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Impressum
Aufbruch aus dem Gefallen-Sein
erschienen in Ausgabe 166
Jochen Schilk begrüßt die Übersetzung von Steve Taylors „Der Fall“ und findet Überraschendes im Begleitbuch zu einer Lebensreform-Ausstellung.

Und schon wieder eine empfehlenswerte Übersetzung aus dem angelsächsischen Literaturangebot! Manchmal muss ich darüber staunen, mit welcher Regelmäßigkeit Bücher auftauchen, die mich zu begeistern vermögen. Anders als beim zuletzt an dieser Stelle bejubelten „Endgame“ des Kaliforniers Derrick Jensen (KursKontakte Ausgabe 164) sind es bei Steven Taylors „Der Fall“ jedoch weniger bislang ungehörte Gedanken oder unerhörte Tabubrüche, die mich faszinieren und herausfordern.
Es handelt sich hier vielmehr um ein Buch, das in relativ leicht konsumierbarer Form und in der gebotenen Ausführlichkeit die dem geneigten KursKontakte-Leser bereits in weiten Teilen bekannte Geschichte erzählt, wie – allen bislang zur Verfügung stehenden Hinweisen zufolge – die Gewalt und Unterdrückung in den überwiegenden Teil der menschlichen Gemeinschaften geraten konnte. Holon-Redakteur Gandalf Lipinski hat diese Geschichte unlängst in seiner siebenteiligen KursKontakte-Serie „Matrix der Freiheit“ skizziert (Ausgaben 153 bis 169), und ich selbst stellte in Ausgabe 149 die sogenannte Saharasia-These von James DeMeo vor, die sich nun auch Steve Taylor in seinem „Fall“ – zumindest in den Grundzügen – zu eigen macht:
Demnach kam der Anfang vom Ende einer mehrere zehntausend Jahre währenden globalen Epoche überwiegend friedlich-liebevoller Kulturen vor etwa 6000 Jahren mit der ziemlich unvermittelt eintretenden Austrocknung des Wüstengürtels, der sich heute über Sahara, Arabien und Asien erstreckt. Die Bewohner dieser Gebiete hätten damals oft Hals über Kopf aus ihrer bis dahin nachweisbar sehr fruchtbaren Heimat flüchten müssen. Auf ihren entbehrungsreichen Trecks sei zum ersten Mal in der Geschichte eine ganze Generation von Menschen nachhaltig traumatisiert worden, so James DeMeo, der für seine Theorie eine Vielzahl an meteorologischen, archäologischen, psychologischen und anthropologischen Hinweisen bemüht. Die in der Folge der klimatischen Katastrophe eintretende Knappheit an nutzbarem Land und Wasser habe zudem weiter bewirkt, dass es zwischen den notleidenden menschlichen Gemeinschaften zu organisierten Überfällen und Kämpfen um die verbliebenen Ressourcen kam. Ab diesem frühgeschichtlichen Datum lässt sich für die folgenden Jahrhunderte die Ausbreitung explizit Gewalt praktizierender Völker in die umliegenden Erdteile und immer weiter bis fast in die letzten Winkel des Planeten verfolgen. DeMeo meint zudem erklären zu können, warum durch Gewalt und/oder Entbehrung traumatisierte Menschen ihre nun oftmals nicht mehr lebensdienlichen Verhaltensweisen in die nachfolgende Generation weitergeben.
Hier findet sich nun womöglich das größte Verdienst von „Der Fall“: Das Buch legt viel Wert darauf, uns die spezielle Psychologie des aus der Klimakatastrophe hervorgegangenen Patriarchats näherzubringen. Sein Autor erklärt anschaulich, wie und warum die aus dem vergleichsweise „goldenen“ Zeitalter „gefallenen“ Menschen in aller Regel so ein entfremdetes Verhältnis zum eigenen Körper, zu ihren Mitmenschen und ihrer natürlichen Umgebung aufweisen – und wie sich das in ihren Gesellschaften und spirituellen Traditionen widerspiegelt.
Indem er also die ganze Geschichte – und nicht nur Teile von ihr – ausbreitet, füllt der eigentlich ins Psychologie-Regal einzuordnende „Fall“ zugleich eine schon länger klaffende Lücke in der deutschsprachigen Geschichtsliteratur. Wichtig ist hierbei natürlich, dass sich das Buch eben nicht auf die Sieger-Sichtweise des Patriarchats beruft, sondern auf die Perspektive jener einstmals weltweit in mannigfaltiger Ausprägung auftretenden friedliebend-matriarchalen Kultur aus den Jahrzehntausenden davor, deren Reste und Erinnerungen heute allmählich aus ihrer Verdrängung wieder ans Licht streben.

Ego-Explosion
Was also sagt uns das Geschichtsbuch zur Analyse der patriarchal gefallenen Psyche? Taylor zufolge zeichnen sich Angehörige gefallener Gesellschaften üblicherweise (unter anderem) durch latente Unzufriedenheit, Ungeduld sowie durch manisches Streben nach Besitz und hohem hierarchischem Status aus – furchtbare Symp­tome einer inneren Leere, eines andauernd gefühlten Getrenntseins von der Welt der sichtbaren und nicht-sichtbaren Phänomene.
DeMeo hatte die Gewalt­entwicklung und den allgemeinen sozialen Niedergang nach der Klimakatastrophe mit Traumatisierung und damit einhergehender „Panzerung“ (ein Konzept von Wilhelm Reich) erklärt. Taylor ersetzt bzw. ergänzt diesen Gedanken nun durch das Konzept einer „Ego-Explosion“, die sich in der damaligen Saharasia-Region ereignet habe.
Die dramatische Steigerung des Ich-Bewusstseins unter patriarchalisierten Menschen, wie sie u. a. im biblischen Mythos von der Vertreibung aus dem Paradies beschrieben wird, sei jedoch nicht nur negativ zu werten. Not mache erfinderisch, und außerhalb des Paradieses war und ist die Not nun einmal groß. Die neuen Herausforderungen in sozialer, politisch-militärischer und klimatischer Hinsicht hätten die rasche Entwicklung von Intelligenz, Ratio und der Fähigkeit zum abstrakten Denken nötig gemacht – was bald eine ungekannte und andauernde Innovationswelle auf technischem Gebiet auslöste. Zugleich habe die Notwendigkeit, rational zu denken und Selbstreflexion zu üben, den Prozess der Individualisierung befördert, wie sie schließlich in den heutigen fragmentierten Gesellschaften gipfelt. Diese Entwicklung sei aber eben nicht nur negativ zu bewerten, denn die Fähigkeit eines ­großen Teils der Menschen, sich als Individuum zu begreifen, komme einem evolutionären Entwicklungsschritt gleich. Das eigentliche Problem des übersteigerten Egos liege darin, dass dieses sich von der Welt abgeschnitten habe und in der Psyche zu viel Raum beanspruche, was die genannten Symptome hervorrufe.

Das Leiden kann kuriert werden
Interessant ist nun, dass Steve Taylor das historische Auftauchen von spirituellen Weisheitslehren wie Buddhismus, Jainismus oder Daoismus im ersten Jahrtausend v. Chr. als Reaktion auf das von der Ego-Explosion ausgelöste, schier unerträgliche Trennungs-Bewusstsein identifiziert. Diese Traditionen hätten unterschiedliche meditative Praktiken entwickelt, die jedoch allesamt das Ziel teilten, die negativen Folgen der Ego-Explosion aufzuheben. Hierbei entstanden einerseits Lehren, die nicht an die Überwindbarkeit des Dualismus Geist–Materie glaubten und folglich eine Weltabkehr in Meditation predigten, sowie auf der anderen Seite solche Traditionen, die die Natur wieder als von einem göttlichen Geist durchdrungen wahrnahmen.
Bedeutete das Entstehen besagter Meditationslehren eine erste „Welle“ zur Behebung der bewusstseinsmäßigen Missstände, rollt nun Taylor zufolge seit etwa der Mitte des 18. Jahrhunderts eine zweite Transformationswelle durch die gefallene Welt. Der damit einhergehende Prozess habe die katastrophale Entwicklung bereits teilweise rückgängig gemacht. Genannt werden müsse hier zuvorderst die Entwicklung von Demokratien, von Menschen- und Tierrechten, die Wiederentdeckung der Fähigkeit zur Empathie (beschleunigt durch das Aufkommen des Romans!), die Gründung emanzipatorischer Bewegungen sowie zuletzt der Ökologiebewegung, deren Anfänge Taylor jedoch ganz richtig bereits in der Romantik verortet. Wichtige Station ist für ihn zudem der Aufstieg des Sozialismus, wobei er leider nicht die wichtige Unterscheidung zwischen dem autoritären Sozialismus à la Marx und dem über lange Zeit mindestens gleich wichtigen anarchistischen Flügel vornimmt, der doch als Nachhall des hierarchiearmen Ur-Matriarchats in diesem Werk zumindest eine Erwähnung verdient hätte. Der Autor offenbart an einer Stelle überdies, dass ihm der Unterschied zwischen matriarchaler Konsens- sowie der in modernen Demokratien üblichen Mehrheitsentscheidung nicht geläufig ist – vielleicht liegt das daran, dass er seiner recht umfassenden Recherche zum Trotz leider nicht auf Heide Göttner-Abendroths einschlägige Forschung gestoßen war. Einblicke in deren Arbeit zu den spezifischen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen matriarchaler Gesellschaften hätten Taylors Buch wohl noch um einiges runder gemacht.
Was in der historischen Abhandlung über die „zweite Welle“ ebenso fehlt, ist eine Erwähnung der Lebensreform-Bewegung um die vorletzte Jahrhundertwende. Taylor benennt zwar in der Reihe der progressiven Bewegungen der Romantik, des Sozialismus sowie die der Blumenkinder der Sechziger, denen er den faszinierenden Versuch der Erschaffung einer „modernen (nahezu) nicht-gefallenen Kultur“ attestiert. War denn aber der Hippiekultur-Vorläufer „Lebensreform“ lediglich auf den deutschen Sprachbereich begrenzt, so dass ein englischer Autor diese Episode nicht kennen kann? Ich kannte die Antwort auf diese Frage nicht, bis ich das im Anschluss besprochene, zweite Buch in die Hand nahm.
Taylor hält übrigens Meditation auch und gerade in unserer Zeit für das Mittel der ersten Wahl, um der übermäßigen Ego-Ausprägung individuell entgegenzuwirken. Zugleich vermöge die von einer Minderheit bewusst vollzogene Bewusstseins-Transformation möglicherweise jenen – außergewöhnlich schnell ablaufenden – kollektiven Evolutionssprung zu befördern, der die Menschheit im Angesicht der großen Katastrophe heute scheinbar allein noch retten kann.
Fazit: Trotz der kleineren Mängel gibt der gut ge­-schriebene „Fall“ faszinierende Antworten auf die alte Frage: „Wo kommen wir her, wo gehen wir hin?“

Freie Liebe und Anarchie
„Der Monte Verità – der ‚Berg der Wahrheit‘, am oberen Lago Maggiore im Schweizer Tessin unweit von Locarno gelegen, war vor hundert Jahren, zu Anfang des 20. Jahrhunderts, ein bekannter Begriff in [dem Münchener Künstler-Stadtteil] Schwabing – eine Legende, ein Gerücht, eine Verheißung, ein Ort, der die Fantasie beflügelte und ganz real ein Ziel war für alle Arten von Aussteigern, Zivilisationsflüchtigen, der Stadt und des Staates Überdrüssigen. Kaum ein anderer Ort hat so viele neue Lebensentwürfe inspiriert oder ist zur Projektionsfläche von Utopien geworden wie der Monte Verità und seine nähere Umgebung. Die komplexe Wechselwirkung zwischen den Kraftfeldern Schwabing und Monte Verità ist überraschend; sie beweist sich in allen Einzelheiten und begann schon damit, dass die Gründer […] sich in München trafen […] und hier den Plan fassten, eine Kooperative als Naturheilanstalt in südlicher Landschaft […] zu schaffen. So international diese Gruppe war, so war sie doch Teil einer ganzen Lebensreformbewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts vor allem in Nord­europa viele Anhänger gefunden hatte.“ – Bereits im ersten Absatz des von Ulrike Voswinckel sehr schön verfassten Begleitbuchs zur kürzlich in München gelaufenen Ausstellung „Freie Liebe und Anarchie – Schwabing und Monte Verità. Entwürfe gegen das etablierte Leben“ findet sich eine Antwort auf die Frage nach der Verbreitung der Lebensreformbewegung.

Großmama Anarchija
Das Buch sei allen wärmstens empfohlen, die sich für die Wurzeln des heutigen kern-kulturkreativen Themenkomplexes interessieren. Denn es ist ja wirklich kaum zu fassen: So vieles von dem, was heute als Pflasterstein auf dem Weg zur Weltrettung gilt, war vor über einhundert Jahren schon einmal dagewesen, wurde gedacht und gleich ausprobiert: Zurück zur Natur, freie Liebe (was damals hieß: Abschaffung der kirchlich/staatlich sanktionierten Ehe), befreite Erotik, einfaches Leben, gärtnerische Selbstversorgung, Freikörperkultur, Seminarhäuser, Landkommunen, Naturheilkunde, Frauen­emanzipation, Ausdruckstanz, Selbstbestimmung, Vegetarismus/Veganismus, experimentelle Spiritualität, Anarchismus, und – ich wollte es erst kaum glauben – sogar dessen Verknüpfung mit der damals noch in den Kinderschuhen steckenden Matriarchatsforschung!
Auch also, was ich in den vergangenen Jahren hier und auf www.Mama-Anarchija.net in dieser Hinsicht versucht habe, aufzuzeigen – nämlich wie faszinierend die Möglichkeiten einer gegenseitigen Ergänzung von Matriarchatsforschung und Anarchismus sein könnten –, hat seinen Vorläufer in der Zeit der Lebensreform: Der österreichische Arzt, Psychoanalytiker und bekennende Anarchist Otto Gross (1877–1920) hatte in seiner betont politischen Auffassung von psychoanalytischer Arbeit schon früh postuliert, dass „die Abschaffung patriarchaler Verhältnisse zugunsten eines Matriarchats nur über die Befreiung der Frau denkbar wäre, und zwar vor allem über die sexuelle Befreiung“, wie aus Voswinckels Buch zu erfahren ist. Die Inspiration für solche Gedanken zog Gross, wie auch einige andere herausragende Gestalten der damaligen Szene in Locarno/Schwabing, aus der Lektüre des Buchs „Das Mutterrecht“, welches der Matriarchatsforschungs-Pionier Johann Jakob Bachofen bereits rund vier Jahrzehnte zuvor veröffentlicht hatte.
Heide Göttner-Abendroth hat in den siebziger Jahren zusammen mit anderen Forscherinnen die von Bach­ofen begonnene Arbeit aufgegriffen und mit modernen wissenschaftlichen Methoden fortgeführt. Vieles von dem, was Bachofen seinerzeit verkündet hatte, musste seitdem wohl einer neuen Betrachtung unterzogen werden, und so weiß ich nicht, was genau Otto Gross und seine Freunde um das Jahr 1905 unter dem „Matriarchat“ verstanden; das vorliegende Buch verrät dazu leider nichts weiter. Doch soviel ist sicher: Da es sich um eifrige Verfechter einer herrschaftslosen Gesellschaftsform handelte, können sie schlecht jene „Frauenherrschaft“ gemeint haben, die leider heute noch in den Ausdruck hineininterpretiert wird.

Otto Gross: „Die kommende Revolution ist eine Revolution fürs Mutterrecht!“
Ulrike Voswinckels Ausstellungs-Begleitbuch gibt lebendige Eindrücke von Geist und Stimmung, die die Lebensreformer bewegte. Sie schafft das, indem sie die eng verbundene Geschichte zwischen Ascona und Schwabing anhand herausragender Biographien herausschält: nacheinander werden uns die Gründer der Siedlung, einige „Naturmenschen“ bzw. „Kohlrabiapostel“, AnarchistInnen, Maler, AusdruckstänzerInnen, Romanciers (darunter Hermann Hesse), Frauenrechtlerinnen und eben auch jener in Vergessenheit geratene Schüler Sigmund Freuds vorgestellt, der in der Szene eine der zentraleren Rollen einnimmt. „Gross aber ist sozusagen der Treibsatz, der alles verschärft und radikalisiert“, schreibt die Autorin. „Seine brillante Analyse des Vaterproblems öffnete einer ganzen Reihe von Autoren seiner Generation die Augen über ihr Leiden an der Gesellschaft; seine Befreiung der weiblichen Sexualität kam manchmal einem Planspiel gleich, in dem er die Hauptrolle spielte […] Seine wissenschaftlichen Theorien und psychoanalytischen Analysen bargen eine solche Sprengkraft, dass sie nach seinem Tod 1920 schnellstens aus dem öffentlichen Diskurs verdrängt wurden“ – was vielleicht auch daran gelegen haben mag, dass das Verhältnis zwischen den Kollegen Freud, C. G. Jung und Gross nach Auskunft des Buchs „komplex und von Eifersüchten vergiftet“ war.

  Autoren

Schilk, Jochen

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