Anke Caspar-Jürgens präsentiert eine Untersuchung zur Unveränderlichkeit des deutschen Schulsystems.
In einem Experiment an der Universität Wuppertal entdeckten Studenten neben der Didaktik, der Kunst des Lehrens, die Wissenschaft des Lernens, die Mathetik. Es gilt zu hoffen, dass die Erkenntnis, Schule könne auch „ganz anders“ sein, ihr eigenes Lernen mit jungen Menschen verändern wird.
Matthias Rürup mutete sich und seinen Pädagogikstudenten einiges zu. Als Dozent für Pädagogik an der Universität Wuppertal beschloss er im Jahr 2008, anstelle der traditionsreichen, aber doch häufig ermüdenden und oft wenig nachhaltigen Form einer Vorlesungsreihe, ein für ihn und auch für seine Studentinnen und Studenten neuartiges Seminar zu riskieren. Im Rückblick sieht er zwar auch Unsicherheit und Frusterlebnisse, aber als viel bedeutsamer erkennt er für beide Seiten die Chance für lebendiges Lernen am konkreten Gegenstand, in eigener Verantwortung, in partnerschatlicher Beratung und durch den individuellen aktiven Einsatz.
Rürup machte in diesem Seminar einzig das Hauptthema für alle verbindlich: Hinterfragt werden sollten die „Invarianzen der Schulorganisation“ – also das, was am Schulbetrieb scheinbar unveränderlich ist.
Die anfänglich rund achtzig, zum Ende siebzig jungen Leute sollten in ihren frei gewählten Kleingruppen aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen und ihres Vorwissens Thesen aufstellen und begründen, was ihnen für die Organisation von Schule als unveränderlich, unverzichtbar oder als unersetzbar erschiene. Anschließend sollte sie mittels Recherchen versuchen, ihre eigenen Thesen zu widerlegen oder wenigstens zu relativieren und schließlich, auf Basis dieser Forschungen sowie über die Diskussion in der Kleingruppe, gemeinsam die für sie jetzt gültige These entwickeln.
Aus dem großen Spektrum der Möglichkeiten entschieden sich die Studentinnen und Studenten schließlich für die folgenden Themen: Unersetzbar im Sinn von invariant für die Organisation von Schule seien die Lehrer und ein allein verantwortlicher Schulleiter. Unverzichtbar sei, dass Kinder die Kulturtechniken in der Schule erlernten, dass es Lehrpläne gäbe, dass Leistungen bewertet würden, dass die Dreigliedrigkeit des Schulwesens vorläufig nicht abgeschafft werden könne und schließlich, dass auch die Schulpflicht (in der Form des Schulanwesenheitszwangs) unverzichtbar sei für den Erhalt des Systems Schule.
Matthias Rürup überließ den Studierenden auch die organisatorische Verantwortung für ihre individuelle Arbeit und die Gruppenarbeit. Er verzichtete auf Kontrolle und Eingriffe in die einzelnen Arbeitsschritte. Lediglich als unterstützendes Angebot stellte er Arbeitshinweise zur Verfügung, wie die Thesen- und Recherchepapiere und wie der Ergebnisbericht gestaltet werden könnte. Zentral für den Austausch untereinander und mit dem Dozenten war eine Internetseite. Zwei Plenarsitzungen zu Beginn und eine am Ende des Wintersemesters sowie die Termine zur Abgabe der zahlreichen Arbeitspapiere waren verpflichtend und gaben dem Seminar zeitliche Struktur. So konnten die Studierenden ihre Texte bis hin zu den Abschlussreflexionen inhaltlich und organisatorisch völlig eigenverantwortlich entstehen lassen. Besondere Ernsthaftigkeit und Motivation erhielt die Arbeit für sie wohl weniger durch den zu erwerbenden Seminarschein als durch das Ziel des Seminars. Denn Einverständnis bestand darüber, dass aus den Ergebnissen ihrer Forschungen ein gemeinsames Buch in Form eines Readers entstehen und im Internet veröffentlicht werden sollte.
Inspiration durch selbständige Arbeit
Als Seiteneinsteigerin ins pädagogische Geschäft fasziniert mich an diesem Experiment besonders, wie sehr die werdenden Pädagogen ihre – wie an den Eingangsthesen zu erkennen – zu Beginn recht konservativen Haltungen durch ihre Recherchen (vor allem über internationales Quellenstudium) und auch durch die gemeinsame kritische Reflexion überprüfen und revidieren konnten.
Das selbstverantwortliche Studieren in kleinen Gruppen, inhaltlich auf ein persönlich interessierendes konkretes Ziel hin, scheint werdende Lehrer zu inspirieren, denn dieses Seminar hatte eine vergleichsweise sehr geringe Abbrecherquote. Verwundert es, dass die persönliche Erfahrung der Qualität des eigenen Lernens Lehrerstudenten motiviert, auch ihren künftigen Schülern diese Freiheit zugestehen zu wollen? Jedenfalls scheint sich dies in ihren Abschlussthesen zu spiegeln, die ich hier in der Gegenüberstellung und in Auszügen wiedergeben möchte.
Die Arbeitsgruppen zu den einzelnen Thesen teilten sich für die Recherche in drei bis fünf Kleingruppen auf, so dass sie ihren Bereich arbeitsteilig einerseits aus historischer Sicht und weiter über unterschiedliche Praxisfelder untersuchen konnten.
Braucht es immer einen Lehrer?
Die elfköpfige Gruppe, die sich mit der Rolle des Lehrers befasste, einigte sich zu Beginn bei ihrer Invarianzthese auf den folgenden Text: „Die Existenz des Lehrers an der Schule ist ein weitgehend unveränderliches Prinzip des Unterrichtens und Lehrens von Schülern in einer Institution und des Schaffens, Strukturierens und Aufrechterhaltens einer optimalen Lehr-Lern-Situation. Er gewährleistet durch das Erfüllen seiner Aufgaben, dass die Schüler den aktuellen Richtlinien und Lehrplänen gemäß fachlich unterrichtet und gebildet werden, und strukturiert bzw. portioniert Fachwissen nach dem entsprechenden Entwicklungsstand der Schüler, wodurch zusätzlich eine individuelle Leistungsbeurteilung geschaffen werden kann. Daneben erfüllt er als leitende Figur zahlreiche erzieherische Aufgaben, übernimmt eine Vorbildfunktion für die Schüler und steht als Ansprechpartner bei Problemen zur Verfügung.“
An fünf verschiedenen Beispielen wurde in der Folge untersucht, inwieweit das Lernen von Schülern ohne Lehrer erfolgreich sein kann. Dazu gehörte das Projekt „Lerne ohne Lehrer“, in dem Gymnasiasten, betreut von älteren Schülern, während eines halben Schuljahrs eine Stunde pro Woche selbstreguliert arbeiteten. „Selbständiges Lernen mit digitalen Medien in der Gymnasialen Oberstufe“ nennt sich ein Projekt, in dem Schüler mit Hilfe des Internets ihre Defizite aufarbeiten oder sich auf ein Thema intensiver vorbereiten können. „Lernen durch Lehren“ ist eine Unterrichtsmethode, die sich auf die Erfahrung bezieht, dass „Menschen lernen, während sie lehren“. Indem Schüler sich gegenseitig durch kleine Vorträge,Vorführungen usw. informieren, kann sich die Rolle des Lehrers vom zentralen Wissensvermittler zum Lernbegleiter wandeln. Im Selbstlernsemester der Zürcher Kantonsschule erarbeiten die Schüler der elften Klasse ihren Lernstoff eigenständig. Auf Wunsch können sie einmal wöchentlich die Beratungsstunde des entsprechenden Fachlehrers für sich nutzen. Die Sudbury-Schule ist ein ganzheitliches Schul- und Bildungskonzept aus den USA. Hier werden junge Menschen in ihrem Lernen nach Wunsch von Erwachsenen partnerschaftlich unterstützt.
Ich beschränke mich hier auf eine Wiedergabe der Recherche zu den beiden letztgenannten Projekten.
Anhand des Schweizer Modells des „Selbstlernsemesters“ erkannten die Studenten „dass die umfassenden Funktionen des Lehrers an der Institution Schule zumindest in höheren Klassen ohne Probleme reduziert werden können, die Figur des Lehrers aber zumindest Rahmenvorgaben machen und bei Problemen und Rückfragen unterstützend begleiten sollte.“
Sie wünschten sich Befunde über ein Selbstlernsemester in einer unteren Jahrgangsstufe, denn es bleibe unklar, ob sich diese Lernform bei jüngeren Schülern realisieren lasse. In diesem Sinn wollten sie ihre These nicht widerrufen, sondern dahingehend verändern, dass die Aufgaben des Lehrers vor allem darin bestehen, den Rahmen zu schaffen, in dem die Schüler optimal lernen können, sei es mit oder ohne ihn.
Zu den Sudbury-Schulen hielten die Studenten fest: „Die Mitarbeiter sind für die Schüler da, wenn die Schüler es wollen. Sie sind zur Stelle, wenn Schüler ihre Unterstützung suchen, sie hören ihnen zu, erklären ihnen Dinge, geben bei Bedarf einen Unterrichtskurs und helfen ihnen, Ressourcen nutzbar zu machen … Sie dürfen keinen Druck auf die Schüler ausüben, Dinge zu lernen, für die sie sich nicht entschieden haben. Sie müssen sich völlig zurückhalten und die Schüler nicht mit gezielten pädagogischen Mitteln lenken. Unterricht kommt nur zustande, wenn Schüler dies ausdrücklich verlangen. Es gibt weder Zensuren, noch schriftliche Beurteilungen. An dieser Schule bedeutet das Wort ‚Unterricht‘ etwas ganz anderes. Hier ist Unterricht eine Vereinbarung zwischen zwei Seiten, Mitarbeiter und Schüler. …Schüler und Mitarbeiter sind gleichberechtigt. Jedes Jahr im Frühling wählen die Schulmitglieder die Mitarbeiter des nächsten Jahres.“
Im Resümee schreibt diese Arbeitsgruppe: „Freiheit und Entscheidungsfähigkeiten spielen in diesem Kontext eine wichtigere Rolle. Zusammenfassend bleibt also festzuhalten, dass nach einer Alternative zum üblichen und ‚normalen‘ Lehrer gesucht wird, nun auch ein Modell entstanden ist, was zu funktionieren scheint, allerdings niemals komplett durch Regelschulen ersetzt wird, da es sich bis heute als keine bessere Alternative zur Regelschule durchsetzen konnte.
Unsere Invarianzthese scheint somit auf den ersten Blick als widerlegbar, setzt man sich aber intensiver mit den Sudbury-Schulen auseinander, so wird sichtbar, dass der Lehrer ein sehr wichtiger Bestandteil einer Schule ist und immer bleiben wird."
In der Abschlussreflexion der verschiedenen Recherche-Gruppen einigte man sich auf die folgenden, in Auszügen wiedergegebenen Thesen:
„Unserer Meinung nach haben wir die Invarianzthese also in der Form widerlegt, als dass die von uns vorgestellten Unterrichtsmethoden ohne die ‚klassische‘ Lehrperson auskommen. Die Unterrichtsmodelle arbeiten alle mit Lehrenden und Lernenden. Ob der Lehrende aber zwingend der ‚klassische‘ Lehrer ist, ist nicht eindeutig gesagt. Wichtig ist eine Bezugsperson, die das Unterrichtsmaterial für die Lernenden vor- und aufbereitet, das Wissen bereitstellt, den Lernenden Impulse gibt und ihnen mit Rat und Tat zur Seite steht. Sollte diese Position der ‚klassische‘ Lehrer übernehmen, verändert sich eben seine Rolle – vom Wissensvermittler zum Lernberater …
Die Pädagogik entwickelt sich unter dem zentralen Aspekt der Selbstorganisierung und dem erfahrenden und erforschenden Lernen weiter. Sicher kann man nicht sagen, mit welchen Möglichkeiten und Erkenntnissen das Unterrichten, Lehren und Lernen in der (ferneren) Zukunft aussehen kann und ob der Lehrer, wie wir ihn heute definieren nicht doch komplett ersetzbar ist … Als Ausblick würden wir eine Neudefinition der Lehrerrolle vorschlagen.
Unser persönlicher Lernerfolg ist, dass sich Unterrichten und die Rolle des Lehrers zunehmend verändert. Beide gehen mit der Zeit und passen sich immer mehr den Bedürfnissen der Schüler an. Ansonsten war es schade, dass die Gruppenarbeit von einigen Teilnehmern nicht so ernstgenommen wurde, wie vom Großteil der Gruppe. Wir haben gelernt, dass es sehr schwierig ist, mit einer so großen Gruppe auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen und dass man sich das für seinen späteren Unterricht merken sollte.“
Braucht es immer einen Lehrplan?
Wie sieht die Veränderung aus, wenn es um die Inhalte des Lehrens und Lernens geht? Die Arbeitsgruppe, die sich mit der Frage nach dem Lehrplan befasste, begründete ihre These ausführlich:
„… Lehrpläne [haben] die wichtige Aufgabe, eine einheitliche Bildung und Erziehung eines Staats zu gewährleisten. Lehrpläne sind ein entscheidendes Mittel der Bildungspolitik – und damit der Regierung –, aktiv in die Bildung und Erziehung ihrer Bürger einzugreifen und sie zu steuern. Ohne eine gewisse vorgegebene Struktur, wie sie Lehrpläne liefern, wäre dies kaum möglich, denn es liegt auf der Hand, dass bei tausenden Schulen in Deutschland ohne Lehrpläne ein einheitliches Vorgehen kaum realistisch wäre. Sie dienen daher der Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung. Denn auch die eigenverantwortliche Schule, welche ja immer weiter in den Mittelpunkt der Bildungsdiskussionen rückt, bleibt in staatlicher Verantwortung und allgemein verbindliche Orientierungen über die erwarteten Lernergebnisse sind auch weiterhin notwendig. Lehrpläne haben aber nicht nur diese strukturgebende und zielführende Aufgabe der Bildungspolitik. Anhand des Lehrplans können sich einerseits Lernende über Umfang und Ablauf des Unterrichts orientieren, andererseits bietet der Lehrplan den Lehrenden eine Grundlage für die Organisation ihrer Unterrichtstätigkeit. Somit dienen Lehrpläne direkt den betroffenen Personen: Lehrern und Schülern. Der Schulalltag würde ohne vorgegeben Lehrpläne kaum strukturiert verlaufen, denn auch Lehrbücher orientieren sich an den gesetzlichen Vorgaben. Ein Schulsystem ohne diese Strukturen wäre kaum leistungsfähig und liefe Gefahr, ungebildete Individuen hervorzubringen. Dies könnte natürlich zu massiven Widerständen in der gesamten Gesellschaft führen, denn ohne (aus-)gebildeten Nachwuchs ist eine Gesellschaft kaum leistungsfähig.“
Daraufhin beschäftigte sich eine der Recherche-Gruppen mit Homeschooling in Kanada: „Den Eltern [ist es] erlaubt, ihre Kinder vom Schulunterricht abzumelden und zu Hause zu unterrichten. Den Lehrplan entwickeln die Eltern selbst, ebenso wie die Umsetzung. Einmal im Jahr legen die Kinder eine staatliche Prüfung ab, um festzustellen, ob sie zu Hause tatsächlich gefördert wurden. Dergleichen ist in Deutschland nicht erlaubt, umso interessanter fanden wir, dass es eine deutsche Familie gab, die aus diesem Grund nach Kanada auswanderte. Die Mutter verfasste ein Onlinetagebuch, welches wir durchgelesen haben. (http://leben-ohne-schule.blogspot.com) Darin beschreibt sie die ersten beiden Jahre ihres Homeschooling-Projekts mit ihrem Sohn. Dem Leser wird dabei deutlich, welche Vorteile Homeschooling bietet und wie begeistert diese Familie davon ist. Mittlerweile gibt es wissenschaftliche Studien und Erkenntnisse über das Homeschooling, die ebenfalls nur dafür sprechen. Kinder, die zu Hause unterrichtet wurden, waren im Berufsalltag und späteren Leben keinesfalls benachteiligt, wie man lange Zeit vermutet hatte. Sie hatten weder Probleme, soziale Kontakte aufzubauen, noch berufliche Erfolge zu verbuchen.“
Die Diskussion der Studenten zeigt, wie ungewohnt ihnen die Vorstellung von Homeschooling erschien:
„Man kann erkennen, dass die Homeschoolinggruppen gut ohne Lehrpläne auskommen. Die Eltern entscheiden anhand der Entwicklung ihres Kindes, was wann gelernt und gelehrt wird. Zwar haben sie einen gewissen Einfluss darauf, doch lassen sie oft die Kinder entscheiden, was sie wissen möchten. Die Eltern zeigen dem Kind das Interesse an verschiedenen Dingen, lassen es aber selbst den Weg aussuchen, den es gehen möchte. Allerdings gilt auch für die Eltern des Homeschooling-Projekts, dass sie die Lernfortschritte auflisten müssen. Außerdem bekommen die Kinder am Ende des Jahres auch Zeugnisse, die die Lernfortschritte benoten. Somit gibt es dennoch Tests am Ende des Schuljahrs, die den Stand des Kindes festlegen und überprüfen, ob es während des letzten Schuljahrs genug gelernt hat. Es gibt also auch in diesem System festgelegte Mindestanforderungen, die ein Schüler erfüllen muss. Ganz ohne eine Vorgabe kommt auch das Homeschooling nicht aus.“
Den Studenten war die Information entgangen, dass ein Test zur Überprüfung der Mindestanforderungen für Familien nur gefordert wird, wenn sie staatliche Unterstützung für Unterrichtsmaterialien beanspruchen.
Die Recherchen auf internationaler Ebene spiegeln sich in der Abschlussreflexion der Studenten wider.
„Zusammenfassend zeigen uns die unterschiedlichen Befunde, dass einzelne Aspekte der Invarianzthese zu widerlegen sind … Lehrpläne könnte man auf Grobziele und verbindliche Inhalte konzentrieren und auf das Elementare beschränken. Abschließend können wir von unserer Recherchearbeit entnehmen, dass Lehrpläne auch in Zukunft notwendig und invariant sein werden, da sie das Bildungskonzept einer Gesellschaft formulieren. Des Weiteren bleiben Lehrpläne ein wichtiges Instrument der Bildungspolitik. Forschungsbedarf dagegen besteht bei der Einführung der Lehrpläne. Die Einführungs- und Umsetzungsprozesse müssen verbessert werden. Denn durch die PISA- und andere internationalen Untersuchungen verlangt die Öffentlichkeit seit einiger Zeit den Nachweis, dass die vorgegebenen Wirkungen auch tatsächlich erzielt werden, dass also überprüft wird, ob die Schüler/innen am Ende eines Ausbildungsabschnitts über diejenigen Kompetenzen verfügen, die der Lehrplan verlangt.“
Neue Perspektiven zulassen
Dieser, teils moderate, Wandel in der Sicht auf den Lehrer, der staatstragend den kulturellen Bestand zu sichern habe, hin zu einem Lernbegleiter junger Menschen, die sich kreativ den Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft stellen, fiel mir auch in den Abschlussreflexionen der anderen Arbeitsgruppen auf.
In der AG „Muss es immer einen Schulleiter geben?“ widerlegen sie diese These aufgrund ihrer Forschungen in der Schweiz, wo Schulen basisdemokratisch durch kommunale Gremien geleitet werden, und in den USA, wo Schulen durch externe Agenturen gemanagt werden können. Für Deutschland vermuten sie hingegen, dass Schulen künftig noch stärker zentralistisch mit einem Schulleiter an der Spitze organisisert sein werden.
Die AG „Leistungsbewertung“ arbeitete heraus, dass Schule, wie sie in Deutschland praktiziert wird, ohne eine Leistungsbewertung nicht auskommt, da dieses Mittel unverzichtbar für ihre Aufgabe der Selektion sei. Dazu zitieren sie den Grundschulpädagongen Hans Brügelmann: „Ein Medikament mit solch fürchterlichen Nebenwirkungen, wie Schulnoten sie haben können, wäre schon längst vom Markt genommen worden! Noten schüren Leistungsdruck und Konkurrenz in einer Entwicklungsphase, wo dies der Lernentwicklung abträglich ist. Sie sind Ausdruck einer Kultur des Misstrauens in die kindliche Lernbereitschaft.“
Sie stellten fest, dass es sowohl in Norwegen, Schweden und Finnland erst ab der achten Klasse Bewertungen bzw. Noten gibt, nicht aber zur Selektion der Kinder, denn ein „Sitzenbleiben“ wie in Deutschland gibt es dort nicht. [Dort] sind sie ein Hinweis für Lehrer und Schüler, wie eine weitere Förderung möglich sei.
Zur Umsetzung dieser Praxis in Deutschland zitieren sie wieder Brügelmann: „Trotz der durchgängig negativen Befunde über Nutzen und Nebenwirkungen von Ziffernnoten dürfte deren Abschaffung schwierig werden. Dies hängt vor allem mit der frühen und starken Selektionsorientierung des deutschen Schulsystems zusammen. “
Als Fazit lassen sie eine Gymnasiastin zu Wort kommen: „Wozu brauchen wir Noten? Wir sind auch ohne diese Zahlen von 1 bis 6, die uns zu etwas zwingen wollen und uns in eine Klassifikation hineindrücken wollen, lernfähig. Meiner Meinung nach würde eine schriftliche Beurteilung der Schüler, individuell in jedem Fach, am Endjahr viel aussagekräftiger sein als irgendwelche Zahlen, die einen einstufen und [die] jegliche Individualität vernachlässigen und wegdrücken. “
Mit dieser Aussage identifizierte sich auch die Studentengruppe.
Wie keine andere musste jedoch die Arbeitsgruppe, die mit der Aussage „Schulpflicht ist notwendig“ startete, ihre Invarianzthese umfassend revidieren. Sie erklärte anfangs: „An der allgemeinen Schulpflicht sollte unserer Meinung nach nichts geändert werden. Sie stellt sicher, dass Schülerinnen und Schüler nach dem Besuch einer staatlichen oder außerstaatlichen Schule einheitliche Abschlüsse bekommen, die den Eintritt in die spätere Berufswelt ermöglichen (und vereinfachen). Wäre die neunjährige Schulpflicht abgeschafft, würden Kinder und Jugendliche bildungsfernerer Schichten wahrscheinlich nicht(s) lernen, und der Einstieg in das Berufsleben würde damit ungemein erschwert. Auch besteht die Gefahr, dass gesellschaftliche Differenzen und schichtspezifische Abgrenzungen zwischen Arm und Reich verstärkt oder zumindest verfestigt werden. “
Die Abschlussreflexion hebt sich davon deutlich ab, hier beschränken sich die Studenten auf eine Bildungspflicht:
„Nachdem durch die historisch-systematische Recherche, den international vergleichenden Befund und Recherchen zu Einzelinnovationen im deutschen Schulwesen geprüft wurde, ob und inwieweit Schulpflicht invariant ist, ist unsere Arbeitsgruppe zu dem Schluss gekommen, dass die Schulpflicht nicht invariant und damit nicht zwingend notwendig ist. Eine Schulpflicht, die besagt, dass Schülerinnen und Schüler an eine bestimmte Institution und damit gekoppelt an einen bestimmten Ort gebunden sein müssen, ist aus unserer Sicht nicht notwendig. Es sollte, unserer Meinung nach, nicht eine Schulpflicht, sondern vielmehr eine allgemeine Bildungspflicht geben. Diese Bildungspflicht muss dann Schülerinnen und Schüler nicht an einen Ort Schule binden, an den sie zum Lernen oder zum Bearbeiten bestimmter Aufgaben kommen, sondern ihnen Freiräume für andere Lernorte und Lernmöglichkeiten lassen.“
Damit haben sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Gratulation für die gute Arbeit! Wie aber lassen sich die Erkenntnisse in die Tat umsetzen? Ich denke, man kann Herrn Rürup nur weiter Erfolg und eine möglichst weite Verbreitung seines „Versuchs“ wünschen.
Matthias Rürup (Hrsg.): Invarianzen der Schulorganisation, Bergische Universität Wuppertal. www.zbl.uniwuppertal.de.
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