Wieder heimisch werden in einer als bedrohlich empfundenen Welt.Norbert Gahbler über seinen Weg in der Krise.
Es ist gewiss nicht leichter geworden, engagiert für das Leben, die Erde und ein nachhaltiges Wirtschaften einzutreten. Die Finanz- und Bankenkrise oder der noch bedrohlichere Klimawandel verlangen radikal neue Lösungen für die Art, wie wir produzieren und konsumieren, wie wir mit unseren Mitmenschen und der Natur umgehen. Die neue Bundesregierung, aber auch die anderen Regierungen in Europa und der Welt geben uns wenig Anlass zu Hoffnung. Norbert Gahbler, Trainer für „Tiefe Ökologie“, fragt sich: Wie können wir dem notwendigen Wandel Kraft geben?
Mit dieser Frage beschäftigt, fiel mir die Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ in die Hände, erstellt vom „Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie“ und herausgegeben vom BUND, „Brot für die Welt“ sowie dem „Evangelischen Entwicklungsdienst“. Was haben diese wichtigen gesellschaftlichen Organisationen und dieses renommierte wissenschaftliche Institut uns an Zukunftsempfehlungen zu geben? Aus dem Blickwinkel der Tiefen Ökologie haben mich die folgenden Sätze besonders angesprochen:
„Achtsam leben: Das Private ist politisch“, so steht es in der Überschrift im Kapitel 20 der Studie. Und weiter wird ausgeführt: „Es ist gewiss kein Zufall, dass die Tugend der Achtsamkeit in der buddhistischen Lebenslehre einen zentralen Stellenwert einnimmt. Wer nur seine eigenen Ziele verfolgt, tut sich selbst nichts Gutes. Mehr verspricht eine Haltung, die das Ganze einer Situation in sich aufnimmt … Entscheidend ist nämlich, über das eigene Wohlergehen hinaus auch dasjenige entfernter Menschen und Situationen mitzubedenken.“
Für mich als Trainer in der „Arbeit der Tiefen Ökologie“ klingen diese Worte ziemlich normal. Gleich möchte ich sie für mich erweitern, neben das „mit-zu-denken“ im letzten Satz möchte ich das „mit-zu-fühlen“ stellen, die menschliche Fähigkeit zum Mitgefühl, zur Empathie.
Doch dann, nach ein paar Atemzügen in Achtsamkeit, spüre ich in mir Erstaunen und Freude. Hier wird die Bereitschaft von uns Menschen, uns mit anderen Lebensarten auf der Erde zu identifizieren, unsere Fähigkeit, in Achtsamkeit die Dinge zu betrachten und Entscheidungen zu treffen, beschrieben als etwas Selbstverständliches. Und das von einem in unserer Gesellschaft anerkannten wissenschaftlichen Umwelt- und Forschungsinstitut. Wow! Gerade mal 30 Jahre ist es her, dass ich mich in den erbitterten Schlachten um die Atomkraftwerke unvermittelt in der Konfrontation mit Staat und Polizei wiederfand. Wir fühlten uns damals absolut am Rand der Gesellschaft, wurden von Politik, Gewerkschaften und Medien gleichermaßen verspottet. Doch spürten wir sehr genau, auf welcher Seite der Auseinandersetzung Korruption und Gier die treibende Kraft war und nicht eine lebens- und zukunftsbejahende Einstellung. Und heute dies: In den letzten Wochen des Wahlkampfs wurde veröffentlicht, dass mittlerweile gut 80 % der bundesdeutschen Bevölkerung Atomkraft klar ablehnt.
Ich glaube, wir alle sind noch immer ein Stück am Rand der Gesellschaft: meine Kollegin Gabi Bott, die das Ökodorf „Siebenlinden“ als ihren Lebensmittelpunkt gewählt hat; der Kollege Gunter Hamburger, der als Leiter einer großen Sozialeinrichtung vor ein paar Jahren ein Sabbat-Jahr genommen hat, um mit seiner Frau Barbara gemeinsam Friedensorte und -initiativen auf der ganzen Welt zu bereisen; meine Kollegin Gabriele Kaupp, die Menschen in die Wildnis eines entlegenen Tals in Slowenien begleitet, oder ich selbst, mit vielen Jahren Erziehungsurlaub- und Hausmann-Erfahrung, der ich heute Männer berate und coache.
Ein Stück unnormal müssen wir wohl auch sein, um uns auf eine Arbeit einzulassen, die von sich sagt, „Tiefe Ökologie liefert weder Rezepte, noch vermittelt sie ultimative Wahrheiten. Tiefe Ökologie öffnet neue Erfahrungsräume, indem sie fragt, was und wer wir sind, woher wir kommen, wo unser Platz im größeren Zusammenhang des Lebens ist und was unsere Verantwortung als ZeitzeugInnen und ZeitgenossInnen in dieser Phase der Entwicklung ist.“
Arbeit, die wieder verbindet
Tiefe Ökologie (bzw. Tiefenökologie, engl. deep ecology) ist der Begriff, der sich seit Ende der 80er-Jahre weltweit verbreitete als Bezeichnung für die konsequente Einsicht, dass in den Kreisläufen des Lebens und der Natur alles mit allem in tiefgreifender Verbindung und in wechselseitiger Abhängigkeit entstanden ist und sich so gemeinsam im Leben hält.
Angewandte Tiefe Ökologie beginnt mit der Kunst der „Identifikation“. Uns als Menschen zu identifizieren mit anderen Menschen, mit zukünftigen Menschenwesen, mit nicht-menschlichen Lebewesen, Tieren, Bäumen, Pflanzen, Moosen, Meeren, Bergen, Steinen – mit allem, was unser Universum ausmacht. Diese Identifikation hilft uns, wieder heimisch zu werden in einer Welt, die uns Angst macht. Angst, dass angesichts von Entlassungen und Hartz IV die eigene Existenz immer ungewisser wird, Angst vor einem Börsen- oder Bankencrash, durch den das mühsam Ersparte allzu plötzlich weg sein könnte, oder Sorgen angesichts der absehbaren Klimaveränderung. Tiefe Ökologie gibt uns Selbstwert, wenn auch nicht in dem konkurrenzgeprägten Verständnis, das uns der Individualismus unserer Zeit vorspiegelt, sondern im Eingebundensein in die natürlichen, evolutionär gewachsenen Zusammenhänge.
„Arbeit, die wieder verbindet“ (the work that reconnects) ist der Begriff, den die Friedensaktivistin und Tiefenökologin Joanna Macy heute oft dafür verwendet. Eine Arbeit, die uns wieder verbindet mit unserem direkten Lebensumfeld, sei es die Familie, Freunde und Freundinnen, eine gewählte Lebensgemeinschaft oder eine zufällige Nachbarschaft; auch verbindet mit anderen gleichgesinnten Menschen rund um den Globus, aber auch mit anderen Lebensformen, mit denen wir im ökologischen Lebensraum sowieso täglich verbunden sind, wenn wir den Sauerstoffhaushalt der Luft, den Wasserkreislauf oder die Nahrungskette betrachten.
Wir haben in den letzten Jahrhunderten – und besonders in den letzten zwanzig Jahren – mit der Dominanz des Neoliberalismus und der profitorientierten Wirtschaftsglobalisierung ein Verständnis von uns Menschen in der Welt und von uns Individuen untereinander hervorgebracht, das uns ganz schön allein dastehen lässt. Die Verbindung mit unserem Lebensumfeld, der Natur, galt viel zu lange als weniger wichtig, die Beziehung untereinander war von Konkurrenz und Misstrauen, wenn nicht sogar von Angst, geprägt, und das in einem Ausmaß, dass heute unsere Existenz bedroht ist.
Ein weiterer Begriff von Joanna Macy, der von vielen aufgenommen wurde, ist der „Große Wandel“. Knapp gefasst, will sie damit sagen, dass dies ein Wandel, eine revolutionäre Veränderung ist: von der industriellen Wachstumsgesellschaft zu einer langfristig lebenserhaltenden Gesellschaft – zur Nachhaltigkeit.
Der Große Wandel
Dieser Wandel beinhaltet vor allen drei Dimensionen: Erstens die aufhaltenden Aktionen à la Greenpeace etc., die dafür sorgen, dass ein Teil Leben mehr erhalten bleibt, ein Stück evolutionärer Arbeit und Entwicklung weniger zerstört wird oder ausstirbt. Zweitens das Verstehen der Mechanismen des herrschenden Systems und die Entwicklung von Alternativen durch die Gruppen von Globalisierungsgegnern, Naturschützern, Eine-Welt-Unterstützern, Ökodörflern, Alternativstrombeziehern usw., die das Fachwissen nicht mehr den Spezialisten überlassen, sondern selbst lernen, verstehen und verändern wollen. Aber auch durch Menschen in den etablierten Parteien und Organisationen, die merken, dass es so nicht mehr weitergeht. Und drittens meint Macy einen Wandel im Bewusstsein von möglichst vielen Menschen, was unsere Position und Aufgabe als „Menschentiere“, als aus der Evolution hervorgegangene Lebewesen auf dem Planeten Erde angeht.
Mit jeder Zelle meines Körpers
Der australische Regenwald-Aktivist John Seed hat sein Engagement einmal so beschrieben: „Das, was hier stand, war nicht einfach ich, John Seed, der Mensch, der an einer Aktion zum Schutz des Walds teilnahmen. Als ich da stand, vor mir die Motorsägen, der Lärm, die Polizei und hinter mir der Wald, da begriff ich plötzlich – nein, wusste ich plötzlich mit jeder Zelle meines Körpers – dass ich der Regenwald bin, der sich selbst schützt. Sich selbst schützt durch dieses kleine Stückchen Menschheit. Menschheit, die erst vor ein paar hunderttausend Jahren im Schoß des Urwalds entstanden war. Ich bin ein Teil des Regenwalds und schütze mich hier selbst. Ich bin der Teil des Regenwalds, der erst vor kurzer Zeit die Fähigkeit des Denkens und der Selbsterkenntnis entwickelt hat.“
Diese drei Dimensionen gemeinsam machen den Großen Wandel möglich. Keine für sich allein vermag das. Viele von uns sind in mehreren dieser Bereiche gleichzeitig aktiv, schützen ein Stück Natur und spüren die Kraft und Verbundenheit der Bäume oder bauen ihr Biogemüse an und stellen sich quer gegen Atomkraft. Für mich war es ungeheuer erleichternd, als ich von diesem Konzept zum ersten Mal hörte. Es befreite mich von der (wahrscheinlich typisch deutschen) abgrenzenden Fragestellung, ob das eine oder das andere wichtiger oder richtiger sei. Es lässt mich vertrauen, dass schon ungeheuer viele Menschen auf dem ganzen Globus unterwegs sind, diesen Wandel herbeizuführen und ihm Kraft zu geben. Denn dieser Wandel hat längst begonnen.
So gründeten wir 1992 unter Kolleginnen und Kollegen die „Gesellschaft für angewandte Tiefenökologie“ (GaTÖ). Dabei wurde auch die Idee geboren, ein ganzheitliches Jahres-Training, das „Holon-Training“, anzubieten, um Menschen mit Werkzeugen auszustatten, die es ihnen ermöglichen, zum Großen Wandel beizutragen, wo immer sie gerade in ihrem Leben wirken.
Bewusster glücklich sein
Für mich wurde das Holon-Training immer wieder zu einem ganz wichtigen Erlebnis. Hier treffe ich Menschen, die mir mit ihren neuen Erfahrungen Mut machen. Gemeinsam lernen wir, die Welt neu zu sehen, und zeigen uns unsere Gefühle, unsere Verzweiflung und unsere Hoffnung.
In dem Training ist viel Raum für das, was wir tagtäglich in uns fühlen, angesichts von Gier und Geiz, von Gleichgültigkeit und mutwilliger Ausbeutung, von Zerstörung und Profitsucht. Diese Gefühle mit all den in uns schlummernden oder wütenden Regungen auszudrücken, mit ihnen in Bewegung und in gegenseitigen Kontakt zu kommen, verhilft uns zu der wichtigsten Erfahrung: Ich bin nicht allein!
Dazu kommt Verstandesarbeit: lernen zu begreifen, welche Irrtümer und Fehleinstellungen uns Menschen zu solchem Handeln geführt haben. Hier bedienen wir uns unter anderem der Systemtheorie über neueste Erkenntnisse aus der Physik und Biologie, dem Natur- und Evolutionswissen und auch der Weisheiten uralter Traditionen und Eingeborenenwissen. Letzteres stellt dann auch schon den Übergang zu spirituellen Erfahrungen dar, sagen doch all die alten Weisen immer wieder eines: Die Erde ist heilig!
Horst, ein Teilnehmer des Trainings, drückt das so aus: „Durch das Holon-Training habe ich die Chance, mich tatsächlich in der Natur zu verankern und die Heiligkeit jedes Wesens zu spüren. Ich erlebe den Wert tiefer Dankbarkeit und bestaune jeden Tag meine Existenz hier in diesem Teil des Alls in dieser spannenden Zeit.“
Und dann, wenn Einsichten auf emotionalen, spirituellen oder intuitiven Erfahrungen gründen, entsteht ein Wunsch nach Handeln, nach Einflussnahme, nach Mit-Tun im Großen Wandel. Weniger als Betroffenheits- und Anspruchsdenken – was der Erfahrung nach allzu oft nur Strohfeuer ist oder zum Burn-out führt – sondern eher so wie John Seed es beschreibt: „Ich wusste es mit jeder Zelle meines Körpers.“
Evelyne sagt es mit ihren Worten: „So viele Jahre habe ich politisch gekämpft. Oft war ich entmutigt, weil ich viel zu wenig Veränderung sah, weil wir die Mächtigen nicht erreichten. Zwar habe ich mich als Teil des Ganzen gesehen und auch danach gehandelt, habe bei mir selbst angefangen, zum Beispiel meine Konsumgewohnheiten zu verändern. Jedoch immer mit dem Zweifel: Was bringt es für das große Ganze? Wen erreichen meine winzigen Bewegungen überhaupt? Neu ist für mich das Bewusstsein, Teil eines Systems zu sein, das sich ständig verändert, weil es lebt. Wenn ich jetzt etwas tue oder lasse, so erkenne ich die Wirkung, die das auf das Ganze hat.“
Solch ein politisches Handeln kann auch recht klein und alltäglich sein. „Ich bin viel aufmerksamer geworden, was ich einkaufe, wie viel und was für eine Energie ich verbrauche, wo und wie ich es ‚ein bisschen besser‘ machen kann. Und diese neue ‚Arbeit‘ bringt mehr Leichtigkeit und Freude in meinen Alltag: Ich finde mich in Ordnung, ich weiß, dass ich versuche, mein Bestes zu tun – wo auch Fehler, Misserfolge, Enttäuschungen einen Platz haben. Ich bin viel glücklicher oder, besser gesagt, ‚bewusster glücklich‘“, wie sich die Teilnehmerin Stefania ausdrückte.
Die Welt retten? Ja, aber nicht mehr so abstrakt, sondern, indem ich mich als denkender und mitfühlender Mensch auf allen Ebenen, die mir möglich sind, entwickle und engagiere.
Mit Ungewissheit leben
Schauen wir noch einmal in die Studie des Wuppertal Instituts, unter dem Stichwort „Ausblick“: „Zunächst einmal ist festzuhalten: Der Wandel ist schon im Gange. Er wartet nicht auf Regierungsbeschlüsse und EU-Richtlinien, er greift Platz durch große und kleine Initiativen vielerorts in der Gesellschaft. Gewiss, die Mehrheit der Gesellschaft ist daran noch nicht beteiligt. Aber Geschichte ist selten von Mehrheiten gemacht worden. … Zwar haben Minderheiten nicht die Macht, aber sie haben Einfluss. Sie reagieren früh auf sich anbahnende Umbrüche, sie verkörpern neue Sensibilitäten, sie bringen dringende Forderungen zur Sprache und realisieren neue Lösungen.“
Tiefe Ökologie bietet keine dogmatischen Antworten, keine fertigen Lösungskonzepte für eine neue und bessere Welt. Tiefe Ökologie stärkt die Fähigkeit, die Beziehung und Bewegung zwischen den Teilen zu erkennen, die Dynamik des Lebens und der Lebensprozesse als Halt zu begreifen: Wenn wir das mechanische Weltbild der eindeutigen Ursache-Wirkung-Prinzipien ersetzen durch ein Verständnis wechselseitiger, uns in Verbindung setzender Beziehungen, dann mag das zunächst einmal so sein, als würden wir unseren festen Stand verlieren. Aber wenn wir gelernt haben, dass das Leben uns trägt in seinem Fluss, dann erkennen wir die Stärke von In‑Beziehung‑Sein, sowohl unter Menschen als auch mit der nichtmenschlichen Natur. Dann gelingt es immer leichter, neben dem Mitleid auch die Mitfreude zu fühlen, Freude und Dankbarkeit für die Stärken anderer. Das ist subversiv, durchbricht Konkurrenz und Vereinzelung und trägt zum Wandel bei.
Und doch ist es nicht gewiss, dass der Wandel rechtzeitig passiert, dass die Veränderung im tatsächlichen Verhalten der Menschen kommt, bevor das Lebenssystem Erde unwiederbringlich zerstört ist. Aber Joanna Macy, deren Buch „Die Reise ins Lebendige Leben“1 in Japan den Titel „Verzweiflung ist unsere beste Hoffnung“ trägt, kehrt diese Ungewissheit in Stärke: „Der Große Wandel lenkt meinen Blick auf das, was möglich ist, und hilft mir dabei, mit radikaler Ungewissheit zu leben. Er lässt mich daran glauben, dass wir – unabhängig davon, ob unser Handeln zum Erfolg führen wird oder nicht – jetzt und hier für das Fortbestehen des Lebens gemeinsam Wagnisse eingehen, und uns so neue Dimensionen menschlicher Intelligenz und Solidarität erschließen, wie wir sie noch nie gekannt haben.“2
1) Joanna Macy, „Die Reise ins lebendige Leben – Strategien zum Aufbau einer zukunftsfähigen Welt“; Junfermann, Paderborn 2003
2) Joanna Macy in „Geliebte Erde, gereiftes Selbst – Mut zu Wandel und Erneuerung“, Joanna Macy; Junfermann, Paderborn 2009, S. 143
Norbert Gahbler, 55, Trainer in der Gesellschaft für angewandte Tiefenökologie und Männertherapeut; seit vielen Jahren Übersetzer für die Arbeit von Joanna Macy.
www.mannforum.de
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