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Ältester in spe
erschienen in Ausgabe 166
Ein Portrait des Wildnispädagogen, Karosseriebauers und momentanen Jäger/Sammler-Azubis Andreas Jade

Andreas Jade wird dieses Porträt erst im nächsten April in die Hände bekommen. Der Vierunddreißigjährige befindet sich auf einer Jahresreise, wie sie für einen „zivilisierten“ Menschen kaum entfernter sein könnte: Zusammen mit einem Dutzend anderer westlicher Männer und Frauen hat ­Andreas sich auf das ultimative Abenteuer eingelassen, in einem abgelegenen Waldgebiet an den nordamerikanischen Great Lakes seine Zivilisiertheit abzustreifen und von dem Lehrer Tamarack das Leben eines Jägers und Sammlers (wieder) zu erlernen. – Ja, so etwas gibt es tatsächlich, und es scheint eine zwar oftmals harte, keinesfalls jedoch lebensfeindliche Schule zu sein. Eher im Gegenteil. Die berührenden Briefe, die Andreas im Monatsrhythmus aus dem temporären Steinzeit-Clan an seine Freunde in Europa schreibt, wären allein schon mehrere Artikel wert.
Nicht weniger abenteuerlich mutet aber auch das bisherige Leben von Andreas an, den ich als zurückhaltenden und zugleich äußerst humorvollen Menschen erlebe; die Extreme reihen sich in dieser Biographie munter aneinander, so dass die Kulmination des Wildnis-Exils fast als folgerichtig erscheint.

Erst Plattenbau dann Nazi-Schläger
Doch zunächst scheint das ganz große Abenteuer für einen 1975 im betonsozialistischen Leipzig geborenen Menschen nicht vorgesehen zu sein. Eine „ganz normale DDR-Kindheit“ in der üblichen starken sozialen Sicherheit des Systems habe er gehabt­, „ganz normal“, vielleicht abgesehen davon, dass der Vater als selbständiger Autohändler sogar in begrenztem Umfang Zugang zu Westgeld und den entsprechenden Produkten hat. Die Familie genießt das Privileg einer Plattenbauwohnung, Andreas ist Jungpionier und FDJ-ler. Aber er erinnert sich auch, dass seine Vorwendejugend geprägt ist von hinter vorgehaltener Hand ausgedrückter Verachtung für die SED-Bonzen.
Als die Wende kommt, wird er für kurze Zeit Mitglied bei den Jusos. Der Vierzehnjährige genießt einerseits den nun möglichen „Cola-Konsum“, andererseit befiehlt ihm sein „noch völlig unausgegorenes politisches Weltbild“ immerhin, dafür einzutreten, dass „das Soziale der DDR“ in die neuen Zeiten hinübergerettet wird.
Wie es dann geschehen konnte, dass er gleich anschließend zu einem Bomberjacken-Nazi mutierte, ist im Rückblick nicht ganz zu klären, es muss wohl etwas mit der damals vorherrschenden Jugendszene sowie mit pubertärer Orientierungslosigkeit zu tun haben. Der junge Andreas geht jedenfalls voll in der rechten Szene Leipzigs auf: mit den Kumpels abhängen, Bier trinken, und das Gruppengefühl genießen. „Nie ein gutes Gefühl“ will er hingegen gehabt haben, wenn es zu Schlägereien und kleineren Überfällen kam, bei denen er nichtsdestotrotz ordentlich mitmischt. Ein schockierendes „einschlägiges“ Erlebnis gibt dann schließlich auch den Ausschlag für die allmähliche Abkehr von seiner Nazi-Peergroup zwei Jahre später: Andreas hilft tatsächlich einem Zusammengeschlagenen auf die Beine. „Ist nicht so schlimm“, meint das Opfer fast versöhnlich zu ihm, „aber ich habe einen Hirntumor …“
Da er mit Sechzehn eine Lehre als Karosseriebauer bei BMW beginnt – als Sohn eines Autohändlers ist seine Begeisterung für Autos, zumal für Westmarken, tief verwurzelt – kann er sein Nazi-Outfit auch nicht länger offen tragen. Die Kontakte zu den alten Kumpels werden dünner, dafür gibt es nun erste Begegnungen mit ausländischen Kollegen, von denen einer gar sein bester Freund im Betrieb wird. Andreas lebt nun die totale Identifikation mit der Marke, das höchste der Gefühle wäre ein eigener BMW. Die Feierabende verbringt er im Fitnessstudio, der eigene Körper soll eine „Festung“ werden – ein Unterfangen, in dem der heutige Andreas den Versuch erkennt, die damals nach wie vor bestehenden Unsicherheiten im eigenen Inneren zu kompensieren, zu kaschieren.
In unserem Gespräch, das einen Monat vor seiner Abfahrt in die Wälder Wisconsins stattfindet, frage ich ihn, ob der im Bodybuilding zutage tretende Aspekt der „Härte gegen sich selbst“ nicht auch ebenso stark im Wildnis-Weg enthalten sei, zumal dieser Weg nicht nur, aber doch hauptsächlich Männer anspricht? Ja, meint er darauf, da sei wohl etwas dran, zumindest für den Aspekt des Survivals. Aber im Wildnisweg der alten Jäger-und-Sammler-Kulturen gehe es vielmehr um Sanftmut, darum, weich zu werden und in den Fluss zu kommen, mit der Umwelt zu verschmelzen. Wer sich selbst und die eigenen Abgründe nicht vollständig kennenlerne, der habe alleine im Wald auf Dauer auch mit den besten Survival-Fähigkeiten keine Chance.
An die Lehre schließt sich die Zeit als Zivildienstleistender, die Andreas mit dem Ausfahren von „Essen auf Rädern“ verbringt. Er zieht bei den Eltern aus und mit seinem besten Freund Karsten zusammen. Die gemeinsame Wohnung verwandeln sie in eine schwarze Drogenhöhle mit Stroboskoplicht an der Decke. Abgesehen von Heroin nehmen die beiden jahrelang so ziemlich alles, was der Markt hergibt, niemals jedoch traut Andreas sich, bekifft zur Arbeit zu erscheinen. Während der halbwegs nüchtern verbrachten Essensausfahrten merkt er bisweilen, wie sehr die betagten Empfänger sich von Herzen freuen, wenn er seine Ware nicht nur einfach abliefert, sondern ein paar Minuten für ein Gespräch bleibt. Diese Situationen können ihm seltsam nahe gehen, „Sinn blitzt auf“ in einem bis dahin von Sinn- und Orientierungslosigkeit geprägten Leben.

Essen und Drogen auf Rädern
Nach dem Zivildienst ist er noch knapp vier Jahre lang in einer Kfz-Werkstatt tätig. Wie alle seine Kollegen geht jedoch auch Andreas in der dortigen Atmosphäre nach kurzer Zeit desillusioniert in die „innere Emigra­tion“. Immerhin kann er sich nun gerade eben so seinen Traum vom weißen BMW-Schlitten verwirklichen, in dem er sich „super fühlt, wenn die Hip-Hop-Mucke dröhnt“ und die Frauen auf den Beifahrersitz drängen. („Seltsam, wie sehr die Ladies oft auf Mackertypen abfahren.“) Karsten und er beginnen mit dem Dealen, wobei sie selbst ihre besten Kunden sind.
Etwas jedoch muss ihm damals schon hohl vorgekommen sein an diesem Leben. Wie sonst ist die nun folgende Wendung zu erklären? Gab wirklich nur jene Erkrankung der Schwester den Ausschlag, die in Andreas’ Familie ein Bewusstsein für Ernährungsfragen – Rohkost – aufkeimen lässt? Andreas hält es heute nicht für ausgeschlossen, dass der Konsum von halluzinogenen Pilzen im Wald in ihm ein besonderes Gefühl für Natur und damit zusammenhängend für Umweltschutzfragen geweckt haben könnte. Er wird jedenfalls für einige Zeit Veganer und besucht mehrmals die Rosa-Luxemburg-Tage in Frankfurt am Main, die von der „Linksruck“-Gruppe veranstaltet werden.
Leider will jedoch das dort aufgesogene sozialistische Gedankengut bei den Werkstatt-Kollegen nicht fruchten, so dass Andreas und Karsten nun erwägen, nach Bolivien auszuwandern, wo ein Kollege eine angeblich gutgehende Werkstatt betreibt. Als die beiden tatsächlich der Einladung nach Südamerika folgen, entpuppt sich die Werkstatt als „winzige Bude, wo nur eine Bonzenkarre pro Woche hergerichtet wird.“ Die Zeit bis zum Rückflug verbringen sie saufend und Karten spielend mit ihren Gastgebern – Traum geplatzt.
Und wieder in Deutschland platzt gleich noch die ganze bisherige Werteordnung: In der Werkstatt geht es nämlich bald auch nicht mehr weiter. Unlust, Stress und Fehler beherrschen den Arbeitsalltag. Der große Wendepunkt kommt mit einem dicken Kratzer, den Andreas versehentlich in einen frisch lackierten Wagen macht. Im ersten Moment nach dem Malheur fühlt er eine altbekannte Schuld, weil er wieder einmal schlecht gearbeitet und die Werte anderer, insbesondere „die heiligen BMW-Werte“ geschädigt hat. Dann aber spürt er Wut in sich aufsteigen, Wut darüber, dass sich sein Leben um „verdammte Blechkisten“ dreht, die doch letztlich nur dafür gut sind, um von A nach B zu gelangen. Das Leben erscheint ihm so viel wertvoller als ein glänzendes Auto, und er ist fest entschlossen, seinem eigenen eine ganz neue Richtung zu geben.
Das Freundes-Duo beschließt also, arbeitslos zu werden und anderswo nach dem Sinn zu suchen. Der Drang zu echtem Engagement gegen die ökosozialen Übel des Systems wird größer. Andreas’ Mutter stellt Kontakt zur Leipziger Greenpeace-Gruppe her. Mit Karsten fährt er zu einem Aktionstraining nach Hamburg. Die beiden sind dort die einzigen Ossis und avancieren aus unbekannten Gründen auf Anhieb zu den „Stars der Veranstaltung“. Greenpeace-Chef Peter Küster bietet ihnen gleich einen Job bei einer einmonatigen Aktion in Sibirien an, wo es darum geht, für die Kameras an einer lecken Pipeline 50 000 Tonnen Öl zu schippen, um auf diese Weise den Elf-Konzern unter Druck zu setzen. Andreas merkt, wie gut es ist, die starke Organisation im Rücken zu haben, sonst hätte er sich wohl nicht getraut, gegen die russischen Polizisten anzutreten. Bei einer Aktion nahe der nuklearen Wiederaufbereitungsanlage im französischen La Hague werden die beiden Freunde von einem Überfallkommando festgenommen und verbringen zwei eindrucksvolle Tage in einer Zelle.
Auch wenn kein Gefängnisaufenthalt droht, sind die beiden folgenden Jahre bei Greenpeace eine kräftezehrende Angelegenheit. Zeitweise wohnen die Freunde in Hamburg; wenn Andreas nach Hause nach Leipzig kommt, kann er nur noch abhängen, kiffen und Ego-Shooter-Computerspiele „zocken“. Wie aber passt die Selbstausbeutung zum Umweltaktivismus?
Ein Urlaub in Indien öffnet Andreas’ Weltbild für die Spiritualität. Er entdeckt Yoga und die verwirrende Tatsache, dass viele der unglaublich armen Menschen im Land durchaus sehr glücklich sein können.

Entwicklungshilfe und andere Bußübungen
Vermutlich weil sein Bewerbungsschreiben von Herzen geschrieben ist, wird Andreas trotz fehlender passender beruflicher Eignung für ein Entwicklungshilfeprojekt in Vietnam angenommen. Dummerweise stellt sich nach der Ankunft dort heraus, dass das Projekt von den Einheimischen gar nicht gewollt ist. Stattdessen soll er mit einer aus dem Land stammenden Entwicklungshelferin die regionalen Umweltminister abtouren. Als Deutscher versteht Andreas dabei kein Wort, er ist einzig dafür da, abends mit den Leuten zu saufen. Echte körperliche Aufbauarbeit, wie er sie erwartet hat, gibt es für ihn nicht zu tun. Nach einigen Wochen ist das Gefühl der Sinnlosigkeit übergroß. Er steigt aus, voller Gewissensbisse und voll des Gefühls, die Verantwortung für die schockierende Entwicklung der Umwelt des Landes auf die eigenen Schultern laden zu müssen. In Andreas reift der Plan, 21 Tage lang zu fasten und in sich zu gehen, er muss Buße tun. Bei bestem Wetter mietet er sich in einem sehr einfachen Hotel in ländlicher Umgebung ein. Doch schon am nächsten Tag schlägt das Wetter um, es wird kalt und feucht. Dennoch geht Andreas jeden Tag spazieren, solange seine schwindenden Kräfte das erlauben. Dass er entlang der Straße ins Dorf hinunter Müll sammelt, vergrößert nur das ohnehin bestehende Befremden seitens des Hotelpersonals. Nach zwei Wochen fährt im Hirn des Büßers nur mehr eine Zeile aus dem Kindermusical „Traumzauberbaum“ Karussell: „Ein kleiner dicker Mops saß still auf seinem Klops.“ Immer wieder diese Zeile, andere Gedankengänge sind ihm nicht möglich. – Wer würde in dieser Situation nicht Angst bekommen, verrückt zu werden? Als er sich am 18. Tag ins Dorf schleppt und wieder zu essen beginnt, glaubt er zumindest eine Sache begriffen zu haben: „Die Hölle ist selbstgemacht!“
Ein Jahr später kann Andreas seine Fastenerfahrung in einem etwas anderen Licht betrachten, als er nämlich beginnt, die beliebten zehntägigen Vipassana-Meditationskurse zu besuchen. Hierbei erlernt er die Technik, mittels innerer Aufmerksamkeit, Abgeschiedenheit und ohne Ablenkung eigene Verhaltensmuster und Emotio­nen zu beobachten und mit ihnen umzugehen. „Diese Aspekte der Heilung durch Wahrnehmung habe ich später auch bei der Wildnisgeschichte wiedergefunden, nur dass ich dort die Aufmerksamkeit im Innen und im Außen trainieren kann und dies vor allem in Interaktion mit Menschen und all meinen Verwandten passiert.“ Seine „Verwandten“ – damit meint Andreas alle Pflanzen, Steine, Tiere, Ahnen und Elemente, mit denen er in Beziehung treten kann, wenn er etwa im Wald Beobachtungsübungen macht. Der Wildnisweg, das ist auch die uralte Naturreligion unserer Urahnen.
Bevor Andreas jedoch auf diesen Pfad trifft und hier fühlbar seine Bestimmung findet, macht er noch einen Versuch, auf sanft-kreative Weise das Bewusstsein der Menschen zu erreichen: 2003 und 2004 tourt er mit einer Straßentheater-Truppe durch Deutschland. Thema des Stücks sind Arzneimittel-Patente. Später geht es durch Bosnien mit „Wahrheit und Lüge“, einem Stück über Krieg und ethnischen Hass. Zuletzt übt die Gruppe gemeinsam mit Straßenkindern im rumänischen Cluj ein Stück ein, das nach zwei Wochen Probe schließlich zur Aufführung gelangt: „Die Kids spielen, und als sie sich abends im Fernsehen sehen, sind ihre Augen und Herzen so voll Freude, dass ich selbst heule. Da spüre ich ganz deutlich, was ich will.“
Wieder in Deutschland, hört Andreas von einem Ausbildungsgang zum Wildnispädagogen, was ihn nach der Arbeit mit den Kindern sehr anspricht. Damit verbunden stößt er auf die Umweltbildungsstätte Drei Eichen östlich von Berlin, wo Schulklassen diese spezielle Form der Naturerfahrung machen. Eine kleine Gruppe von Wildnispädagogen, zum Teil mit eigenen Kindern, nimmt ihn bald in ihre Gemeinschaft auf, sehr ernsthaft bemühen sie sich, umzusetzen, was der indianische Weg über authentisches Gemeinschaftsleben und das Teilen von persönlicher Wahrheit im Kreis spricht.
Was Andreas’ Motivation bei der Arbeit mit den Schulklassen ist? „Wenn sich nur zwei oder drei von all den Jungs und Mädels an den Wildnisweg erinnern, wenn ihre eigene Sinnsuche beginnt, dann haben sich meine Mühen gelohnt.“ Für sich selbst verfolgt er den Anspruch, später ein Vorbild für die jüngeren Generatio­nen abzugeben, ein echter weiser „Ältester“ zu werden, wie es sie in der westlichen Kultur kaum mehr gibt.
Als zwei junge Männer von ihrem „Year long“ in Wisconsin nach Drei Eichen zurückkehren, sorgt das dort für neue Inspiration. Andreas fängt nun an, auch im Winter in seinem Lager im Wald zu schlafen, eine Praxis, die für seine neue Partnerin, die Wildnispädagogin Sophie, gewiss nicht immer leicht mitzutragen ist. Und auch sein Entschluss, selber für ein Jahr ins Selbsterfahrungs-Wald-Exil nach Amerika zu gehen, stellt die Liebe der beiden auf eine harte Probe. Für Andreas ist Sophie die Frau seines Lebens. Dass ihre Beziehung viel Zeit hatte, um sich zu entwickeln, war für ihn eine sehr heilsame Erfahrung. Und dennoch fühle er auch die Pflicht, sich und seinem Weg treu zu bleiben: Wie könnte er weiterleben, ohne die „Year long“-Herausforderung, die ihn so sehr ruft, nicht angenommen zu haben?


Jochen Schilk war bisher KursKontakte-Redakteur. In der zukünftigen Zeitschrift Oya wird er mehr über den Wildnis-Weg und Andreas Jades Erfahrungen am Ufer der Great Lakes berichten.

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