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Zwanzig Minuten Urlaub
erschienen in Ausgabe 166
Betriebliche Gesundheitsförderung: Yoga, Taiji und ganzheitliche Therapiemethoden erproben sich in der Wirtschaft.

Arbeitgeber werden mit einem Betrag von 500 Euro pro Jahr grundsätzlich von der Steuer freigestellt, wenn sie für ihre Mit­arbeiter präventive und gesundheitsfördernde Leistungen anbieten. Hierzu zählen auch Kurse und beratende Angebote der freien Gesundheitsberufe. Zwar ist dafür manchmal persönliche Überzeugungsarbeit notwendig, aber es lohnt, sich für dieses künftige Tätigkeitsfeld zu qualifizieren. Einige Anbieter haben bereits ­Erfahrungen gesammelt, über die wir im Folgenden berichten.

Um den Gesundheitszustand der deutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist es nicht gut bestellt: Die Hälfte leidet häufig unter Rückenschmerzen und Verspannungen, ein knappes Drittel unter Zeitdruck und Hektik, berichtet die AOK. Auch die psychischen Beschwerden haben stark zugenommen: 2008 beruhten fast fünf Prozent aller Fehltage auf der Diagnose depressiver Episoden, vermeldet der Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse. Die fatalen Folgen dieser Entwicklung reichen bis hin zum Burnout-Syndrom. Einmal „ausgebrannt“, fallen die Mitarbeiter gleich für mehrere Wochen aus, dasselbe gilt für schwerere Rückenprobleme. Damit es dazu nicht kommt, investieren immer mehr Unternehmen in die betriebliche Gesundheitsförderung (BGF). Aufgrund der psychosomatischen Zusammenhänge rufen die typischen Beschwerdefelder wie Rücken, Schulter und Nacken sowie Depression oder Burnout auch die freien Gesundheitsberufe auf den Plan. Während sich Kunst-, Tanz- und Musiktherapeuten der emotionalen und psychomentalen Gesundheit widmen, kümmern sich Taiji-, Qigong- und Yogalehrer oder Shiatsu- und Massagetherapeuten um die somatopsychische Gesundheit. Wie sieht das in der Praxis aus?

Ruheoase im Arbeitsalltag
Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Ergo Versicherungsgruppe gibt es am Standort Hamburg seit zwei Jahren einen ganz besonderen Gesundheitsservice: Jeden Monat kommt Shiatsu-Therapeutin Silke Wehlert mit ihrer Kollegin Monika Rath für vier Tage von neun bis zwölf Uhr vorbei. Die Coupons für zwanzig Minuten auf dem Massagestuhl finden reißenden Absatz. Es dauert nicht länger als die Zeit einer Behandlung, bis alle Coupons verkauft sind. Anfangs war Silke Wehlert noch skeptisch, ob sie die Tiefe einer Shiatsu-Behandlung auch in diesem Setting bewahren könne. Rückblickend hat sie aber festgestellt, dass es sehr gut geht. „Die Menschen schalten richtig ab, entspannen, genießen die wohltuende Ruhe und ein Gefühl von Frieden. Viele kommen völlig abgehetzt und stehen entspannt und dankbar auf. Für mich als Therapeutin ist das sehr erfüllend.“ In Kontakt mit dem Unternehmen kam Silke Wehlert über eine Mitarbeiterin. Es folgten Gespräche mit Personal- und Gesundheitsverantwortlichen und eine Probebehandlung. Momentan wird das Angebot ausgeweitet, so dass gegebenenfalls auch eine Shiatsu-Behandlung auf der Matte möglich wird.

Bewegung, Ernährung und Entspannung
Deutschlandweit wurden im Jahr 2007 über 600 000 Beschäftigte von BGF-Maßnahmen erreicht, dazu kommen rund 1,9 Millionen Versicherte in Präventionskursen, so die aktuellen Schätzungen des Präventionsberichts 2008. Nach dem Willen des Gesetzgebers sollen diese Zahlen in den nächsten Jahren noch deutlich ansteigen. Im Jahressteuergesetz 2008 (§ 3 Nr. 34 EStG) wurde deshalb festgelegt, dass jährliche BGF-Maßnahmen bis zu einem Betrag von 500 Euro pro Person für den Arbeitgeber steuerfrei sind. Grundlage für die steuerfreien BGM-Maßnahmen bilden die gesundheitsfachlichen Bewertungen der Krankenkassen. Hierunter fallen Leistungen, die im Leitfaden „Gemeinsame Handlungsfelder und Kriterien der Spitzenverbände der Krankenkassen zur Umsetzung von § 20 Abs. 1 SGB V und § 20a SGB V“ für die Leistungen der betrieblichen Gesundheitsförderung aufgeführt sind. Bahn frei also für die freien Gesundheitsberufe? Leider nicht ganz. Denn die Spitzenverbände der Krankenkassen schreiben genau vor, welche beruflichen Voraussetzungen ein Anbieter erfüllen muss, damit ein Unternehmen oder eine Teilnehmerin die Förderung durch die Krankenkasse bekommt.

Formale Hürden
Eine formale Hürde für die Anbieter stellt in der Regel die Forderung nach einem staatlich anerkannten Grundberuf dar, wie z. B. Krankengymnastin, Physiotherapeut, Sport- oder Gymnastiklehrerin. „Wer diese Voraussetzung nicht erfüllt, muss die Krankenkassen oder die Kunden persönlich durch die Qualität seines Angebots überzeugen“, erklärt Sonja Blank, Geschäftsführerin beim Dachverband Freie Gesundheitsberufe. „Entscheidend ist, dass das Angebot die tatsächlichen Probleme adressiert und den Nutzen der BGF-Maßnahme für Unternehmer, Gesundheits- und Personalverantwortliche verständlich macht.“ Dieser Meinung ist auch Elisabeth Kaiser, Leiterin des Yoga-Vidya-Zentrums in München-Unterhaching und Mitinitiatorin der Münchener Yoga Business Partner „yogabiz“. „Allerdings“, so die ehemalige Bankmanagerin, „fällt der Weg ins Unternehmen nicht jedem gleich leicht. Gerade Yogalehrende ohne Business-Erfahrung haben oft das Gefühl, eine fremde Welt zu betreten, und tun sich schwer damit, Yoga als Dienstleistung zu vermarkten. Deshalb stellen wir der Ausbildung zum zertifizierten Business Yogalehrer (BYV) zunächst ein Orientierungsseminar voran, das die grundlegenden Besonderheiten des Betätigungsfelds darlegt.“

Die Besonderheiten im Business
Wer in der betrieblichen Gesundheitsförderung tätig werden möchte, muss sich mit einer ganz speziellen Klientel vertraut machen, die richtigen Ansprechpartner im Unternehmen finden und überzeugen. Meist bieten die Berufsverbände den Anbietern Hilfestellungen in Form von Fortbildungen für den Einsatz in der Geschäftswelt. Sind die nötigen Grundlagen geschaffen, so gilt es, eine geeignete Angebotsform auszuarbeiten. Das kann ein wöchentlicher Taiji-Kurs sein, ein Tag in der Woche mit Shiatsu-Behandlungseinheiten oder ein Wochenend­seminar „Yoga für Stressmanagement“. Manager sind am besten mit Einzelcoachings oder speziellen Seminaren zu erreichen, denn oft steht die eigene Stellung im Unternehmen einer Teilnahme im „normalen“ Kurs entgegen. „Für den Transfer in das Management und die damit verknüpften Herausforderungen sollte das Angebot auch Elemente wie Zielbestimmung, Konfliktlösung und Kommunikation beinhalten“, findet der Business-erfahrene Coach Detlef Klossow, der zugleich Qigong- und Taiji-Lehrer ist. „Da könnte weiter gedacht werden. Durch meine Tätigkeit im Auftrag von Geschäftsleuten und Unternehmern weiß ich: Wir sind längst in der Wirtschaft angekommen, aber gleichzeitig auch noch nicht ganz da.“

Individuelle Konzepte überzeugen
Für die Vermarktung bieten die bestehenden Klienten und Schüler eine gute Ausgangsbasis. Als „Türöffner“ können sie den ersten Kontakt zu den Verantwortli­chen herstellen und dem Anbieter auf diese Weise zu einem persönlichen Vorstellungstermin verhelfen. Auch Partnerschaften bieten sich an: mit Krankenkassen, Unternehmensberatungen oder anderen Anbietern im Gesundheitsumfeld. Besonders überzeugend sind Konzepte, die ein klares Verständnis von der besonderen Zielgruppe deutlich machen. Das müssen nicht nur Menschen in Privatunternehmen sein: Wiebke Ott-­Ziebur aus Eckernförde bietet zum Beispiel die Körperarbeit nach Milton Trager erfolgreich in den Behindertenwerkstätten einer diakonischen Einrichtung an – sowohl für die Menschen mit Behinderung als auch für das Personal. Ihre Nürnberger Kollegin ­Adelgunde Thoeren führt seit zwei Jahren auch die sogenannte Business-Massage in einem Unternehmen durch. Die mobile Massage erfolgt auf einem Stuhl. „Es macht Freude, zu sehen, wie sich die Körper der Menschen durch wiederholte Behandlungen verändern und sich das Betriebsklima nach und nach verbessert!“ Diesen Sommer hat sich die Nachfrage schlagartig erhöht. Wenn das so anhält, kann die Trager-Therapeutin rund zehn Prozent ihres Einkommens aus Aufträgen im Business bestreiten. Der Massagestuhl ist für sie ein guter Türöffner, um auf Messen und in Büros neue Kontakte zu knüpfen.

Die Geschäftsleitung muss dahinterstehen
Entscheidend für die Dauer und Akzeptanz der Dienstleistung ist laut Adelgunde Thoeren, dass die Geschäftsleitung hinter der Präventionsmaßnahme steht. Je angetaner der Chef oder die Chefin ist, desto begeisterter nehmen die Mitarbeiter das Angebot an. Diese Erfahrung hat auch Claudia Bauer aus München gemacht. Die staatlich geprüfte Gymnastiklehrerin arbeitet hauptberuflich als Yogalehrerin und unterrichtet unter anderem bei dem weltweit tätigen Kunststoffzulieferer Baerlocher. Der Chef der mittelständischen Firma ist ebenfalls yogabegeistert und hat den Inhouse-Kurs persönlich angeregt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Führungskräfte auch mit ganzheitlichen oder gar spirituellen Themen beschäftigen, ist übrigens nicht gering: Laut einer repräsentativen Umfrage, die das Marktforschungsinstituts TNS Infratest im Auftrag des Unternehmens Innervestment im Januar 2009 durchführte, praktiziert nicht nur jeder fünfte Deutsche Techniken wie Yoga oder Meditation, sondern auch jede sechste deutsche Führungskraft (16,7 Prozent) – dies entspricht etwa dreizehn Millionen Bundesbürgern beziehungsweise mehr als 800 000 deutschen Unternehmern und Unternemerinnen, leitenden Angestellten oder leitenden Beamten.
Solche Zahlen, aber auch die zuvor gezeigten Beispiele, machen Mut. Selbst der Wirtschaftskrise zum Trotz – oder gerade wegen der Wirtschaftskrise und den höheren Belastungen für die Angestellten – hält der Trend zur betrieblichen Gesundheitsförderung an. Anbieter in freien Gesundheitsberufen können auf diese Weise noch mehr Menschen mit ihren ganzheitlichen Methoden erreichen und so für mehr Gesundheit und Ausgeglichenheit in den Unternehmen sorgen. Sie selbst profitieren dabei nicht nur finanziell, sondern auch persönlich. Vorurteile über die Menschen in der Wirtschaft werden abgebaut, die tiefe Begegnung erweitert den Horizont auf beiden Seiten. Eine erfüllende Art von Geschäftsbeziehung, ganzheitlich und zum Nachahmen empfohlen.



Die erwähnten Umfrageergebnisse finden sich unter:
www.innervestment.com/presse.html

Hans-Peter Bayerl ist seit 2002 als freiberuflicher Fachjournalist, Kommunikationsberater und Yogalehrer (BYV) tätig. Seit 2003 unterreichtet er Business Yoga in der Münchener Finanz-, Beratungs- und Medienbranche. Er ist Mitbegründer der Kooperation yogabiz – Yoga Business Partner, in dessen Rahmen auch Yoga-Fortbildungen stattfinden. Hans-Peter Bayerl ist verheiratet und Vater einer zweijährigen Tochter. Kontakt: service@redaktionbayerl.de


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Bayerl, Hans-Peter

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