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Die Gemeinschaft der Künstler
erschienen in Ausgabe 165  PDF-Version (206.95 KB)
Dieter Halbach war teilnehmender Beobachter des Ostersymposiums in Hitzacker.

Was sind die menschlich förderlichen Bedingungen, unter denen Kunst entstehen kann? Braucht vielleicht auch der einsamste Schaffensprozess Partnerschaft, will auch der Himmel und die Hölle des Kreativen geteilt werden? Dieter Halbach machte auf dem Ostersymposium in Hitzacker an der Elbe jedenfalls die Erfahrung, dass Künstler durchaus Gemeinschaftsmenschen sein können – jedenfalls zeitweise und unter bestimmten sensiblen Voraussetzungen.

Ist es Urlaub? Ist es Arbeit? Oder ist es einfach so, wie das Leben eigentlich sein sollte? Ein gemeinsames Sein in der Gegenwart. Ein freies Fließen gegenseitiger Unterstützung und Inspiration. Der Mensch als spielendes Wesen, allein und miteinander! – Das mag wie eine Utopie klingen. Dabei ist es gar nicht so schwer.
Schon seit sieben Jahren trifft sich in Hitzacker an der Elbe ein Dutzend KünstlerInnen zum Oster-Symposium im Gebäude der dortigen Freien Schule. Joachim Goerke, Musiker und Gesangspädagoge, und Johannes Moser, Bildhauer und Maler, beide damals an dieser Schule engagiert, hatten auf einer Reise die Idee, ihre Künstlerfreunde in der Ferienzeit in die dann leerstehende Schule einzuladen. Wichtig war den beiden die Freiheit der Begegnung: keine thematischen Festlegungen und Beschränkungen der Ausdrucksformen, wie es bei anderen Symposien üblich ist.
Die Zutaten sind also ganz einfach: Man nehme eine Handvoll künstlerisch schaffender Menschen, eine Woche Zeit (mindestens), ein Gebäude mit vielen einzelnen Räumen und einem zentralen Raum. Dazu als magische Zutaten noch einige minimale Verabredungen, beispielsweise Essenszeiten oder vorheriges Anklopfen bei spontanem Besuch. Dann alles gut miteinander verrühren und fertig – Freude und Kreativität entstehen wie von selbst.
Doch das Spiel hat eine zentrale Regel: Es findet „außer Konkurrenz“ statt. Gegenseitige Anerkennung der Künstler ist die Voraussetzung. Das kann man natürlich nicht einfach beschließen. Erst das Interesse aneinander lässt die Konkurrenz schmelzen. Weil man die Seele des anderen anerkennt.
Praktisch bedeutet das: Jeder Künstler erhält seinen eigenen Klassenraum, wo er schläft und arbeitet. Zu Beginn gibt es einen Rundgang durch die Räume, bei dem jeder und jede seine Arbeit und ihre Vorhaben vorstellt. Gegenseitige Besuche und Verabredungen zum Gespräch oder zu künstlerischen Aktionen sind willkommen. Manchmal entstehen auch gemeinsame Projekte. Morgens gibt es eine – selbstverständlich freiwillige – Einstimmung auf den Tag mit Klang- und Körperübungen. Für größere Aktionen und Konzerte gibt es die wunderbare Aula. Überhaupt sind die Schulräume mit ihrem Licht, ihren Farben und ihren Formen ein wichtiger Teil des Ganzen. Und das gilt ebenso für unsere Köchin, die das Essen zum täglichen Mittelpunkt der Gemeinschaft werden lässt. Schon in den Anfängen wurde sie für ihre Kochkunst mit dem alten ZEN-Spruch gewürdigt: „Die nach dem Meister kommt“.

Ein Paradies auf Zeit
Doch sind Künstler überhaupt gemeinschaftsfähig? Unzählig sind die Geschichten um gescheiterte Versuche, Künstlerkommunen zu gründen. Und das moderne Kunstgeschäft züchtet förmlich Egoisten heran, die sich auf Kosten der anderen ins Rampenlicht drängen. Am Essenstisch wird erzählt, wie an Kunsthochschulen die Studenten bereits ihre Entwürfe im Tresor verschließen, damit niemand etwas davon „klauen“ kann. Auch sei es schon vorgekommen, dass aus einem Streit heraus Bilder von anderen zerstört wurden. Soweit zum Thema gegenseitige Anerkennung im Normalbetrieb, wo Marktwahn und eigener Größenwahn oftmals eine unheilige Allianz eingehen.
Wie wunderbar aber kann eine Musik fein aufeinander eingestimmter Solisten klingen!
Die einsame schöpferische Hinwendung zum großen Ganzen kann durchaus solidarische Wegbegleiter vertragen. Gemeinsam sein, Alleinesein und das große All-EinsSein durchdringen einander. Wolfgang, einer der Teilnehmer des Symposiums, erzählt: Ich kann mir eine Gemeinschaft nur schöpferisch vorstellen, ein Zusammenkommen, bei dem jeder individuell tätig ist. Ich bin überrascht, wie dadurch, dass hier kein Gemeinschaftsanspruch besteht, Gemeinschaft entstehen kann. Wir sind für eine große Sache unterwegs. Da kann ich mich freuen, wenn einer sich weiterentwickelt. Die gemeinsame Sache ist es den Geist zum Ausdruck zu bringen, der Idee und Empfindung zur sinnlichen Erscheinung zu verhelfen. Da bin ich dem Gottesdienst nahe. Ist das die zeitgemäße Form des Klosters? Was hier passiert: Ich kann Dankbarkeit empfinden. Ich habe Zeit zum Atmen. Und das Interesse und die Wertschätzung der anderen lässt mich zu mir selbst kommen, weckt mein Interesse an mir selbst. Auch sprechen wir eine ähnliche Sprache, weil wir aus einer ähnlichen Welt kommen. Sonst bin ich oft Welten entfernt von meinen Kollegen. Wir haben keine Sprache, die auf ähnlichen Erfahrungen beruht.“

Den heiligen Kreis bilden
Ich erinnere mich an das Buch „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron über die Erweckung der eigenen Künstlerseele. Dort heißt ein Kapitel über die Kooperation zwischen Künstlern „Den heiligen Kreis bilden“. Jeder Künstler kennt diesen Moment, wo er in seiner Verletzlichkeit mit seiner Kreation nackt vor Gott und – schlimmer noch – vor seine Mitmenschen tritt. Diesen Moment, diese Kinderseele des Künstlers zu schützen, ist die Aufgabe des heiligen Kreises. „Kreativität gedeiht unter Freunden und stirbt unter Feinden“, heißt es in dem Buch. Diese Freunde versprechen sich gegenseitig bestimmte Regeln der Achtsamkeit einzugehen. Der Satz, der mich in diesen Vereinbarungen elektrisiert hat, lautet: „Das eigene Gut kann nie durch das Gut eines anderen zerstört werden.“
Zu schön um wahr zu sein, ruft es da in mir. Es kann doch so höllisch weh tun, wenn ein anderer „besser“ ist, wenn er das ausdrücken kann, was doch in mir schlummert. Der erste archaische Impuls ist dann meistens „kaputtmachen“, das heißt, du musst irgendeine subtile Form der Sabotage und Distanz erfinden. Nur bist du damit deiner eigenen Kreativität um keinen Millimeter nähergekommen. Im Gegenteil ist es ein Brudermord, der dich einer weiteren Ressource beraubt. Du kannst aber auch eine epochale Drehung in dir vollziehen und diesen Schmerz als evolutionäre Spannung verstehen.
Ko-Kreativität: Nur die Entwicklung deiner eigenen Kreativität kann die Antwort auf die Kreativität des anderen sein. Das darf sich dann gerne gegenseitig hochschaukeln und wird Synergie genannt. So entstehen im Symposium neue Kooperationsformen, wie z.B. „Solo-Trio“, die Improvisation der drei anwesenden Pianisten. Dabei wird wie beim Staffellauf das Thema immer an den nächsten weitergegeben, der es dann auf seine Art interpretiert und wieder verändert übergibt. Am Ende stehen dann alle wie in einem Schlussakkord gemeinsam am Piano.
Ein weiteres Beispiel der Kooperation war die spontane Resonanz zwischen Wolfgang Roth (Maler) und Hans Zimmer (Dichter): Wie finden sich Bild und Text? Zuerst entstehen mehrere mythische Miniaturen aus den Tiefen der Leinwand von Wolfgang (siehe Bild „Der Krieg“, oben rechts), dann erst finden sie eine Antwort im Wort des Dichters (siehe das Gedicht „Der Krieg“ unten rechts).
Für mich persönlich war diese Ko-Kreativität insbesondere im spontanen musikalischen Dialog mit dem Musiker Joachim Goerke spürbar. Hier trafen sich nach fast 20 Jahren Bekanntschaft und Getrenntheit plötzlich zwei Seelen-Bekannte in einem neuen offenen Raum: Die Magie des ersten Moments. Es entstand eine zweistündige Improvisation ohne Missverständnisse, der eigene Ton eingewoben im Dialog, eingewoben im großen Weltenklang.
Diese Umkehr zur furchtlosen Ko-Kreativität ist meines Erachtens überhaupt der Schlüssel für jede heutige Gemeinschaft. Unsere Welt braucht starke Individuen, die sich ergänzen und unterstützen, statt sich gegenseitig klein zu machen. Kunst kann der Raum sein, in dem diese Begegnung möglich ist.
„Wie bist Du weiter gekommen?“ „Hast Du es gefunden?“ „Konntest Du es ausdrücken, wie Du es empfindest?“ „Bist Du zufrieden?“ – Alle Gespräche kommen immer wieder auf diesen Punkt zurück: Wie geht es Dir mit deiner Kunst? Anteilnahme ist die Basis von Lob und Kritik. Bei den gegenseitigen Besuchen lassen die Künstler sich bei ihrem intimen Schaffensprozess in die Karten schauen. Wolfgang bemerkt dazu: „Künstler sind ja Kinder, die zeigen wollen, was sie Schönes gemacht haben. Ohne Bewunderung geht es ein. Da braucht es jemanden, der es sieht.“ Mit diesem Gesehenwerden durch andere, wirst Du selbst in deinem künstlerischen Sein angehoben und existent.

Es ist gar nicht so schwer!
Ich persönlich lebe im Ökodorf ja bereits in einer Gemeinschaft. Einer Gemeinschaft, die in den Jahren ihres Aufbaus vor allem viel wichtige Materie bewegt hat: Bauen, Gärtnern, Organisieren, Entscheidungen treffen, Öffentlichkeitsarbeit, Politik machen … Manchmal fühlt sich dieser Weg der Weltverbesserung für mich an, wie ein Ritt durch die Wüste hin zu einer fernen Oase.
Ein Rastplatz auf diesem langen Weg zu einer „anderen, wiederverzauberten Welt“ war für mich dieses Künstlertreffen. Am Ende schrieb ich in meinem Klassenraum an die Tafel: „Hier wohnte eine Woche lang ein glücklicher Mensch. Getragen vom Urzustand des Menschseins – einer schöpferischen Gemeinschaft. Es ist wie durch einen blühenden Garten gehen: Du brauchst nur zu schauen und zu ernten.“
Zur Nachahmung empfohlen: Wir wollen den Garten Eden für jeden! Es ist gar nicht so schwer …




Zwei Kunst-Kostproben

Kurzgefasste Bauanleitung für eine Villa Massimo:
Kaum hatte ich das erste Gedicht geschrieben (oder vielleicht auch das zweite), schon träumte ich von der Villa Massimo in Rom. Künstlerwerkstatt in einem Garten Eden der Kunst. Voller Bäume der Erkenntnis und Inspiration, von denen man aber essen kann, ohne gleich vertrieben zu werden. Das alles auch noch unter der azurblauen Glocke des italienischen Himmels. Und abends bukolische Feste.
– Das ist einige Jahrzehnte her. Mit der Villa Massimo wurde es nichts. Irgendwie lief das meiste anders. Immerhin die Bauanleitung für eine solche Villa blieb im Gedächtnis.
Für eine Villa Massimo braucht man ein Haus mit vielen Zimmern und großen Fenstern. Man muss malen können und Musik machen, man muss schreiben können. Ungestört. Schöne Blicke nach außen, tiefe Blicke nach innen.
Für die Blick nach außen braucht man eine schöne Gegend vorm Fenster. Für die Blicke nach innen braucht man Ruhe. Aber auch Gemeinschaft, die anregt, nicht einengt. Diese Villa haben wir gefunden oder erfunden, anders als früher erträumt: eben selber gemacht, zusammen mit anderen nach eigenen Plänen.
Nicht Rom, sondern Hitzacker. Nicht Tiber, sondern Elbe. Osterwoche der Künste.“


Der Krieg

Der Krieg
kehrt heim.
Der Krieg
kommt aus dem Krieg.
Geschlagen. Gebeugt.
Verstümmelt. Ohne Gesicht.
Wie noch immer.

Die Kanone
Geborsten.
Die Lafettenräder
Sein Rollstuhl.

Pflegt mich.
Murmelt er.
Nur eine Weile.
Das wird schon.

Dann ziehen wir wieder los.


Beide Texte stammen aus der Feder von Hans Zimmer, geb. 1946, Theaterpädagoge, Regisseur, Autor für Kinder- und Jugendtheater, Hörspiele, Gedichte.


  Autoren

Halbach, Dieter

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