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Impressum
Aufbruchsstimmung im Süden
erschienen in Ausgabe 166
Geseko von Lüpke und Wolfgang Sechser erleben die aufregende Gründungsphase eines „Ökodorfs Süd“

Gerade in Zeiten zugespitzter Krisen gewinnen
Versuche an Bedeutung, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen und neue Wege zu beschreiten. In der Nähe von München sind mittlerweile mehr als einhundert Aktive und Interessierte dabei, sich als Gemeinschaft zusammenzufinden und nach einem geeigneten Platz für ein „Ökodorf Süd“ Ausschau zu halten. Die beiden Autoren, die an diesem ehrgeizigen Projekt teilnehmen, berichten über die Ziele und Erfahrungen der seit 2007 existierenden Gemeinschaft der Gründerinnen und Gründer.


Es war im Juli 2007 an einem heißen Sommertag in München, dem wohl einzigen Ort in der Bundesrepublik, wo noch verwundert geschaut wird, wenn die Rede auf „Gemeinschaften“ kommt. Acht Personen waren zusammengekommen, um den Versuch zu machen, gemeinsam so an einer Vision zu weben, dass daraus ein Teppich wird, der alle in eine andere Zukunft trägt. Denn wer da zusammensaß, das waren keine Weltflüchtlinge oder Aussteiger, sondern ziemlich erfahrene Menschen aus der Zivilgesellschaft, aus Unternehmen und aus dem ganz normalen Leben. Wir fanden uns zusammen als Menschen, die ihr Potenzial entwickeln und Angst in Vertrauen verwandeln wollen. Da gibt es auch unüberhörbar den „inneren Ruf“, unseren Kindern eine Welt zu erbauen, in der sie sich entfalten können.

Die gemeinsame Vision
Das erste, was entstand, war eine gemeinsame Vision, die an vielen Abenden und Wochenenden gemeinsam durchfühlt, diskutiert und aufgeschrieben wurde. Es kamen viele gute Idee zusammen: Selbstversorgung über eine eigene Gärtnerei, gemeinsames Leben und Arbeiten, Plätze für starke und schwache Kinder, eine vielfältige Spiritualität, generationsübergreifendes Wohnen, regenerative Energieversorgung, Kreativität und Kunst.
Im Zentrum stand ganz ausdrücklich auch ein neuer ökonomischer Ansatz: Hier soll eine Gemeinschaft entstehen, die Strukturen solidarischer Ökonomie umsetzen kann. Wonach wir suchen, ist eine „Ökonomie des Herzens“ mit eigenen solidarischen Unternehmen und Akademien, sozialen Einrichtungen und einem Gesundheitszentrum, mit Hospiz und Geburtshaus, einer Lebensschule, einem Lebenshaus für hilfesuchende Menschen und neuen Tätigkeitsbereichen für die „Ältesten“. Haus an Haus mit Seminarbetrieb, Kunsthandwerk und Dienstleistungen, Umweltunternehmen und Handwerksbetrieben. Alles immer wieder durchmischt mit Versuchen von gemeinsamer Ökonomie, Einkommensgemeinschaften, Gesundheitsfonds, genossenschaftlichen Unternehmensformen. Angestrebt werden Experimente mit gemeinsamen Grundeinkommen, Zeitbankmodellen und einem eigenen Wohlstandsfond. Und es schälte sich bald heraus, dass die „Initiative In-Gemeinschaft-Leben“ – wie wir uns in Ermangelung einer Ortbezeichnung vorläufig noch nennen – zudem auch einer zunehmend orientierungslosen Wirtschaftswelt Optionen bieten will: zum Beispiel mit Angeboten für nachhaltige Unternehmen, sich beim künftigen Ökodorf anzusiedeln – und damit nicht nur ihre Vision durch ein besonderes Umfeld erlebbar zu machen, sondern auch die Synergieeffekte zu nutzen: Mitarbeiter können bei uns leben, Kinder können betreut werden, es wird eine Kantine mit biologischem Essen geben, eine gemeinsame ökologische Infrastruktur und ein integriertes Marketing für das ganze gesellschaftliche Experiment.
Dabei baut das Finanzierungskonzept auf einer fundamentale Grundlage auf: Privatbesitz an Grund und Boden soll es im „Ökodorf Süd“ nicht geben. Eine Genossenschaft wurde bereits gegründet. Jedem ist klar, dass heute die bes­te Absicherung und Kapitalanlage eine Investition in regio­nale solidarische Netzwerke, Landwirtschaft und gemeinschaftliches Wohnen ist. Der Ausstieg aus der nicht überlebensfähigen Finanzwirtschaft soll auch hier neue Optionen anbieten: Unternehmen oder Kapitalgeber können sich in das Dorf und all seine Unternehmen einkaufen und erhalten statt Zinsen und Stimmrechten Lebensqualität – vielleicht Betreuungs- und Pflegezeiten im Alter, wenn die Rentensys­teme am Boden sind. Vielleicht werden ihnen aber auch Bildung, Urlaub oder Gesundheitstage im künftigen Dorf zurückgezahlt. Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis die Option, in so ein Zukunftsprojekt zu investieren, viel inter­essanter wird als jeder globalisierte Hedgefonds.

Die virtuelle Gemeinschaft
Jede und jeder, die in den letzten 28 Monaten zur Gemeinschaft stießen, hat Ideen, Pläne und Visionen eingebracht. Manche gingen, andere kamen. Und zwar aus allen Ecken der Gesellschaft: aus den unterschiedlichsten Berufen Handwerker und Kleinunternehmer, Freiberufliche und Angestellte, Arbeiter und Manager, sie kamen als Familien und Singles, Mütter und Hausmänner. Nachdem wir uns geöffnet und uns im Münchener Ökologischen Bildungszentrum der Öffentlichkeit gestellt hatten, waren wir plötzlich kein kleiner, illustrer Kreis mehr, plötzlich wollten 70 Leute mitmachen. Es galt Strukturen zu erfinden und zu ändern, immer wieder angepasst an das rasante Wachstum der virtuellen Gemeinschaft. Es galt Kriterien zu finden für die Aufnahme neuer künftiger Bewohner, es galt das Projekt wie ein UFO zu bauen, das dann jederzeit an einem beliebigen Ort landen könnte und die Träume lebbar machen sollte. Mehr als 20 Arbeitskreise entstanden, die sich mit Siedlungsplanung oder Landwirtschaft, mit sozialen Projekten oder Kultur, mit Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen, mit geistigen Impulsen und Unternehmensgründungen, mit Objektsuche und Finanzierungsoptionen, mit Siedlungsbau und Energiefragen beschäftigen.
Wahrscheinlich gibt es in der Szene nur wenige Initiativen, die sich schon im Vorfeld – also ohne einen Boden zum Bauen, Wohnen und Gestalten – so intensiv mit der Planung ihrer Zukunft auseinandergesetzt haben. Bald schon stellte sich heraus, dass auch ein virtuelles Dorf seine Konflikte hat, Emotionen hochkochen, Beziehungsthemen aufbrechen. Das „Ökodorf Süd“ entschied sich für intensive, regelmäßige Wir-Prozesse, sei es nach dem australischen Community-Pionier Scott Peck oder orientiert am „Forum“ oder an der uralten Form des „Councils“ – alles Methoden der Gemeinschaftsbildung, die zugleich doch auch Zugang schaffen zu dem spirituellen Feld einer Gruppenseele, die letztlich alles zusammenhält. Bei aller hochdrehenden vordergründigen Aktivität soll auch immer Platz sein für die Arbeit an der eigentlich tragenden Beziehungsqualität.
Gut zwei Jahre nach dem heißen Julitag 2007 sind wir zwar noch eine Gemeinschaft ohne Dorf, aber längst schon eine Community. Rund zwei Dutzend Menschen haben sich fest entschlossen, in die Gemeinschaft einzutreten, ein Großteil davon hat bereits Genossenschaftsanteile eingebracht. Regelmäßige AG-Treffen, monatliche Plenumstreffen, Gemeinschaftstage, Feste, Biografie-Wochenenden und Foren vernetzen die rund 70 Aktiven und noch mal so vielen Interessenten. Inzwischen haben wir unsere eigenen Meditations- und Arbeitsräume in München angemietet, die uns auch als späterer städtischer Anlaufpunkt bleiben sollen.

Der gesuchte Ort
Nach wie vor planen wir ein Dorf mit 100 bis 150 Bewohnern, weil wir mit der so entstehenden Komplexität und Vielfalt auch politische und ökonomische Experimente wagen können. Über ein vier Hektar großes Grundstück bei Augsburg wird momentan mit Banken verhandelt. Doch solange es keine Signaturen unter einem Vertrag gibt, suchen wir weiterhin ein Grundstück mit mindestens 20 000 m² Baufläche (also ca. 40 000 m² Bauland) und 10 bis 30 Hektar Wald und Wiesen für die Landwirtschaft. Die Initiative ist offen für alle Menschen. Besonders Fachleute aus dem Bereich professioneller Öffentlichkeitsarbeit sowie der Steuer- und Rechtskunde sind gesucht und fraglos auch Handwerker, Architekten und Ingenieure. Wir freuen uns auf junge Familien, Kinder, kommende Generationen – vor allem auch auf Pioniergeister und Tatkräftige, die eigene Projekte zur gesellschaftlichen Transformation mitbringen.
Der Sprung, den jeder wagen muss, der sich der Gemeinschaftsidee verschreibt, ist auch bei uns ein Risiko. Auch wir schwanken oft zwischen Angst und Vertrauen, zwischen Zeitmangel und der Beobachtung, dass Engagement für etwas Größeres große Energien freisetzt. Und doch ruft die Gegenwart genau nach dem, was wir tun: Die eigene Sehnsucht als Chance zu begreifen und Herzensmut zu entwickeln – für sich, ein gelebtes Wir und das ­große Ganze.

www.in-gemeinschaft-leben.org

Geseko v. Lüpke, Journalist, Autor (aktueller Titel „Zukunft entsteht aus Krise“), Netzwerker, Visionssuche-Leiter.
Wolfgang Sechser, Unternehmer im Bau- und Umweltbereich, Meditationslehrer, Hospizbegleiter


  Autoren

Geseko von Lüpke, Wolfgang Sechser

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