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Alles muss klein beginnen
erschienen in Ausgabe 166
Wilfried Ott beschreibt den Lernweg seiner Partei „Die Violetten“

Mit diesem Beitrag des Bundessekretärs der Partei der Violetten, Wilfried Ott, sowie mit unserem aktuellen Editorial beenden wir fürs erste die Diskussion über Sinn oder Unsinn eines parlamentarischen Engagements der Kulturkreativen.

Beim Lesen der Beiträge von Michael Pfeiffer und Ingrid Macé zur Partei „Die Violetten“ klingen gleich mehrere Themen an. Interessant finde ich bei beiden, dass sie einerseits die Wirkung dieser Partei wünschen, diese dann aber an der 5-Prozent-Hürde festmachen, als ob eine Partei erst ab der Überwindung derselben wirken könnte. Der Vergleich mit der Entwicklung ökologischer Konzepte von nahezu allen etablierten Parteien, damals verursacht durch die Existenz der Partei „Die Grünen“, übersieht, dass diese Entwicklung bereits ab dem Moment stattfand, als den etablierten Parteien erstmals Wähler zur Partei Die Grünen abwanderten. Damals hatten schon etwa 3 bis 4 % Wählerstimmen genügt, um Handlungsbedarf sofort spürbar werden zu lassen.
Michael Pfeiffer hat in seinem Brief einen deutlichen Widerspruch eingebaut: Einerseits kann der Verlust an Vertrauenswürdigkeit grüner Politik gerade in den letzten Jahren bei vielen Wählern deutlich bemerkt werden; Pfeiffer ist ja nicht das einzige ehemalige Mitglied dieser Partei. Andererseits läutet er mit der Empfehlung, ein Bündnis mit anderen kleinen Parteien einzugehen, genau diesen künftigen Vertrauensverlust unserer künftigen Wähler ein. Wir könnten – genau wie damals die Grünen – unser Programm mit keiner anderen Partei gemeinsam voranbringen, denn das ist ja gerade unsere Einzigartigkeit: der komplette Wandel!
Wir sind eine Partei, Menschen besteigen dieses Vehikel „Partei“, um etwas anzustreben, um, exakt wie von Michael Pfeiffer beschrieben, gesellschaftliche Veränderung auf parlamentarischer Ebene einzuleiten. Nicht nur einfaches Parteimitglied zu sein, sondern für längere Zeit ein Amt zu begleiten, das ist ein sehr spannender Prozess. Durch meine psychotherapeutische Ausbildung und Selbsterfahrung habe ich mich intensiv mit meinem Narzissmus beschäftigen können – gerade im Umgang mit Klienten darf nichts schiefgehen. In der Partei komme ich auf eine völlig andere Art mit meinen narzisstischen Anteilen in Kontakt. Ein Amt, eine Position, ich bin wichtig – das macht etwas mit mir! Als mir einmal „Machtmissbrauch“ vorgeworfen wurde, da erkannte ich: Aha, so geht das also.
Hinspüren, wahrnehmen, auflösen … ins Herz gehen – dort ist sie, die Narbe, sind die vielen Narben. Feststellen, was ist, alles liebend annehmen, zu mir nehmen. Eine Eigendynamik kann ich feststellen, es macht etwas mit mir. Auch bei anderen kann ich ähnliches entdecken, ich sehe hier und da ganz ähnliche Themen wie bei mir. Immer wieder wird diagnostiziert: Diese oder jener sei Ego-gesteuert. Wer viel macht, hat Macht. Eigenes Wissen oder sich schon sehr weit entwickelt zu wähnen, lade zu Überheblichkeit ein. Sogar erste Seilschaften und andere unschöne Dinge seien erkennbar. – Ja richtig, wir kommen alle aus unseren persönlichen Zusammenhängen, in welchen wir jeweils denken, wir seien in unserer persönlichen Entwicklung schon ziemlich weit, die spirituelle Entwicklung sei im Gang. Da wir uns gerade in dem Vehikel „Partei“ befinden, wirken sich deren Gesetzmäßigkeiten auf jeden einzelnen aus. Hilfreich ist da der Satz aus dem Brockhaus: „Politik ist die Kunst des sozialen Miteinanders!“

Systemnarzissmus
Hat eigentlich schon jemand den Begriff „Systemnarzissmus“ beschrieben? Hier findet er statt, wie in jeder anderen Institution!
„Wir Violetten wollen …“ – In diesen drei Worten liegt das Dilemma – und die Herausforderung der Partei! Als Mitglied der etablierten Parteien ist es relativ einfach, rot, schwarz, gelb oder grün zu sein. Die Grünen bestehen aus Mitgliedern, welche sich ihrer Umwelt bewusst sind, den Müll trennen und Bioprodukte bevorzugen. Also aus einem gewissen Verhalten heraus ist man grün.
Das Wortungetüm „Mitglied der Partei Die Violetten – für spirituelle Politik“ drückt den gleichen Status aus, wie ein Grüner zu sein, dort geht es nur kürzer. Meine Neugierde ist hellwach! Was bedeutet es nun, ein „Violetter“ zu sein? Zuerst kommt mir das Wort: ein Scheinheiliger! Die Farbe Violett hat höchste Schwingung, kommt oft bei Würdenträgern der Religionen vor. Mit dem im Logo vorkommenden Schmetterling ist sie Symbol für die Transformation – für wessen Transformation? Für spirituelle Politik. Doch an diesem Namenszusatz stören sich manche, auch Ingrid Macé. Klar gibt es genug Ausweich-Worte, aber wozu? Ist es nicht richtig, den genauen Ansatz zu benennen? Weil wir Teil dieser Welt und ihres Ursprungs sind, wollen wir dies – also unseren gemeinsamen Ursprung – in der Politik deutlich machen – nichts weniger!
Mir läuft es immer zuwider, wenn jemand sich etwas selbstherrlich als „violett“ bezeichnet. Was bedeutet es, spirituell zu sein? Jegliche Kreatur, alles, was ist, ist ja bereits spirituell, ist Teil der Schöpfung, Teil des Universums – ist hier, um der Schöpfung in Liebe zu dienen. (Was es zu üben gilt, ist, mir dessen bewusst zu werden, ist, das kindlich-unreflektierte „Ich kann schon!“ zu beenden und einfach zu sein!) Dass alles auf der Welt gleichen Ursprungs ist und der Gedanke, dass alles mit allem verbunden ist, lässt mich ruhiger werden. Als hätte die Parteipräambel gerufen, kann ich mich einordnen in diese Bewegung.
Jetzt kommt ein weiterer Ansatz dazu: So oft mir die Verhaltensweisen von Neumitgliedern oder von Außenstehenden auffallen, so oft kommt mir meine frühere Erfahrung zugute: „Willst du einem Wesen helfen, ihm Veränderungen zu ermöglichen, kommst du nicht umhin, sein Wesen zu studieren!“
Diese Partei ist ein Wesen, eine lebendige Gemeinschaft von Einzelwesen in einem Vehikel, dessen Wirkung sie erst relativ frisch bewusst erleben. Was uns noch völlig fehlt, ist eine eigene Parteikultur. Wie gehen Parteimitglieder mit zwischenmenschlichen Themen um? Was ist mit Streit? Erste Fälle von Partei­schädigung – wie gehen wir als Mitglieder der Partei „Die Violetten – für spirituelle Politik“ damit um?
Jegliches Experiment beginnt im Kleinen! Bevor wir im Großen das Versagen der etablierten Politik imitieren, heile ich als Teil dieser Bewegung meine eigenen Verletzungen, die im Licht der Institution Partei neu aufgemischt werden. Sie werden weiter aufgemischt, je weiter ich mich auch mit den Themen der Welt beschäftige. Und täglich fragen viele Menschen an, weisen mich auf ihr Spektrum des Weltgeschehens hin. Schmerzen, überall Schmerzen, Entwürdigung, Missbrauch im großen Stil, Bedrohung unserer gesunden Lebensgrundlage, falsche Behauptungen, Pseudo-Fürsorge – all das gilt es zu durchschauen und daran nicht zu verzweifeln.
„Möglichst schnell über die 5-Prozent-Hürde, damit man etwas bewegen kann!“ – „Die Politiker sind verantwortlich dafür, was hier läuft!“ – „Meine Stimme will ich nicht vergeuden – glauben Sie, die Politik beeinflussen zu können?“ Dies sind die Fragen, die mich zum Nachdenken bringen.
Wann war die fruchtbarste Zeit der Partei „Die Grünen“? – Als sie um die 3 bis 4 % hatten. Ihr Auftreten sorgte für Unruhe in den etablierten Parteien. Die Sorge um Wählerstimmen ließ auch die etablierten Parteien über ökologische Konzepte nachdenken. Schade, als der Karriere dieser Partei etwas passierte, was wir so hoffentlich nicht wiederholen: Koalition! Durch die vorherigen Verhandlungen wird ein gemeinsamer Kurs – ein Kompromiss ausgehandelt. Bei Abstimmungen müssen Abgeordnete nun auch gegen ihre Überzeugungen (und damit gegen die ihrer Wähler!) abstimmen. Das ist das Dilemma unseres Parteiengesetzes. Parteien sind zur Regierungsbildung aufgefordert – aber egal wie?
Damit wird auch deutlich, weshalb Politik als „schmutziges Geschäft“ bezeichnet wird. So sagte an einem Info-Stand ein Passant in seinem Frust: „Die da oben machen doch, was sie wollen, ich gehe nicht mehr wählen!“ – „Würden sie vielleicht, wenn sie könnten“, war meine Antwort, die den Mann dann doch zu etwas mehr Öffnung und zum Weitererzählen seiner Erfahrung bewegte. Darf man denn glauben, was sonst noch an Informatio­nen über die Verquickungen von Wirtschaft, Medien, Politik und Macht in Umlauf ist? Mich beschäftigt zum Beispiel das Dilemma der Aktien-Weltkonzerne. Wie sollen diese ihren gesetzlichen Verpflichtungen des Wachstums gerecht werden? Kriminelle Machenschaften und Manipulation müssen scheinbar legalisiert werden, anders ist das doch gar nicht mehr zu schaffen, das „achte Weltwunder“ des Zins- und Zinseszinssystems zu bedienen. Dieses und andere Themen haben über viele Jahrhunderte Gestalt angenommen, sind mit Emotionen und Glaubenssätzen verbunden. Unsere Partei ist nichts für den schnellen Erfolg! Unsere Partei sieht nicht schon die 5-Prozent-Hürde fallen! Denkstrukturen, alte Werte sind vermeintlich in Gefahr. Keine Partei kann in wenigen Jahren etwas bewegen, Bewegung kann nur ein Volk bringen. Noch sind aber viele am Schlafen und glauben, wenn die da oben das machen, wird es schon gehen, wählen wir halt mal die Violetten …

Im Kleinen üben für das öffentliche Wirken
Meine Sicht zur Frage der vermeintlich vergeudeten Wahlstimmen ist folgende: Jede Stimme, die in die „Verschlimmbesserung“ dieses inzwischen nicht mehr auf gutem Kurs befindlichen Systems geht, ist zum einen gut, weil die demokratischen Möglichkeiten genutzt wurden. Zum Zweiten ist sie jedoch auch vergeudet, weil sie das alte System weiter stützt. Noch brauchen wir wirklich Zeit, um die neuen Themen denken zu lernen. Was aber wirklich Zeit brauchen wird, ist mit all dem Schmerz umgehen zu lernen, der derzeit existiert.
Daher ist es gut, dass wir noch eine kleine Partei sind, dass wir einander in die Augen sehen können. Notwendig ist, den Schmerz, den Unmut, die Fragen, alles, was ich gerade ausgelöst habe, zu sehen, mich zu öffnen, offen erforschend nach meiner inneren Wahrheit und Motivation dazu zu suchen, die innere Verletzung zu finden, sie liebend für mich anzunehmen, nicht den anderen der Tat zu beschuldigen, meine Verletzung in seinem Beisein zu heilen, weiterzugehen, bis etwas mehr in mir transformiert ist. Das, was gerade in mir geschieht, hat gleichzeitig die Möglichkeit, im anderen eine spiegelnde gleiche Wirkung zu entfalten, da sie dort ohne Schulddruck ist.
Transformation ist ein neuer Ansatz. Als Parteikultur ins Leben gerufen, wird er im noch kleinen Kreis geübt, damit wir in den nächsten Jahren bereit werden, dann auch öffentlich wirken zu können. Einzelthemen wie offene Kommunikation, gewaltfreie Kommunikation oder Forumsarbeit sind wichtige Bausteine dazu. Dies alles und mehr als Parteikultur „organisch“ werden lassen, also ins Leben zu bringen, das empfinde ich als unsere Herausforderung. Einzig wir Mitglieder der Partei „Die Violetten – für spirituelle Politik“ haben die uns selbst gestellte Aufgabe zu bewältigen, eine transformierende Parteikultur zu entwickeln und schließlich in die Politik zu tragen. Das, was derzeit mit „Image der Partei“ oder noch deutlicher mit deren „Gesichtsverlust“ das Dilemma der Politik zeigt, hat ausgedient. Noch gibt es keine Alternative – wir sind dabei, sie zu kreieren! Dazu gibt es keinen Vergleich und kein Vorbild, nur viele kleine Schritte. Erst wenn dieses gelingt, werden wir mehr Menschen gewinnen. Bis dahin ist es sicher ganz gut, dass wir noch üben dürfen.

  Autoren

Ott, Wilfried

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