ihrer Brust: Kunst und Gemeinschaft. Wie hängen beide zusammen? Barbara Stützel, Schauspielerin und Sängerin, lebt seit acht Jahren in der sozial-ökologischen Gemeinschaft ZEGG in Belzig, 80 Kilometer südwestlich von Berlin. Neben ihrer eigenen Arbeit in Theater- und Musikprojekten organisiert sie dort Großtagungen wie z.B. das Kulturfestival an Pfingsten und das Silvestertreffen. In diesem Artikel spürt sie der gemeinschaftstiftenden Kraft in der Kunst nach.
Ein Lachen ist auf seinem Gesicht. Der vierjährige Kolja hat gerade aus einem Klumpen Ton zwei Ohren herausgeformt, „das ist ein Elefant, nein, doch lieber ein Hase.“ Nebenan probieren die neunjährigen Mädchen im Spiel das Leben: „… ich wäre dann die Schülerin und du die Lehrerin. Nein, als Lehrerin darfst du nicht so doofe Fragen stellen!“
Wenn man Kindern beim Spielen zusieht, scheint die Welt ganz einfach zu sein. Sie setzen sich kreativ mit ihrer Umgebung auseinander, nutzen alles, was sie finden, gestalten Situationen nach ihrem Willen. Picasso sagte: „Jedes Kind ist ein Künstler. Das Problem ist nur: wie bleibt es ein Künstler, wenn es groß wird?“
Das Bedürfnis, sich mit der Welt auseinanderzusetzen, sie zu gestalten, ist uns allen immanent. Kreativität ist eine Urenergie, die dazu dient, sich mit der Welt in Verbindung zu setzen und darüber hinaus sie immer wieder neu zu erschaffen, zu gestalten. Was passiert, wenn wir diese Energie als Erwachsene beibehalten? Wenn wir uns so in den Fluss der Dinge hineinbegeben, dass wir die Welt nicht als fertig betrachten? Laut Rainer Maria Rilke landen wir damit bei der Kunst: „Kunst ist Kindheit – Kunst heißt, nicht wissen, dass die Welt schon ist, und eine machen. Nicht zerstören, was man vorfindet, sondern einfach nichts Fertiges finden. Lauter Möglichkeiten, lauter Wünsche.“ Nicht umsonst kommt das Wort Kreativität vom lateinischen creare, erschaffen. Wenn wir tatsächlich die Welt neu erschaffen würden, von der Materie bis hin zu sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen, kommen wir nicht um die Frage herum: Wie wollen wir eigentlich wirklich leben?
Für mich hat diese Suche in der Kunst letztlich dazu geführt, dass ich in Gemeinschaft lebe. Hier habe ich zusammen mit anderen viele Möglichkeiten, in einer „Mini-Gesellschaft“ das Miteinander unter Menschen experimentell zu gestalten. Auf unserem Gelände leben und arbeiten 80 Menschen. In dieser Größenordnung kann eine Gruppe viel mehr Bereiche des Lebens selbst gestalten als ein Ein-Familienhaushalt oder eine WG: von der ökologischen Energieversorgung und Eigenproduktion (Lebensmittel, Möbel, Kleider) über die Fragen, wieviel Zeit wir sozialen Prozessen widmen oder wie wir unsere Kinder erziehen, bis hin dazu, dass im Alltag ein intensiver emotionaler Austausch mit vielen Menschen möglich ist. Eine Gemeinschaft ist ein soziales Kunstwerk. Wie die angesprochenen Dinge dann jeweils konkret aussehen, ist das Ergebnis eines komplexen Prozesses.
Neben der künstlerischen Haltung, seine Welt gestalten zu wollen, ist auch das Aushalten und Ausloten dieser Komplexität ein gemeinsames Wesensmerkmal von Kunst und Gemeinschaft. Es gibt viele verschiedene Wahrheiten, und sie alle zusammen erschaffen das Ganze. Hierzu noch ein Zitat von Rainer Maria Rilke: „In der Kunst ist wirklich Raum für alle Gegensätzlichkeiten der inneren Verhältnisse, nur in ihr.“
Eine künstlerische Haltung zum Leben geht radikal vom eigenen Selbst aus. Ich kann nur Kunst schaffen, wenn ich mich den Fragen aussetze, die mir begegnen, sowohl in mir als auch außerhalb von mir. Indem ich den Dingen ganz begegne, erfahre ich Sinn. Ich setze mich aus und auseinander, es setzt mich auseinander. In dem Zwischenraum zwischen mir und den Fragen entsteht die Kunst. Rilke beschreibt diesen Prozess so: „Kunstdinge sind ja immer Ergebnisse des In-Gefahr-Gewesen-Seins, des in einer Erfahrung Bis-ans-Ende-gegangen-Seins, bis wo kein Mensch mehr weiter kann. Je weiter man geht, desto eigener, desto persönlicher, desto einzigartiger wird ja ein Erlebnis, und das Kunstding ist die notwendige, ununterdrückbare, möglichst endgültige Aussprache dieser Einzigkeit.“
Auch das Leben in Gemeinschaft führt mich radikal zu mir. Das Zusammenleben mit so vielen Menschen bedeutet, dass es immer eine Auseinandersetzung zwischen Individuum und Gemeinschaft gibt. Diese kann nur in eine sinnvolle Balance kommen, wenn ich für meine Bedürfnisse die volle Verantwortung übernehme und gleichzeitig genau so die anderen und ihre Bedürfnisse ernstnehme. Hier entsteht Kontakt und Auseinandersetzung. Ich setze mich dem aus, was mir begegnet, in mir und im anderen. Ich setze mich aus und auseinander, wir setzen uns auseinander. In dem Zwischenraum zwischen Menschen entsteht Gemeinschaft.
Die Aufgabe von Kunst in Gemeinschaft
Kunst und Gemeinschaft bedeuten für mich Lebenshaltungen, die Offenheit benötigen (und erzeugen) sowie die Fähigkeit, mich selbst immer wieder in Frage zu stellen mit dem, was mir begegnet. Diese innere Wesensverwandtschaft führt zur Aufgabe, die Kunst in Gemeinschaft haben kann.
Wenn wir die Offenheit, die durch Kunst entsteht, miteinander teilen, schafft das Gemeinschaft. Zusätzlich können durch die Kunst zwischen Menschen Räume entstehen, in denen Radikalität, Sinn und die Schönheit der Vielfalt gefühlt werden. Kunst führt den Menschen zu seiner Essenz. Wenn diese geteilt wird, entsteht eine tiefe Begegnung.
Wir kennen dies z. B. in kreativen Aktionen: Ausdrucksformen jenseits der Alltagssprache schaffen die Möglichkeiten, sich in vielfältiger Weise wahrzunehmen und dadurch verbunden zu fühlen.
Gemeinsam ein Bild zu malen oder eine Szene zu improvisieren, lässt Saiten im Menschen zum Klingen bringen, die im Alltag kaum angeschlagen werden. Musik schafft die Urerfahrung des „Miteinander-Stimmens“, sie ist ein Beispiel dafür, dass es einen gemeinsamen Klang gibt („Einklang“), wenn jede Person an ihrem Platz ihre Individualität ausdrückt. Nicht umsonst sind in letzter Zeit immer wieder Kinofilme entstanden über Musikprojekte, die letztlich Erfahrungen von Gemeinschaft widerspiegeln („Wie im Himmel“, „Trip to Asia“, „young@heart“ etc.). Gerade das Bild eines Chors oder noch mehr eines Orchesters zeigt, dass Gemeinschaft nicht Kollektivismus bedeutet in dem Sinn, dass alle dasselbe tun. Ein Orchester, in dem alle Instrumente dieselbe Melodie spielen, ist langweilig. Die Kraft und Schönheit entsteht durch die Vielfalt der Instrumente, Klänge, Stimmen und dass alle auf ein gemeinsames Ganzes ausgerichtet sind. Hierbei kann es immer wieder auch solistische Teile geben, wo die Kraft eines einzelnen von der Gruppe unterstützt wird, um dann wieder abzuwechseln mit der überwältigenden Erfahrung eines Gesamtklangs, wenn alle ihre ganze Kraft hineingeben.
Wir im ZEGG haben diesen musikalischen Aspekt der Gemeinschaftserfahrung vor allem durch unseren Chor gemacht. Über mehrere Jahre haben wir verschiedene Teile des „Canto General“ von Pablo Neruda und Mikis Theodorakis einstudiert, und immer wieder haben uns die Aufführungen in eine gemeinsame Kraft und Schwingung gebracht. Aber auch einfachere mehrstimmige Songs und Lieder erschaffen in Gemeinschaftstreffen Verbundenheit. In den letzten Jahrzehnten haben wir Erfahrungen damit gesammelt, wie das richtige Lied zum richtigen Zeitpunkt die Energie eines Gruppenprozesses verändern kann. Lieder können berühren, Zartheit erzeugen, Kraft aufbauen, die Seele mitschwingen lassen, diffuse Energien bündeln. Mitgefühl wecken. Dies nutzen wir gerne auch bei unseren Tagungen. Hier ist es besonders kraftvoll, zusammen mit 200 Menschen zu singen – mal andächtig zart, mal kraftvoll beschwingt – und auf diese Weise bewusst eine emotionale Erfahrung zu teilen.
Eine Kommunikation nur über den Körper führt zu Tanz, Bewegungstheater und Kontaktimprovisation. Hier ist stärker die Energie der einzelnen spürbar. Wie bei der Musik passieren die Bewegungen gleichzeitig, alle Mitwirkenden können im selben Moment aktiv sein, und so werden schneller gemeinschaftliche Räume erschaffen, als es durch Gespräche möglich ist. Wir nutzen Tanz in der Gemeinschaft auf unterschiedliche Weisen, von Kontaktimprovisation über Barefoot Boogie zu Trancetanzritualen (z. B. mit einer gemeinsam durchtanzten rituellen Osternacht). Und natürlich hat auch Theaterimprovisation immer wieder die Funktion, die Rollen, die wir im Leben spielen, bewusster zu machen und humorvoll zu gestalten. Theatralische Elemente nutzen wir auch für die Arbeit mit Emotionen in unserem „Forum“ (einer Kommunikationsmethode innerhalb der Gemeinschaft für alle menschlichen Themen). Der Ausdruck von Emotionen wird hier durch bewusst eingesetzte Haltungen, Verstärkungen oder Rollen unterstützt. Und die Zeugenschaft der Gruppe (des Publikums) schafft einen geeigneten Rahmen für Probehandeln und symbolische Aktionen.
Malen ist im Gegensatz zu den darstellenden Künsten individueller und führt zunächst stärker zu einem selbst. Aber auch diese Erfahrung kann man in einer Gruppe machen und so energetisch potenzieren. Der direkte Kontakt entsteht, wenn man durch Gemeinschaftsbilder miteinander agiert und kommuniziert.
Jenseits eines kreativen Miteinanders gibt es aber natürlich auch das Erschaffen von Kunstwerken. Hier werden Energien, Emotionen und Gedanken verdichtet, in eine Form gebracht und so mit dem Betrachter bzw. mit dem Publikum kommuniziert. Dies können Bilder der malenden Künstler sein, selbstgeschriebene Songs, Texte oder Theaterstücke. Mit dem Erschaffen von Kunstwerken entsteht oft der Wunsch, diese in größerem Maß sichtbar zu machen. Wir sind zwar mit 80 Menschen schon eine relativ große Gemeinschaft und auf unseren Tagungen auch „Gemeinschaften auf Zeit“ mit 200 bis 300 Menschen. Aber wenn man viel Energie in den Prozess der Kreation eines Werkes hineingibt, dann reicht auch diese Größe nicht mehr aus. Und so begannen einige von uns Künstlern aus dem ZEGG, sich in die Region hinein auszudehnen und dort mit anderen zu vernetzen.
Das regionale Kultur-Netzwerk
Unsere Region, der Hohe Fläming, liegt eine Stunde südwestlich von Berlin. Weit genug von der Hauptstadt entfernt, so dass ländliche Ruhe und Beschaulichkeit einkehren, nah genug, um den Kontakt zur Metropole halten zu können. Beide Faktoren verhalfen dazu, dass es einige hauptstadtflüchtige Künstler hierher verschlagen hat. Mieten für Ateliers sind erschwinglicher als in Berlin, die Ruhe und die Natur inspirieren die Kunst. Bei geringer Bevölkerungsdichte gibt es vergleichsweise viele Ateliers, Musiker etc. Das Publikum ist freilich nicht so kulturbeflissen wie das Stadtpublikum. Wie kommen also Künstler und Publikum zusammen? Die Antwort aus gemeinschaftlicher Sicht heißt: indem die Künstler zusammenkommen!
Und tatsächlich geschieht dies immer wieder, in immer neuen Formationen. Dazu einige Beispiele: Vor sechs Jahren haben wir uns mit Künstlern verschiedener Genres als Künstlergruppe zusammengetan („Kunst-Perle Fläming“) und veranstalten seither zweimal im Jahr Kunsttage. Die Gemeinde Wiesenburg hat uns eine Halle zur Verfügung gestellt, die inzwischen auch offiziell den Namen Kunsthalle bekommen hat. Wir organisieren dort thematische Ausstellungen mit Events der darstellenden Künstler (Lesungen, Musik, Theater), Gemeinschaftskunstwerke und immer wieder auch Performances und Experimente, die die Genres verbinden (Aktionsmalen, Improvisationen mit Text, Musik, Theater …). Für diesen Herbst haben wir das Thema „grenzenlos“ gewählt (25.9. bis 25.10.). Zudem werden wir im September den Austausch unter den Künstlern noch mehr in den Mittelpunkt stellen und dazu ein dreitägiges Künstlersymposium veranstalten, bei dem in Arbeitsgruppen gemeinsame Werke erstellt werden. Wir haben als Musiker gemeinsam drei Jahre lang Musiknächte organisiert (mit bis zu 26 regionalen Bands und über 1300 Besuchern). Eine Schreibwerkstatt versammelt immer wieder Schreibinteressierte; aus diesen Treffen entstanden Lesebühnen. Ein altes Kulturhaus wurde als Neues Volkstheater Fläming wieder aufgemacht und erarbeitet neben professionellen Stücken auch Theater mit Amateuren zu verschiedenen Themen (Geschichte des Arbeitslagers in Belzig 1944, Jugendtheatergruppe, „ein Stück Liebe“ u. a. mit Migranten etc.). Ein Töpfercafé entstand mit vielerlei künstlerischen Begegnungen (offene Bühne, literarischer Abend, Konzerte)
Was bewirken nun solche gemeinschaftlichen Aktivitäten? Zuerst entsteht Kontakt. Wir Künstler lernen uns kennen, es entstehen Freundschaften. Durch die Freundschaften kommt die Neugier: Wie arbeiten die anderen? Was machen sie? Wir inspirieren uns gegenseitig durch unsere unterschiedlichen Herangehensweisen: Connys Installationen zeigen mir als Theaterfrau eine neue Sichtweise auf Materie. Wolfgangs Präzision im Schreiben weckt mich auf, mehr Details wahrzunehmen. Und der gemeinsame Austausch bei der Schreibwerkstatt zeigt mir immer wieder, wie kostbar unsere Individualität ist: Aus den gleichen Anweisungen entstehen höchst unterschiedliche Texte.
Ein Aspekt von Gemeinschaft ist, dass man immer wieder über sich selbst hinausgeworfen wird, also mit Themen und Sichtweisen in Berührung kommt, die erst einmal neu sind und fremd. Dieser Aspekt tritt auch in unseren Künstlernetzwerken zutage. Die gemeinsame Arbeit fördert das Interesse füreinander, und wenn ich Menschen schätzen gelernt habe, bin ich auch eher bereit, mich Gedanken zu öffnen, die mir erstmal fremd sind. Ohne Julias Theaterstück zu einem Arbeitslager hätte ich mich nie so ausführlich mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt, ohne Daniel nicht die Begeisterung von französischen Volkstänzen erfahren usw. So entsteht hier auf dem Land der Zugang zu kulturellen Angeboten und Kunstwerken vor allem über die Menschen, mit denen man zu tun hat. Und durch die Freude am Miteinander entstehen immer neue Projekte, Veranstaltungen und Aktivitäten. Inzwischen hat unsere Region sogar den Titel „kunst land hoher fläming“ bekommen.
Die Kunst entsteht aus den essenziellen Fragen des Menschen. Wenn Menschen über ihre Essenz in Kontakt kommen, entsteht Gemeinschaft. So schafft Kunst immer wieder eine Brücke zwischen Menschen. Und sie katapultiert den Menschen in die Freiheit, weil sie einer zu einseitigen Wahrheit Vieldeutigkeit und Gestaltungsmöglichkeiten gegenüberstellt. Wenn alle Menschen ihr kreatives Potenzial in dieser Freiheit nutzen, werden wir gemeinsam unsere Welt so gestalten, wie wir sie haben wollen. Die Kinder im Spiel, wir in Gemeinschaft und Region und wir alle auf der Erde.
Barbara Stützel spielt Theater, gibt Konzerte und organisiert Veranstaltungen, in denen Kultur und Begegnung auf verschiedene Weise stattfinden. Eigene künstlerische Projekte, Songs und Videos unter: www.saltovitale.eu.
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